{"id":20106,"date":"2020-04-12T13:00:56","date_gmt":"2020-04-12T11:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20106"},"modified":"2020-04-12T13:30:31","modified_gmt":"2020-04-12T11:30:31","slug":"gewalt-ist-nicht-gleich-gewalt-und-es-kommt-sehr-darauf-an-wer-die-gewalt-hat-wer-sie-ueber-uns-hat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20106","title":{"rendered":"Gewalt ist nicht gleich Gewalt und es kommt sehr darauf an, wer die Gewalt hat, wer sie \u00fcber uns hat"},"content":{"rendered":"<p>Da ich dieser Tage immer wieder von Gewalt lese, meist recht wirres, weil ideologisches Zeug, mehr K\u00fcchenpsychologie gepaart mit K\u00fcchenphilosophie, meist dann auch von denen, die dem Staat die Gewalt absprechen wollen im Zuge dieser gewaltigen Krise, hier ein paar Gedanken zur Gewalt und warum es besser ist, dass sie in den H\u00e4nden des Staates liegt, als in den H\u00e4nden jedes einzelnen Individuums. Inspiriert hat mich mein Erschrecken dar\u00fcber, wie rudiment\u00e4r das Wissen \u00fcber grunds\u00e4tzliche Zusammenh\u00e4nge in dieser Gesellschaft doch wieder zu sein scheint. Oder war es nie besser? Ich kann es nicht beurteilen. Was ich versuchen kann, ist, das Wissen der Sekundarstufe I hier wieder einmal in Erinnerung zu bringen, es denen versuchen zu vermitteln, die es vielleicht auch nie vermittelt bekommen hatten.<\/p>\n<p><strong>Vor ab: Was ist Gewalt? Wie \u00e4u\u00dfert sie sich?<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Unter dem Begriff Gewalt ist der k\u00f6rperlich oder auch psychisch wirkende Zwang zu verstehen, der durch Kraft oder ein sonstiges Verhalten entsteht. Ziel ist es, die freie Willensbildung und -bet\u00e4tigung der anderen Person unm\u00f6glich zu machen oder zumindest zu beeintr\u00e4chtigen.&#8220; <a href=\"https:\/\/www.juraforum.de\/lexikon\/gewalt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Juraforum<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Gewalt schr\u00e4nkt also die freie Willensbildung und -bet\u00e4tigung, kurz die Freiheit des Individuums alles tun und lassen zu k\u00f6nnen, was es will (oder wollen k\u00f6nnte) ein. Gewalt ist ein Mittel, kein Zweck, woraus sich schon ein Grund f\u00fcr die Rechtfertigung von Gewalt ergibt: Gewalt muss immer Mittel bleiben, kein Zweck werden.<\/p>\n<p>Daraus ergibt sich deshalb auch der wichtigste Grund f\u00fcr die Rechtfertigung von Gewalt: Der Zweck zu dem die Gewalt ausge\u00fcbt wird.<\/p>\n<p>Gewalt ist aber auch nicht gleich Gewalt, wie auch aus der obigen Definition leicht abzuleiten ist. Sie kann sowohl k\u00f6rperlich als auch psychisch erfolgen und sie hat eine gro\u00dfe Spannbreite &#8211; beispielsweise reicht sie in den Strafen hier bei uns vom Ordnungs- bis hin zum Strafrecht.<\/p>\n<p><strong>Psychische Gewalt<\/strong><\/p>\n<p>Psychisch ist Gewalt dann, wenn sie zwingt ohne auf den K\u00f6rper Einfluss nehmen zu m\u00fcssen, nur den Geist des Menschen zu beeinflussen trachtet. Sie kann sogar schlimmer sein, als die k\u00f6rperliche Gewalt, insbesondere bei Kindern kann sie nachhaltige und langwierige Folgen zeitigen. Sie sollte deshalb nie untersch\u00e4tzt werden.<\/p>\n<p>Psychische Gewalt ist auch die am meisten zu beobachtenden Gewalt, hat eine gewaltige Spannbreite, geht von Mobing in Schulen und Unternehmen bis hin zu den Sanktionen bei Hartz-4, ist bei der Erziehung durchaus gebr\u00e4uchlich, sogar dann, wenn sie antiautorit\u00e4r erfolgt, denn die Gewalt des Kindes l\u00e4sst man zu, auch gegen andere Kinder, vor allem aber gegen die Erwachsenen. Ohne Gewalt geht es nunmal nicht. Sie ist ebenso nicht weg zu leugnen, wie die Macht, auch die Macht dazu Gewalt aus\u00fcben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>K\u00f6rperliche Gewalt<\/strong><\/p>\n<p>Diese ist mehr oder weniger ge\u00e4chtet oder, dort wo sie erlaubt ist, dem Staat vorbehalten.