{"id":22688,"date":"2021-04-21T11:23:50","date_gmt":"2021-04-21T09:23:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22688"},"modified":"2021-04-21T19:24:04","modified_gmt":"2021-04-21T17:24:04","slug":"prinzip-des-gegenteils","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22688","title":{"rendered":"Prinzip des Gegenteils"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt f\u00fcr uns Menschen doch nichts, was wir lieber tun, als das, was wir gut beherrschen. Ganz gleich worum es geht, je besser ich etwas kann, desto eher w\u00e4hle ich diesen Weg, und zwar aus dem ewig gleichen Prinzip: Es verbraucht weniger Energie, wenn ich es so mache, wie ich es kenne und beherrsche. Daran ist nichts Verwerfliches, nichts Obsz\u00f6nes &#8230; aber eben auch nichts Ruhmreiches und erst recht nichts, woran ich und andere im gleichen Ma\u00dfe wachsen k\u00f6nnen wie vom genauen Gegenteil!<\/p>\n<p>Einfaches Beispiel: zuzuh\u00f6ren, anstatt zu reden. Es gibt so viele Menschen, die erz\u00e4hlen lieber sechsmal das Gleiche oder Dinge, die sie eigentlich nicht erz\u00e4hlen sollten, anstatt einfach mal zu zu h\u00f6ren, was andere zu sagen haben. Und anders herum ebenso: Menschen, die passiv und introvertiert sind, haben sich nicht selten die Zeit genommen, \u00fcber Dinge nachzudenken, und teilen ihre Gedanken dann leider nicht mit anderen Menschen. Ein chinesisches Sprichwort sagt: Wenn Du es eilig hast, gehe langsam.<\/p>\n<p>Das bedeutet nat\u00fcrlich nicht, dass man unsinnige Dinge tut: Das Auto zum 500 Meter entfernten Laden nehmen, weil man eigentlich sonst immer mit dem Rad f\u00e4hrt. Oder, ganz im Sinne der Retroindianer, sich mit Sand waschen und mit Wasser abtrocknen (und r\u00fcckw\u00e4rts auf dem Pferd reiten). Es geht nicht um eine Ideologie, sondern um die Erweiterung des eigenen und anderer Leute Horizonts. Es geht darum, nicht immer den bequemen Weg zu gehen, sondern den steinigen oder unbekannten Weg. Nur durch den Wissens- und Forscherdrang sind wir in der Lage, unseren Geist zu erweitern und Dinge aus einer anderen als der gewohnten Perspektive zu sehen.<\/p>\n<p>Im pers\u00f6nlichen Diskurs kann die Gegenposition ebenfalls sehr anregend sein, sofern es um die Erweiterung der Perspektive geht. Wenn ich also z. B. sage, dass Mr. X etwas nur tut, um mich zu nerven, dann kann es ganz sinnvoll sein, die Sache auch mal aus der Sichtweise von Mr. X zu sehen. Das ist ein (mehr oder weniger beliebtes) Spiel bei mir und meiner Frau: Wenn einer von uns die Intention einer anderen Person spekuliert, dann z\u00e4hlt der andere weitere M\u00f6glichkeiten auf, und so wird oft klarer, wie viel meines eigenen Denkens ich auf meine Umwelt projiziere.<\/p>\n<p>Das Prinzip des Gegenteils findet leider im politischen Diskurs reflexartig statt: Es wird das genaue Gegenteil von dem behauptet, was die (regierende) Partei tut oder sagt. Die gegenteilige Meinung kann ja durchaus auch im Sinne des Betrachters sein, ist aber aus meiner Erfahrung bei eigentlich unpolitischen Parteien wie der AfD einfach nichts anderes als plumpes Gegenanst\u00e4nkern (also deutlich mehr Opportunismus als Opposition). Das hat immer etwas Spalterisches, und das dahinterliegende Prinzip kennen wir bereits seit Jahrtausenden: \u201eteile und herrsche\u201c (\u201edivide et impera\u201c). Ein einfaches Mittel, die gesellschaftlichen Gruppen f\u00fcr sich zu gewinnen, die nicht opportun mit der Regierung sind.<\/p>\n<p>Gerade w\u00e4hrend der Corona-Pandemie ist es sehr einfach geworden, die herrschenden Strukturen und Ma\u00dfnahmen permanent als falsch darzustellen. Erstens kann man ja immer behaupten, dass ein anderer Umgang f\u00fcr den Verlauf der Pandemie besser gewesen w\u00e4re (entweder v\u00f6llig ohne Grundlage oder mit einem beliebigen, oft nicht wirklich vergleichbaren Beispiel aus dem Ausland), und zweitens ist man \u201ehinterher auch immer schlauer\u201c, und da stellen sich nat\u00fcrlich auch Ma\u00dfnahmen als unwirksam heraus. Das soll nun absolut nicht hei\u00dfen, dass es nicht wirklich berechtigte Kritik an den Ma\u00dfnahmen unserer Regierung gibt! Aber aus jeder Kritik gleich ein Kampfargument gegen die Regierung zu schmieden empfinde ich pers\u00f6nlich als spalterisch, oft nicht ausreichend reflektiert und selten konstruktiv. Wie z. B. beim Umgang mit der Bestellung des Impfstoffes: Entweder kritisiere ich, dass die Regierung von Anfang an zu wenig Impfstoff bestellt hat, oder ich schimpfe \u00fcber zu gro\u00dfe Bestellungen, weil ja die \u00e4rmeren L\u00e4nder auch Impfstoff erhalten sollen. Man kann es nicht \u201erichtig\u201c machen, und anstatt das klar zu verbalisieren, wird das jeweils passende Argument als Kampfargument angef\u00fchrt (wobei ich denke, dass eine global gerechte Verteilung \u201erichtiger\u201c ist, aber politisch unattraktiver).<\/p>\n<p>Zum Schluss noch eine\u00a0Frage: Ist das Gegenteil von &#8222;schwarz&#8220; eher &#8222;wei\u00df&#8220; oder nicht doch &#8222;bunt&#8220;? Es ist oft auch eine Frage der Auslegung, was das Gegenteil ist. In politischer Sprache stellt sich dann z. B. die Frage, ob \u201eAusl\u00e4nderfeindlichkeit\u201c das Gegenteil von \u201eAusl\u00e4nderfreundlichkeit\u201c ist oder es nicht eher um eine generelle Angst vor Ver\u00e4nderungen geht, die aus Mangel an Bildung und Information resultiert und deshalb das Gegenteil von \u201eAusl\u00e4nderfeindlichkeit\u201c eher \u201eMut zur Ver\u00e4nderung\u201c ist. ;)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt f\u00fcr uns Menschen doch nichts, was wir lieber tun, als das, was wir gut beherrschen. Ganz gleich worum es geht, je besser ich etwas kann, desto eher w\u00e4hle ich diesen Weg, und zwar aus dem ewig gleichen Prinzip: Es verbraucht weniger Energie, wenn ich es so mache, wie ich es kenne und beherrsche. 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