{"id":20786,"date":"2020-07-02T10:56:11","date_gmt":"2020-07-02T08:56:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20786"},"modified":"2020-07-02T10:57:54","modified_gmt":"2020-07-02T08:57:54","slug":"und-immer-wieder-das-maerchen-dass-die-nachfrage-das-angebot-bestimmen-wuerde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20786","title":{"rendered":"Und immer wieder das M\u00e4rchen, dass die Nachfrage das Angebot bestimmen w\u00fcrde"},"content":{"rendered":"<p>Zu diesem Thema habe ich ja vor einigen Jahren schon mal einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2480\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> geschrieben und darin aufgezeigt, wie das Angebot sich seine Nachfrage schafft, obwohl ja doch immer wieder das genaue Gegenteil behauptet wird. Aber es passt ja auch nur zu gut zur neoliberalen Ideologie, immer dem Nachfrager, also dem individuellen Endverbraucher, die Verantwortung zuzuschustern, denn dann sind Politik und Wirtschaft ja fein raus und aus der Schusslinie. Und gerade in letzter Zeit erlebe ich immer wieder in Diskussionen, dass behauptet wird, die Konsumenten h\u00e4tten ja die Macht, durch ihr Verhalten Missst\u00e4nde zu \u00e4ndern. Leider ist das nicht der Fall.<\/p>\n<p>Wie wenig Einfluss jeder Einzelne n\u00e4mlich hat, durch seinen Konsum Fehler im System zu \u00e4ndern, haben <a href=\"https:\/\/www.foodwatch.org\/de\/aktuelle-nachrichten\/2019\/mit-dem-einkaufskorb-die-welt-retten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Thilo Bode<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/interview-zu-konsumverhalten-es-gibt-heute-mehr-sklaven-als-zur-zeit-des-sklavenhandels-1.3923268\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Kathrin Hartmann<\/a> schon ausf\u00fchrlich dargelegt. Doch gerade jetzt bei der \u00f6ffentlichen Diskussion um die unhaltbaren Zust\u00e4nde f\u00fcr Mensch und Tier in den Fleischfabriken von Clemens T\u00f6nnies wird immer wieder behauptet, dass ja eben eine so gro\u00dfe Nachfrage nach Billigfleisch best\u00fcnde und dies nicht mehr produziert w\u00fcrde, wenn alle das nicht mehr kaufen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Mal abgesehen davon, dass eine Argumentation, die auf &#8222;wenn alle&#8220; fu\u00dft schon zum Scheitern verurteilt ist, da in einer gro\u00dfen und heterogenen Gesellschaft niemals alle unter einen Hut zu bekommen sind, so zeigt die Realit\u00e4t doch auf, dass es genau andersrum l\u00e4uft: Immer mehr Menschen in Deutschland ern\u00e4hren sich in den letzten Jahren vegetarisch oder vegan, immer mehr achten darauf, dass sie nichts aus Massentierhaltung, sondern Fleisch mit Biosiegel einkaufen &#8211; und dennoch steigt die Fleischproduktion in Deutschlands kontinuierlich. Dann wird eben mehr exportiert &#8211; ein globalisiertes Handelssystem erm\u00f6glicht es den Produzenten, schon irgendwo Abnehmer f\u00fcr ihren Kram zu finden.<\/p>\n<p>Zudem sollte man sich mal fragen, wieso denn Hunderte von Milliarden Euro jedes Jahr weltweit f\u00fcr Werbung, PR und Marketing ausgegeben werden. Das machen die Firmen ja nicht, weil sie zu viel Geld rumliegen haben, sondern weil sie dadurch Nachfrage f\u00fcr ihre Produkte generieren. Wenn dann noch hinzukommt, dass Werbung mittlerweile nahezu omnipr\u00e4sent ist und viele junge Menschen schon gar nicht mehr in der Lage sind, zwischen werblichen und journalistischen Inhalten zu unterscheiden, dann wird es schwierig, dem Einzelnen die alleinige <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5718\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Verantwortung<\/a> f\u00fcr sein Konsumverhalten aufs Auge zu dr\u00fccken. Viele Menschen haben der massiven Beeinflussung der PR-Experten eben recht wenig entgegenzusetzen.