{"id":22134,"date":"2021-01-21T09:56:10","date_gmt":"2021-01-21T08:56:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22134"},"modified":"2023-10-19T19:30:06","modified_gmt":"2023-10-19T17:30:06","slug":"beim-baecker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22134","title":{"rendered":"Beim B\u00e4cker"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche war meine Frau morgens beim B\u00e4cker, und da entspann sich ein interessantes Gespr\u00e4ch mit der Verk\u00e4uferin dort, die ein wenig von der Situation dieser B\u00e4ckerei erz\u00e4hlte. Meine Frau war n\u00e4mlich verwundert, dass sie von einer bestimmten Sorte Brot morgens um sieben Uhr schon das letzte Exemplar des Tages bekam.<\/p>\n<p>Nun sind B\u00e4ckereien ja nicht unbedingt die Betriebe, die einem als Erstes einfallen, wenn man \u00fcber die Einschr\u00e4nkungen des Corona-Lockdowns nachdenkt. Immerhin d\u00fcrfen die als Teil des Lebensmittelhandels ja nach wie vor offen haben im Gegensatz zu vielen anderen Einzelh\u00e4ndlern und Dienstleistern. Aber dennoch sieht es offenbar auch bei vielen B\u00e4ckereien gerade nicht so richtig rosig aus.<\/p>\n<p>Und das hat mehrere Gr\u00fcnde. Nat\u00fcrlich kaufen die Menschen nach wie vor Brot, nur da eben viele mittlerweile aufgrund der Lockdown-Ma\u00dfnahmen, weil sie deswegen in geringerem Ma\u00dfe oder \u00fcberhaupt nicht mehr arbeiten k\u00f6nnen, weniger Geld zur Verf\u00fcgung haben, muss dann eben am Essen gespart werden. Und dann wird das Brot eben nicht beim B\u00e4cker gekauft, sondern stattdessen beim Discounter &#8211; die gro\u00dfen Lebensmittelkonzerne freut das, die kleinen B\u00e4ckereien eher nicht.<\/p>\n<p>Dann sind B\u00e4cker auch nicht nur Verkaufsgesch\u00e4fte, sondern auch Dienstleister. Heutzutage haben die meisten B\u00e4ckereien ja nicht nur eine Verkaufstheke, sondern auch Sitzpl\u00e4tze, man kann dort seinen Kuchen essen und auch gleich eine Tasse Kaffee dazubekommen. Das geht nun nat\u00fcrlich wegen des Lockdowns auch nicht mehr &#8211; eine weitere Einnahmequelle, die wegf\u00e4llt, zudem auch noch eine mit einer guten Marge. Dass Gastronomiebetriebe vor allem an den Getr\u00e4nken gut verdienen, ist ja keine ganz neue Erkenntnis.<\/p>\n<p>Was noch hinzukommt: In der Innenstadt ist generell lockdownbedingt wesentlich weniger los. Die meisten Gesch\u00e4fte haben geschlossen, also fallen deren Kunden schon mal weg als potenzielle Backwarenk\u00e4ufer, und auch Sch\u00fcler, die sich sonst immer mal vor oder nach dem Unterricht eine Laugenstange oder ein s\u00fc\u00dfes Geb\u00e4ck gekauft haben, kommen zurzeit nicht mehr in die B\u00e4ckerei, da sie eben nicht mehr zur Schule gehen.<\/p>\n<p>Und das alles macht sich dann in Summe schon massiv bemerkbar. Und die Frage ist, ob der vorherige lukrative Zustand so einfach wieder in Gang gebracht werden kann, wenn denn dieser Lockdown vorbei und die Pandemie dank Impfungen unter Kontrolle ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr die USA hat der \u00d6konom James K. Galbraith diese Problematik in einem <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2020\/november\/mehr-new-deal-wagen-joe-biden-und-die-gefahr-des-alten-denkens\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Artikel in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em><\/a> (leider zurzeit nur gegen Bezahlung lesbar &#8211; lohnt sich aber definitiv) geschildert. Viele Anbieter von Waren, aber vor allem auch Dienstleistungen existieren n\u00e4mlich vor allem deshalb, weil wir als Volkswirtschaft generell in einem ziemlichen \u00dcberfluss leben. Kosmetik- und Tattoo-Studios, Friseure, Gastronomie, Fitnessstudios, viele Gesch\u00e4fte, die elektronische &#8222;Spielereien&#8220; verkaufen &#8211; das brauchen wir alles nicht wirklich zum \u00dcberleben, sondern es ist ein Luxus, an den wir uns allerdings ziemlich gew\u00f6hnt haben.<\/p>\n<p>Mir hat beispielsweise als Kind noch meine Oma die Haare geschnitten (bis ich dann etwas \u00e4lter war und darauf keinen Bock mehr hatte), essen gegangen sind wir als Familie nur sehr selten, es war auch nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass wir Kinder dauernd irgendwas zum Naschen gekauft bekamen, und Nagel- oder Tattoo-Studios gab es vielleicht ein paar in St. Pauli, aber eben nicht in jeder Kleinstadt oder gar auf dem Land. Diese Liste lie\u00dfe sich noch beliebig fortsetzen, aber ich denke, dass klar ist, worauf ich hinauswill, oder?