{"id":1893,"date":"2014-10-23T16:08:54","date_gmt":"2014-10-23T14:08:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1893"},"modified":"2019-04-15T19:54:14","modified_gmt":"2019-04-15T17:54:14","slug":"das-verrohte-buergertum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1893","title":{"rendered":"Das verrohte B\u00fcrgertum"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Monaten schrieb ich ja hier auf unterstr\u00f6mt schon mal einen Artikel <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=885\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verrohung als Prinzip<\/a>, in dem ich Abnahme von Ethik und Moral in unserer Gesellschaft aufgrund des unserem Wirtschaftssystem immanenten Konkurrenz- und Aggressionsdenkens darstellte. Dieser Prozess ist leider noch lange nicht zu Ende, in der letzten Zeit mehren sich vielmehr die Anzeichen daf\u00fcr, dass es eher immer noch schlimmer wird. Wo f\u00fchrt eine derart verrohte und entsolidarisierte Gesellschaft hin?<\/p>\n<p>Akif Pirincci ist eher ein Mann f\u00fcrs Grobe und teilt in seinem Buch &#8222;Deutschland von Sinnen&#8220; ordentlich aus, ohne dabei auf Gossensprache und F\u00e4kalfloskeln zu verzichten. Und das kommt an, der Mann hat mit seinen kruden Hetzparolen gegen alles, was ihm nicht strammdeutsch genug ist (Ausl\u00e4nder, Moslems, Frauen, Schwule\/Lesben, Linke, Gr\u00fcne &#8230;), eine ansehnliche Fangemeinde zusammenbekommen, die nun ihrerseits auch in diversen sozialen Medien ihrem Idol nacheifern und aufs Derbste P\u00f6beln, Hetzen und Niedermachen. Dass darunter eine zivilisierte Diskussionskultur leidet, ist leider immer wieder zu beobachten und auch nicht wirklich verwunderlich. Nun kam zusammen, was zusammengeh\u00f6rt: Pirincci las bei der Hamburger Burschenschaft Germania, und dort fanden sich nicht nur rechte Burschenschaftler, sondern auch AfDler, ehemalige Schill-Anh\u00e4nger und anderes rechtes Volk ein, wie aus einem Artikel von Publikative.org (leider nicht mehr aufrufbar) hervorgeht, in dem das Publikum treffend als &#8222;Hamburgs akademischer P\u00f6bel&#8220; bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Auch eine andere <a href=\"http:\/\/www.lto.de\/recht\/hintergruende\/h\/studie-punitivitaet-franz-streng-erlangen-jurastudenten-todesstrafe-folter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Meldung der Local Tribune<\/a>\u00a0weist in die gleiche Richtung: Hierin geht es um eine Untersuchung, die zwischen 1989 und 2012 mit Frageb\u00f6gen f\u00fcr 3133 Jurastudierende durchgef\u00fchrt wurde. Das Ergebnis ist recht ern\u00fcchternd: Bef\u00fcrworteten 1977 noch 11,5 % der Studenten die Todesstrafe, so waren dies 2012 bereits 31,9 Prozent der zuk\u00fcnftigen Anw\u00e4lte, Staatsanw\u00e4lte und Richter. Generell war eine deutliche Tendenz zu erkennen, dass vonseiten der Jurastudierenden heute h\u00e4rtere Strafen gefordert wurden als noch vor einigen Jahren.<\/p>\n<p>Nun handelt es sich bei den Befragten ja nicht um Stammtischbr\u00fcder, denen gerade ein mieser BILD-Artikel quer im Magen liegt, sondern um gebildete junge Menschen aus \u00fcberwiegend gutb\u00fcrgerlichem Haus, also eigentlich eher eine Klientel, von der man progressives Denken erwarten w\u00fcrde und keine derart r\u00fcckschrittlichen Ansichten. Allerdings muss man eben auch ber\u00fccksichtigen, wie diese jungen Menschen mittlerweile aufwachsen, n\u00e4mlich in einer Zeitgeistatmosph\u00e4re der Konkurrenz, der Aggressivit\u00e4t und vor allem auch der Angst: Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg, Angst vor Fremdem, Versagensangst in einer auf Leistung getrimmten Gesellschaft. Und Angst ist eben selten ein guter Berater, wenn es um das Entwickeln von fortschrittlichen Positionen geht, Angst f\u00fchrt eher dazu, sich auf das zu besinnen, was einem sicher erscheint, und das ist nun mal in der Regel das, was fr\u00fcher irgendwie mal gut war.