{"id":22976,"date":"2022-04-30T07:48:43","date_gmt":"2022-04-30T05:48:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22976"},"modified":"2022-05-02T17:38:25","modified_gmt":"2022-05-02T15:38:25","slug":"journalistinnen-haben-auch-eine-meinung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22976","title":{"rendered":"Journalist:innen haben auch eine Meinung"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Zeiten des Internets hat sich der Beruf des\/der Journalist:in teilweise stark ver\u00e4ndert: Der Zeitdruck hat in vielen Bereichen stark zugenommen (ausgenommen sind rechercheintensive Beitr\u00e4ge, die \u00fcber Wochen laufen), kostenlose Portale und Suchmaschinen ersetzen den Arbeitgeber \u201eZeitung\u201c, und die Konkurrenz durch selbst ernannte Journalist:innen ist gro\u00df. Viele dieser Begebenheiten k\u00f6nne f\u00fcr Leser:innen jedoch auch von Vorteil sein, um sich kostenfrei ein pluralistisches Meinungsbild zu schaffen. In den meisten F\u00e4llen informieren sich die Menschen aber nicht so vielf\u00e4ltig, sondern greifen auf wenige Quellen zur\u00fcck und sind somit vielfach auch Meinungsmache ausgesetzt.<\/strong><\/p>\n<p>Es macht schon einen Unterschied, ob hinter einer Meldung eine einzelne Person steht oder eine ganze Redaktion in einem mehrstufigen Verfahren einen Beitrag erstellt und durch Faktenchecker \u00fcberpr\u00fcft ver\u00f6ffentlicht. Eine einseitige oder stark fehlerhafte Darstellung wird unter diesen Umst\u00e4nden erschwert, es sei denn, es handelt sich um propagandistische Medien wie das meistverkaufte Schmierblatt vom Axel-Springer-Verlag. Leider trifft das manchmal auch auf vermeintlich seri\u00f6sen Journalismus zu, wie ich selbst schon erleben durfte. Im Rahmen von <em>Panorama3<\/em> (NDR) wurde die Anfrage gestellt, w\u00e4hrend eines Beratungsgespr\u00e4chs im Jobcenter zu filmen, was jedoch abgelehnt wurde. Der daraus resultierende Beitrag wurde entgegen der Absprache mit einer versteckten Kamera gefilmt, und in der geschnittenen Fassung wurden wesentliche Beratungsinhalte rausgeschnitten, um das gew\u00fcnschte Bild zu erzeugen (Angebot von ungerechtfertigten oder unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigen Ma\u00dfnahmen). Ich kenne die heimlich gefilmte Mitarbeiterin pers\u00f6nlich, und ihre Emp\u00f6rung \u00fcber diese Art der Meinungsmache ist berechtigt. Aber auch die manipulative Wortwahl und das Framing in den Hauptnachrichten <em>tagesschau<\/em> oder <em>heute<\/em> hat mich schon h\u00e4ufig ver\u00e4rgert, wenn gew\u00e4hlte Staatsf\u00fchrer als \u201eMachthaber\u201c betitelt werden (wobei man \u201eMachthaberin Merkel\u201c eher selten dort h\u00f6rt) oder v\u00f6lkerrechtswidrige Angriffe als Verteidigungskrieg oder \u201eKrieg gegen den Terror\u201c angepriesen werden.<\/p>\n<p>Gerade in Sachen Corona-Pandemie und Querdenker sind die Medien in die Kritik geraten, teilweise auch hier absolut berechtigt. Die selektive Wahl von gezeigten Demonstrationsteilnehmer:innen soll ein Bild vermitteln, das nachmeiner Erfahrung kein repr\u00e4sentativer Querschnitt ist, sondern lieber die \u201eParadisv\u00f6gel\u201c zeigt (ganz im Stil von RTL und deren Exhibitionismus-Journalismus \u00e0 la \u201eHartz aber herzlich\u201c oder \u201eBauer sucht Frau\u201c). Immerhin zeigt das aber auch, dass auch Menschen mit \u00c4ngsten vor der \u201eL\u00fcgenpresse\u201c sehr wohl Geh\u00f6r geschenkt wird und deren \u201eMeinung\u201c eher \u00fcberrepr\u00e4sentiert oft gezeigt wird (auch wenn diese Menschen oft Meinungsfreiheit damit verwechseln, dass ihre Freiheit darin bestehen sollte, dass niemand anderer Meinung sein darf). Eine ausgewogenere Berichterstattung ist aber gerade in den \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien m\u00f6glich: Sie findet sich in l\u00e4ngeren Sendungen wie <em>ZAPP<\/em>, <em>Frontal21<\/em>, <em>Monitor<\/em> oder <em>Report Mainz<\/em>, wenn man umfassender informiert werden m\u00f6chte als in den Kurznachrichten.