{"id":20887,"date":"2020-07-22T18:08:52","date_gmt":"2020-07-22T16:08:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20887"},"modified":"2020-07-22T18:08:52","modified_gmt":"2020-07-22T16:08:52","slug":"technik-fluch-und-segen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20887","title":{"rendered":"Technik: Fluch und Segen"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich las ich eine <a href=\"https:\/\/www.duh.de\/presse\/pressemitteilungen\/pressemitteilung\/deutsche-umwelthilfe-gewinnt-vor-dem-oberverwaltungsgericht-schleswig-zur-sauberen-luft-in-kiel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Meldung der Deutschen Umwelthilfe<\/a> (DUH), die in Kiel einen Prozess gegen die Landesregierung von Schleswig-Holstein gewonnen hat. Darin ging es um die Luftqualit\u00e4t, die in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt am Theodor-Heuss-Ring so mies war, dass dort die Stickoxid-Grenzwerte regelm\u00e4\u00dfig und seit Jahren \u00fcberschritten wurden. Dem sollte nun mit Luftreinigungsanlagen beigekommen werden &#8211; gro\u00dfen K\u00e4sten, die mittels Filtertechnik die Luftqualit\u00e4t verbessern sollten. Das Gericht stimmte der DUH zu, dass es sich dabei wohl eher um unerprobten Mumpitz als um eine tats\u00e4chlich effektive Ma\u00dfnahme f\u00fcr bessere Luft handeln d\u00fcrfte. So weit, so gut. Dar\u00fcber hinaus zeigt dieses Beispiel allerdings auch noch, was f\u00fcr eine mitunter groteske und wenig zielf\u00fchrenden Technikgl\u00e4ubigkeit heutzutage besteht.<\/p>\n<p>In Kiel gibt es also ein Problem, das aufgrund von zu hohem Ressourcenverbrauch besteht, der dort lokal zu gesundheitssch\u00e4dlicher Verunreinigung der Luft f\u00fchrt. Und wie will man diesem Problem nun beikommen? Indem gro\u00dfe technische Kisten aufgestellt werden &#8211; die wieder in der Herstellung und auch im Betrieb Ressourcen verbrauchen. Das ist schon ein wenig absurd, oder?<\/p>\n<p>Anstatt also eine wirkliche \u00c4nderung, die auch mit Verzicht einhergeht, in die Wege zu leiten, wird auf eine technische L\u00f6sung fokussiert, mit der man dann ja sch\u00f6n so weitermachen kann wie bisher &#8211; super bequem, die Technik regelt das schon. Leider ist dieses Denken sehr weit verbreitet und findet sich nicht nur bei der Landesregierung Schleswig-Holstein.<\/p>\n<p>Dabei kann Technik ja durchaus sehr sinnvoll sein, um die Natur zu sch\u00fctzen, wenn sie dazu f\u00fchrt, dass weniger Ressourcen verbraucht werden. Videokonferenzen sind beispielsweise deutlich umweltfreundlicher, als wenn Menschen weite Strecken zur\u00fccklegen m\u00fcssen, um sich pers\u00f6nlich zum Konferieren zu treffen. Und Lampen mit LEDs verbrauchen weniger Strom als solche mit anderen Gl\u00fchbirnen. Wobei dann auch schon wieder ber\u00fccksichtigt werden muss, wie es mit dem Ressourcenverbrauch bei der Herstellung aussieht. Und der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rebound-Effekt_(\u00d6konomie)\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rebound-Effekt<\/a> muss beachtet werden. Dieser besagt, dass eine Sache umso mehr benutzt wird, je sparsamer sie ist &#8211; was dann unter Umst\u00e4nden doch wieder zu einem erh\u00f6hten Energieverbrauch f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Und dann ist es ja nicht nur die Herstellung von neuen (energieeffizienteren) Produkten, die Ressourcen verbraucht, sondern auch deren Entwicklung. Ist also nicht so ganz einfach, mit neuer Technik tats\u00e4chlich einen niedrigeren Ressourcenverbrauch zu erreichen.<\/p>\n<p>Was noch hinzukommt: Technische Innovation steht oft einer wirklich fortschrittlichen Entwicklung im Wege, weil sie eben nur auf der technischen Ebene Neues denkt, aber dabei oft das gro\u00dfe Ganze nicht im Blick hat. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr sind E-Autos.<\/p>\n<p>Dass deren Herstellung deutlich mehr Ressourcen verschlingt als die von Autos mit Verbrennungsmotor, ist ja mittlerweile hinreichend bekannt, genauso wie die Tatsache, dass die eben keine null Emissionen im Betrieb produzieren, wenn sie mit Strom aus fossilen Quellen geladen werden. Was mir in dieser Diskussion oft fehlt, ist der Verweis darauf, dass auch E-Autos letztlich eben dem motorisierten Individualverkehr zuzurechnen sind. Und damit verursachen sie nicht nur Feinstaub \u00fcber Abrieb von Bremsen und Reifen, sondern verstopfen auch die Stra\u00dfen, verursachen Unf\u00e4lle und beanspruchen generell viel Platz in den St\u00e4dten. Und sind eben ein bis zwei Tonnen Material, was bewegt wird, um oft genug gerade mal einen Menschen mit nur geringem Gep\u00e4ck zu transportieren.