{"id":19458,"date":"2020-02-27T17:43:59","date_gmt":"2020-02-27T16:43:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=19458"},"modified":"2020-02-27T17:43:59","modified_gmt":"2020-02-27T16:43:59","slug":"entrationalisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=19458","title":{"rendered":"Entrationalisierung"},"content":{"rendered":"<p>Politik sollte die Folge des Austausches von Argumenten sein, sodass sich aus einer Diskussion das rational am besten begr\u00fcndete Handeln ergibt. Sollte &#8211; ist es aber leider nicht. Vielmehr meine ich eine zunehmende Tendenz zur Entrationalisierung der Politik und des politischen Diskurses festzustellen, was nat\u00fcrlich <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=15078\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">unlauteren Populisten<\/a> hervorragend den Boden bereitet. Es w\u00e4re also dringend an der Zeit, die Politik wieder auf eine rationale Basis zu stellen &#8211; doch leider profitiert das neoliberale Establishment von dieser Entrationalisierung, hat diese sogar herbeigef\u00fchrt und nutzt sie best\u00e4ndig zu eigenen Gunsten.<\/p>\n<p>Hier mal einige Beispiele:<\/p>\n<p><strong>Klimawandel<\/strong><\/p>\n<p>Seit den sp\u00e4ten 1970er-Jahren ist mittlerweile bekannt, dass der CO2-Aussto\u00df durch das Verbrennen fossiler Energietr\u00e4ger zu einer Erw\u00e4rmung der Erde f\u00fchrt, die katastrophale Folgen haben wird. Mittlerweile ist sich die Wissenschaft hier auch komplett einig, die Einzigen, die noch dagegen anreden, werden von den Konzernen gesponsert oder bezahlt, deren Gesch\u00e4ftsmodell das Verbrennen fossiler Energietr\u00e4ger ist.<\/p>\n<p>Doch schl\u00e4gt sich dieser wissenschaftliche Konsens nun irgendwie in der Politik nieder? Nicht wirklich, denn au\u00dfer ein paar Konferenzen mit Zielsetzungen, die dann gr\u00f6\u00dftenteils ohnehin nicht eingehalten werden, ist kaum was passiert: Es wird global gesehen immer mehr CO2 emittiert, was das Herannahen der drohenden Katastrophe nur noch beschleunigt.<\/p>\n<p>Eine rationale Herangehensweise w\u00e4re hier, dass man feststellt: Es besteht eine lebensbedrohende Situation f\u00fcr die gesamte Menschheit, die wir nun auch schnellstens als gesamte Menschheit l\u00f6sen oder zumindest deren Folgen eind\u00e4mmen und abmildern m\u00fcssen. Alles wissenschaftlichen Argumente sprechen daf\u00fcr, doch werden diese eben kaum ber\u00fccksichtigt, stattdessen werden \u00c4ngste gesch\u00fcrt oder Nebens\u00e4chlichkeiten in den Fokus ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Die Kausalit\u00e4t zwischen der industriell-kapitalistischen Wirtschaftsweise und der Zerst\u00f6rung unsere Biosph\u00e4re (was ja nicht mal eben ein Pappenstiel ist) liegt also klar auf dem Tisch, aber es wird nicht entsprechend vonseiten der Politik gehandelt, die lieber Nebelkerzen z\u00fcndet und \u00fcber ihr h\u00f6rige Medien Beschwichtigungen verbreiten l\u00e4sst. So ein Verhalten ist alles andere als rational, denn schlie\u00dflich ist das eine Bedrohung, die uns wirklich alle betrifft.<\/p>\n<p><strong>Tempolimit<\/strong><\/p>\n<p>Wie auch noch der eine oder andere nachfolgende Punkt hat das Tempolimit bzw. die Diskussion darum auch etwas mit dem Klimawandel zu tun, denn die Reduzierung der CO2-Emissionen ist ja eines der Ziele eines Tempolimits. Ein anderes Ziel davon ist es, die Zahl der im Verkehr get\u00f6teten Menschen zu reduzieren.