{"id":2036,"date":"2014-11-14T21:23:51","date_gmt":"2014-11-14T19:23:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2036"},"modified":"2019-05-14T15:13:38","modified_gmt":"2019-05-14T13:13:38","slug":"studie-zur-rechtsextremen-einstellung-rechtsextremismus-in-deutschland-angeblich-auf-dem-rueckzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2036","title":{"rendered":"Studie zur rechtsextremen Einstellung: Rechtsextremismus in Deutschland angeblich auf dem R\u00fcckzug"},"content":{"rendered":"<p>Da habe ich heute nicht schlecht gestaunt, als ich von Occupy Hamburg einen <a href=\"http:\/\/www.occuworld.org\/news\/1734425\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bericht \u00fcber eine Studie der Uni Leipzig<\/a>\u00a0las, in dem von einem signifikanten R\u00fcckgang rechtsextremer Einstellungen in Deutschland die Rede ist, denn irgendwie habe ich in letzter Zeit eher das Gef\u00fchl, dass das Gegenteil der Fall ist. Auch die Frankfurter Presse pr\u00e4sentiert einen ausf\u00fchrlichen Artikel (leider nicht mehr online aufrufbar) dazu. Wie so oft lohnt sich hierbei allerdings auch ein etwas genauerer Blick auf die Studienresultate, bei dem man dann auch zu einer anderen Interpretation kommen kann.<\/p>\n<p>Ein &#8222;geschlossenes rechtes Weltbild&#8220;, von dem in der Studie die Rede ist, mag ja durchaus seltener vorkommen als noch vor einigen Jahren, aber das ist ja heutzutage auch kaum noch n\u00f6tig, da eben viele rechtsextreme Positionen mittlerweile auch ohne ein solches vertreten werden.\u00a0Das ist dann die &#8222;Das wird man ja noch sagen d\u00fcrfen&#8220;- und &#8222;Ich bin ja kein Nazi, aber&#8220;-Fraktion, die eben Sarrazin, Pirincci, Broder und Co. liest und deren Hetze auch gern weiter verbreitet. Solche Menschen w\u00fcnschen sich nicht zwangsl\u00e4ufig eine Diktatur und k\u00f6nnen auch durchaus anderen rechten Positionen kritisch gegen\u00fcber eingestellt sein, sind aber trotzdem als rechtsoffen zu bezeichnen, da sich in ihren Aussagen ein sehr hierarchisches Menschenbild offenbart: Ich\/wir sind gut, die anderen sind schlecht &#8211; ein typisches Merkmal rechten Denkens.<\/p>\n<p>Zudem w\u00fcrde ich den Begriff des Sozialdarwinismus weiter fassen, als dies in der Studie der Fall war, also nicht nur in der Art, dass andere Menschen als &#8222;unwertes Leben&#8220; bezeichnet werden, sondern eben auch manifestiert in einem Herabschauen auf Hartz-IV-Empf\u00e4nger und andere, die es in der Leistungsgesellschaft gerade mal nicht so richtig schaffen und daher eine schlechteren sozialen Status haben als man selbst. Und da finden sich nun Etliche aus der Mittelschicht, die allzu gern in den Tenor der &#8222;faulen Hartzer&#8220; und der &#8222;Sozialschmarotzer&#8220; einstimmen. Nat\u00fcrlich umso lauter, wenn es sich dann dabei auch noch um Nichtdeutsche handelt, die Transferleistungen beziehen. \u00dcber dieses Ph\u00e4nomen habe ich ja vor einigen Wochen schon mal auf unterstr\u00f6mt den Artikel <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1893\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Das verrohte B\u00fcrgertum<\/a> geschrieben.<\/p>\n<p>Dem scheint nun entgegenzustehen, dass laut der Studie gerade Arbeitslose h\u00e4ufiger rechtem Gedankengut zustimmen und anh\u00e4ngen. Dem liegt m. E. aber ein anderes Ph\u00e4nomen als die Angst vor dem eigenen m\u00f6glichen sozialen Abstieg zugrunde: Wer n\u00e4mlich mit sich selbst und seinem Leben nicht zufrieden ist (und das d\u00fcrfte bei den meisten Arbeitslosen der Fall sein), sucht sich gern mal andere zum Draufhauen, um sich so dann wenigstens noch \u00fcber diesen Menschen stehend zu f\u00fchlen. Bildung wird ja in der Studie als Faktor geschildert, der rechtem Denken entgegenwirkt. M. E. sollte man hierbei allerdings nicht unber\u00fccksichtigt lassen, dass Bildung eben auch oft zu besserem Einkommen und somit einer M\u00f6glichkeit, sein Leben besser zu gestalten, f\u00fchrt. Dies versetzt viele dann \u00fcberhaupt erst in die Lage, sich auch um Schw\u00e4chere zu k\u00fcmmern und mit ihnen mitzuf\u00fchlen, anstatt auf sie herabschauen zu wollen.