{"id":18851,"date":"2020-01-27T09:29:45","date_gmt":"2020-01-27T08:29:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=18851"},"modified":"2020-01-27T10:49:44","modified_gmt":"2020-01-27T09:49:44","slug":"was-soll-man-noch-schenken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=18851","title":{"rendered":"Was soll man noch schenken?"},"content":{"rendered":"<p>Ich hab immer schon gern &#8222;Kultur&#8220; verschenkt: B\u00fccher, Musik in Form von CDs oder LPs, Filme auf DVD. Ich finde, dass solche Pr\u00e4sente auch eine feine Sache sind, denn zum einen zeigen sie im Idealfall, dass sich der Schenkende wirklich Gedanken gemacht hat, was denn dem Beschenkten gefallen k\u00f6nnte. Und dann kann so ein Geschenk auch sehr inspirierend sein, wenn man auf diese Weise etwas kennenlernt, was einem sonst verborgen geblieben w\u00e4re. Zudem sind die entsprechenden Artikel in einem Preissegment von meistens 10 bis 20 Euro, was auch eine gute Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr ein Mitbringsel f\u00fcr Freunde zum Geburtstag oder zu \u00e4hnlichen Anl\u00e4ssen ist. Allerdings wird es zu meinem Leidwesen immer schwieriger, solche Kulturg\u00fcter zu verschenken, da sie von einer zunehmenden Anzahl von Menschen gar nicht mehr genutzt werden.<\/p>\n<p>Netflix, Spotify, Kindle &#8211; wer diese Dienste nutzt, braucht keine Medien mehr. Und hat dann auch oftmals \u00fcberhaupt keine Abspielger\u00e4te daf\u00fcr (o. k., das kommt bei B\u00fcchern nun eher nicht infrage). Das Argument: So was spart Platz, man hat dann nicht mehr Regale voller B\u00fccher, DVDs und CDs zu Hause rumstehen. Das ist nat\u00fcrlich einerseits schon nachvollziehbar, andererseits finde ich pers\u00f6nlich solche Medienm\u00f6bel nicht nur recht gem\u00fctlich, sondern auch sehr interessant, da sie ja immer einiges \u00fcber den Besitzer und seine Vorlieben verraten. Ich verweile in Wohnungen von Freunden zumindest lieber vor einer B\u00fccherwand oder einem CD-Regal als vor einer Topfpflanze oder irgendwelchen Deko-Objekten (irgendwas muss den gewonnenen Platz ja ausf\u00fcllen).<\/p>\n<p>Aber das ist nat\u00fcrlich Geschmacksache, und zurzeit ist ja ein spartanisch-reduzierter Einrichtungsstil durchaus angesagt &#8230;<\/p>\n<p>Man hat allerdings als Netflix-, Spotify- und Kindle-User nicht nur mehr Platz in der Bude, sondern eben auch weniger &#8222;Angriffsfl\u00e4che&#8220; f\u00fcr Geschenke, da ja das Dingliche au\u00dfen vor bleibt. Gut, man kann nun einen Gutschein besorgen, aber das ist bei Abo-Diensten zum einen auch nicht wirklich m\u00f6glich, zum anderen f\u00e4llt dann ja gerade das Inspirierende des Geschenks weg. Mit einem Gutschein kauft sich der Beschenkte in der Regel ja etwas, was er sowieso schon haben wollte oder kennt, und selten etwas ihm komplett Unbekanntes.<\/p>\n<p>Dies treibt dann den Individualismus (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=14326\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Heinz&#8216; Artikel<\/a> von vor ein paar Monaten) weiter voran, und zwar im Sinne eines Um-sich-selbst-Kreisens und eines Schmorens im eigenen Saft: Es findet kaum noch &#8222;Befruchtung&#8220; von au\u00dfen statt, da diese gar keine Chance mehr hat, zu einem durchzudringen. Klar, es gibt Vorschl\u00e4ge f\u00fcr neue Musik, Filme oder B\u00fccher, die von Algorithmen erstellt werden, aber diese basieren eben auch auf den eigenen H\u00f6r-, Seh- und Lesegewohnheiten. Oder, was noch schlimmer ist: auf kommerziellen Interessen. Ich halte es zumindest nicht f\u00fcr ausgeschlossen, dass Unternehmen aus der Musik-, Film- oder Buchbranche Geld daf\u00fcr zahlen w\u00fcrden, damit die von ihnen verlegten Titel Usern h\u00e4ufiger empfohlen werden als andere.<\/p>\n<p>Und wie sehr selbst passionierte Musikh\u00f6rer mittlerweile in diesen Abl\u00e4ufen und Mechanismen drin sind, wurde mir vor ein paar Monaten vor Augen gef\u00fchrt, als ein Freund, den ich als gro\u00dfen Musikliebhaber kenne, zu mir sagte: &#8222;Spotify sagt mir schon, was ich h\u00f6ren m\u00f6chte!