<\/p>\n<p>Auch hier sind Studien und Empirie eindeutig, wie auch aus einem <a href=\"https:\/\/publikum.net\/nach-24-stunden-diskussion-lege-ich-mich-fest-es-gibt-keine-argumente-gegen-eine-hochstgeschwindigkeit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel von Katja Diehl<\/a> auf <em>Publikum<\/em> hervorgeht. Und auch sie fragt sich, wie es denn sein kann, dass solche offensichtlichen rationalen Argumente beiseitegewischt werden von der Politik (hier insbesondere den rechten Parteien, also CDU\/CSU, FDP und AfD), wenn das Einzige, was gegen eine schnelle und unkomplizierte Reduzierung des CO2-Aussto\u00dfen und weniger t\u00f6dliche Unf\u00e4lle spricht, ist: &#8222;Freie Fahrt f\u00fcr freie B\u00fcrger!&#8220;<\/p>\n<p>Na ja, und dann kommt nat\u00fcrlich noch hinzu, dass gerade deutsche Autobauer \u00fcbermotorisierte Kisten bauen und ihre Werbung daf\u00fcr auf Fahrfreude auslegen &#8211; aber das wird nat\u00fcrlich nicht offiziell gesagt. Inoffiziell wei\u00df nat\u00fcrlich jeder um die Verbandelungen der deutschen Autoindustrie und der deutschen Politik &#8230;<\/p>\n<p>Und damit sind wir auch schon bei einem entscheidenden Punkt bei der Entrationalisierung: Diese wird vor allem dann forciert, wenn es darum geht, Partikularinteressen gegen Allgemeininteressen durchzusetzen.<\/p>\n<p><strong>Fleisch<\/strong><\/p>\n<p>Zeigt man den Menschen Bilder aus der industriellen Massentierhaltung, dann graust es vielen davor. Zudem ist auch schon l\u00e4nger klar, dass Fleisch ein ausgesprochen aufwendig herzustellendes Lebensmittel ist, dessen CO2-Bilanz (da sind wir schon wieder auch beim Klimawandel) deutlich schlechter ist als die von pflanzlicher Nahrung.<\/p>\n<p>Zu viel Nitrat im Grundwasser, unbeschreibliche Tierqual, hoher Antibiotikaeinsatz (mit Folgen \u00fcber die Tierzucht hinaus, n\u00e4mlich multiresistenten Keimen, die auch f\u00fcr den Menschen gef\u00e4hrlich sind), und dann ist zu viel Fleischkonsum auch noch ungesund. Auch hier gibt es wenig rationale Gr\u00fcnde, die dagegen sprechen, den Fleischkonsum einzuschr\u00e4nken und zumindest die Massentierhaltung abzuschaffen.<\/p>\n<p>Tja, aber was los ist, wenn so was mal in Form eines moderaten politischen Vorschlags formuliert wird, hat man ja vor einigen Jahren gesehen, als die Gr\u00fcnen einen Veggie-Day ins Gespr\u00e4ch brachten &#8230;<\/p>\n<p>Und es ist ja nun nicht so, dass es nicht m\u00f6glich w\u00e4re, mit weniger Fleisch \u00fcber die Runden zu kommen. Jeder, der wie ich in den 70er- und 80er-Jahren aufgewachsen ist, wird sich daran erinnern, dass es damals ein-, zweimal die Woche Fleisch auf dem Mittagstisch gab. Hat niemanden umgebracht, alle sind satt geworden, und lecker war&#8217;s meistens auch. Geht also.