{"id":18973,"date":"2020-01-30T09:42:11","date_gmt":"2020-01-30T08:42:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=18973"},"modified":"2020-01-30T09:42:11","modified_gmt":"2020-01-30T08:42:11","slug":"alzheimer-bildung-und-digitalisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=18973","title":{"rendered":"Alzheimer, Bildung und Digitalisierung"},"content":{"rendered":"<p>Es scheint ein unbegrenztes Vertrauen in die Digitalisierung zu geben, h\u00f6rt man Politikern wie Kretschmann von den Gr\u00fcnen zu oder dem Philosophen Precht. Beide meinen n\u00e4mlich, vieles zuk\u00fcnftig der Maschine \u00fcberlassen zu k\u00f6nnen, \u00fcberlassen zu m\u00fcssen, Kretschmann sogar Rechtschreibung und &#8211; schlimmer &#8211; die Grammatik. Ein fatales Wirken dieser Meinungsmacher, ein gef\u00e4hrliches noch dazu.<\/p>\n<p>Ja, es stimmt, Vieles, was wir in der Schule lehren, was ich schon in der Schule lernen musste, hat wenig mit dem zu tun, was im t\u00e4glichen Leben, im Privaten wie im Beruflichen, wirklich Anwendung findet. Dass es damit sinnlos w\u00e4re, es gelehrt zu bekommen, das bestreite ich jedoch. Weder unsere Sprache richtig zu lernen, in Schrift wie in Grammatik, kann ich als sinnlos empfinden, wie Kretschmann es suggeriert, noch dass Mathematik nur noch angedeutet werden sollte, wie Precht meint, weil beide auf die Maschine setzen, die Zukunft in der Maschine sehen. Nein, im Gegenteil, beides halte ich f\u00fcr sehr wichtig, so wichtig sogar, dass ich daf\u00fcr pl\u00e4diere, es wieder mehr und besser und intensiver und vor allem ohne die vielen technischen Hilfsmittel, die uns zur Verf\u00fcgung stehen, die menschliches Denken ersetzen k\u00f6nnen, zu lehren und von unseren Kindern lernen zu lassen. Der Mensch kann n\u00e4mlich gar nicht zu viel wissen, eher das Gegenteil ist doch meist der Fall. Dar\u00fcber hinaus ist der Mensch keine Maschine, die man nur mit den Informationen f\u00fcttert, die man f\u00fcr die Produktion braucht. Von einem Philosophen und einem Politiker, noch dazu von einem p\u00e4dagogisch ausgebildeten Politiker, h\u00e4tte ich deshalb mehr erwartet als diesen Unsinn, den ihre Einlassungen in meinen Augen darstellen.<\/p>\n<p><strong>Das menschliche Gehirn ist kein Computer<\/strong><\/p>\n<p>Es ist nicht einmal mit diesem vergleichbar. W\u00e4hrend der Computer, auch der gr\u00f6\u00dfte, im Speicherplatz begrenzt ist, ist das menschliche Gehirn praktisch unendlich im Speicherverm\u00f6gen, vergr\u00f6\u00dfert sich der potenzielle Speicherplatz mit jeder Speicherung von neuem Wissen, neuem Erlernten und neuem Angewandten.<\/p>\n<p>Neurologen wissen das, Politiker, die meisten Medien und leider auch viele P\u00e4dagogen scheinen dieses Wissen jedoch zu ignorieren, wie der anscheinend unbegrenzte Glaube an die Digitalisierung der Schulen &#8211; ich schrieb schon des \u00d6fteren dar\u00fcber &#8211; mir t\u00e4glich aufs Neue vor Augen f\u00fchrt. Dass das fatale Folgen haben k\u00f6nnte und, wie ich glaube, auch haben wird, auch dar\u00fcber schrieb ich schon des \u00d6fteren. Eine Folge, eine sehr wesentliche Folge, habe ich aber noch nicht erw\u00e4hnt: Alzheimer.<\/p>\n<p><strong>Alzheimer<\/strong><\/p>\n<p>Alzheimer ist eine Krankheit, die &#8211; auch das wissen die Neurowissenschaftler &#8211; umso sp\u00e4ter ihre Symptome zeigt, je mehr der Mensch vorher sein Gehirn benutzt hatte, also Synapsen bilden konnte. Es kann sogar sein, dass ein Gehirn nach dem Tod des Menschen, auch eines sehr alten Menschen, bei der Obduktion dann zeigt, dass es voll von Alzheimer steckt, der Mensch aber selbst nie auch nur das kleinste Symptom zeigte, welches diese Krankheit so schrecklich macht f\u00fcr den Menschen selbst, aber vor allem f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen, welches sie so teuer werden l\u00e4sst f\u00fcr die Gesellschaft. Warum? Weil dieser Mensch sein Gehirn benutzte, und zwar viel und bewusst und vor allem von Anfang an und ohne viel Zeit auf digitale Medien zu verschwenden.