{"id":20836,"date":"2020-07-10T14:49:48","date_gmt":"2020-07-10T12:49:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20836"},"modified":"2020-07-10T14:49:48","modified_gmt":"2020-07-10T12:49:48","slug":"ein-paar-gedanken-zur-uebersterblichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20836","title":{"rendered":"Ein paar Gedanken zur \u00dcbersterblichkeit"},"content":{"rendered":"<p>In der Corona-Krise werden immer wieder Vergleiche zwischen verschiedenen Staaten angestellt: Wie viele Infizierte gibt es hier? Wie viele sind dort an Covid-19 gestorben? Auf die Problematik dieser Vergleiche wird dabei auch \u00f6fter hingewiesen, denn nat\u00fcrlich h\u00e4ngen die ermittelten Werte stark davon ab, wie viele Personen \u00fcberhaupt getestet werden, ob nur Erkrankte getestet werden und ob auch Tests an Verstorbenen durchgef\u00fchrt werden (was in Deutschland meines Wissens beispielsweise nicht der Fall ist) &#8211; das alles hat ja einen enormen Einfluss auf die Dunkelziffern, was Vergleiche dann wiederum recht schwierig macht. Einen Wert gibt es allerdings, der immer wieder als sehr objektiv dargestellt wird: die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/\u00dcbersterblichkeit\">\u00dcbersterblichkeit<\/a>. Doch wenn man sich das genauer anschaut, stellt man fest, dass es auch bei diesem Wert einige Unsch\u00e4rfen gibt.<\/p>\n<p>Die \u00dcbersterblichkeit zeigt ja an, wie sich die tats\u00e4chliche Sterblichkeit zu einem erwarteten Wert, der auf den Zahlen und Erfahrungen vergangener Jahre basiert, verh\u00e4lt. Wenn also eine \u00dcbersterblichkeit nachgewiesen wird, bedeutet das, dass mehr Menschen im gleichen Zeitraum gestorben sind als in vergleichbaren Zeitr\u00e4umen zuvor. So weit, so gut.<\/p>\n<p>Dass nun aufgrund des Coronavirus viele Menschen gestorben sind, schl\u00e4gt sich demzufolge auch in der H\u00f6he der \u00dcbersterblichkeit nieder. Eine Naturkatastrophe oder ein Krieg w\u00fcrden sich \u00e4hnlich auswirken, da diese auch viele Todesopfer zur Folge h\u00e4tten. Und so wird nun eben interpretiert, dass eine niedrigere \u00dcbersterblichkeit auch automatisch bedeutet, dass weniger Corona-Tote als in L\u00e4ndern mit einer h\u00f6heren \u00dcbersterblichkeit vorliegen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und da wird es nun ein wenig unscharf, wie ich meine, denn das Coronavirus ist ja nun nicht die einzige Einflussgr\u00f6\u00dfe in den letzten Monaten gewesen, denn es gab ja auch noch die (mehr oder weniger &#8211; von Land zu Land unterschiedlich) einschneidenden Lockdown-Ma\u00dfnahmen. Diese h\u00e4ngen zwar mit dem Virus zusammen, wirken sich allerdings komplett anders aus, ja, d\u00fcrften m. E. sogar dazu gef\u00fchrt haben, dass es in einigen Bereichen weniger Tote gab als \u00fcblich.<\/p>\n<p>Ein paar Beispiele:<\/p>\n<p><strong>Tote durch Luftverschmutzung<\/strong><\/p>\n<p>In Deutschland gibt es circa 80.000 Tote im Jahr durch schlechte Luft (s. <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2020\/juli\/die-lehre-aus-corona-weniger-wachstum-wagen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>). W\u00e4hrend des Lockdowns hat sich nun in vielen Regionen die Luftqualit\u00e4t verbessert, da die Menschen weniger unterwegs waren und somit ein geringeres Verkehrsaufkommen bestand. Zudem haben viele produzierende Betriebe auch weniger Waren hergestellt (da eben weniger gekauft wurde), sodass sie weniger