{"id":22685,"date":"2021-04-06T08:50:58","date_gmt":"2021-04-06T06:50:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22685"},"modified":"2021-04-06T20:05:21","modified_gmt":"2021-04-06T18:05:21","slug":"buchtipp-jaeger-hirten-kritiker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22685","title":{"rendered":"Buchtipp: J\u00e4ger, Hirten, Kritiker"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Philosoph Richard David Precht geh\u00f6rt aus meiner Sicht zu den geistig bestsortierten Personen, wenn es um die Gesellschaft und deren Motivationen geht. Das merkt man vor allem in Diskussionsrunden, wenn Politiker*innen lieber auch mal den Mund halten, weil sie sonst ganz fix ohne Rock oder Hosen dastehen. Genauso kompetent sind Prechts Schreibstil und seine Analysen unserer Arbeitswelt in seinem 2018 erschienen Buch \u201eJ\u00e4ger, Hirten, Kritiker\u201c, in dem er auf unserem Umgang mit der &#8222;Industriellen Revolution 4.0&#8220; ins Gericht geht.<\/strong><\/p>\n<p>Immer mehr Jobs werden durch Maschinen bew\u00e4ltigt, ob in der Fabrik am Flie\u00dfband oder durch intelligente Sprachsteuerung in der Telefonhotline, ob durch Ernteroboter in der Landwirtschaft oder selbstfahrende Taxen, Bahnen und Busse. Wie gut sind wir auf eine Umstellung vorbereitet, in der ein Gro\u00dfteil der Menschen keine erwerbst\u00e4tige Arbeit mehr verrichten muss oder kann? Gleichzeitig sinkt der Preis f\u00fcr Konsumg\u00fcter, die nahezu ohne menschliches Zutun hergestellt werden. Gewinner bleiben die Big Player, die eine Umstellung auf maschinelle Herstellung finanziell leicht bewerkstelligen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So finde ich die Idee begr\u00fc\u00dfenswert, soziale Netzwerke, Suchmaschinen, Sprachassistenten und Internet der Dinge in die Hand der Allgemeinheit zu \u00fcbergeben, damit die Kontrolle \u00fcber die Daten nicht mehr den skrupellosen Weltkonzernen zuf\u00e4llt. Wie Marx bereits 1858 forderte, sollten Wissen und Kommunikation nicht Mittel des Kapitals sein. Und da immer mehr Arbeit durch Maschinen erledigt wird, muss eine andere M\u00f6glichkeit der Bezahlung oder des Einkommens gefunden werden. \u201eViel Zeit zu haben ist sch\u00f6n &#8211; aber nur, wenn man eigentlich was zu tun h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p>Hier liefert der Autor, nach einer ausgiebigen Zustandsanalyse und Dystopie, viele Ans\u00e4tze und konkrete L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge, wie eine Zukunft aussehen kann, die uns bevorsteht (sofern uns die menschgemachte Klimakatastrophe nicht vorher in ungeahntem Ausma\u00df um die Ohren fliegt). Treffend stellt er fest: \u201eGerade die bunte Vielfalt des biologisch Verzichtbaren macht Menschen zu Menschen\u201c, und deshalb ist eine Optimierung zu einem durchgetakteten und -organisierten Leben eine Vorstellung, die meiner Meinung nach nur Technik-Nerds mit Smartlife-Optimierung oder religi\u00f6se Fanatiker mit Selbstoptimierungs-Tick haben sollten.<\/p>\n<p>Vorhersagen, in welche technischen Fallen wir laufen werden, das kann niemand mit Gewissheit. Aber die in diesem Buch dargestellten Prognosen und Utopien bieten auf jeden Fall ein breites Spektrum an eigenen Denkans\u00e4tzen. Deshalb sollten wir und das Selbstdenken auch nicht von smarten Telefonen oder Sprachassistenten abnehmen lassen. Oder wie ein Zitat eines niederl\u00e4ndischen Verkehrsplaners: \u201eWenn man die Leute st\u00e4ndig anleitet und behandelt wie Idioten, dann benehmen sie sich auch wie Idioten!\u201c<\/p>\n<p><strong>\u201eJ\u00e4ger, Hirten, Kritiker &#8211; Eine Utopie f\u00fcr die digitale Gesellschaft\u201c<\/strong><br \/>\nIm Goldmann Verlag 2018 erschienen, 288 Seiten<br \/>\nISBN 978-3-442-31501-7<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Philosoph Richard David Precht geh\u00f6rt aus meiner Sicht zu den geistig bestsortierten Personen, wenn es um die Gesellschaft und deren Motivationen geht. Das merkt man vor allem in Diskussionsrunden, wenn Politiker*innen lieber auch mal den Mund halten, weil sie sonst ganz fix ohne Rock oder Hosen dastehen. 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