{"id":20482,"date":"2020-06-26T18:10:08","date_gmt":"2020-06-26T16:10:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20482"},"modified":"2020-06-30T11:28:22","modified_gmt":"2020-06-30T09:28:22","slug":"unser-krankes-gesundheitssystem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20482","title":{"rendered":"Unser krankes Gesundheitssystem"},"content":{"rendered":"<p>Dass es im deutschen Gesundheitssystem etliche M\u00e4ngel gibt, ist ja schon l\u00e4nger bekannt, wurde aber in den letzten Monaten wegen Corona noch mal st\u00e4rker \u00f6ffentlich thematisiert als zuvor. Das Pflegepersonal arbeitet sich ins Burn-out, die Qualit\u00e4t der Patientenversorgung bleibt dabei auf der Strecke, multiresistente Keime fordern jedes Jahr eine f\u00fcnfstellige Anzahl von Opfern (die Zahlen schwanken da ziemlich), und \u00c4rzte wandern zuhauf ab ins Ausland, weil sie dort bessere Arbeitsbedingungen vorfinden und h\u00f6here L\u00f6hne erhalten &#8211; alles in erster Linie auch den Privatisierungen im Gesundheitssektor und den damit verbundenen Renditeerwartungen der Investoren geschuldet. Als wenn das nicht schon schlimm genug w\u00e4re, gibt es aber noch einige weiter Missst\u00e4nde, die dann insgesamt zeigen, dass eine Umstrukturierung unseres Gesundheitswesens ausgesprochen abgebracht w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Kassensitze<\/strong><\/p>\n<p>Meiner Erfahrung nach ist vielen gar nicht bewusst, dass ein Arzt nicht einfach so irgendwo eine Praxis aufmachen kann &#8211; zumindest dann nicht, wenn er dort auch Patienten der gesetzlichen Krankenkassen behandeln will. Das wird n\u00e4mlich recht rigoros begrenzt durch die Kassensitze. Wenn also irgendwo schon zwei \u00c4rzte sind und es dort zwei Kassensitze gibt, kann erst dann ein weiterer Arzt sich dort niederlassen, wenn einer der beiden \u00c4rzte wegzieht, in den Ruhestand geht oder aus anderen Gr\u00fcnden aufh\u00f6rt zu praktizieren. Der neue Arzt muss dann \u00fcbrigens f\u00fcr sehr viel Geld, in der Regel ein sechsstelliger Betrag, den Kassensitz von seinem Vorg\u00e4nger erwerben.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt nun dazu, dass bei gesteigertem Patientenaufkommen entweder die Behandlungszeit pro Patient runtergefahren werden muss oder aber die Wartezeiten immer l\u00e4nger werden. Letzteres kennt wohl jeder, der einen Termin bei einem Facharzt ben\u00f6tigt, da kann es durchaus schon mal ein paar Monate dauern, bevor man dort vorsprechen kann.<\/p>\n<p>Und diese paar Monate k\u00f6nnen dann \u00fcbrigens dazu f\u00fchren, dass beispielsweise ein Patient mit Kopfschmerzen zum Arzt geht und sich dann ein Hirntumor Monate sp\u00e4ter beim Neurologen oder Radiologen als mittlerweile nicht mehr therapierbar herausstellt &#8230;<\/p>\n<p>Ein Arzt kann \u00fcbrigens auch nicht einfach mehr arbeiten, wenn er einen Kassensitz hat, da er diese Mehrarbeit dann nicht abrechnen k\u00f6nnte. Dieses System ist also extrem unflexibel, sodass auf gesundheitliche Ver\u00e4nderungen, beispielsweise die seit Jahren zunehmende Zahl von arbeitsbedingten psychischen Erkrankungen, vonseiten der \u00c4rzte nicht reagiert werden kann. Es kann also quantitativ nicht so behandelt werden, wie ein tats\u00e4chlicher Bedarf besteht, sondern wie es ein starres System vorgibt. Ziemlich idiotisch, oder?<\/p>\n<p><strong>Krankenkassen<\/strong><\/p>\n<p>Wobei ja das System mit den vielen verschiedenen Krankenkassen an sich eh schon recht unsinnig ist, wie ich finde. Dadurch ergibt sich nicht nur eine Zweiklassenmedizin (gesetzlich und privat Versicherte), sondern jede Krankenkasse hat ja auch ihre eigene Administration (Vorst\u00e4nde, Aufsichtsr\u00e4te, Marketingabteilung &#8230;) und gibt eine Menge Geld f\u00fcr Werbung und \u00d6ffentlichkeitsarbeit aus, das m. E. eigentlich sinnvoller f\u00fcr die Behandlung von kranken Menschen ausgegeben werden sollte.