{"id":22605,"date":"2021-03-23T16:41:49","date_gmt":"2021-03-23T15:41:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22605"},"modified":"2021-03-23T16:41:49","modified_gmt":"2021-03-23T15:41:49","slug":"sachlich-saechlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22605","title":{"rendered":"Sachlich s\u00e4chlich"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber Identit\u00e4tspolitik und auch das damit verbundene Gendern von Texten habe ich ja vorletzte Woche schon mal einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22116\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> geschrieben. Nachdem ich nun gerade f\u00fcr einen Kunden ein gr\u00f6\u00dferes Textdokument bearbeitet habe (ich bin freiberuflicher Lektor), in dem auch gendergerecht geschrieben werden sollte, ist mir eine Idee gekommen: Warum werden nicht einfach alle Substantive s\u00e4chlich gemacht?<\/p>\n<p>Ich finde n\u00e4mlich, dass Texte mit gendergerechter Schreibweise nicht gerade besser lesbar werden. Das kann zum einen die Verst\u00e4ndlichkeit beeintr\u00e4chtigen, zum anderen sogar dazu f\u00fchren, dass \u00fcberhaupt nicht mehr weitergelesen wird.<\/p>\n<p>Andererseits dr\u00fcckt sich nat\u00fcrlich auch die patriarchalische Grundhaltung unserer Gesellschaft, die nach wie vor besteht (auch wenn immer mehr Maskulinisten das absurderweise anders sehen &#8211; s. dazu einen lesenswerten <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2021\/maerz\/gekraenkt-und-militant-der-angriff-der-maskulinisten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel von Susanne Kaiser<\/a> in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em>), in der Sprache aus. Und dieses Patriarchat finde ich nat\u00fcrlich auch nicht eben besonders toll. Insofern kann ich das feministische Grundanliegen einer &#8222;Entm\u00e4nnlichung&#8220; der Sprache schon auch nachvollziehen.<\/p>\n<p>Was spr\u00e4che nun also eigentlich dagegen, einfach alle Substantive s\u00e4chlich zu machen?<\/p>\n<p>Klar, das w\u00e4re erst mal etwas ungewohnt, wenn man <strong>das Arzt<\/strong> aufsucht, <strong>das Flasche Wein<\/strong> aufmacht oder <strong>das Katze<\/strong>\u00a0streichelt.<\/p>\n<p>Wenn ich mir allerdings anschaue, wie dann doch der eine oder andere Satz im Vergleich zum bisherigen Gendern auss\u00e4he, dann w\u00e4re das f\u00fcr mich schon eine ziemliche Verbesserung in puncto Lesbar- und Verst\u00e4ndlichkeit.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Jede*r Teilnehmer*in kann jeder\/jedem anderen Teilnehmer*in etwas geben, was sie\/er f\u00fcr sie\/ihn als angebracht erachtet.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p><strong>&#8222;Jedes Teilnehmer kann jedem anderen Teilnehmer etwas geben, was es f\u00fcr ihn als angebracht erachtet.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Also, allein schon beim Schreiben ging das mit dem zweiten Satz eben gerade deutlich flinker von der Hand. Und ich finde, dass es sich auch um einiges kommoder liest.<\/p>\n<p>Nun kann man nat\u00fcrlich einwenden, dass die s\u00e4chliche Form schon oft der m\u00e4nnlichen recht \u00e4hnlich ist. Andererseits f\u00e4llt dadurch eben auch weg, dass weibliche Formen quasi erst mit einem Anh\u00e4ngsel von der m\u00e4nnlichen Form gebildet werden m\u00fcssen &#8211; was ich durchaus auch schon \u00f6fter als feministischen Kritikpunkt an der Sprache geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00fcrden BILD und andere dem Patriarchat verpflichtete Medien erst mal Zeter und Mordio schreien, vermutlich den Verfall der Kultur herbeifantasieren und damit auch eine Menge Leute auf ihre Seite ziehen k\u00f6nnen. Andererseits: Das ist ja zurzeit eh schon der Fall beim aktuellen Gendern von Texten. Also kein wirklicher Unterschied.<\/p>\n<p>Zumal die Hardcore-Maskulinisten, die Susanne Kaiser in dem oben verlinkten Artikel beschreibt, sich eh nicht von ihrer Denke abbringen lassen, die ja auf wenig Realit\u00e4t und vielen Kastrations\u00e4ngsten zu basieren scheint. Also m\u00fcsste man deren Gekeife einfach mal ertragen &#8211; denn die keifen ja eh schon die ganze Zeit. Also auch kein wirklicher Unterschied.<\/p>\n<p>Und ich glaube, dass nach einer gar nicht mal so langen Zeit sich die Deutschen einfach an s\u00e4chliche Hauptworte gew\u00f6hnen w\u00fcrden. Sprache ist ja eh in einem dauernden Wandel, das bemerke ich ja schon berufsbedingt bei jeder neuen Ausgabe des Duden, und so w\u00fcrde auch diese Vereinheitlichung der Substantivgeschlechter aller Wahrscheinlichkeit nach schon bald f\u00fcr die meisten selbstverst\u00e4ndlich sein.<\/p>\n<p>Denn auch wenn das f\u00fcr uns Deutsche nun zun\u00e4chst mal recht schr\u00e4g klingen mag: F\u00fcr alle Menschen in englischsprachigen L\u00e4ndern ist das eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit, dort gibt es nur &#8222;the&#8220;.<\/p>\n<p>Jetzt kann man sich nat\u00fcrlich noch die Frage stellen, ob denn beispielsweise in Gro\u00dfbritannien oder den USA auch keine patriarchalen Strukturen bestehen, da ja dort quasi schon immer gendergerecht gesprochen und geschrieben wird. Wenn das n\u00e4mlich so w\u00e4re, dann scheint ja die Sprache zumindest nicht der wesentliche Faktor zu sein, um solche Strukturen aufrechtzuerhalten, sondern diese w\u00fcrden auf ganz anderen Dingen basieren. Und die k\u00f6nnte man dann auch endlich mal angehen, ohne sich dabei andauernd mit * und \/ zu verzetteln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber Identit\u00e4tspolitik und auch das damit verbundene Gendern von Texten habe ich ja vorletzte Woche schon mal einen Artikel geschrieben. 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