<\/p>\n<p>Aber da werden dann absurdeste Zusammenh\u00e4nge und Pseudokausalit\u00e4ten als &#8222;Argumente&#8220; vorgebracht, um den Konsum von viel Fleisch zu rechtfertigen. Ein Beispiel: F\u00fcr den Anbau von Soja f\u00fcr Tofu w\u00fcrde ja der Regenwald in S\u00fcdamerika gerodet. Dort wird tats\u00e4chlich Soja angebaut, allerdings wird das fast ausschlie\u00dflich f\u00fcr die Tiermast verwendet, wer hier vegetarische Sojaprodukte kauft, der kann davon ausgehen, dass darin nur EU-Soja verarbeitet wurde. Oder: Die Fleischersatzprodukte w\u00e4ren ja reine Chemie. Na ja, wer meint, dass die Antibiotika in Billigfleisch etwas Nat\u00fcrliches w\u00e4ren &#8230;<\/p>\n<p>Und hier erleben wir dann einen zweiten Aspekt, der die Entrationalisierung vorantreibt: Den Menschen wird immer wieder eingetrichtert, dass bestimmte Dinge Lebensqualit\u00e4t ausmachen (&#8222;Fleisch ist ein St\u00fcck Lebenskraft&#8220;, und f\u00fcrs Autofahren als Freizeitvergn\u00fcgen gilt das genauso), sodass sie dann auch gegen jede vern\u00fcnftige Argumentation unbedingt daran festhalten m\u00fcssen und jede Forderung nach ma\u00dfvoller Reduzierung als Angriff auf ihre Lebensstandard sehen. Bauch schl\u00e4gt in dem Fall Kopf, und die Fleischindustrie (und nat\u00fcrlich die davon gesponserten Politiker) freut&#8217;s.<\/p>\n<p><strong>B\u00fcrgerversicherung<\/strong><\/p>\n<p>Ein Thema, was ja schon l\u00e4nger immer wieder diskutiert wird, ist die B\u00fcrgerversicherung. Erscheint ja auch irgendwie logisch: Viele verschiedene Krankenkassen brauchen auch entsprechend viele Vorst\u00e4nde, PR-Abteilungen und Verwaltungsangestellte. Das k\u00f6nnte drastische reduziert werden, indem es einen Krankenkasse f\u00fcr alle g\u00e4be. Die Beitr\u00e4ge w\u00fcrden dann, wenn sich Menschen mit hohem Einkommen nicht einfach aus dem Solidarsystem rauskaufen k\u00f6nnten, vermutlich auch f\u00fcr die meisten Menschen deutlich niedriger sein als bisher, und es w\u00e4re dennoch mehr Geld f\u00fcrs Gesundheitswesen \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Klingt ja eigentlich nach einer guten Sache, oder? Warum wird das dann also nicht umgesetzt, wenn doch eigentlich alle rationalen Gr\u00fcnde daf\u00fcr sprechen? Und warum werden diese guten Gr\u00fcnde nicht st\u00e4ndig in den Medien pr\u00e4sentiert?<\/p>\n<p>Na ja, Verm\u00f6gende w\u00fcrden halt mehr zur Kasse gebeten als bisher, und die ganzen Krankenkassenvorst\u00e4nde f\u00e4nden das auch nicht so richtig toll. Also wieder mal Partikularinteressen, die von der Entrationalisierung profitieren &#8230;<\/p>\n<p><strong>\u00d6PP<\/strong><\/p>\n<p>Dass die sogenannten \u00f6ffentlich-privaten Partnerschaften nicht funktionieren, sondern die Allgemeinheit immer teurer zu stehen kommen, als wenn die \u00f6ffentliche Hand die entsprechenden Projekte selbst durchgef\u00fchrt h\u00e4tte, ist auch kein Geheimnis mehr, seitdem das sogar vom Bundesrechnungshof angemahnt wurde. Und das ist nun auch schon ein paar Jahre her, wie man anhand eines meiner <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2218\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel von 2015<\/a> sehen kann, in dem ich das bereits thematisiert habe.<\/p>\n<p>Auch hier spricht also die Rationalit\u00e4t gegen die Durchf\u00fchrung solcher Projekte. Doch \u00d6PP werden immer noch praktiziert, und zwar von denen angeleiert, die eigentlich doch ein Interesse daran haben sollten, dass \u00f6ffentliche Gelder m\u00f6glichst effizient eingesetzt w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Aber da wird dann immer einer der gr\u00f6\u00dften Entrationalisierungsslogans der letzten Jahrzehnte vorgebracht: &#8222;Privat ist immer besser!