{"id":20653,"date":"2020-06-08T18:29:33","date_gmt":"2020-06-08T16:29:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20653"},"modified":"2020-06-29T10:10:14","modified_gmt":"2020-06-29T08:10:14","slug":"mehrwertsteuersenkung-fuer-ein-halbes-jahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20653","title":{"rendered":"Mehrwertsteuersenkung f\u00fcr ein halbes Jahr"},"content":{"rendered":"<p>Dass ich die im Konjunkturpaket der Bundesregierung enthaltene Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent f\u00fcr den Zeitraum von Juli 2020 bis Januar 2021 f\u00fcr nicht geeignet halte, den Verbrauchern nun wirklich Entlastung zu verschaffen, hab ich ja letzte Woche schon in einer <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20641\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">kurzen Anmerkung<\/a> angedeutet (was nun \u00fcbrigens gerade auch in einem <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/service\/corona-konjunkturpaket-der-grosse-knackpunkt-der-niedrigen-mehrwertsteuer-a-d3b357fc-e472-4db8-aa09-53d9faff6859\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel auf <em>Spiegel Online<\/em><\/a> best\u00e4tigt wird). Nach einem Gespr\u00e4ch am vergangenen Wochenende \u00a0mit einer Freundin von mir, die als Steuerberaterin t\u00e4tig ist, wurde mir dann allerdings noch mal deutlicher, was f\u00fcr ein kompletter Unfug diese Ma\u00dfnahme ist.<\/p>\n<p>Diese Umstellung auf einen neuen Mehrwertsteuersatz gestaltet sich n\u00e4mlich oftmals nicht so ganz einfach. Unternehmen, die SAP benutzen, d\u00fcrften damit wohl noch relativ wenig Probleme haben, aber viele andere Buchhaltungs-, Kassen und Warenwirtschaftssysteme sind nicht so ausgelegt, dass da mal eben die Mehrwertsteuer ge\u00e4ndert werden kann &#8211; zumal auch noch auf einen Satz von f\u00fcnf Prozent in der reduzierten Variante, also einen Wert, den es zuvor so noch gar nicht gab. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen d\u00fcrften hier oftmals gro\u00dfen Aufwand betreiben m\u00fcssen, gerade auch aufgrund der knappen Terminierung von nur wenigen Wochen bis zur Umstellung &#8211; und das nur, um dann in einem halben Jahr alles wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.<\/p>\n<p>Denn die neue Mehrwertsteuer muss ja nicht nur an der Kasse anders berechnet werden, sondern hat auch auf jedem Bon, jedem Beleg, jeder Rechnung und jedem Preisschild entsprechend ge\u00e4ndert aufzutauchen. Das, was da nun an drei Prozent eingespart werden soll, d\u00fcrfte oftmals f\u00fcr diese zus\u00e4tzlichen Umstellungsma\u00dfnahmen wieder draufgehen. Ein Grund weniger dann \u00fcbrigens, diesen Preisnachlass auch an die Endkunden weiterzugeben.<\/p>\n<p>Und da kann ich mir nun auch gerade nicht vorstellen, dass die Preise, die ja in der Regel als Brutto- und nicht als Nettopreise angezeigt werden, nun auf einmal geringf\u00fcgig nach unten korrigiert werden. Was also eben noch 1,29 Euro kostete, soll dann ab Juli f\u00fcr 1,24 Euro im Regal stehen? Na, ich wei\u00df ja nicht &#8230;<\/p>\n<p>Zudem bleiben ja bei so einer Ma\u00dfnahme ja einige Sachverhalte erst mal nicht gekl\u00e4rt, auf die man so im ersten Moment nicht kommt. Was ist beispielsweise mit Gutscheinen, die bereits ausgestellt und mit 19 Prozent Mehrwertsteuer verbucht wurden, die nun dann erst ab Juli eingel\u00f6st werden? Oder mit Gutscheinen, die dann mit 16 Prozent Mehrwertsteuer ausgestellt werden, die aber erst nach dem 1. Januar 2021 eingel\u00f6st werden? Gerade beim kurz vor diesem Stichtag liegenden Weihnachtsgesch\u00e4ft d\u00fcrfte da ja einiges anfallen.