<\/p>\n<p>In diese Atmosph\u00e4re der Angst (die sich auch darin manifestiert, dass die Zahl der Erkrankten an Depression, Burn-out usw. stetig zunimmt) platzen nun Gestalten wie Pirincci, aber auch Sarrazin oder die AfD hinein und liefern das, was jemandem, der an sich selbst zweifelt und mit sich selbst sowie seinem Leben eher unzufrieden ist, als willkommenen Anker ergreift: S\u00fcndenb\u00f6cke! Anstatt seinen eigenen Anteil an der Situation, die durch Unzufriedenheit, Unsicherheit und Furcht gepr\u00e4gt ist, zu suchen (und sei es nur, sich mal zu \u00fcberlegen, wo man eigentlich bei den letzten Wahlen sein Kreuz gemacht hat und ob das eventuell kontraproduktiv f\u00fcr die eigenen Interessen gewesen sein k\u00f6nnte), hat man nun jemanden, auf den man nicht nur herabschauen, sondern auch noch (zumindest verbal) eindreschen kann.<\/p>\n<p>Also werden die S\u00fcndenbockerschaffer gefeiert, denn sie bieten einem das gute Gef\u00fchl, nicht allein mit seinen \u00c4ngsten zu sein, und ein einfaches Erkl\u00e4rungsmodell, warum etwas schiefl\u00e4uft, das vor allem auch noch die eigene Verantwortlichkeit au\u00dfen vor l\u00e4sst. Von den meisten Medien werden zeitgleich die \u00c4ngste in jeglicher Form befeuert, indem alles M\u00f6gliche als Bedrohung aufgebauscht wird und schlechte Nachrichten (Verbrechen, Krieg, Unf\u00e4lle, Elend, Krankheiten) \u00fcber Geb\u00fchr prominent verbreitet werden. Auf der einen Seite werden also die Menschen mit viel mehr \u00c4ngsten konfrontiert, immer mehr Menschen geht es ja auch real zusehends schlechter in unserem Land, und auf der anderen Seite kommen dann die &#8222;Heilsbringer&#8220; mit ihren einfachen Parolen, die komplexen Sachverhalten nat\u00fcrlich nicht gerecht werden (und die dies auch gar nicht sollen), sondern Fermdenhass, Ausl\u00e4nderfeindlichkeit und Rassismus als Surrogat anbieten. Das Schlimme daran: Bildung scheint hier nicht mehr wirklich gut als Gegenmittel zu funktionieren, denn schlie\u00dflich ist es nicht mehr nur der schlichte und wenig gebildete Stammtischler, der sich daf\u00fcr empf\u00e4nglich zeigt, sondern zunehmend (wie oben gesehen) auch der Akademiker aus gutem Hause. Hier wird das Dilemma ersichtlich, dass sich durch die Dekonstruktion unseres Bildungswesens (Stichworte G8, Bachelor-\/Master-Studieng\u00e4nge, gr\u00f6\u00dfere Klassen, schlechtere materielle und personelle Ausstattung der Schulen, \u00d6konomisierung der Universit\u00e4ten) ergibt: Zwar verlassen m\u00f6glichst gut verwertbare Humanressourcen die Schulen und Universit\u00e4ten, allerdings fehlt es diesen an einer breiten Bildung und an der F\u00e4higkeit zum kritischen Denken, um eben solchen Gestalten wie Pirincci nicht auf den Leim zu gehen.<\/p>\n<p>Das Resultat: Jeder ist sich zunehmend selbst der N\u00e4chste, der andere wird erst mal als Konkurrent empfunden, und je fremder mir der auch noch ist, desto mehr muss ich ihn ablehnen. Solidarit\u00e4t mit anderen, gar Schw\u00e4cheren? Fehlanzeige! Ellbogen raus und durch, koste es, was es wolle. Und je schlechter andere dastehen, desto besser ist das f\u00fcr mich &#8211; zumindest f\u00fchle ich mich dann besser. Empathie und Altruismus sind eh nur noch was f\u00fcr Gutmenschen, die ja auch bei jeder Gelegenheit ihr Fett wegbekommen, sodass man da in jedem Fall auch nicht dazugeh\u00f6ren will. Und das ist nun keine unsch\u00f6ne Utopie, sondern leider bereits Realit\u00e4t. Daf\u00fcr braucht man nur mal ein wenig in sozialen Netzwerken oder in den Kommentarspalten der Internetpr\u00e4senzen von Tageszeitungen unterwegs sein, um zu sehen, wie weit verbreitet menschenverachtendes rechtes Gedankengut mittlerweile wieder in Deutschland ist &#8211; und wie hemmungslos dies auch noch \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dfert wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Monaten schrieb ich ja hier auf unterstr\u00f6mt schon mal einen Artikel Verrohung als Prinzip, in dem ich Abnahme von Ethik und Moral in unserer Gesellschaft aufgrund des unserem Wirtschaftssystem immanenten Konkurrenz- und Aggressionsdenkens darstellte. 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