&#8220; Stimmt zwar nicht, aber ist genauso nach wie vor extrem pr\u00e4sent wie:<\/p>\n<p><strong>&#8222;Die Nachfrage bestimmt das Angebot!&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Es w\u00e4re ja sch\u00f6n, wenn es so w\u00e4re. Allerdings hat der Neoliberalismus eine deutliche Fixierung auf die Angebotsseite, die gef\u00f6rdert und verh\u00e4tschelt wird, wo es nur geht.<\/p>\n<p>Dass der Einzelne mittels seines Konsumverhaltens an systematischen Missst\u00e4nden nicht wirklich etwas \u00e4ndern kann, wird beispielsweise von Thilo Bode in einem <a href=\"https:\/\/www.foodwatch.org\/de\/aktuelle-nachrichten\/2019\/mit-dem-einkaufskorb-die-welt-retten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Interview mit <em>foodwatch<\/em><\/a> oder Kathrin Hartmann in einem <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/interview-zu-konsumverhalten-es-gibt-heute-mehr-sklaven-als-zur-zeit-des-sklavenhandels-1.3923268\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Interview mit der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a> nachvollziehbar dargelegt.<\/p>\n<p>Das eigene Konsumverhalten zu ver\u00e4ndern beruhigt also in erster Line das eigene Gewissen und kann vielleicht noch im Umfeld als Vorbildfunktion dienen. Das ist nat\u00fcrlich auch wichtig, aber eben nicht relevant daf\u00fcr, dass sich Grundlegendes ver\u00e4ndert. Gerade beim &#8222;Exportweltmeister&#8220; liegt es ja auf der Hand, dass die Binnennachfrage nun nicht der entscheidendste Wirtschaftsfaktor ist. Zur Not wird eben mehr exportiert, und dank vieler Milliarden Euro, die jedes Jahr f\u00fcr Werbung und Marketing ausgegeben werden, schafft sich das Angebot immer auch ein St\u00fcck weit seine Nachfrage.<\/p>\n<p>Aber diese M\u00e4r vom m\u00e4chtigen Verbraucher ist nat\u00fcrlich auch zu bequem, denn so kann man den schwarzen Peter vonseiten derjenigen, die eigentlich f\u00fcr Regulierungen verantwortlich w\u00e4ren, sch\u00f6n weiterreichen an diejenigen, die so gut wie keinen Einfluss haben. Eine tolle Sache, um einen Status quo aufrechtzuerhalten &#8211; da wird dann auf Rationalit\u00e4t auch keine R\u00fccksicht genommen.<\/p>\n<p><strong>Energiewende<\/strong><\/p>\n<p>Und nun wieder etwas, das sehr stark mit dem Klimawandel zu tun hat: die Energiewende. Wie bei diesem Thema mitunter argumentiert wird, um an \u00fcberkommenen und klimasch\u00e4dlichen Arten der Energieerzeugung festzuhalten, spottet jeder Rationalit\u00e4t.<\/p>\n<p>So wird zum Beispiel oft gegen Windkraft der Vorwurf vorgebracht, dass dadurch ja etwa 100.000 V\u00f6gel im Jahr get\u00f6tet w\u00fcrden. Das stimmt nun auch erst mal, und nat\u00fcrlich ist jeder dieser von den Rotoren erschlagenen V\u00f6gel einer zu viel, aber: Warum wird das dann nicht mal in eine vern\u00fcnftige Relation gesetzt zu anderen Zahlen? Viel mehr V\u00f6gel sterben n\u00e4mlich durch den Autoverkehr, durch Glasscheiben und durch Hauskatzen &#8211; etwas acht Millionen j\u00e4hrlich durch Letztere. Wenn man Fenster und Mobilit\u00e4t noch als etwas \u00e4hnlich Notwendiges wie die Stromerzeugung ansehen und somit die Sch\u00e4den als recht unvermeidbar klassifizieren kann, so sind Hauskatzen dann doch nicht von einer \u00e4hnlichen Relevanz f\u00fcr unser allt\u00e4gliches Leben.