{"id":2198,"date":"2014-12-23T09:58:26","date_gmt":"2014-12-23T07:58:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2198"},"modified":"2015-02-18T11:37:36","modified_gmt":"2015-02-18T10:37:36","slug":"eine-weihnachtsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2198","title":{"rendered":"Eine Weihnachtsgeschichte"},"content":{"rendered":"<p>Weihnachten ist ja auch immer ein wenig die Zeit der Besinnlichkeit, obwohl das in unserer konsumorientierten Gesellschaft zunehmend zu kurz kommt, man denke nur an scheu\u00dfliche Werbeslogans wie <em>Weihnachten wird unterm Baum entschieden<\/em>.\u00a0Das, was ich nun schildern m\u00f6chte, geht da in eine andere Richtung, die mehr mit dem eigentlichen Gedanken von Weihnachten zu tun hat, und ist mir tats\u00e4chlich so passiert &#8211; und war eines der sch\u00f6nsten Weihnachtserlebnisse, die ich je hatte.<\/p>\n<p>In den 90ern arbeitete ich neben dem Studium einige Jahre lang am Heiligabend als Weihnachtsmann f\u00fcr eine Agentur, die das professionell vermittelte. Als Student war das super, denn es gab daf\u00fcr sehr ordentliches Geld, zudem noch Trinkgelder, und Weihnachten mit der Familie zu Hause rumzusitzen stand zu der Zeit eh nicht so hoch im Kurs. Au\u00dferdem feierte man so mehrmals am Tag Weihnachten und war jeweils immer genau beim H\u00f6hepunkt der Feierlichkeiten, n\u00e4mlich der Bescherung, mittenmang. Ich hab das also echt gern gemacht.<\/p>\n<p>Wichtig war dabei, dass man am Tag vor Heiligabend immer schon mal die Tour, die aus etwa zehn bis zw\u00f6lf Auftritten bestand, abfuhr, um die Adressen zu kl\u00e4ren und eventuelle Fehler und Unstimmigkeiten ausfindig zu machen. Am Heiligabend im Dunkeln und als Weihnachtsmann kost\u00fcmiert das Suchen anzufangen h\u00e4tte den stringenten Zeitplan dann doch reichlich durcheinandergebracht. Jeder Weihnachtsmann bekam also in der Vorweihnachtszeit seine Tour, die Adressen waren in einem <em>goldenen Buch<\/em> (na ja, war eher ein Heftordner, der mit goldenem Glanzpapier bezogen war, aber das Ding hat bei den Auftritten seine Wirkung nie verfehlt, wenn der Weihnachtsmann dann darin rumbl\u00e4tterte) vermerkt, in dem auch ein paar Angaben zu den zu bescherenden Kindern standen, die dann immer ordentlich erstaunt waren, was der Weihnachtsmann alles \u00fcber sie wusste.<\/p>\n<p>In einem Jahr fuhr ich eine Tour in Hamburg. Ein Halt war in Steilshoop, was nicht gerade eine der besten Gegenden der Stadt ist, und beim Durchschauen der Angaben im\u00a0<em>goldenen Buch<\/em> hab ich mir gleich schon gedacht, dass dieser Auftritt dort nicht nach dem \u00fcblichen Schema ablaufen w\u00fcrde. Es hie\u00df n\u00e4mlich, dass ich mich bitte beim vorherigen Abfahren der Tour in einem Blumenladen melden m\u00f6ge, der in der N\u00e4he der Wohnungsadresse, wo die Bescherung stattfinden sollte, gelegen war.<\/p>\n<p>Am 23. 12. traf ich dann also in dem Blumenladen ein und stellte mich der Inhaberin vor: &#8222;Guten Tag, ich bin der Weihnachtsmann &#8230; also der von der Agentur, der morgen hier eine Bescherung machen soll!&#8220; Ich wurde freundlich empfangen, und die Dame erkl\u00e4rte mir die Besonderheit des Auftritts: Es gab in einem der Hochh\u00e4user in der N\u00e4he eine Aussiedlerfamilie, die wahrlich nicht viel Geld hatte. Die vier Kinder w\u00e4ren allerdings immer so fr\u00f6hlich und freundlich zu ihr, sodass sie die Familie dieses Jahr zu Weihnachten beschenken wollte. Da sie dabei aber anonym zu bleiben gedachte, musste eben jemand her, der die Geschenke \u00fcberbrachte &#8211; und da bietet sich ja schlie\u00dflich ein Weihnachtsmann an. &#8222;Der Sack mit den Geschenken steht dann morgen in einer kleinen Kammer neben dem Laden, die ich unverschlossen lasse, damit Sie da rankommen. Die Geschenke habe ich auch alle mit Namen versehen&#8220;, erkl\u00e4rte sie mir noch, dann verabschiedete ich mich wieder, ging sicherheitshalber noch einmal kurz zur Wohnung der Familie, bei der am n\u00e4chsten Tag der Weihnachtsmann kommen sollte (Klingelschildcheck &#8211; ganz wichtig!), und fuhr den Rest der Tour ab.