{"id":23240,"date":"2021-06-30T16:47:34","date_gmt":"2021-06-30T14:47:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=23240"},"modified":"2021-06-30T16:47:34","modified_gmt":"2021-06-30T14:47:34","slug":"der-markt-regelt-das-marmetube","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=23240","title":{"rendered":"Der Markt regelt das: Marmetube"},"content":{"rendered":"<p>Umwelt- und Klimaschutz sind ja eigentlich in aller Munde, und viele Menschen machen sich ernsthafte Gedanken dar\u00fcber, wie sie denn ihren Lebensstil nachhaltiger gestalten k\u00f6nnten. Klar, vieles kann der Einzelne nicht \u00e4ndern, da m\u00fcssten dann Gesetze her &#8211; vor allem wenn man sieht, wie &#8222;der Markt&#8220;, der ja laut neoliberalen Plaudertaschen angeblich alles regeln soll, mit dem Thema umgeht. Ein bezeichnendes Beispiel daf\u00fcr: Marmetube.<\/p>\n<p>Wer nun mit dem Begriff Marmetube nichts anfangen kann (so wie es mir auch noch vor Kurzem ging): Das ist Marmelade aus der Tube. Ich bin dar\u00fcber neulich zuf\u00e4llig bei einem Facebook-Freund, der folgendes Bild gepostet hat, gestolpert:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-23244 aligncenter\" src=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/205480480_2613090282326520_8123163427704045532_n-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/205480480_2613090282326520_8123163427704045532_n-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/205480480_2613090282326520_8123163427704045532_n-1021x1024.jpg 1021w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/205480480_2613090282326520_8123163427704045532_n-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/205480480_2613090282326520_8123163427704045532_n-768x770.jpg 768w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/205480480_2613090282326520_8123163427704045532_n-60x60.jpg 60w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/205480480_2613090282326520_8123163427704045532_n.jpg 1079w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Und dann wird das Ganze auf der <a href=\"https:\/\/www.marmetube.de\/nachhaltigkeit\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Website des Unternehmens<\/a> auch noch als besonders nachhaltig beworben. Die Aluminiumtube sei besonders gut recycelbar, zudem besteht sie zu 100 % aus recyceltem Aluminium, sie ist leichter als Gl\u00e4ser, sodass beim Transport weniger Emissionen anfallen, und der Inhalt w\u00fcrde l\u00e4nger halten, sodass weniger Lebensmittel weggeschmissen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Klingt ja erst mal plausibel &#8211; wenn man sich denn nicht die Frage stellt, wann einem Marmelade das letzte Mal verschimmelt ist. Das Zeug ist ja schon aufgrund des hohen Zuckergehalts ziemlich lange haltbar. Und wenn man davon ausgeht, dass die leeren Tuben dann auch alle sch\u00f6ne recycelt werden. Meine Erfahrung ist da ja, dass viele immer noch nicht den M\u00fcll trennen, sondern einfach alles in eine Tonne kloppen. Na ja, und dass der Plastikm\u00fcll nicht komplett hier in Deutschland recycelt wird, sondern ins Ausland, oft nach Ostasien, exportiert und dort einfach in die Umwelt gek\u00fcbelt wird, ist ja auch kein Geheimnis. Wie mag es da mit dem auf dem gleichen Weg \u00fcber den gelben Sack entsorgten Aluminium aussehen? Keine Ahnung &#8230;<\/p>\n<p>Und dann ergibt diese propagierte Nachhaltigkeit auch nur dann einen Sinn, wenn man die Aluminiumtuben nun ausschlie\u00dflich mit den zurzeit im Lebensmitteleinzelhandel verbreiteten Einweggl\u00e4sern vergleicht.\u00a0Daran zeigt sich dann eben auch die Fantasielosigkeit der Marketingdenkweise: Die Idee, dass ein umfassendes Pfandsystem, auch f\u00fcr Marmeladengl\u00e4ser, noch mal deutlich nachhaltiger w\u00e4re als Aluminiumtuben, scheint da niemandem gekommen zu sein.<\/p>\n<p>Wer auf dem Lande unterwegs ist, kennt das bestimmt: die &#8222;Marmel\u00e4dchen&#8220;. Da stellen Menschen vor ihrem Grundst\u00fcck einen Schrank oder \u00c4hnliches auf, in dem sie dann Marmelade (und manchmal auch anderes Zeug) zum Verkauf anbieten. Bezahlt wird in eine Kasse, und auf dem Dorf funktioniert so ein auf Vertrauen basierender Gesch\u00e4ftsvorgang in der Regel auch noch. Meistens findet man dort dann auch die Bitte, die geleerten Gl\u00e4ser doch nicht wegzuschmei\u00dfen, sondern wieder dort abzugeben, damit sie erneut verwendet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das kennt ja auch jeder, der schon mal selbst Marmelade gekocht hat. Da finden dann alle m\u00f6glichen Gl\u00e4ser, nachdem sie eine Runde im Geschirrsp\u00fcler gedreht haben, wieder Verwendung.