<\/p>\n<p>W\u00fcrde man mich fragen, ob ich eher auf die Nutzung von Strom oder auf Hauskatzen verzichten k\u00f6nnte, die Antwort w\u00e4re ziemlich eindeutig zuungunsten der Stubentiger. Und ich sch\u00e4tze mal, dass ich damit nicht allein w\u00e4re. Aber die &#8222;Vogelsch\u00fctzer&#8220;, die gegen Windkraft wettern, h\u00f6re ich komischerweise nie eine Beschr\u00e4nkung von Hauskatzenhaltung fordern &#8230;<\/p>\n<p>Genauso absurd ist die Argumentation, dass Windkraftanlagen Infraschall absondern w\u00fcrden und insofern sehr weit weg von Wohngeb\u00e4uden stehen m\u00fcssten. Dabei wird n\u00e4mlich nie erw\u00e4hnt, dass etwas anderes auch Infraschall produziert: Automotoren. Hat mal jemand geh\u00f6rt, dass Stra\u00dfen aufgrund von Infraschallbel\u00e4stigung der Anwohner Hunderte Meter von H\u00e4usern entfernt verlaufen m\u00fcssten? Ich nicht, und dabei w\u00e4re es doch eine logische Konsequenz, w\u00fcrde man die bei Windkraftanlagen vorgetragenen Bedenken rational auch auf andere Bereiche anwenden.<\/p>\n<p>Auch wird von Gegnern erneuerbarer Energien gern vorgebracht, dass die ganze Energiewende ja nur eine Kampagne w\u00e4re, die von den der Erneuerbaren-Energien-Industrie inszeniert worden w\u00e4re, damit die so richtig sch\u00f6n viel Geld scheffeln. Dass die Konzerne, die als Gesch\u00e4ftsmodell das Verfeuern fossiler Brennstoffe haben, ein Vielfaches an Ums\u00e4tzen und Gewinnen generieren, spielt da dann gar keine Rolle. Dabei muss doch bei einer Frage, wem etwas nutzt, immer in alle Richtungen geschaut werden, will man ein rationales Urteil f\u00e4llen.<\/p>\n<p>Und dann sind da ja auch immer noch die\u00a0Arbeitspl\u00e4tze bzw. die Sorge um deren Verlust. Dass das ein reines Kampfargument ist, welches sehr selektiv aus dem Hut gezaubert wird, hab ich vor einigen Jahren schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6704\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> festgestellt, aber in Bezug auf die erneuerbaren Energien ist das komplett absurd: Da wurden n\u00e4mlich in Deutschland viel mehr Arbeitspl\u00e4tze in der Wind- und Solarenergiebranche in den letzten Jahren vernichtet, als \u00fcberhaupt in der Kohleindustrie noch vorhanden sind. Wer so argumentiert, hat sich von der Rationalit\u00e4t schon l\u00e4ngst verabschiedet &#8230;<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte jetzt noch etliche weitere Beispiele aufz\u00e4hlen f\u00fcr die Entrationalisierung, aber dann w\u00fcrde dieser Artikel doch deutlich zu lang, sodass ich mich nun ein paar grunds\u00e4tzlichen Fragen zu diesem Ph\u00e4nomen widmen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Wie verbreitet sich die Entrationalisierung?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00fcrden solche irrationalen Argumentationsmuster nun als solche enttarnt, dann w\u00e4re ja alles gut: Man w\u00fcrde diejenigen, die sie vorbringen, als interessegeleitet und nicht ernst zu nehmend abtun. Doch leider finden solche Aussagen immer wieder unwidersprochene Verbreitung durch (wirtschafts-)populistische Politiker (vor allem von CDU, FDP und AfD) und Journalisten. Und zwar mit einer Penetranz, dass eben irgendwann diese irrationalen Behauptungen f\u00fcr viele zur Wahrheit werden.