<\/p>\n<p>Zum Ende hin findet sich dann in dem oben verlinkten Artikel der Frankfurter Presse folgender Absatz:<\/p>\n<blockquote><p>Die Abneigung gegen Muslime ist im Zeitverlauf rasant gestiegen. Mehr als ein Drittel der Befragten ist aktuell der Meinung, Muslimen sollte die Einreise nach Deutschland untersagt werden. 2009 war es noch jeder f\u00fcnfte. Fast jeder zweite gab in der aktuellen Studie an, sich durch die vielen Muslime manchmal wie ein Fremder im eigenen Land zu f\u00fchlen. \u00c4hnlich stark stieg die Abneigung der Befragten gegen\u00fcber Sinti und Roma: Mehr als die H\u00e4lfte h\u00e4tten ein Problem damit, wenn diese Personengruppe in ihrer Umgebung leben w\u00fcrde. Mehr als die H\u00e4lfte ist der Meinung, Sinti und Roma neigen zur Kriminalit\u00e4t. Den st\u00e4rksten Anstieg verzeichnet die Haltung der Befragten mit Blick auf die Fl\u00fcchtlingspolitik. War 2011 noch jeder Vierte der Ansicht, der Staat sollte bei der Pr\u00fcfung von Asylantr\u00e4gen weniger gro\u00dfz\u00fcgig sein, sind es aktuell drei von vier Befragten, die dieser Meinung sind.<\/p><\/blockquote>\n<p>Es gibt also haufenweise (und immer mehr) Menschen, die sich derartige rechte Positionen zu eigen machen, sich selbst aber eher nicht am rechten Rand sehen (und auch von anderen nicht dort eingeordnet werden). Das entspricht auch meiner Erfahrung in den letzten Jahren, und da muss man sich ja auch nur die Kommentarspalten von Zeitungen anschauen oder \u00c4u\u00dferungen zu politischen Beitr\u00e4gen in sozialen Medien lesen, um dies zu erkennen. Ein besonders unappetitliches Beispiel hat Rayk Anders gerade heute auf seiner <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/ohraykanders\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Facebook-Seite<\/a>\u00a0gepostet (mittlerweile entfernt aufgrund des Wunsches der Eltern des M\u00e4dchens), n\u00e4mlich die unterschiedlichen Reaktionen auf die Berichte \u00fcber ein dreij\u00e4hriges deutsches M\u00e4dchen, das an einer Knochenmarkserkrankung gestorben ist in der <a href=\"http:\/\/www.derwesten.de\/staedte\/bochum\/dreieinhalbjaehrige-greta-aus-bochum-gestorben-id6545160.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">WAZ<\/a>, und \u00fcber einen zweij\u00e4hrigen t\u00fcrkischen Jungen, der kein Spenderherz bekommen hat und deswegen sterben musste (<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/N24\/posts\/10152346807917554\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Facebook-Seite von N24<\/a>): auf der einen Seite Beileidsbekundungen f\u00fcr das deutsche Kind, auf der anderen Seite \u00fcbelste \u00c4u\u00dferungen wie &#8222;wieder einer weniger der uns sp\u00e4ter Probleme machen kann&#8220; und &#8222;Zum Gl\u00fcck noch mehr von dem Pack brauchen wir nicht&#8220; (Rechtschreibung von den Zitaten \u00fcbernommen) bei dem t\u00fcrkischen Kind.<\/p>\n<p>Insofern zeigt die Studie f\u00fcr mich vor allem eins: Rechtes Gedankengut ist nicht mehr allein auf irgendwelche gesellschaftlichen Au\u00dfenseiter beschr\u00e4nkt (manifestiert im Bomberjacke-Springerstiefel-Glatze-Klischee), sondern findet sich mittlerweile in gro\u00dfer Akzeptanz in der sogenannten gesellschaftlichen Mitte, also im normalen B\u00fcrgertum, wieder. Eine Entwarnung, wie sie die vordergr\u00fcndige Interpretation der Studienergebnisse nahelegen k\u00f6nnte, kann also demzufolge meiner Ansicht nach nicht gegeben werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da habe ich heute nicht schlecht gestaunt, als ich von Occupy Hamburg einen Bericht \u00fcber eine Studie der Uni Leipzig las, in dem von einem signifikanten R\u00fcckgang rechtsextremer Einstellungen in Deutschland die Rede ist, denn irgendwie habe ich in letzter Zeit eher das Gef\u00fchl, dass das Gegenteil der Fall ist. 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