<\/p>\n<p>Gerade am letzten Wochenende habe ich nun etwas erlebt, was sehr bezeichnend daf\u00fcr ist, wie sehr das Angebot dominiert und sich dabei wenig bis gar nicht um die Nachfrage schert.<\/p>\n<p>In unserem Wochenendhaus fehlte ein Netzteil f\u00fcr den Apple-Laptop meiner Frau, da das, was dort normalerweise platziert ist, aus Versehen von einem Besucher eingepackt wurde, der es f\u00fcr sein eigenes hielt. Nun musste ich an dem Wochenende noch einiges am Rechner machen, wof\u00fcr dann die Akkuladung nicht ausgereicht h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Eine liebe Nachbarin hat auch einen Apple-Laptop und lieh uns ihr Netzteil daf\u00fcr &#8211; nur passte das nicht, da ihr Ger\u00e4t ein bisschen neuer ist.<\/p>\n<p>Gleiches Ger\u00e4t, gleicher Hersteller, nicht gleiches Netzteil &#8211; tolle Wurst!<\/p>\n<p>Und da fragte ich mich dann, ob nicht viele Menschen (ich vermute mal, so um die 99 Prozent) zustimmen w\u00fcrden, dass es eine gute Sache w\u00e4re, wenn Netzteile einfach genormte Anschl\u00fcsse h\u00e4tten. Also hersteller\u00fcbergreifend f\u00fcr gleiche Produktkategorien (Laptops, Tablets, Telefone usw.) immer auch gleiche Netzteile. Sollte man seines mal vergessen haben &#8211; kein Problem, irgendjemand wird schon eines dabeihaben. Und wenn mal ein Netzteil kaputtgeht oder verloren wird &#8211; auch kein Problem, denn dann muss man nicht das vom Originalanbieter f\u00fcr 80 Euro (oder mehr) kaufen, sondern kann ein g\u00fcnstigeres nehmen (das vermutlich in der gleichen Fabrik in China zusammengekl\u00f6ppelt wurde).<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mal behaupten, dass eine Nachfrage nach genormten Netzteilen in hohem Ma\u00dfe besteht &#8211; sp\u00e4testens dann, wenn man selbst man in der Situation war, nur nicht passende Netzteile f\u00fcr ein Ger\u00e4t zur Hand zu haben.<\/p>\n<p>W\u00fcrde nun die Nachfrage das Angebot bestimmen, dann w\u00e4re so eine Normierung schon lange Standard, und die Hersteller, die sich davon ausnehmen w\u00fcrden, m\u00fcssten mit reichlich Wettbewerbsnachteilen rechnen.<\/p>\n<p>Doch nach wie vor stellt jeder Hersteller andere Netzteile her, die nicht mit anderen (und teilweise nicht mal mit den eigenen Ger\u00e4ten, sobald die etwas \u00e4lter sind) kompatibel sind. Klar, ist zwar verbraucherunfreundlich, aber man kann damit ja sch\u00f6n Geld verdienen &#8230; Und so werden Ger\u00e4te mit generell kompatiblen Netzteilen einfach nicht angeboten, sodass der Nachfrager sie nicht erwerben kann. Tja, da hat sich&#8217;s dann schon mit der immer wieder beschworenen &#8222;Macht der Konsumenten&#8220; und dem &#8222;Abstimmen mit dem Kassenzettel&#8220;.<\/p>\n<p>Wer also nach wie vor behauptet, die Nachfrage w\u00fcrde das Angebot bestimmen, spielt genau das Spiel der Angebotsseite mit, die dieses M\u00e4rchen am Leben h\u00e4lt, um sich so jeder eigenen Verantwortung zu entledigen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu diesem Thema habe ich ja vor einigen Jahren schon mal einen Artikel geschrieben und darin aufgezeigt, wie das Angebot sich seine Nachfrage schafft, obwohl ja doch immer wieder das genaue Gegenteil behauptet wird. Aber es passt ja auch nur zu gut zur neoliberalen Ideologie, immer dem Nachfrager, also dem individuellen Endverbraucher, die Verantwortung zuzuschustern, denn dann sind Politik und Wirtschaft ja fein raus und aus der Schusslinie. Und gerade in letzter Zeit erlebe ich immer wieder in Diskussionen, dass behauptet wird, die Konsumenten h\u00e4tten ja die Macht, durch ihr Verhalten Missst\u00e4nde zu \u00e4ndern. 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