<\/p>\n<p>Wesentlich praktikabler w\u00e4re da doch eine einzige \u00f6ffentliche Krankenkasse, in die jeder einzahlt, und zwar den gleichen Prozentsatz seines Einkommens. Ich tippe mal, dass die meisten dann weniger bezahlen w\u00fcrde als bisher, da ja einige wenige mit sehr hohen Einkommen sich dann nicht mehr \u00fcber die private Krankenkasse quasi von der Solidargemeinschaft &#8222;freikaufen&#8220; k\u00f6nnten, sondern eben auch ihren Beitrag leisten w\u00fcrden zum Gesundheitssystem.<\/p>\n<p>Zusatzversicherungen f\u00fcr beispielsweise Sch\u00f6nheits-OPs, Chefarztbehandlung, Einzelzimmer oder anderes Chichi k\u00f6nnte es dann ja immer noch f\u00fcr diejenigen geben, die auf so was Wert legen. Und da k\u00f6nnen dann die Anbieter auch gern gegeneinander konkurrieren auf Teufel komm raus, da dieser Bereich dann getrennt w\u00e4re von der medizinischen Grundversorgung.<\/p>\n<p><strong>Pauschalen<\/strong><\/p>\n<p>Seit einigen Jahren erfolgt die Abrechnung vieler Behandlungen nach Pauschalen. Das bedeutet, dass es feste Betr\u00e4ge gibt, die \u00c4rzten und Krankenh\u00e4usern f\u00fcr die Behandlung von bestimmten Erkrankungen und Beschwerden gezahlt werden, sodass nicht mehr der eigentliche individuelle Behandlungsaufwand, sondern die Diagnose ausschlaggebend sind f\u00fcr die Entlohnung. Davon versprach man sich eine gr\u00f6\u00dfere finanzielle Effizienz, doch leider ist eine solch starres System in einem komplexen Feld wie der Medizin denkbar ungeeignet.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist ja nicht jeder Patient gleich, und nicht jeder Beinbruch heilt genau gleich schnell. Ein Resultat dieser Abrechnungspraxis ist nun, dass es immer \u00f6fter sogenannte blutige Entlassungen gibt, das hei\u00dft, dass der Patient im Grund noch nicht vollkommen genesen ist, wenn er die Klink verl\u00e4sst &#8211; aber er bringt eben nicht mehr Geld, wenn er noch l\u00e4nger dort verweilt. Zudem werden \u00c4rzte quasi bestraft, die sich Zeit nehmen f\u00fcr ihre Patienten, denn ein Arztgespr\u00e4ch bei der Diagnose eines grippalen Infekts bringt genauso viel ein, wenn es nur zwei Minuten dauert, als wenn der Arzt sich zehn Minuten mit seinem Patienten besch\u00e4ftigt. Die Folge: Arzttermine wie am Flie\u00dfband, genauere Untersuchungen entfallen oft (was ich schon am eigenen Leibe erfahren durfte vor ein paar Jahren, als ich einen schwer entz\u00fcndeten Blinddarm h\u00e4tte, der von meinem damaligen Hausarzt innerhalb von einer Minute als Magen-Darm-Infekt mit etwas atypischen Beschwerden abgetan wurde).<\/p>\n<p>Von Kinder\u00e4rzten will ich hier gar nicht erst anfangen, denn Kinder sind eben oft beim Arzt zappelig und haben teilweise Angst, sodass die Behandlung in der Regel l\u00e4nger dauert.<\/p>\n<p>Und was noch hinzukommt: Das System verf\u00fchrt dazu, lukrative Falschdiagnosen zu stellen, weil diese eben besser verg\u00fctet werden. Das geht so weit, dass mittlerweile h\u00e4ufig Operationen durchgef\u00fchrt werden, die gar nicht notwendig w\u00e4ren, weil die konservative Behandlung des Leidens im Verh\u00e4ltnis zeitaufwendiger w\u00e4re und schlechter entlohnt wird.<\/p>\n<p>Insgesamt kann man also sagen, dass die Abrechnung \u00fcber Pauschalen diejenigen \u00c4rzte benachteiligt, die gewissenhaft arbeiten und denen das Patientenwohl wichtig ist, wohingegen diejenigen Vorteile haben, die diese \u00d6konomisierung einfach mitgehen und vor allem ihren eigenen Profit im Kopf haben.<\/p>\n<p><strong>Hoher Numerus clausus\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland herrscht \u00c4rztemangel. Da in anderen L\u00e4ndern wie beispielsweise Gro\u00dfbritannien, den Niederlanden, Norwegen oder der Schweiz deutlich bessere Arbeitsbedingungen herrschen und zudem h\u00f6here L\u00f6hne gezahlt werden, wandern viele deutsche \u00c4rzte dorthin ab. Diese L\u00fccken werden dann mit \u00c4rzten aus anderen L\u00e4ndern gef\u00fcllt, was in zweierlei Hinsicht problematisch ist: Zum einen gibt es da dann oft sprachliche Probleme (und gerade bei einer medizinischen Behandlung sind pr\u00e4zise und eindeutige Formulierungen ja schon wichtig), zum anderen fehlen diese \u00c4rzte dann in ihren Heimatl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Absurderweise hat das Medizinstudium dann allerdings einen extrem hohen Numerus clausus (NC), n\u00e4mlich von 1,0 bis 1,1 (s. <a href=\"https:\/\/www.praktischarzt.de\/medizinstudium\/numerus-clausus-nc-medizin\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>). Man braucht also auf der einen Seite dringend neue \u00c4rzte, verbaut aber vielen, die Interesse an einem Medizinstudium h\u00e4tten, die M\u00f6glichkeit dazu mit diesem aberwitzigen NC.