<\/p>\n<p>Die Menschen, die in diesem Bereich der &#8222;Luxus-&#8222;Betriebe arbeiten, sind dort allerdings nicht nur angestellt, sondern gehen selbst auch wiederum zum Friseur, ins Fitnessstudio, zum Kosmetikstudio, ins Restaurant, ins Kino usw. Dazu werden viele von ihnen nur auch nach dem Ende des Lockdowns nicht unbedingt wieder in der Lage sein, da ihre Arbeitgeber dicht gemacht oder Personal eingespart haben, weil ihnen die Eink\u00fcnfte weggebrochen sind. Und wer keine Arbeit hat, nimmt eben weniger Dienstleistungen von anderen in Anspruch. Was auch f\u00fcr Menschen gilt, die verunsichert sind, zwar noch einen Job haben, aber dennoch aufgrund einer schlechten wirtschaftlichen Lage um ihren Arbeitsplatz f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Genauso ist es auch mit den B\u00e4ckereien wie derjenigen, in der meine Frau war, denn auch bei B\u00e4ckern basiert vieles auf &#8222;Luxus&#8220;, den sich Menschen eben sparen, wenn sie mit weniger Geld \u00fcber die Runden kommen m\u00fcssen. Die Folge: weniger Ums\u00e4tze, weniger Personal, eventuell sogar Gesch\u00e4ftsaufgabe, sodass die dort Angestellten auch weniger Geld ausgeben k\u00f6nnen &#8211; und schon befinden wir uns in einer ziemlich h\u00e4sslichen Abw\u00e4rtsspirale.<\/p>\n<p>Das ist eben auch der Hauptunterschied von einer Dienstleistungsgesellschaft zu einer Produktionsgesellschaft, wie Galbraith ja auch darlegt: In Letzterer f\u00e4llt es leichter, die Wirtschaft wieder anzukurbeln, indem man durch Geld positive Impulse schafft. Ich f\u00fcrchte nur, dass unsere Regierungspolitiker, die ja \u00fcberwiegend ohnehin ihren \u00fcberkommenen neoliberalen \u00f6konomischen Vorstellungen anh\u00e4ngen, die sich schon im letzten Jahrtausend, sp\u00e4testens jedoch seit der Finanzkrise 2008 als falsch erwiesen haben, dann auch nur mit \u00fcberkommenen wirtschaftspolitischen Ma\u00dfnahmen auf die herannahende Rezession reagieren werden, die eben nicht zu einer Dienstleistungs\u00f6konomie passen.<\/p>\n<p>Und speziell im Kulturbereich wird es dann noch andere spezifische Schwierigkeiten geben, den Betrieb wieder zum Laufen zu bringen. Klar, Museen und auch Kinos k\u00f6nnen relativ einfach so wieder aufmachen, aber Konzerte beispielsweise sind mit einem gewissen Vorlauf verbunden: Die K\u00fcnstler m\u00fcssen gebucht werden, es muss ein Vorverkauf stattfinden, es m\u00fcssen unter Umst\u00e4nden ganze Tourneen geplant werden &#8211; und das dann alles mit der Ungewissheit, ob denn in einigen Monaten, wenn das stattfinden soll, \u00fcberhaupt solche Veranstaltungen m\u00f6glich sein werden oder doch wieder alles abgesagt werden muss. F\u00fcrs Theater sieht es nicht viel anders aus, denn so ein St\u00fcck bringt sich ja nicht mal eben von jetzt auf gleich auf die B\u00fchne, sondern es bedarf dazu zahlreicher Vorbereitungen. Und daran h\u00e4ngen \u00fcbrigens nicht nur die K\u00fcnstler und Veranstalter, sondern auch zahlreiche andere Branchen: Gastronomie, wo die Konzert- oder Theaterbesucher vor oder nach der Veranstaltung einkehren, Hotels, in denen \u00dcbernachtungen gebucht werden, Taxifahrer, welche die Menschen zu den Veranstaltungen fahren, und nat\u00fcrlich Kost\u00fcmbildner, Schneider, B\u00fchnentechniker, Visagisten bis hin zu Grafikern und Druckereien f\u00fcr Ank\u00fcndigungsplakate &#8211; die Liste lie\u00dfe sich hier noch reichlich lang fortf\u00fchren.<\/p>\n<p>Was noch versch\u00e4rfend hinzukommt: Durch die coronabedingte Aussetzung der Insolvenzmeldepflicht seit letztem M\u00e4rz wird, sobald diese wieder einsetzt, eine ziemlich gro\u00dfe Insolvenzwelle auf uns zukommen. Das betrifft dann vor allem nicht nur Betriebe, die jetzt wegen der Pandemie gro\u00dfe Einbu\u00dfen hinnehmen mussten, sondern auch solche Unternehmen, die im Grunde finanziell noch gut aufgestellt sind, aber eigentlich schon insolventen Firmen zugearbeitet haben, sei es nun in Form von Dienstleistungen oder Warenlieferungen, und nun ihre Rechnungen nicht mehr bezahlt bekommen. Der Sinn einer Insolvenzmeldepflicht ist n\u00e4mlich vor allem eine Schutzfunktion, die genau so etwas verhindern soll.<\/p>\n<p>Dann d\u00fcrfte auch dem Letzten klar werden, dass wir eine richtig fiese Wirtschaftskrise haben, wenngleich sich einige weniger ja bisher pr\u00e4chtig im Zuge der Pandemie bereichert haben. Aber das sind nun mal auch nicht diejenigen, die unsere Wirtschaft in der Breite tragen, tats\u00e4chliche Wertsch\u00f6pfung erwirtschaften, f\u00fcr viele Arbeitspl\u00e4tze sorgen &#8211; und nat\u00fcrlich auch Steuern zahlen.<\/p>\n<p>Das d\u00fcrfte also noch reichlich ungem\u00fctlich werden, selbst wenn die Corona-Pandemie dann unter Kontrolle sein sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche war meine Frau morgens beim B\u00e4cker, und da entspann sich ein interessantes Gespr\u00e4ch mit der Verk\u00e4uferin dort, die ein wenig von der Situation dieser B\u00e4ckerei erz\u00e4hlte. 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