<\/p>\n<p>Anders ist es bei den Pseudojournalist:innen, die weder \u00fcber eine entsprechende Ausbildung verf\u00fcgen, keine Redaktion hinter sich und vor allem kein Interesse an ausgewogener Berichterstattung haben. Wie bei Therapeut:innen sollte sich der\/die Journalist:in auf das Stellen von Fragen und R\u00fcckfragen konzentrieren und die Antworten im besten Fall ergebnisoffen miteinander in Beziehung zueinander setzen. Einen Presseausweis bekommt man jedoch schon mit geringeren Qualit\u00e4tsanspr\u00fcchen, wie z. B. bei <em>Frontal21<\/em> (ZDF) in einem <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/politik\/frontal-21\/querdenken-demo-angriffe-auf-polizei-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">8-min\u00fctigen Beitrag<\/a> zu sehen ist (obgleich ich die absch\u00e4tzige Bemerkung am Ende des Beitrags als unn\u00f6tig erachte). Mal ganz zu schweigen vom absolut untragbaren Umgang mit der Presse auf entsprechenden Demos, wie hier bei <em>ZAPP<\/em> (NDR) in einem <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/fernsehen\/sendungen\/zapp\/Querdenken-Demos-Gewalt-gegen-Journalisten,zapp12948.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">11-min\u00fctigen Beitrag<\/a> dargestellt.<\/p>\n<p>Ja, es gibt auch manipulative Nachrichten in den \u00d6ffentlich-Rechtlichen und der freien Presse. Ja, es gibt auch Informationen, die man auf den \u00d6ffentlich-Rechtlichen nur zu unm\u00f6glichen Sendezeiten erhalten kann oder im Rahmen von Kabarett, obgleich es sich um wichtige journalistische Arbeit handelt. Nein, die \u00d6ffentlich-Rechtlichen sind kein Staatsfunk, weshalb sie eben nicht aus Steuergeldern bezahlt werden, sondern \u00fcber den Rundfunkbeitrag (sprachgebr\u00e4uchlich noch \u201eGEZ\u201c oder \u201eZwangsgeb\u00fchren\u201c). Es bleibt aber zu unterscheiden, ob es um eine Meinung geht oder um eine Verdrehung der Tatsachen. Es ist eine Tatsache, dass die russische Armee v\u00f6lkerrechtswidrig in die Ukraine einmarschiert ist (denn laut V\u00f6lkerrecht ist das ein \u201eAngriffskrieg\u201c), aber es ist eine Meinung, ob ich das richtig oder falsch finde. Es ist eine Tatsache, dass die CO2-Konzentration in der Atmosph\u00e4re steigt und das einen Treibhauseffekt erzeugt, aber es ist eine Meinung, ob ich deshalb mein Verhalten \u00e4ndern muss oder die n\u00e4chsten Generationen das eben ausbaden m\u00fcssen &#8211; Pech gehabt, zu sp\u00e4t gekommen &#8230;<\/p>\n<p>Letzten Endes muss ich allerdings auch feststellen, dass der Mensch an sich gern schnell eine Meinung einnimmt und diese dann mit jeglichen Quellen untermalt, Hauptsache recht behalten. Und je weniger informiert man ist, desto einseitiger und radikaler f\u00e4llt eine Meinung eben aus (Dunning-Kruger-Effekt). Dazu f\u00e4llt mir Folgendes ein:<\/p>\n<blockquote><p>Don\u2019t cling to a mistake just because you spent a lot of time making it.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>&#8212; Aubrey de Grey<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zeiten des Internets hat sich der Beruf des\/der Journalist:in teilweise stark ver\u00e4ndert: Der Zeitdruck hat in vielen Bereichen stark zugenommen (ausgenommen sind rechercheintensive Beitr\u00e4ge, die \u00fcber Wochen laufen), kostenlose Portale und Suchmaschinen ersetzen den Arbeitgeber \u201eZeitung\u201c, und die Konkurrenz durch selbst ernannte Journalist:innen ist gro\u00df. Viele dieser Begebenheiten k\u00f6nne f\u00fcr Leser:innen jedoch auch von Vorteil sein, um sich kostenfrei ein pluralistisches Meinungsbild zu schaffen. 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