{"id":21580,"date":"2020-10-28T15:40:59","date_gmt":"2020-10-28T14:40:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=21580"},"modified":"2020-10-28T15:40:59","modified_gmt":"2020-10-28T14:40:59","slug":"die-neoliberalen-machen-mobil-gegen-mmt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=21580","title":{"rendered":"Die Neoliberalen machen mobil gegen MMT"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen schrieb ich ja schon mal einen kurzen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=21081&amp;trashed=1&amp;ids=924\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel<\/a> \u00fcber die Modern Money Theory (MMT), die zurzeit\u00a0immer mehr Eingang in den politischen Diskurs findet und auch im US-Wahlkampf thematisiert wird. Da diese Idee nun allem, wof\u00fcr die Neoliberalen sich stark machen, entgegensteht, machen diese gerade reichlich mobil dagegen, was sich beispielsweise in einem <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/ausland\/alternative-geldpolitik-mmt-oekonom-issing-warnt-vor-dem-hype-um-die-modern-monetary-theory\/26290998.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow ugc\">Interview mit Otmar Issing<\/a> in der <em>WirtschaftsWoche<\/em> zeigt.<\/p>\n<p>Dass dabei nicht erw\u00e4hnt wird, dass Issing nicht einfach nur ein \u00d6konom ist, sondern ein knallharter Ideologe mit Hayek-Hintergrund (was hier in einem <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=3521\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow ugc\">Artikel auf den <em>NachDenkSeiten<\/em><\/a> von 2008 dargestellt wird), ist das eine \u2013 dass dann aber das sogar unter dem Issing-Interview verlinkte (und damit Meinungspluralit\u00e4t suggerierende) <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/my\/politik\/konjunktur\/usa-die-hysterie-um-das-haushaltsdefizit-ist-vorbei\/26291086.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer nofollow ugc\">Interview mit US-\u00d6konomin Stephanie Kelton<\/a>, die MMT bef\u00fcrwortet, nur hinter der Bezahlschranke zu lesen ist, finde ich dann schon reichlich manipulativ von der <em>WirtschaftsWoche<\/em>.<\/p>\n<p>Und das ist dann auch gleich ein gutes Beispiel daf\u00fcr, wie man die \u00f6ffentliche Meinung beeinflussen kann: Das vonseiten der Redaktion Erw\u00fcnschte ist gratis zu lesen, f\u00fcrs Unerw\u00fcnschte muss man bezahlen (was wohl einen Gro\u00dfteil der <em>WiWo<\/em>-Leser davon abhalten d\u00fcrfte, sich damit zu befassen). Das ist sehr effektiv und bei Weitem nicht so auff\u00e4llig, als w\u00fcrden unliebsame Ansichten einfach nur komplett ignoriert.<\/p>\n<p>Dazu kommt noch, dass Issing nat\u00fcrlich (wie man es von einem neoliberal-marktradikalen Banker auch nicht anders erwarten kann) ausgesprochen populistisch &#8222;argumentiert&#8220; und nicht viel mehr zu bieten hat, als die \u00fcblichen Schlagworte rauszuhauen, ohne diese auch nur ansatzweise zu begr\u00fcnden: Inflation und Steuererh\u00f6hung. Und nicht nur er, sondern auch die Journalisten der <em>WiWo<\/em> wissen ganz genau, dass sie damit bei den Deutschen schnell und einfach Geh\u00f6r finden, denn selbst in Zeiten einer drohenden Deflation ist die Inflationsangst hier im Lande immer noch pr\u00e4sent und schnell anzufachen.<\/p>\n<p>Und so kann Issing unwidersprochen seine Parolen raushauen, ohne dass vonseiten des interviewenden Wirtschaftsjournalisten mal kritisch nachgefragt wird. Denn dazu h\u00e4tte es vielerlei Anlass gegeben, beispielsweise wenn Issing einen zwingenden Zusammenhang zwischen hohen \u00f6ffentlichen Ausgaben und Inflation herstellt. Da h\u00e4tte ich mir gew\u00fcnscht, dass er mal nach einem konkreten Beispiel gefragt worden w\u00e4re, wo sich diese Kausalit\u00e4t schon mal gezeigt hat. Oder auch wenn er einen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit behauptet, w\u00e4re ein Nachhaken angebracht gewesen. Aber nichts dergleichen &#8211; der Interviewer gef\u00e4llt sich anscheinend in seiner Rolle als Stichwortgeber f\u00fcr Plattit\u00fcden aus der neoliberalen Rhetorikhexenk\u00fcche.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens auf Issings Aussage, dass die Idee von MMT schon mal in den Vierzigerjahren aufgebracht worden sei, w\u00e4re der Hinweis ausgesprochen sinnvoll gewesen, dass zur damaligen Zeit allerdings noch ein komplett anderes Weltw\u00e4hrungssystem als heute geherrscht hat, sodass MMT mit Sicherheit auf anderen Pr\u00e4missen fu\u00dft als die Theorie von Abba P. Lerner &#8211; oder sich zumindest die Voraussetzungen f\u00fcr eine Umsetzbarkeit seitdem drastisch ge\u00e4ndert haben.