<\/p>\n<p>Kein Kind darf geschlagen werden &#8211; zurecht.<\/p>\n<p>Kein B\u00fcrger darf den anderen B\u00fcrger schlagen oder Schlimmeres &#8211; zu recht.<\/p>\n<p>Einzig der Staat darf Gewalt anwenden und das auch nur um Gesetze durchzusetzen und das auch nur dann, wenn ihm keine anderen M\u00f6glichkeiten mehr gegeben sind und das dann nur in dem Ma\u00dfe, wie diese Gewalt vertretbar ist. Auch deshalb gibt es bei uns keine Zuchth\u00e4user und Arbeitslager mehr, auch wenn manche von uns sich diese wohl wieder w\u00fcnschen m\u00f6gen. Ihr Wunsch mag Wunsch bleiben, nie wieder Wirklichkeit werden.<\/p>\n<p><strong>Staats-Gewalt<\/strong><\/p>\n<p>Der Staat ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die leider allzu sehr in Verruf gebracht worden ist, auch von denen, die eigentlich dem Staat dienen sollten. Der Staat ist die Organisationsform von Menschen, die einen gemeinsamen, meist geographisch genau abgegrenzten Raum bewohnen und die das Recht auch dazu haben, diesen st\u00e4ndig zu bewohnen oder auch nur auf Zeit, wie Fl\u00fcchtlinge, Gastarbeiter etc. pp., die sich dennoch des Schutzes des Staates durch dessen jeweiligen Rechts und der jeweiligen Institutionen sicher sein m\u00fcssen, denn das ist letztendlich der wesentliche Grund f\u00fcr die Menschen gewesen \u00fcberhaupt Staaten zu gr\u00fcnden: sie suchten Schutz, vor allem vor Willk\u00fcr, vor der Gewalt anderer Individuen innerhalb und au\u00dferhalb dieser nun als Staaten organisierten Gesellschaften. Die Gewalt des Einzelnen ist im Zuge dieser Staatenbildung auf den Staat \u00fcbergegangen, auch weil der Einzelne gegen die Gruppe oder den gewaltt\u00e4tigeren Anderen nicht bestehen konnte und kann, wie diese durch den Wettbewerb geschw\u00e4chte Gesellschaft ja immer offener offenbart, wo die Gewalt gegen\u00fcber arbeitslosen Sozialhilfeempf\u00e4ngern schier unglaublich geworden ist, von der Bev\u00f6lkerung leider akzeptiert, ja sogar gutgehei\u00dfen, was \u00fcber die Qualit\u00e4t dieser Gesellschaft l\u00e4ngst ein Urteil zul\u00e4sst; aus meiner Sicht kein Gutes.<\/p>\n<p><strong>Wildwest-Gesellschaft anstatt moderner Zivilisation<\/strong><\/p>\n<p>Wer deshalb dem Staat die Gewalt abspricht und die allgemeine Gewalt und die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft ignoriert, schafft die Gesellschaft ab, schafft Wildwest-Verh\u00e4ltnisse und stellt sich auch gleichzeitig au\u00dferhalb der Normen dieser Gesellschaft, dem Grundgesetz. Denn eines schafft er nicht ab, kann er nicht abschaffen, die Gewalt n\u00e4mlich. Diese legt er nur in andere H\u00e4nde, nicht nur in seine eigenen H\u00e4nde. Auch hier scheint der Individualismus wieder einmal tiefe Wunden gerissen zu haben, wenn dieser Wunsch tats\u00e4chlich besteht den Staat g\u00e4nzlich zu entmachten.<\/p>\n<p>Wer die Gewalt einzig dem B\u00fcrger \u00fcbertragen will, den staatlichen Institutionen das Recht auf Gewaltanwendung absprechen will, will keine Zivilisation, der will Anarchie und das im schlechtesten Sinne des Wortes.<\/p>\n<p><strong>Gewaltenteilung<\/strong><\/p>\n<p>Wer Gewalt gleich Gewalt setzt und dann die Gewalt des Staates personifiziert im Staat, dem Staat abspricht, der hat keine Ahnung wovon er oder sie redet, der und die haben weder die Demokratie noch die Gesellschaft verstanden. Denn ja, auch die Demokratie regelt die Gewalt, teilt sie auf in unserem Staat, kontrolliert die Gewalt der einen Institution durch die einer anderen, schafft das, was bei Gewalt wirklich wichtig ist, die Gewaltenteilung. Montesquieus Gedanken waren eine der wichtigsten Errungenschaften der Aufkl\u00e4rung. &#8211; Wer sie nicht kennt oder vielleicht auch nur vergessen hat, <a href=\"https:\/\/www.geschichte-abitur.de\/staatstheorien-der-aufklaerung\/montesquieu-gewaltenteilung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a> wird man f\u00fcndig. &#8211; Ohne sie herrschte hier immer noch Mord und Totschlag, einzig von einem absolutistischen Herrscher legitimiert. Wer sie in Frage stellt, stellt damit die Aufkl\u00e4rung ist Frage, auch dann, wenn es ihm oder ihr nicht bewusst sein sollte.