Emissionen verursachten. Kreuzfahrten und Fl\u00fcge wurden auch runtergefahren, was ebenfalls zu einer Luftverbesserung f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Hier sollte man sich nun die Fragen stellen, wie viele Menschen nun in der Lockdown-Zeit weniger an durch Luftverschmutzung bedingten Krankheiten gestorben sind. Wenn das also sonst im Schnitt gut 6600 im Monat sind und sich dieser Wert nun halbiert h\u00e4tte (einfach mal ins Blaue hinein gesch\u00e4tzt), dann w\u00e4ren das immerhin 3300 Menschen pro Monat, die unter normalen, Nicht-Lockdown-Verh\u00e4ltnissen gestorben w\u00e4ren. Also in diesem Fall ein Negativwert f\u00fcr die \u00dcbersterblichkeit.<\/p>\n<p><strong>Tote durch multiresistente Keime<\/strong><\/p>\n<p>Multiresistente Keime sind ein sehr gro\u00dfes Problem in deutschen Krankenh\u00e4usern und Pflegeheimen. Die Zahlen, wie viele Menschen hieran jedes Jahr sterben, schwanken von Quelle zu Quelle, aber man kann wohl von einer f\u00fcnfstelligen Zahl von Opfern ausgehen.<\/p>\n<p>Ein Hauptgrund f\u00fcr die Verbreitung dieser Keime ist mangelhafte Hygiene, h\u00e4ufig aufgrund von zu wenig Pflegepersonal. Andere L\u00e4nder, in denen weniger Patienten auf eine Pflegekraft kommen, kennen das Problem n\u00e4mlich nicht oder zumindest nicht in dem Ausma\u00df, wie das in Deutschland der Fall ist. Nun sind ja im Zuge der Corona-Pandemie die Hygiene- und Sicherheitsma\u00dfnahmen in Kliniken und Pflegeeinrichtungen massiv verst\u00e4rkt worden, sodass ich mir vorstellen kann, dass auch die Ansteckung mit solchen multiresistenten Keimen deutlich zur\u00fcckgegangen sein d\u00fcrften. Was noch hinzukommt: Viele nicht lebensnotwendige Operationen wurden aufgeschoben, sodass generell weniger Patienten in den Krankenh\u00e4usern waren. Auch hier k\u00f6nnte sich also eine vierstellige Anzahl von Menschen pro Monat ergeben, die nun aufgrund der coronabedingten Ausnahmesituation noch am Leben sind &#8211; was auch wieder ein Negativwert f\u00fcr die \u00dcbersterblichkeit w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Verkehrstote<\/strong><\/p>\n<p>Jedes Jahr sterben in Deutschland \u00fcber 3000 Menschen im Stra\u00dfenverkehr. Wenn ich mir nun anschaue, wie leer die Stra\u00dfen wochenlang in der Zeit des Lockdowns waren, dann kann ich mir gut vorstellen, dass auch wesentlich weniger Menschen durch Verkehrsunf\u00e4lle umgekommen sein k\u00f6nnten, als dies unter &#8222;normalen&#8220; Bedingungen der Fall gewesen w\u00e4re. Noch ein Negativwert f\u00fcr die \u00dcbersterblichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das sind jetzt nur drei Beispiel, die mir recht z\u00fcgig eingefallen sind und die zeigen, dass so ein Lockdown eben auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit und damit auch auf eine niedrigere \u00dcbersterblichkeit haben kann. Und da gibt es ja noch zahlreiche weitere Faktoren, die aus der Ausnahmesituation der letzten Wochen resultieren und Einfluss auf die Gesundheit von Menschen haben, und das im positiven wie im negativen Sinn: Viele arbeiteten weniger, was das Risiko von stressbedingten Erkrankungen und Arbeitsunf\u00e4llen reduziert haben d\u00fcrfte, daf\u00fcr sch\u00e4tze ich mal, dass, einhergehend mit Existenz\u00e4ngsten aufgrund von gesunkenem oder wegfallendem Einkommen, Depressionserkrankungen an H\u00e4ufigkeit zugenommen haben k\u00f6nnten. Wobei: soziophobe Depressionen k\u00f6nnten