<\/p>\n<p>Geradezu albern wird es dann, wenn Issing (auch wieder unwidersprochen) schwadroniert, dass ja mit dem dann vorhandenen Geld auch b\u00f6se Sachen gemacht werden k\u00f6nnten. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Laut Issing sollte der Staat keine Mittel f\u00fcr sinnvolle Ausgaben zur Verf\u00fcgung haben, da diese Gelder ja auch f\u00fcr wenig Sinnvolles oder gar Destruktives ausgegeben werden k\u00f6nnen. So meint er doch tats\u00e4chlich:<\/p>\n<blockquote><p>Ob die Anh\u00e4nger von MMT aber auch noch daf\u00fcr sind, wenn Trump die Wahl gewinnt und als Erstes die Mauer zu Mexiko mit dem freien Geld finanziert?<\/p><\/blockquote>\n<p>Mal abgesehen davon, dass so etwas zurzeit ja ohnehin schon der Fall ist (als Extrembeispiel seien hier mal die libyschen Warlords genannt, die mit EU-Geldern Konzentrationslager f\u00fcr Gefl\u00fcchtete bauen und betreiben, zudem geh\u00f6ren f\u00fcr mich R\u00fcstungsausgaben auch dazu), steht dahinter doch ein ausgesprochen fragw\u00fcrdiges Verst\u00e4ndnis vom Staat. Nat\u00fcrlich bestehen da immer Missbrauchsm\u00f6glichkeiten (und gerade die Neoliberalen zeigen ja t\u00e4glich, wie man \u00f6ffentliche Gelder verschleudern und veruntreuen kann), aber deswegen nun die Finanzierung von wirklich relevanten \u00f6ffentlichen Ausgaben einzustellen kann ja auch kaum sinnvoll sein.<\/p>\n<p>Das Schlusswort offenbart dann noch einmal die ganze Armseligkeit von Issings populistischem Gerede:<\/p>\n<blockquote><p>In Zeiten des politischen Chaos werden alle Regeln au\u00dfer Kraft gesetzt. Es herrscht der Notstand. Dazu passt dann auch der Vorschlag der MMT.<\/p><\/blockquote>\n<p>Klar, Chaos, Notstand &#8211; es ist ja nun nicht so, dass Issings geliebter Neoliberalismus die Welt zu einem besseren und sichereren Ort gemacht h\u00e4tte. Das ist so primitiv, dass ich mich f\u00fcr die Redaktion der <em>WiWo<\/em> fremdsch\u00e4me, die sich nicht entbl\u00f6det, so einen Mumpitz tats\u00e4chlich zu ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Dass der Neoliberalismus eine groteske Ideologie ist, die ihr Scheitern schon mehr als deutliche in der Realit\u00e4t unter Beweis gestellt hat, ist nichts ganz Neues mehr und sollte sp\u00e4testens seit 2008 jedem klar geworden sein. Dass dessen Apologeten dennoch in halsstarrig-psychopathischer Manier an ihren dummen Glaubenss\u00e4tzen festhalten, ist man auch schon gew\u00f6hnt. Dass allerdings Issings Niveau-Limbo nun in einer Wirtschaftspublikation unhinterfragt einfach so als \u00f6konomische Fachansicht pr\u00e4sentiert wird, zeigt, wie sehr die Medien Teil der Problemsuppe sind, die uns diese verkorkste Ideologie eingebrockt hat.<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re ein Diskurs \u00fcber neue \u00f6konomische Wege ausgesprochen wichtig. Leider sieht man, dass das in unserer aktuellen Medienlandschaft ausgesprochen schwierig, wenn nicht gar nahezu unm\u00f6glich sein d\u00fcrfte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen schrieb ich ja schon mal einen kurzen Artikel \u00fcber die Modern Money Theory (MMT), die zurzeit\u00a0immer mehr Eingang in den politischen Diskurs findet und auch im US-Wahlkampf thematisiert wird. Da diese Idee nun allem, wof\u00fcr die Neoliberalen sich stark machen, entgegensteht, machen diese gerade reichlich mobil dagegen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[67,51],"tags":[1039,166],"class_list":["post-21580","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medial-manipulatives","category-wirtschaftliches","tag-mmt","tag-neoliberalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21580","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=21580"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21580\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21587,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/21580\/revisions\/21587"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=21580"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=21580"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=21580"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}