<\/p>\n<p>Schon die bisherigen digitalen Angebote, angefangen beim TV, haben Schaden anrichten k\u00f6nnen, gerade weil sie Zeit verbrauchten, die f\u00fcr die Synapsen-Bildung besser verwendet worden w\u00e4re. Bilder von Kindern, die viel fernsehen, und von Kindern, die weniger fernsehen, machen dies deutlich. K\u00f6rper werden schnell zu Strichen, wenn das Kind zu viel digitale &#8222;Kost&#8220; verzehren durfte. Das ist l\u00e4ngst in Studien nachgewiesen, nur scheint es die Politik wenig zu interessieren. Leider!<\/p>\n<p><strong>Zur Erinnerung<\/strong><\/p>\n<p>Synapsen bilden sich bei Kindern und Jugendlichen (auch bei Erwachsenen) aber nicht mehr ausreichend, wenn auf das Schreiben mit der Hand, das Lesen mit den Augen, das Begreifen mit den H\u00e4nden, die ganze Motorik, kurz die Grundf\u00e4higkeiten des Menschen, in der Schule mehr oder weniger verzichtet wird, wenn man meint, hier durch Computer das Kopfrechnen, das Mit-der-Hand-Schreiben, das Mit-den-Augen-Lesen, das Kreative der Kunst und der Musik sowie die Motorik des Sports ersetzen zu k\u00f6nnen. Auch das hatte ich schon mehrfach hier geschrieben.<\/p>\n<p>Schlimmer noch, alles was man den Kindern hier vorenth\u00e4lt in der Grundschule, in den weiterf\u00fchrenden Schulen bis hin zum Abitur, kann der Erwachsene nicht mehr nachholen. Gerade deshalb, weil man Fehler, die bei der Entwicklung des Gehirns von Kindern und Jugendlichen gemacht worden sind, nicht mehr vollst\u00e4ndig korrigieren kann, ist es so wichtig, dies alles zu lehren und \u00fcber Wiederholungen daf\u00fcr Sorge zu tragen, dass es m\u00f6glichst gut einge\u00fcbt werden kann.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr braucht man Lehrer, kleine Klassen, aber keine Computer an den Schulen, kein Google und kein Yahoo. Daf\u00fcr braucht man die Rechtschreibung, die Grammatik, die Mathematik und andere F\u00e4cher, m\u00f6glichst breit gestreut im Wissen und den zu vermittelnden F\u00e4higkeiten. Synapsen-Bildung, darauf kommt es an, insbesondere dazu sind Schulen beauftragt, sollten sie wieder mehr beauftragt und bef\u00e4higt werden. Die Digitalisierung, das Abspecken von zu vermittelnden F\u00e4higkeiten \u00e0 la Kretschmann und Precht sind B\u00e4rendienste an den jungen Menschen und letztendlich auch an der Gesellschaft. Ich kann dies gar nicht deutlich genug sagen.<\/p>\n<p><strong>Alzheimer und Digitalisierung<\/strong><\/p>\n<p>Wenn die Neurowissenschaften richtig liegen, so schaffen wir uns gerade eine Generation von normierten, aber nicht mehr wirklich gebildeten und vor allem nicht mehr wirklich zum Denken f\u00e4higen Menschen. Obendrein, wir k\u00f6nnten uns eine Generation von Alzheimerpatienten, von immer j\u00fcngeren Alzheimerpatienten, schaffen.<\/p>\n<p>Denn das sagt die Logik uns: Wenn immer mehr Menschen mit immer weniger Synapsen-Verbindungen in dieser Gesellschaft leben, so bricht die Krankheit fr\u00fcher und vermehrt aus und schafft die bekannten Probleme f\u00fcr die Betroffenen, die Angeh\u00f6rigen, aber auch f\u00fcr die Gesellschaft. Ein Grund mehr f\u00fcr mich, mich kritisch gegen die geplante Digitalisierung der schulischen Bildung &#8211; nicht gegen die Digitalisierung per se &#8211; zu stellen.