<\/p>\n<p>Professor Rainer Mausfeld hat viele interessante B\u00fccher geschrieben und Vortr\u00e4ge gehalten (da findet man einiges Interessantes bei <em>YouTube<\/em> von ihm), in denen er von der neoliberalen Indoktrination spricht. Und diese ist in der Tat auch leider sehr erfolgreich, wenn man sieht, wie entrationalisiert mittlerweile viele Themen diskutiert werden.<\/p>\n<p>Hand in Hand damit gehen dann noch eine Entpolitisierung der B\u00fcrger durch ein reduziertes Angebot politischer Sendungen und Berichte in vielen Medien (Albrecht M\u00fcller hat dazu schon vor Jahren in seinem empfehlenswerten Buch &#8222;Meinungsmache&#8220; einiges zusammengetragen), die Verbl\u00f6dung durch platte TV-Formate und permanente Werbung sowie die Demontage des Bildungssystems (G8, Bologna, Lehrermangel &#8230;). Als Gesamtpaket ergibt das dann, dass immer mehr Menschen nicht auf rationale Erkl\u00e4rungen und Deutungsmuster zur\u00fcckgreifen, sondern sich mit griffigen Slogans zufriedengeben, die dann in der Konsequenz vor allem auch nicht an der eigenen Bequemlichkeit r\u00fctteln. Dem Zeitalter der bestm\u00f6glichen Informationsverbreitung musste eben die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Ignoranz entgegengesetzt werden.<\/p>\n<p><strong>Warum findet Entrationalisierung statt?<\/strong><\/p>\n<p>Das Ziel dieser Entrationalisierung liegt auf der Hand: Es geht darum, den m\u00fcndigen B\u00fcrger abzuschaffen bzw. zu entm\u00fcndigen. Das hat n\u00e4mlich einige Vorteile f\u00fcr diejenigen, welche die Entrationalisierung betreiben:<\/p>\n<p>Man kann Debatten rein ideologisch f\u00fchren und sich der Wissenschaft verweigern. Wenn sich etwas erst mal ganz gut anh\u00f6rt und vermeintlich stimmig ist (oder eben dem entspricht, was viele gern h\u00f6ren wollen), dann muss sich dies keiner \u00dcberpr\u00fcfung stellen. Man kann sogar, noch weitergehend, wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen und einfach immer wieder das Gegenteil behaupten, ohne dass viele Menschen skeptisch werden. Das ist zum Herrschen und zum Durchsetzen von Partikularinteressen gegen die Allgemeinheit ausgesprochen bequem.<\/p>\n<p>Auch nationales Denken l\u00e4sst sich so wunderbar verbreiten und instrumentalisieren, denn auch dieses ist zu einem gro\u00dfen Teil entrationalisiert. Ein Beispiel: Man sympathisiert mit Menschen aus dem eigenen Land, die wenig mit einem selbst gemeinsam haben, anstatt mit Menschen aus anderen L\u00e4ndern, die viel mit einem gemeinsam haben. So kann man die eigenen Landsleute hervorragend gegen diejenigen aufwiegeln, mit denen sie sich eigentlich solidarisch zeigen sollten, und schafft Verbindungen zu sich selbst, die gar nicht vorhanden sind: &#8222;Wir Deutschen&#8220; aus dem Mund von Managern, Verm\u00f6genden und Spitzenpolitikern nutzt genau diese Irrationalit\u00e4t. &#8222;Deutschland geht&#8217;s gut&#8220; &#8211; damit kann man wider besseres Wissen immer noch viele einfangen, genauso wie mit dem begeistert vorgetragenen &#8222;Deutschland ist Exportweltmeister&#8220;.