<\/p>\n<p>Mal abgesehen davon, dass ich diese NC-Praxis eh etwas seltsam finde: Nur weil jemand besonders gut in der Schule gewesen ist (was h\u00e4ufig damit zu tun hat, wie viel Nachhilfeunterricht die Eltern finanzieren konnten &#8211; das ist heute auch bei Abiturienten gang und g\u00e4be), muss derjenige ja noch lange kein guter Arzt werden. Aber wenn man nun mal schon so was wie einen NC hat, warum wird dieser dann nicht mal ein wenig an den Bedarf angepasst und entsprechend bei Medizin etwas gelockert? Soll hier partout ein elit\u00e4res Bild vom Arzt als Halbgott in Wei\u00df aufrechterhalten werden? Oder was steckt sonst dahinter? F\u00fcr mich ist das schlichtweg unlogisch &#8230;<\/p>\n<p><strong>Pflege als &#8222;Flie\u00dfbandarbeit&#8220; und Schreibtischt\u00e4tigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Auch in der Pflege herrschen etliche Notst\u00e4nde, wie ich ja oben schon schrieb und wie seit L\u00e4ngerem bekannt ist. Wenn ich dann allerdings in einem <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2020\/juni\/pflege-der-alltaegliche-ausnahmezustand\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel in den Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/a> (leider nur gegen Bezahlung lesbar) zu dem Thema lese, dass das Pflegepersonal angewiesen wird, im F\u00fcnfminutentakt die zu Betreuende abzuarbeiten und dann noch immer mehr Zeit mit Dokumentation und anderem Papierkram verbringen muss, dann wird klar, dass da etwas geh\u00f6rig falsch l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Aber klar: Pflegeeinrichtungen sind \u00fcberwiegen privatisiert worden und m\u00fcssen insofern ordentlich Rendite abwerfen f\u00fcr Investoren, da stehen die Pflegebed\u00fcrftigen eben hintenan und sind irgendwie so was wie ein notwendiges \u00dcbel, das m\u00f6glichst schnell und effizient abgearbeitet werden muss, was dann genauestens zu protokollieren ist, um weitere finanzielle Optimierungsm\u00f6glichkeiten entwickeln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dabei braucht man doch gar nicht so viel Fantasie, um sich bessere Methoden vorzustellen, wie pflegebed\u00fcrftige Menschen unterst\u00fctzt werden k\u00f6nnten. Beispielsweise durch \u00f6ffentlich finanzierte lokale\/regionale Pflegestationen, die Menschen in der Umgebung betreuen, die trotz Pflegebedarf noch zu Hause wohnen &#8211; oder deren Angeh\u00f6rige unterst\u00fctzen. Die Vorteile l\u00e4gen auf der Hand &#8211; nur bl\u00f6derweise sind damit eben keine Rendite zu erzielen wie mit den Pflegeheimen, und da Investoren f\u00fcr neoliberale Politiker eben mehr z\u00e4hlen als pflegebed\u00fcrftige Menschen, wird so was vermutlich auch eher nicht umgesetzt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unser Gesundheitssystem k\u00f6nnte so viel besser sein, als es zurzeit ist, und die Probleme sind fast alle hausgemacht. Doch anstatt hier mal eine wirkliche Reform in Gang zu bringen und das Gesundheitswesen an den gesellschaftlichen Bed\u00fcrfnissen auszurichten, wird an alten Z\u00f6pfen festgehalten &#8211; und im Grunde mit der Fokussierung auf eine zunehmende Profitorientierung immer nur verschlimmbessert.<\/p>\n<p>Aber was soll man auch erwarten, wenn ein Bankkaufmann und Lobbyist den Bundesgesundheitsminister gibt &#8230;?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass es im deutschen Gesundheitssystem etliche M\u00e4ngel gibt, ist ja schon l\u00e4nger bekannt, wurde aber in den letzten Monaten wegen Corona noch mal st\u00e4rker \u00f6ffentlich thematisiert als zuvor. 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