<\/p>\n<p>W\u00e4re es nicht vern\u00fcnftig, weil logisch, dies zu ber\u00fccksichtigen, und zwar bevor man jetzt Milliarden an Geldern in die Schulen pumpt, den Digitalkonzernen in den Rachen wirft?<\/p>\n<p>Ich meine, ja.<\/p>\n<p>W\u00e4re es nicht vern\u00fcnftiger, diese Milliarden dort einzusetzen, wo sie uns helfen w\u00fcrden, den Kindern wirklich eine gute Bildung und auch eine gute Gesundheit angedeihen zu lassen?<\/p>\n<p>Auch hier meine ich, eindeutig mit Ja antworten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Konzernmacht, Lobbyismus und Panik in den Kultusministerien<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings glaube ich, dass gegen die Macht der Konzerne, gegen die Verblendung der Politik und gro\u00dfer Teile der Medien kein Kraut gewachsen sein wird, dass genau das kommen wird, was noch mehr Schaden anrichten wird, als schon angerichtet worden ist. Precht, Kretschmann und viele andere haben mich hier recht pessimistisch werden lassen. Die Panik in den Kultusministerien und damit auch in den Parlamenten ist zu gro\u00df. Die Konzerne und ihre Lobby, ihre Unterst\u00fctzer in den Medien, sind zu stark, um hier anderes, als auf die Maschine zu setzen, gesellschaftlich durchsetzen zu k\u00f6nnen. Die Last der Schuldenbremsen, diese rappaportsche BWL, die in dieser BWL verschulten Politiker und Verwaltungsmenschen, werden sich auch hier wieder durchsetzen, und das erneut wieder einmal nicht zum Wohle der Kinder und Jugendlichen, nicht zum Wohle der Gesellschaft.<\/p>\n<p><strong>Letzte Hoffnung<\/strong><\/p>\n<p>So bleibt mir nur die letzte Hoffnung, dass viele Eltern es \u00e4hnlich sehen werden, daf\u00fcr sorgen werden, dass ihre Kinder zu Hause mit dem Kopf rechnen lernen werden, mit der Hand schreiben, malen, musizieren und viel Zeit an der frischen Luft werden verbringen k\u00f6nnen, m\u00f6glichst mit Freunden und Freundinnen.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass das Vorlesen wieder mehr in Mode kommt, den Weg aus den Bildungshaushalten heraus in alle Kinderzimmer finden wird. Insbesondere auf das Vorlesen hoffe ich, ist doch l\u00e4ngst bekannt, dass der Unterschied zwischen einem Arbeiterkind und einem Kind aus besser situierten Verh\u00e4ltnissen bei den Bildungschancen nicht nur durch die ungleichen Einkommen bestimmt wird, sondern vor allem auch dadurch, dass ein Kind aus einem bildungsferneren Haushalt mit 8 Millionen geh\u00f6rten W\u00f6rtern und ein Kind aus einem bildungsn\u00e4heren Haushalt mit bis zu 37 Millionen geh\u00f6rten W\u00f6rtern ins schulische Leben, mit frappanten Vorteilen f\u00fcr das besser situierte Kind, startet. Sprache lernt das Kind \u00fcber die Ohren, auch das ist lange schon wissenschaftlich bewiesen, und richtiges grammatikalisches Sprechen kann deshalb nicht falsch sein, was auch Herr Kretschmann nicht weiter ignorieren sollte.<\/p>\n<p>Hier ruht meine Hoffnung wirklich auf den vielen Individuen, denn die Politik, die Gemeinschaft droht hier kl\u00e4glich zu versagen, die Bildung g\u00e4nzlich aufgeben zu wollen und noch dazu einer furchtbaren Krankheit den Boden zu bereiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es scheint ein unbegrenztes Vertrauen in die Digitalisierung zu geben, h\u00f6rt man Politikern wie Kretschmann von den Gr\u00fcnen zu oder dem Philosophen Precht. Beide meinen n\u00e4mlich, vieles zuk\u00fcnftig der Maschine \u00fcberlassen zu k\u00f6nnen, \u00fcberlassen zu m\u00fcssen, Kretschmann sogar Rechtschreibung und &#8211; schlimmer &#8211; die Grammatik. 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