dann auch wieder weniger aufgetreten sein in Lockdown-Zeiten. Ist also alles nicht so ganz einfach &#8230;<\/p>\n<p><strong>Vergleich mit Schweden<\/strong><\/p>\n<p>Da Schweden sich f\u00fcr einen komplett anderen Weg im Umgang mit der Corona-Pandemie entschlossen hat, wird hier immer wieder gern der Vergleich der \u00dcbersterblichkeit bem\u00fcht. Wenn ich mir nun die oben genannten Beispiele vornehme, dann sehe ich aber einige gravierende Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland: Als weniger verst\u00e4dtertes Land d\u00fcrfte Schweden deutlich weniger Menschen haben, die aufgrund von Luftverschmutzung sterben, multiresistente Keime sind im schwedischen Gesundheitssystem kein Thema, und auch die Verkehrsdichte ist in dem eher l\u00e4ndlich strukturierten Schweden bei Weitem nicht so hoch wie in Deutschland, sodass die Zahl der Verkehrstoten dort auch deutlich niedriger ist als bei uns.<\/p>\n<p>Die oben geschilderten &#8222;positiven&#8220; Effekte auf die Sterblichkeit aufgrund der Ma\u00dfnahmen gegen die Corona-Ausbreitung d\u00fcrften somit in Schweden deutlich weniger zum Tragen kommen als in Deutschland. Was einen Vergleich der \u00dcbersterblichkeit in beiden L\u00e4ndern schon mal unpr\u00e4zise macht.<\/p>\n<p>Ich hab da jetzt auch keine genauen Zahlen f\u00fcr diese einzelnen Bereiche parat, und die sind so ohne Weiteres auch nicht mal eben im Internet zu finde, allerdings frage ich mich schon, warum generell noch niemand auf die Idee gekommen ist, diese Einflussfaktoren auf die \u00dcbersterblichkeit zumindest zu erw\u00e4gen. Das w\u00e4re doch eigentlich eine Aufgabe von Journalisten. Oder ist die &#8222;Schere im Kopf&#8220; da mittlerweile schon so verankert, dass man sich lieber nicht damit besch\u00e4ftigen m\u00f6chte, einen solchen zurzeit oft offiziell bem\u00fchten Begriff zu hinterfragen, da man sonst ja mit Schwurbelkumpanen \u00e0 la Ken Jebsen in einen Topf geschmissen werden k\u00f6nnte? Das w\u00e4re dann allerdings ausgesprochen bedenklich &#8211; und w\u00fcrde zudem best\u00e4tigen, was ich neulich schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20480\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> \u00fcber die Verbreiter von abstrusen Verschw\u00f6rungsmythen und deren N\u00fctzlichkeit f\u00fcr die Diskreditierung von kritischen Stimmen schrieb.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Solange nicht die Vorgehensweise bei den Tests vereinheitlicht wurde und Faktoren ber\u00fccksichtigt werden, welche die Sterblichkeit aufgrund von Lockdown-Ma\u00dfnahmen und anderen \u00c4nderungen der Lebensumst\u00e4nde im Zuge der Pandemiebek\u00e4mpfung ver\u00e4ndern, kann es keinen aussagekr\u00e4ftigen Vergleich zwischen unterschiedlichen L\u00e4ndern geben bez\u00fcglich des Erfolges der Corona-Eind\u00e4mmungsstrategie.<\/p>\n<p>Allerdings ist die Erz\u00e4hlung, wie super die Bundesregierung das nun in der Corona-Krise alles gemacht hat, nat\u00fcrlich auch zu sch\u00f6n (und bedient zugleich noch den leider immer noch weit verbreiteten deutschen Chauvinismus, alles besser zu k\u00f6nnen als andere), als dass sie vielleicht durch solche \u00dcberlegungen gest\u00f6rt werden k\u00f6nnte &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Corona-Krise werden immer wieder Vergleiche zwischen verschiedenen Staaten angestellt: Wie viele Infizierte gibt es hier? 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