{"id":19375,"date":"2020-02-20T23:48:01","date_gmt":"2020-02-20T22:48:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=19375"},"modified":"2020-02-21T10:52:38","modified_gmt":"2020-02-21T09:52:38","slug":"egoversum-manipulierbar-ich-doch-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=19375","title":{"rendered":"Manipulierbar? Ich doch nicht."},"content":{"rendered":"<p>Es ist so wunderbar, dass man selbst immer genau die ausgewogenste Meinung hat. Nicht zu rechts, nicht zu links, nicht zu wenig Meinung und auf keinen Fall in Beton gegossen, man selbst ist ja flexibel im Denken. Und so festgefahren wie die anderen, das kann man ja gar nicht verstehen! Schlie\u00dflich hat man sich die Meinung ja auch durch jede Menge unterschiedlicher Informationen zusammengetragen, erarbeitet, k\u00f6nnte man sagen. Es ist nur seltsam, dass so ziemlich jeder dieser Ansicht von seiner Meinung ist, auch Menschen, die eine andere Meinung haben als ich. Das kann ja gar nicht sein! Oder doch?<\/p>\n<p>Derzeit scheint mir die offensichtlichste, aber dennoch relativ gut funktionierende Manipulation die Spaltung der Gesellschaft zu sein. Ob es nun um die Grenz\u00f6ffnung 2015 geht, um den Klimawandel und damit verbundene Themen wie Tempolimit und Greta Thunberg oder die Diskussionen \u00fcber Hom\u00f6opathie. Aber der Schein tr\u00fcgt: Nach meiner Erfahrung ist die Trennung in der realen Gesellschaft nicht ann\u00e4hernd so radikal, wie es uns medial vermittelt wird. Kein Wunder: Nachrichten leben von ihrer Brisanz, und je mehr die Gem\u00fcter aufgeheizt sind, desto eher interessiert das Thema. Deshalb wird uns an jeder Ecke von fast allen Medien, privaten wie \u00f6ffentlich-rechtlichen, diese Spaltung suggeriert.<\/p>\n<p>Da werden dann auch gern die (un)sozialen Medien zur Hilfe genommen, um dieses Bild zu st\u00fctzen: \u201eHate Speech\u201c und pers\u00f6nliche Diffamierung sind hier leicht zu finden und werden beispielhaft f\u00fcr die Positionen der Gesellschaft zur Schau gestellt. Ich bin ziemlich sicher, dass der Anteil p\u00f6belnder Menschen hier \u00fcberdurchschnittlich hoch ist (und darauf auch abzielen!). Aber nur weil diese Stimmen hier \u201elauter\u201c und einfacher zu finden sind, machen sie deshalb noch lange nicht einen solch \u00fcberwiegenden Anteil der Gesellschaft aus. Die meisten Menschen um mich herum nutzen P\u00f6belportale wie facebook gar nicht und wenn, dann eher moderat. Gerade die Politik f\u00e4llt immer wieder auf von Minderheiten produzierte \u201eShitstorms\u201c herein und reagiert reflexartig auf die billigsten Manipulationen (oder wie Tom Buhrow beim Oma-Lied).<\/p>\n<p>Auch die Nachrichten, private wie \u00f6ffentlich-rechtliche, tragen ihren Teil dazu bei: Schreckensmeldungen aus aller Welt werden uns t\u00e4glich um die Ohren gehauen und suggerieren eine Welt, die in Gewalt und Verbrechen versinkt. Ein Amoklauf hier, eine Seuche da, ein bestechlicher Politiker sonst wo. Auch hier das gleiche Bild: Die Medien leben von der Aufmerksamkeit, und deshalb werden uns durchgehend die f\u00fcr uns schrecklichsten und emotionalsten Meldungen herausgepickt, egal wie weit entfernt und \u00fcbertrieben die Darstellungen sind. \u201eBusungl\u00fcck in Indien? Mist, ich nehme heute lieber nicht den Bus zur Arbeit.\u201c Wer m\u00f6chte mir denn erz\u00e4hlen, solche \u201eMeldungen\u201c haben keinen emotionalen Einfluss auf das eigene Denken oder gar Verhalten?!<\/p>\n<p>Die Gesellschaft ist so einfach zu manipulieren, dass man neben v\u00f6llig irreleitenden Namen (\u201eWerteunion\u201c, \u201eGute Kita-Gesetz\u201c, \u201eAlternative\u201c oder \u201ePrivatrente\u201c) solche unterschwelligen Ma\u00dfnahmen wie \u201eFraming\u201c und \u201eOthering\u201c nicht mehr zu suchen braucht, es langt, den Fernseher einzuschalten, die Zeitung aufzuschlagen oder das Internet zu besuchen. Es wird mit den \u00c4ngsten anstatt mit den W\u00fcnschen der Menschen gearbeitet, von rechts wie von links, aus der Mitte wie von den R\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Nachrichtenindustrie boomt und Menschen bombardieren sich freiwillig \u00fcber ihre Smartphones mit Meldungen und der Jagd nach dem schnellen Kick durch die n\u00e4chste scheinbar wichtige Meldung. Anstatt sich Gedanken zur Relevanz zu machen, geht es darum, m\u00f6glichst nichts an billigen Anreizen, die man zum Gro\u00dfteil in f\u00fcnf Minuten wieder vergessen hat, zu verpassen. Wie das Einwerfen von Zucker, der n\u00e4chste Schuss Heroin, die n\u00e4chste Emp\u00f6rung und die damit einhergehende Adrenalinaussch\u00fcttung.<\/p>\n<p>Es wird Zeit, die Dinge wieder in die Relation zu setzen, in der sie wirklich stehen. Der Konsum von Meldungen scheint mir ebenso wie der Konsum von G\u00fctern dem einfachen Grundsatz \u201ethink globally, act locally\u201c zu folgen, wenn ich ein vern\u00fcnftiges Ma\u00df halten m\u00f6chte. Da meint \u201ethink globally\u201c jedoch nicht \u201ewatch globally\u201c, sondern sieh die Meldung mal in Relation zum Rest der Welt, wo das Gezeigte gerade NICHT auftritt und was es weltweit f\u00fcr eine Relevanz hat. Nachrichten leben von schlechten Nachrichten, ich nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist so wunderbar, dass man selbst immer genau die ausgewogenste Meinung hat. Nicht zu rechts, nicht zu links, nicht zu wenig Meinung und auf keinen Fall in Beton gegossen, man selbst ist ja flexibel im Denken. Und so festgefahren wie die anderen, das kann man ja gar nicht verstehen! Schlie\u00dflich hat man sich die Meinung ja auch durch jede Menge unterschiedlicher Informationen zusammengetragen, erarbeitet, k\u00f6nnte man sagen. Es ist nur seltsam, dass so ziemlich jeder dieser Ansicht von seiner Meinung ist, auch Menschen, die eine andere Meinung haben als ich. Das kann ja gar nicht sein! 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