<\/p>\n<p>Und dann sind enrationalisierte B\u00fcrger nat\u00fcrlich auch bessere, weil unkritischere Konsumenten, da sie sich wenig Gedanken dar\u00fcber machen, was ihr Konsum so alles bei der Umwelt oder anderen Menschen anrichtet. Denn aus neoliberaler Sicht sind ja die Menschen vor allem zwei Dinge: Humanressourcen und Konsumenten. Als Gegenentwurf zum m\u00fcndigen B\u00fcrger ist der Entationalisierte da deutlich bequemer zu handhaben.<\/p>\n<p><strong>Was sind die Konsequenzen?<\/strong><\/p>\n<p>Wohin diese Entraionalisierung f\u00fchrt, ist ja mittlerweile l\u00e4ngst deutlich zu beobachten.<\/p>\n<p>Die viel kritisierten Fake News und der Umstand, dass diese, auch wenn sie offensichtlich nicht den Tatsachen entsprechen, geglaubt und weiterverbreitet werden, sind ein direktes Resultat dieser Entwicklung. Man kann sich n\u00e4mlich daran gew\u00f6hnen, Dinge nicht zu hinterfragen oder zu \u00fcberpr\u00fcfen und sich logischer Kausalit\u00e4t zu verweigern, wenn es einem eben gerade besser in den Kram oder ins Weltbild passt.<\/p>\n<p>Manipuliert wurde schon immer vonseiten der Herrschenden, aber mittlerweile m\u00fcssen die sich dabei noch nicht mal mehr allzu viel M\u00fche geben. Die <em>BILD<\/em> beispielsweise haut regelm\u00e4\u00dfig frei erfundene Schlagzeilen raus, und diese werden dann tats\u00e4chlich von vielen f\u00fcr bare M\u00fcnze genommen und entwickeln so ein Eigenleben, indem sie dann in anderen Diskussionen als &#8222;Argumente&#8220; wieder auftauchen.<\/p>\n<p>Auch im Wahlverhalten spiegelt sich die Entrationalisierung wider: Vielen, wenn nicht gar die meisten Menschen w\u00e4hlen Parteien, die gegen ihre eigenen Interessen handeln. Man beklagt zwar, dass &#8222;die da oben&#8220; sich nicht um die normalen B\u00fcrger scheren w\u00fcrden, aber gibt denen dennoch immer wieder mittels der Stimme bei der Wahl die Legitimation f\u00fcr ihr Treiben. Es werden da, so zumindest mein Eindruck, vor allem Parteien gew\u00e4hlt, von denen man mal jemanden in einer Talkshow gesehen hat, der da was rausposaunte, was einem gut gefiel. Oder man w\u00e4hlt eine Partei, weil man die eben schon immer gew\u00e4hlt hat. Alles keine rationalen Gr\u00fcnde, die ja auf dem Parteiprogramm fu\u00dfen sollten &#8211; das man heute in Zeiten des Internets auch problemlos von allen Parteien einsehen kann.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeiten zur Information sind nicht nur dabei heute enorm, nahezu unbegrenzt, aber sie werden kaum genutzt. Stattdessen lassen sich die entrationalisierten B\u00fcrger mit News \u00fcber Promis und \u00c4hnlichem abspeisen, die keine Relevanz f\u00fcr ihr eigenes Leben haben und die sie zu einem Gro\u00dfteil gleich wieder vergessen. Und dann gibt es Fu\u00dfball, Dschungelcamp und Casting-Ged\u00f6ns (zu den Werten, die dabei vermittelt werden, sei immer mal wieder auf die <a href=\"https:\/\/www.otto-brenner-stiftung.de\/fileadmin\/user_data\/stiftung\/02_Wissenschaftsportal\/03_Publikationen\/AH72_HohleIdole_Geaebler_2012_10_26.pdf\">Studie &#8222;Hohle Idole&#8220;<\/a> verwiesen), das in der Berichterstattung zunehmend Politisches verdr\u00e4ngt hat und immer gr\u00f6\u00dferen Raum einnimmt.<\/p>\n<p>Nicht zuf\u00e4llig war die Einf\u00fchrung des Privatfernsehens einer der ersten Punkte auf Helmut Kohls Agenda nach der neoliberalen Wende in Deutschland Anfang der 80er-Jahre, und das nicht nur, um seinem Buddie Leo Kirch etwas Gutes zu tun.