<\/p>\n<p>Gewaltenteilung ist der Kern der modernen Demokratien und an ihr kann man auch festmachen wie demokratisch sie eigentlich sind diese Demokratien. Ist die Gewalt nicht geteilt, hat eine Seite mehr davon zur Verf\u00fcgung als die andere, so kann man schwerlich noch von Demokratie sprechen, sofern dem nicht machtvoll, auch mit Gewalt, verbaler Gewalt in Demokratien, entgegengetreten werden kann. Denn ja, auch die Meinungsfreiheit ist eine Gewalt, eine gewaltige Gewalt sogar. Die Macht der Meinung, reine psychische Gewalt, kann oftmals m\u00e4chtiger sogar sein als das Schwert.<\/p>\n<p><strong>Gewalt ist unverzichtbar<\/strong><\/p>\n<p>Gewalt ist nicht gleich Gewalt und Gewalt ist unverzichtbar, weil sie auch nicht aus der Welt verdammt werden kann. Tr\u00e4umer, die anderes meinen!<\/p>\n<p>Deshalb sollte die Gewalt m\u00f6glichst immer beim Staat liegen, wenn es darum geht die Gesellschaft zu sch\u00fctzen, zusammen zu halten und zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Individuelle Gewalt als Alternative ist keine gute Alternative. Das sollte vor allem denen ins Poesie-Album hier geschrieben sein, die immer noch von der Gewalt des Staates labern, aber sie \u00fcberhaupt nicht einmal ansatzweise verstehen, diese zivilisatorische Errungenschaft, dass der Staat richtet und sanktioniert und nicht ein m\u00e4chtiges Individuum, wie in vergangenen Zeiten, die nicht zu sch\u00e4tzen wissen, was unsere Vorv\u00e4ter und Vorm\u00fctter uns geschenkt haben, oft mit Blut und Leid daf\u00fcr bezahlt hatten.<\/p>\n<p>Es ist einfach nur noch traurig f\u00fcr mich, wie rudiment\u00e4r doch das Wissen um diese Demokratie, diese Gesellschaft auch hier wieder ist, wenn es um unseren liberalen, sozialen Rechtsstaat geht und seine Institutionen. So erkl\u00e4rt sich f\u00fcr mich allerdings auch die gewaltige Oberfl\u00e4chlichkeit im Lande und die Neigung zum Populismus von Regierenden und Opposition im Lande, die Gefahr wieder Demagogen zum Opfer fallen zu k\u00f6nnen. L\u00e4ngst hat sich n\u00e4mlich eine solche Querfront von Links bis Rechts, von Oben bis Unten gebildet. Deren Gewalt macht mir wirklich Sorgen, nicht die des Staates, gegen die ich mich immer noch wehren kann, was mir wohl kaum mehr gelingen w\u00fcrde, wenn diese Querfront sich tats\u00e4chlich durchsetzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Gott oder wer auch immer, am besten wir, bewahre uns davor, bewahre uns vor denen, die mit Plattit\u00fcden ungewollt deren Spiel spielen und ihnen das Bett gerade wieder einmal bereiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da ich dieser Tage immer wieder von Gewalt lese, meist recht wirres, weil ideologisches Zeug, mehr K\u00fcchenpsychologie gepaart mit K\u00fcchenphilosophie, meist dann auch von denen, die dem Staat die Gewalt absprechen wollen im Zuge dieser gewaltigen Krise, hier ein paar Gedanken zur Gewalt und warum es besser ist, dass sie in den H\u00e4nden des Staates liegt, als in den H\u00e4nden jedes einzelnen Individuums. Inspiriert hat mich mein Erschrecken dar\u00fcber, wie rudiment\u00e4r das Wissen \u00fcber grunds\u00e4tzliche Zusammenh\u00e4nge in dieser Gesellschaft doch wieder zu sein scheint. Oder war es nie besser? Ich kann es nicht beurteilen. 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