<\/p>\n<p>Auch langfristige Projekte kommen in arge Schwierigkeiten, wie zum Beispiel so etwas wie Baustellen. Wenn dort bereits Leistungen erbracht und die Handwerker mit 19 Prozent Mehrwertsteuer entlohnt wurden, nun aber die finale Rechnung an den Endkunden erst im Juli gestellt wird, weil dann der Bau beendet ist, wie wird es dann da mit der Mehrwertsteuer gehandhabt, die dann ja nur noch 16 Prozent betragen darf? Und genau das Gleiche gilt dann nat\u00fcrlich auch wieder \u00fcber den Jahreswechsel hinweg, nur eben andersrum.<\/p>\n<p>Ich selbst hatte letztes Jahr als Lektor auch einige gr\u00f6\u00dfere Buchprojekte, die sich \u00fcber mehrere Monate zogen. Da ich diese nicht nach Stunden abgerechnet habe (was das Ganze relativ einfach gemacht h\u00e4tte mit der unterschiedlichen Mehrwertsteuer), sondern nach Gesamttextmenge, w\u00e4re nicht zu ermitteln gewesen, was dann noch vor und was nach der Mehrwertsteuerumstellung bearbeitet wurde. Wie h\u00e4tte die Rechnung dann ausgestellt werden m\u00fcssen &#8211; mit 16 oder mit 19 Prozent, wenn das Projekt vom Mai bis August dauerte?<\/p>\n<p>Die Autoindustrie wird sich allerdings, nachdem nun ihre hei\u00df ersehnte Abwrackpr\u00e4mie f\u00fcr Verbrennungsmotoren nicht beschlossen wurde, dar\u00fcber freuen, denn bei einem Neuwagen schlagen solche drei Prozent schon mal ordentlich zu Buche, sodass sich viele Kunden \u00fcberlegen werden, sich in den sechs Monaten mit reduzierter Mehrwertsteuer ein neues Fahrzeug zuzulegen. Was bei Lebensmitteln und anderen Dingen des t\u00e4glichen Bedarfs Centbeitr\u00e4ge sind, die wenig relevant anmuten, ergibt dann bei einem Auto mit 40.000 Euro Anschaffungspreis schon mal schlappe 1200 Euro Ersparnis. Der Effekt d\u00fcrfte zwar nicht ganz so gro\u00df wie bei einer Abwrackpr\u00e4mie sein, aber eben in jedem Fall schon mal deutlich sp\u00fcrbar bei solch hochpreisigen G\u00fctern, wie es Autos nun mal sind.<\/p>\n<p>Ich will jetzt hier \u00fcbrigens gar nicht der 19-prozentigen Mehrwertsteuer das Wort reden, denn ich finde schon, dass diese Abgabe reformiert geh\u00f6rt. Schlie\u00dflich belastet diese Steuer vor allem Menschen mit geringem Einkommen \u00fcberproportional, da sie f\u00fcr alle gleich ist und \u00e4rmere Menschen eben einen gr\u00f6\u00dferen Teil ihres Geldes f\u00fcr allt\u00e4gliche Konsumg\u00fcter ausgeben, als dies bei Wohlhabenden der Fall ist. Was mir dabei allerdings vorschweben w\u00fcrde, w\u00e4re eine Art progressiver Mehrwertsteuer: Ein niedriger Satz (bis hin zu null Prozent) w\u00fcrde auf G\u00fcter erhoben, die elementare Alltagsg\u00fcter sind, und auf solche, die nachhaltig, fair und \u00f6kologisch einwandfrei produziert wurden. Je mehr etwas dann in den Bereich Luxus f\u00e4llt oder aufgrund von hoher Umweltbelastung, Ausbeutung und Klimasch\u00e4dlichkeit hergestellt und transportiert wird, desto h\u00f6her f\u00e4llt auch die Mehrwertsteuer aus. Auf diese Weise k\u00f6nnte dieser Steuer tats\u00e4chlich auch eine Steuerungsfunktion zukommen, dass n\u00e4mlich Menschen mit viel Geld eben mehr zahlen und Produkte attraktiver werden, deren Herstellung weniger sch\u00e4dlich ist. Nur mal so als Idee in den Raum gestellt &#8230;<\/p>\n<p>Aber so was ist nat\u00fcrlich von unserer Regierung nicht zu erwarten, stattdessen gibt es dann mal wieder reinen Wirtschaftspopulismus in Form dieser halbj\u00e4hrigen Absenkung des Mehrwertsteuersatzes. Na ja, aber \u00fcberrascht das wirklich, wenn man sich die charakterlich defizit\u00e4ren und inkompetenten Gestalten in Regierung und Ministerriege so anschaut? Wohl kaum &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dass ich die im Konjunkturpaket der Bundesregierung enthaltene Senkung der Mehrwertsteuer von 19 auf 16 Prozent f\u00fcr den Zeitraum von Juli 2020 bis Januar 2021 f\u00fcr nicht geeignet halte, den Verbrauchern nun wirklich Entlastung zu verschaffen, hab ich ja letzte Woche schon in einer kurzen Anmerkung angedeutet (was nun \u00fcbrigens gerade auch in einem Artikel auf Spiegel Online best\u00e4tigt wird). 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