<\/p>\n<p>Der motorisierte Individualverkehr ist meines Erachtens ein Auslaufmodell, von dem wir uns so schnell wie m\u00f6glich verabschieden sollten. Stattdessen w\u00e4ren mal wirklich progressive Verkehrsmodelle sinnvoll, bei denen Fahrr\u00e4der Priorit\u00e4t bekommen (gern auch mit Stadtrad-Konzepten) und die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel endlich mal dem tats\u00e4chlichen Bedarf nach g\u00fcnstiger (oder sogar kostenloser), zuverl\u00e4ssiger und flexibler Mobilit\u00e4t angepasst w\u00fcrden. Doch dar\u00fcber macht sich niemand Gedanken, solange die E-Autos die Diskussion dominieren, vielleicht sogar noch als von einer KI gesteuerte Variante. Was f\u00fcr ein technischer Aufwand da betrieben wird, anstatt dass technisch schon lange umsetzbare L\u00f6sungen vorangetrieben werden (die aber nat\u00fcrlich der Autoindustrie und damit auch den dieser h\u00f6rigen Politikern nicht schmecken w\u00fcrden).<\/p>\n<p>Apropos KI: Dirk hat ja neulich schon eine <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=20771\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Empfehlung f\u00fcr den Film &#8222;iHuman&#8220;<\/a> hier ver\u00f6ffentlicht, und da sieht man wirklich, welche absurden Bl\u00fcten technischer &#8222;Fortschritt&#8220; treiben kann, wenn doch die Entwickler tats\u00e4chlich davon sprechen, dass die Menschheit so &#8222;\u00fcberwunden&#8220; werden k\u00f6nnte. Geht&#8217;s noch? Sollte Technik nicht eigentlich dem Menschen dienlich sein? Na ja, das dachte ich ja von der Wirtschaft eigentlich auch &#8230;<\/p>\n<p>Und auch in dieses KI-Ged\u00f6ns flie\u00dfen erst mal wieder immense Ressourcen, die dann vielleicht mal irgendwann dazu f\u00fchren sollen, Ressourcen einzusparen &#8211; wenn es denn keinen Rebound-Effekt gibt (was eben zu erwarten ist).<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel f\u00fcr die Verselbstst\u00e4ndigung von Technik sind die uns\u00e4glichen E-Scooter. Da wird ein Berg Elektroschrott produziert f\u00fcr eine Fortbewegungsmethode, die zu 98 Prozent \u00fcberfl\u00fcssige Gaudi ist statt einer energieeffizienten Methode, um in St\u00e4dten schnell von A nach B zu kommen.<\/p>\n<p>Da wird Technik dann zum Selbstzweck: Es wird etwas entwickelt, weil es eben geht, ob das nun sinnvoll ist oder nicht, wird erst mal nicht gefragt. Und da erwarten nun ernsthaft viele Leute, dass auf diese Weise schon irgendwie unser derzeit gr\u00f6\u00dftes Problem, die drohende Klimakatastrophe, gel\u00f6st bzw. abgewendet werden kann?<\/p>\n<p>Technische Entwicklungen k\u00f6nnen zwar dabei helfen, aber sie ersetzen nicht den generellen Wandel, den unsere Lebensweise erfahren muss &#8211; und der vor allem auch darin besteht, weniger statt immer mehr zu produzieren und zu verbrauchen. Da dies nat\u00fcrlich dem Wachstumsdogma, das dem Kapitalismus immanent ist, widerspricht, ist diese Ansicht leider nicht sonderlich popul\u00e4r bei den Verfechtern und Profiteuren des aktuellen Systems &#8211; und insofern wird dann lieber auf die Technik als mitunter schon fast g\u00f6tzengleiches Allheilmittel verwiesen.<\/p>\n<p>Und in dem Fall stellt sich Technik dann wirklich mehr als Fluch denn als Segen heraus &#8211; zumindest wenn man das \u00dcberleben der Menschheit als Ma\u00dfstab nimmt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich las ich eine Meldung der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die in Kiel einen Prozess gegen die Landesregierung von Schleswig-Holstein gewonnen hat. Darin ging es um die Luftqualit\u00e4t, die in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt am Theodor-Heuss-Ring so mies war, dass dort die Stickoxid-Grenzwerte regelm\u00e4\u00dfig und seit Jahren \u00fcberschritten wurden. Dem sollte nun mit Luftreinigungsanlagen beigekommen werden &#8211; gro\u00dfen K\u00e4sten, die mittels Filtertechnik die Luftqualit\u00e4t verbessern sollten. Das Gericht stimmte der DUH zu, dass es sich dabei wohl eher um unerprobten Mumpitz als um eine tats\u00e4chlich effektive Ma\u00dfnahme f\u00fcr bessere Luft handeln d\u00fcrfte. So weit, so gut. 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