&#8220;*<\/p>\n<p>Was hier nun noch bleibt im kulturellen Bereich als Option f\u00fcr ein Geschenk, sind eigentlich nur Konzertkarten, und die haben zwei Nachteile, wenn man sie verschenkt: Sie sind oft recht teuer, und dann wei\u00df man ja auch nicht, ob der Beschenkte am Datum des Events tats\u00e4chlich Zeit hat. Da hab ich selbst schon den einen oder anderen Reinfall erlebt &#8230;<\/p>\n<p>Also gibt es dann eben \u00f6fter eine Falsche Wein oder andere Genussmittel als Geschenk. Auch lecker, aber eben auch viel weniger pers\u00f6nlich und im Grunde meistens recht beliebig. Und auch nichts, wor\u00fcber man sich dann mehr als mit &#8222;Ja, war lecker&#8220; austauscht.<\/p>\n<p>Eine weitere Komponente, die nicht nur auf die Einzelpersonen und deren Beziehung zueinander abstellt, kommt zudem noch hinzu: Dienste wie Spotify, Netflix oder Amazons Kindle haben ja die Tendenz, eine Monopolstellung anzustreben &#8211; wenn sie diese nicht schon teilweise erreicht haben. In jedem Fall geht die Vielfalt der Anbieter (Plattenlabel, Filmvertriebe oder Buchverlage jeder Gr\u00f6\u00dfe und Couleur) verloren, wenn irgendwann alle nur noch Streaming- und E-Book-Dienste nutzen, da es dann ein paar wenige marktbeherrschende Unternehmen sein werden, die das kulturelle Angebot bestimmen.<\/p>\n<p>Und eine solche Kulturhoheit d\u00fcrfte zu einer ziemlichen Verflachung der kulturellen Bandbreite f\u00fchren, denn es wird dann nur noch pr\u00e4sentiert, was auch gen\u00fcgend kommerziellen Erfolg zu haben verspricht. Nischenprodukte, die heute von kleinen Verlagen und Vertrieben angeboten werden, g\u00e4be es dann eben einfach nicht mehr. Und damit einen gro\u00dfen Teil dessen, was Kultur \u00fcberhaupt erst interessant macht und weiterentwickelt.<\/p>\n<p>Was noch hinzukommt: Wenn erst mal die Konkurrenz der physikalischen Medien weggefallen sein sollte, dann d\u00fcrfte es auch nicht lange dauern, bis die Preise f\u00fcrs Streaming deutlich nach oben gehen. Das machen kapitalistische Unternehmen nun mal so, wenn die Konkurrenz weggefallen ist.<\/p>\n<p>Ach ja: Und DVDs, B\u00fccher oder CDs einfach so mal zu verleihen geht dann auch nicht mehr, wenn es diese nicht mehr gibt. Auch hier wird der Austausch von Kulturliebhabern untereinander unterbunden &#8211; genauso wie bei den Geschenken.<\/p>\n<p>Wenn ich mir dies so alles mal zusammengenommen vor Augen f\u00fchre, ergibt sich ein sehr tristes Bild: Jeder besch\u00e4ftigt sich nur mit den virtuellen Medien, die ihm noch angeboten werden (und die er sich noch leisten kann). Kulturelle Vielfalt bleibt dabei genauso auf der Strecke wie kultureller Austausch. Und vieles an Kultur wird \u00fcberhaupt nicht mehr geschaffen, da es daf\u00fcr dann keinen Vertrieb mehr gibt.<\/p>\n<p>Nicht gerade rosige Aussichten, oder? Und ich wette mal, dass die allermeisten Netflix-, Spotify- und Kindle-User sich dar\u00fcber \u00fcberhaupt noch keine Gedanken gemacht haben &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>* Einen sehr lesenswerten <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/essay-adieu-plattensammlung-1.2774474\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Essay von Max Scharnigg<\/a> habe ich zu dem Thema Liebe zur Musik im Zeitalter der Digitalisierung vor einigen Jahren in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> entdeckt. Und das ist immer noch aktuell &#8211; und ich bin mehr als froh, dass es mir nicht so gegangen ist bisher wie dem Autoren. Wenngleich ich diese Entwicklung schon \u00f6fter im Freundeskreis beobachten konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich hab immer schon gern &#8222;Kultur&#8220; verschenkt: B\u00fccher, Musik in Form von CDs oder LPs, Filme auf DVD. 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