{"id":18497,"date":"2019-12-19T08:46:57","date_gmt":"2019-12-19T07:46:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=18497"},"modified":"2019-12-19T08:46:57","modified_gmt":"2019-12-19T07:46:57","slug":"schaut-nach-chile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=18497","title":{"rendered":"Schaut nach Chile!"},"content":{"rendered":"<p>In Chile gibt es ja gerade massive Proteste gegen die Regierung, die sogar schon einige Tote gefordert haben. Einen guten \u00dcberblick \u00fcber den derzeitigen Stand der Dinge dort gibt ein <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/archiv\/jahrgaenge\/2019\/dezember\/chile-aufstand-im-labor-des-neoliberalismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel von Sophia Boddenberg<\/a> in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em> (leider nur als Bezahlartikel lesbar). Der Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Demonstrationen war eine Verteuerung von U-Bahn-Fahrkarten, woraus sich dann schnell eine Kritik am gesamten neoliberalen System ergab. Das ist insofern interessant, da Chile ja als neoliberales Versuchslabor bezeichnet werden kann, denn unter Diktator Augustine Pinochet wurde das Land (als erstes weltweit) ab 1973 komplett nach neoliberalen Gesichtspunkten ausgerichtet. Chile ist hier insofern den anderen L\u00e4ndern, die sich dann Ende ab Ende der 1970er-Jahre dem Neoliberalismus zuwandten, zeitlich ein St\u00fcck weit voraus, sodass ein Blick \u00a0nach Chile auch ein St\u00fcck weit in Blick in die eigene Zukunft ist.<\/p>\n<p>Und die Resultate sind dann auch so ziemlich die gleichen, die wir auch bei uns mittlerweile erleben: eine Umverteilung von unten nach oben, eine Zunahme der (Alters-)Armut, Privatisierung gesellschaftlich relevanter Infrastruktur, Verschlechterung des \u00f6ffentlichen Bildungswesens, Verschuldung immer gr\u00f6\u00dferer Teile der Bev\u00f6lkerung &#8230;<\/p>\n<p>Nur sind in Chile die Auswirkungen dieser desastr\u00f6sen Wirtschaftspolitik deutlich krasser als (noch) bei uns in Deutschland, da zum einen wesentlich fr\u00fcher damit begonnen wurde und zum anderen bestimmte Privatisierungen (Wasser, Bildung) aufgrund der mittlerweile damit gemachten schlechten Erfahrungen in Deutschland so nicht vorgenommen wurden.<\/p>\n<p>Was man jedoch sieht, ist, wohin ein neoliberales &#8222;Weiter so&#8220; f\u00fchrt, n\u00e4mlich zu Zust\u00e4nden wie in Chile. Dort ist die finanzielle Ungleichheit noch st\u00e4rker als in Deutschland (ein Prozent der Bev\u00f6lkerung besitzt ein Drittel des Verm\u00f6gens &#8211; da ist Chile unr\u00fchmlicher &#8222;Spitzenreiter&#8220; aller OECD-Staaten), die private Verschuldung noch h\u00f6her (80 Prozent der \u00fcber 18-J\u00e4hrigen sind verschuldet) und die Altersarmut noch extremer (die Selbstmordrate der \u00fcber 80-J\u00e4hrigen ist in Chile die h\u00f6chste aller Altersgruppen).<\/p>\n<p>Immer wieder gab es Proteste in den vergangenen Jahren, vornehmlich gegen die Bildungspolitik. Denn auch nach dem Sturz von Diktator Pinochet hat jede demokratische Regierung danach am neoliberalen System festgehalten, was nun zu immer offensichtlicheren Verwerfungen f\u00fchrt (die bei uns in Deutschland ja auch immer mehr zutage treten). Nun ist anscheinend das Ma\u00df derart voll, dass die Chilenen nicht nur gegen einzelne Aspekte der Politik demonstrieren, sondern offen die Systemfrage stellen.<\/p>\n<p>Und wie wird dann vonseiten der Regierung darauf reagiert? Mit Gewalt, wie sie das Land seit der Milit\u00e4rdiktatur nicht mehr erlebt hat. So wurden nahezu 10.000 Soldaren mit Panzerwagen und Kriegswaffen auf die Stra\u00dfen geschickt, zudem wurde eine n\u00e4chtliche Ausgangssperre verh\u00e4ngt. Wundert sich da jemand, warum hier in Deutschland in den letzten Jahren eine zunehmende Militarisierung der Polizei und ein Ausbau der \u00fcberwachungsstaatlichen M\u00f6glichkeiten stattgefunden hat? Oder dass neoliberale Hardliner schon seit Jahren immer wieder fordern, dass die Bundeswehr auch im Inland eingesetzt werden d\u00fcrfe?<\/p>\n<p>Die Neoliberalen wissen schlie\u00dflich ganz genau, wohin ihr als Wirtschaftspolitik getarntes Refeudalisierungsprogramm f\u00fchrt: zu Unzufriedenheit bei der zwangsl\u00e4ufig (da systemimmanent) immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Masse der Verlierer dieses Systems. Und dann will man nat\u00fcrlich gewappnet sein, diese Unzufriedenen, wenn sie denn aufbegehren, auch entsprechend im Zaum halten zu k\u00f6nnen. Gern auch mit Gewalt, wie man in Chile, aber beispielsweise auch in Frankreich innerhalb des letzten Jahres sehen kann.<\/p>\n<p>Wenn wir darauf schauen, was gerade in Chile passiert, bekommen wir also einen Vorgeschmack darauf, was uns in einigen Jahren mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit ins Haus steht: Wir sehen das offenkundige Scheitern einer Ideologie und wie deren Vertreter mit aller Macht daran festzuhalten gedenken.<\/p>\n<p>Wenn wir solche Zust\u00e4nde nicht erleben m\u00f6chten, wird es immer dringender notwendig, die <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=15224\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Systemfrage<\/a> zu stellen und nicht weiter den marktradikalen Neoliberalen hinterherzulaufen und ihren Mythen und M\u00e4rchen unwidersprochen Glauben zu schenken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Chile gibt es ja gerade massive Proteste gegen die Regierung, die sogar schon einige Tote gefordert haben. 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