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag kam ich am sp\u00e4teren Nachmittag wieder zur dem Blumenladen. So ein bisschen hatte ich auf dem Weg dorthin schon ein merkw\u00fcrdiges Gef\u00fchl im Bauch, denn schlie\u00dflich war das ja kein Standardauftritt, wie ich sie seit ein paar Jahren eigentlich immer recht routiniert und erfolgreich absolviert hatte. Da die Auftritte aber recht knapp getaktet waren (schlie\u00dflich hat man daf\u00fcr ja nur ein nicht allzu gro\u00dfes Zeitfenster: Der Weihnachtsmann kommt schlie\u00dflich noch nicht um 14 Uhr, und um 21 Uhr ist die Klientel dann ja auch schon im Bett &#8230;), ging ich einfach ran an die Sache: Das Auto wurde so geparkt, dass es von der Wohnung aus nicht zu sehen war (ist wichtig, Kinder schauen ja durchaus mal erwartungsvoll oder zum Winken beim Abschied aus dem Fenster, und der Weihnachtsmann kommt halt nicht in einem ollen Opel Kadett &#8211; so viel Professionalit\u00e4t muss schon sein), der Sack stand dort, wo er stehen sollte &#8211; also alles paletti.<\/p>\n<p>Es ist unglaublich, was einem so in ein, zwei Minuten &#8211; l\u00e4nger dauerte es nicht, um vom Blumenladen zur Wohnung der Familie zu kommen &#8211; durch den Kopf gehen kann: Was ist, wenn da nun gar keiner zu Hause ist? Oder wenn die denken, ich will sie verarschen? In jedem Fall kamen mir etliche Gedanken, warum die Nummer gleich richtig derbe in die Hose gehen k\u00f6nnte. Aber kneifen ging nicht, und schlie\u00dflich war ich ja ein routinierter und professionell auftretender Weihnachtsmann &#8230;<\/p>\n<p>Es kommt immer gut, wenn man direkt an der Haus- oder Wohnungst\u00fcr klopfen kann, denn das ist mehr Weihnachtsmannstyle, als einfach nur zu klingeln. Bl\u00f6derweise haut das bei Hochh\u00e4usern nicht so wirklich hin, also: ran an den Klingelknopf und warten, was passiert. Es dauerte einen Moment, dann ert\u00f6nte eine Kinderstimme in der Gegensprechanlage: &#8222;Ja &#8230;?&#8220; &#8211; &#8222;Ho, ho, ho, der Weihnachtsmann ist da!&#8220;, antwortete ich mit lauter und tief verstellter Stimme.\u00a0<em>Jetzt mach bitte die T\u00fcr auf, sonst steh ich hier echt schei\u00dfe bl\u00f6d rum &#8230;<\/em> sagte die Stimme in meinem Kopf, die dann doch um einiges zaghafter war als mein Weihnachtsmannorgan. Ein paar Sekunden vergingen, dann summte es. Geschafft! Drinnen war ich schon mal.<\/p>\n<p>Also das Treppenhaus hoch, die Familie wohnte im zweiten Stock. Nat\u00fcrlich nicht mit dem Lift, sondern \u00e4chzend, schnaufend und polternd \u00fcber die Stiegen. Klar, der Weihnachtsmann ist keine grazile Elfe, den h\u00f6rt man schon von Weitem antrapsen. Als ich dann vor die Wohnungst\u00fcr kam, blickte ich in die Augen eines etwa zw\u00f6lfj\u00e4hrigen Jungen, die schlagartig die Gr\u00f6\u00dfe von Teetassen annahmen: &#8222;Der &#8230; der &#8230; Weihnachtsmann &#8230;&#8220;, entfuhr es ihm, dann rief er in die Wohnung hinein: &#8222;Kommt mal her, der Weihnachtsmann ist da!&#8220; <em>Na, immerhin hat er die T\u00fcr nicht gleich wieder zugeknallt,<\/em> dachte ich mir, und dann erschien auch schon der Rest der Familie im Wohnungsflur: vier Kinder insgesamt, die Eltern und ein Hund. Alle so gar nicht festlich gekleidet, sondern teilweise nur im Unterhemd, und weder Weihnachtsmusik noch Kerzenglanz oder Bratenduft schlugen mir beim N\u00e4herkommen entgegen.<\/p>\n<p>&#8222;Fr\u00f6hliche Weihnachten! Der Weihnachtsmann ist da!&#8220;, posaunte ich durch den Hausflur und blickte dabei in reichlich perplexe Gesichter. &#8222;Und ich habe Euch auch etwas mitgebracht!&#8220; Dabei hob ich den Sack in meiner Rechten ein wenig an &#8211; als wenn man den nicht auch so gesehen h\u00e4tte, aber der Weihnachtsmann ist halt ein Freund ausladender Gesten. Die Familienmitglieder wussten wohl nicht so recht, wie ihnen geschah, und ich fragte mich einen kurzen Moment, ob der Hund vielleicht bissig sei, denn immerhin musste ich ja nun in sein Territorium eindringen. Dann ging man allerdings ein St\u00fcck zur\u00fcck in die Wohnung hinein, was ich als Aufforderung verstand, einzutreten. &#8222;Eine lange Fahrt vom Nordpol habe ich schon hinter mir, und ich habe geh\u00f6rt, dass hier sehr artige Kinder sind, sodass ich Geschenke f\u00fcr sie mitgebracht habe.