<\/p>\n<p>Ist also alles keine Magie oder was ganz Neues, zumal es in Deutschland ja f\u00fcr Getr\u00e4nkeflaschen auch schon mal ein wunderbares Pfandsystem gab &#8211; bevor Coca Cola und Co. immer mehr auf Einwegplastik gesetzt haben aus Kostengr\u00fcnden. Und bevor viele Getr\u00e4nkehersteller ihre Flaschen so gestaltet haben, teilweise mit eingepr\u00e4gtem Namen, Logo oder \u00c4hnlichem, dass sie nicht \u00fcberall abgegeben und mit anderen Pfandflaschen zusammengepackt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und auch in Reformh\u00e4usern finden sich immer mehr Produkte, die in Pfandgl\u00e4sern verkauft werde: Quark, Kaffeebohnen, Linsen &#8211; also durchaus sehr unterschiedliche Produkte. Mal von den sich auch langsam immer mehr verbreitenden Unverpacktl\u00e4den ganz abgesehen.<\/p>\n<p>Es sind also gen\u00fcgend Ideen da, wie man tats\u00e4chlich M\u00fcll reduzieren kann, und diese werden auch schon (leider bisher nur in Nischen) umgesetzt. Was fehlt: ein gesetzlicher Rahmen, der Pfandsysteme f\u00fcr alle Produkte, wo dies m\u00f6glich w\u00e4re (und das d\u00fcrfte wirklich fast alles f\u00fcr den t\u00e4glichen Bedarf sein), verpflichtend zu machen.<\/p>\n<p>Gut, die Verpackungsindustrie w\u00e4re da vermutlich nicht so richtig erfreut dr\u00fcber, und ich gehe mal davon aus, dass dieser Wirtschaftszweig mit immerhin \u00fcber 17 Milliarden Euro Umsatz nur im Inland (s. <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/themen\/4330\/verpackungsindustrie-in-deutschland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>) dann das machen w\u00fcrde, was solche Wirtschaftszweige immer machen, wenn es daran ginge, ihre Profite zu schm\u00e4lern: lobbyieren, bestechen, Posten anbieten, Medienkampagnen starten usw. Und wie Politiker (je weiter rechts, desto st\u00e4rker) auf so was reagieren, wissen wir ja leider auch zur Gen\u00fcge &#8230;<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich w\u00fcrden auch haufenweise <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000092808241\/david-graeber-ein-drittel-unserer-jobs-ist-sinnlos\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bullshit-Jobs<\/a> im Marketing und Design wegfallen, deren Aufgabe nur darin besteht, st\u00e4ndig neu aussehende Verpackungen zu entwickeln und diese dann mit gro\u00dfem Get\u00f6se anzupreisen als den neusten hei\u00dfen Schei\u00df. Wobei ich das nun auch nur sehr bedingt schade f\u00e4nde &#8230;<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re bei solchen Ideen schon wieder die &#8222;Dann sieht das aber alles langweilig und so \u00e4hnlich aus&#8220;-Fraktion gr\u00f6len, aber mal ernsthaft: Wer seinen Spa\u00df daraus zieht, dass jede Firma ihre Artikel in einer anders geformten Verpackung anbietet, der sollte sich vielleicht mal ein bisschen ernsthafte Gedanken dar\u00fcber machen, ob es nicht noch andere Dinge gibt, mit denen man sich vergn\u00fcgen kann.<\/p>\n<p>Statt nun also mal ein bisschen Druck auf die Politik auszu\u00fcben von Unternehmensseite und eben genau die Einf\u00fchrung eines umfassenden Pfandsystems zu forcieren, werden dann lieber teilweise abstruse Gr\u00fcnde angef\u00fchrt, um Marmelade statt im Glas in einer Tube anzubieten. Und das wird dann auch noch als besonders nachhaltig beworben, weil diese Form des Greenwashings ja zurzeit besonders chic ist. Zumal auf diese Weise so etwas wie Klimaneutralit\u00e4t auch mit Sicherheit nicht zu erreichen sein wird (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2021\/maerz\/die-chimaere-der-klimaneutralitaet\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Wer also wirklich meint, dass &#8222;der Markt&#8220; mit irgendwelchen tollen Innovationen den klimakatastrophalen Karren schon irgendwie aus dem Dreck ziehen wird, der kann sich dann auch sch\u00f6n Marmelade aus der Tube kaufen und ganz fest daran glauben, so die Welt zu retten. Ist ja auch bequemer als so ein Pfandsystem, bei dem man die Gl\u00e4ser dann immer wieder zur\u00fcckbringen muss.<\/p>\n<p>Wer sich diese rosarote Brille allerdings nicht aufsetzen mag und stattdessen lieber mal das Gehirn einschaltet, der d\u00fcrfte ob solchen Marketings eher in Dauerkopfsch\u00fctteln verfallen &#8230;<\/p>\n<p>Und so wird dann das so wichtige Thema Nachhaltigkeit zunehmend zu einer Werbemasche und der Begriff entkernt, seiner Relevanz beraubt und beliebig. Eine fatale Entwicklung, wenn man bedenkt, dass letztlich nur ein nachhaltiges Wirtschaften \u00fcberhaupt noch in der Lage sein d\u00fcrfte, die schlimmsten Folgen der Klimakatastrophe abzumildern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Umwelt- und Klimaschutz sind ja eigentlich in aller Munde, und viele Menschen machen sich ernsthafte Gedanken dar\u00fcber, wie sie denn ihren Lebensstil nachhaltiger gestalten k\u00f6nnten. 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