<\/p>\n<p><strong>Und was kann man dagegen tun?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist schwierig, denn diejenigen, welche die Entrationalisierung vorantreiben, haben nahezu unbegrenzte Mittel daf\u00fcr zur Verf\u00fcgung. So kann man nur im Kleinen versuchen, in Diskussionen tats\u00e4chlich rational zu argumentieren, zu widersprechen, wenn einem irgendwo entrationalisierte Aussagen begegnen, das Streitgespr\u00e4ch zu suchen, in dem man sachliche Begr\u00fcndungen austauscht.<\/p>\n<p>Das ist allerdings schon ein St\u00fcck weit ein Kampf gegen Windm\u00fchlen, denn gerade in sozialen Medien, wo ja mittlerweile ein gro\u00dfer Teil des \u00f6ffentlichen Diskurses stattfindet, ist die Bereitschaft, sachliche Argumente auszutauschen, nur in sehr geringem Ma\u00dfe vorhanden, wird sogar oft bewusst negiert: &#8222;Auf Facebook kann man ohnehin nicht vern\u00fcnftig diskutieren&#8220; &#8211; ich hab das allerdings schon h\u00e4ufiger gemacht, es scheint mit ein bisschen gutem Willen also doch zu gehen.<\/p>\n<p>Und dann ist da nat\u00fcrlich die personifizierte Entrationalisierung in Form der AfD, deren Fans nicht nur selbst rationale Argumente unbegr\u00fcndet von sich weisen (&#8222;L\u00fcgenpresse!&#8220; ist da so ein Klassiker in dem Milieu), sondern die auch st\u00e4ndig den sachlichen Austausch anderer torpedieren (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2018\/juni\/debatte-oder-protest-wie-weiter-gegen-rechts\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Keine guten Zeiten f\u00fcr die Verteidiger der Rationalit\u00e4t also, aber wie so oft muss es auch hier hei\u00dfen: Aufgeben gilt nicht!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Politik sollte die Folge des Austausches von Argumenten sein, sodass sich aus einer Diskussion das rational am besten begr\u00fcndete Handeln ergibt. Sollte &#8211; ist es aber leider nicht. Vielmehr meine ich eine zunehmende Tendenz zur Entrationalisierung der Politik und des politischen Diskurses festzustellen, was nat\u00fcrlich unlauteren Populisten hervorragend den Boden bereitet. Es w\u00e4re also dringend an der Zeit, die Politik wieder auf eine rationale Basis zu stellen &#8211; doch leider profitiert das neoliberale Establishment von dieser Entrationalisierung, hat diese sogar herbeigef\u00fchrt und nutzt sie best\u00e4ndig zu eigenen Gunsten.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[67,50,52],"tags":[952,166,527,636],"class_list":["post-19458","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medial-manipulatives","category-politisches","category-soziales","tag-entrationalisierung","tag-neoliberalismus","tag-populismus","tag-wissenschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19458","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=19458"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19458\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19655,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/19458\/revisions\/19655"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=19458"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=19458"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=19458"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}