&#8220; Damit stellte ich den gro\u00dfen Sack ab (nat\u00fcrlich nicht ohne unter der vermeintlichen Last zu \u00e4chzen) und machte mich gleich daran, das Band, dass ihn verschlossen hielt, zu \u00f6ffnen. Gedichte oder Lieder abzufragen, was sonst eigentlich zum \u00fcblichen Repertoire vor der Geschenkausgabe geh\u00f6rte, erschien mir hier nicht wirklich angebracht. Ein kleines M\u00e4dchen, etwa f\u00fcnf oder sechs Jahre alt, schaute mich an und fragte sch\u00fcchtern: &#8222;Bist Du der &#8230; Weihnachtsmann?&#8220; Ihr etwas \u00e4lterer Bruder stie\u00df sie mit dem Ellenbogen an: &#8222;Nat\u00fcrlich! Siehst Du das denn nicht? Wer soll das denn sonst sein?&#8220; &#8211; &#8222;Aber sicher bin ich der Weihnachtsmann&#8220;, best\u00e4tigte ich ihn, &#8222;und da heute der Heilige Abend ist, komme ich zu den Kindern \u00fcberall auf der Welt und bringe ihnen Geschenke. Wollen wir doch mal sehen, was ich hier habe &#8230;&#8220; Ich griff in den Sack, zog ein Paket heraus und las den Namen darauf laut vor. Der Junge, der mir die T\u00fcr ge\u00f6ffnet hatte, hob ein wenig sch\u00fcchtern seine Hand, so als w\u00fcrde er sich in der Schule melden. Ich l\u00e4chelte ihn an (soweit man das unter dem enormen wei\u00dfen Rauschebart \u00fcberhaupt sehen konnte), gab ihm das Paket und w\u00fcnschte ihm frohe Weihnachten.<\/p>\n<p>Er bedankte sich leise, stand dann zun\u00e4chst allerdings etwas ungl\u00e4ubig da und wusste irgendwie nicht so recht, was er damit anfangen sollte. Als ich dann jedoch f\u00fcr alle anderen Familienmitglieder (inklusive des Hundes, der eine Dose Chappi bekam) auch Geschenke aus dem Sack hervorholte, l\u00f6ste sich die Stimmung zusehends, die Pakete wurden ge\u00f6ffnet (recht behutsam, wenn ich das damit verglich, wie bei den meisten anderen Auftritten die Geschenke ihres schmucken Papiers entledigt wurden) und die darin enthaltenen Dinge bestaunt und den Geschwistern und Eltern pr\u00e4sentiert. Die Kinder wurden dann auch immer neugieriger: &#8222;Wie bist Du denn hergekommen, Weihnachtsmann?&#8220; &#8211; &#8222;Mit dem Schlitten nat\u00fcrlich, aber der steht weiter dort hinten auf dem Feld, der w\u00fcrde hier nicht in die Stra\u00dfen passen!&#8220; &#8222;Und wie alt bist Du, Weihnachtsmann?&#8220; &#8211; &#8222;Oh, schon uralt, deswegen hab ich ja auch so einen wei\u00dfen Bart.&#8220; Dann kam der Vater zu mir, seine Frau stand neben ihm mit Tr\u00e4nen in den Augen, reichte mir die Hand und fragte: &#8222;Von wem sind denn die Geschenke?&#8220; &#8211; &#8222;Na, vom Weihnachtsmann nat\u00fcrlich! Von wem denn sonst?&#8220;, rief ich aus, sch\u00fcttelte ihm kr\u00e4ftig die Hand und blinzelte ihm dabei zu.<\/p>\n<p>Dann war es Zeit zum Aufbruch, die n\u00e4chste Bescherung wartete schlie\u00dflich schon. Also nahm ich den Sack wieder auf, w\u00fcnschte allen noch mal fr\u00f6hliche Weihnachten und einen guten Rutsch ins bald beginnende neue Jahr. Dies wurde auch alles fr\u00f6hlich und laut erwidert, die ganze Wohnung summte vor Erregung. Auf der Treppe drehte ich mich noch mal um, schaute in lachende Gesichter und auf winkende H\u00e4nde und wusste in dem Moment: Hier gerade eben war ich wirklich und leibhaftig der Weihnachtsmann!<\/p>\n<p>In diesem Sinne w\u00fcnsche ich allen Lesern von <em>unterstr\u00f6mt<\/em> sch\u00f6ne und entspannte Weihnachtstage im Kreise ihrer Lieben!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten ist ja auch immer ein wenig die Zeit der Besinnlichkeit, obwohl das in unserer konsumorientierten Gesellschaft zunehmend zu kurz kommt, man denke nur an scheu\u00dfliche Werbeslogans wie &#8222;Weihnachten wird unterm Baum entschieden&#8220;. 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