{"id":2382,"date":"2015-01-21T09:51:43","date_gmt":"2015-01-21T08:51:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2382"},"modified":"2015-01-21T17:00:32","modified_gmt":"2015-01-21T16:00:32","slug":"wirtschaftsunterricht-in-baden-wuerttemberger-schulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2382","title":{"rendered":"Wirtschaftsunterricht in Baden-W\u00fcrttemberger Schulen"},"content":{"rendered":"<p>In einem <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/international\/die-arbeitswelt-tritt-ins-klassenzimmer-1.18452714\" target=\"_blank\">Artikel der\u00a0<em>NZZ<\/em><\/a> war vor ein paar Wochen zu lesen, dass an Baden-W\u00fcrttembergs Schulen vom n\u00e4chsten Jahr an das Fach &#8222;Wirtschaft\/Berufs- und Studienorientierung&#8220; eingef\u00fchrt werden soll. Dazu gibt es zu Recht kritische Stimmen, die auch in dem Artikel zu Worte kommen. Vor allem treibt die gr\u00fcn-rote Landesregierung hier die \u00d6konomisierung der Schulausbildung voran: Es geht in erster Linie darum, m\u00f6glichst gut verwertbare Humanressoucen auszubilden.<\/p>\n<p>Die Einf\u00fchrung dieses neuen Schulfaches ist im Prinzip nur die logische Fortf\u00fchrung von der Aktion &#8222;Unternehmer machen Schule&#8220;, in deren Rahmen Unternehmer an Baden-W\u00fcrttemberger Gymnasien kommen und dort ihre Sichtweise der Wirtschaft darlegen. Dass diese dann eher einseitig ausf\u00e4llt, liegt auf der Hand, und auch die geplanten Unterrichtsinhalte des neuen Schulfaches lassen Themen wie prek\u00e4re Besch\u00e4ftigung und Altersarmut vermissen &#8211; es wird also den Sch\u00fcler ein \u00fcberwiegend neoliberal gepr\u00e4gtes Bild vermittelt. Dass eine der Antriebsfedern f\u00fcr die Installation des Wirtschaftsunterrichts der angeblich Fachkr\u00e4ftemangel sein soll (eine Reportage zu diesem M\u00e4rchen verlinkten wir ja schon mal <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1980\" target=\"_blank\">an dieser Stelle<\/a>), zeigt dann auch, wessen Interessen in erster Linie bedient werden sollen.<\/p>\n<p>Mit der Einf\u00fchrung des G8-Gymnasiums und der Umwandlung der meisten Studieng\u00e4nge hin zu Bachelor-\/Master-Abschl\u00fcssen wurde das Bildungssystem in Deutschland schon massiv beschnitten: Es bleibt kaum noch Zeit, um den Kindern und Jugendlichen eine umfassende, zu kritischem Denken ermutigende Bildung zu vermitteln, sondern es m\u00fcssen pr\u00fcfungsrelevante Inhalte durchgepaukt werden. Nur noch der Leistungsgedanken steht im Vordergrund und nicht mehr die Mu\u00dfe und der Spa\u00df am Lernen, Entdecken von Neuem oder Entwicklung sozialer Kompetenzen. Dass dabei Unternehmen schon jetzt in Form von Unterrichtsmaterial ordentlich Einfluss auf den Unterricht und die dort vermittelten Inhalte nimmt (wie exemplarisch LobbyControl <a href=\"https:\/\/www.lobbycontrol.de\/2011\/11\/autoren-von-unterrichtsmaterial-bestatigen-einflussnahme-der-deutschen-vermogensberatung\/\" target=\"_blank\">hier<\/a> am Beispiel der Deutschen Verm\u00f6gensberatung aufzeigt), reicht der Arbeitgeberseite nun anscheinend nicht mehr, sodass ein eigenes Fach hermuss. Letztlich geht es wirklich nur noch darum, keinen selbstst\u00e4ndig denkenden und umfassend gebildeten jungen Erwachsenen am Ende des Schul- und Universit\u00e4tssystems zu haben, sondern eine Humanressource, die optimale Verwertbarkeit verspricht: also Fachidioten, die nicht aufmucken und gut funktionieren. Kleine Randnotiz: Dass diese Entwicklung nun mit einem Schulfach Wirtschaft ausgerechnet von einer gr\u00fcn-roten Landesreigierung derart vorangetrieben wird, ist sehr bezeichnend f\u00fcr den Zustand dieser Parteien bzw. die deutsche politische Landschaft generell.<\/p>\n<p>Wie viel sinnvoller w\u00e4re es da doch, statt Wirtschaftskunde ein Fach Medienkompetenz an die Schulen zu bringen! Durch die rasante technologische Entwicklung sind immer mehr Menschen \u00fcberfordert, \u00fcberhaupt noch ansatzweise einen Durchblick zu behalten bei dem \u00fcberw\u00e4ltigenden Medienangebot via Internet, sodass sie dann doch wieder bei BILD und Tagesschau landen und so ein recht eingeschr\u00e4nktes Bild von der Welt vermittelt bekommen. Unterrichtsinhalte k\u00f6nnten hier beispielsweise sein, wie man als Leser\/Zuschauer Quellen verifiziert (z. B. mal einen Blick ins Impressum werfen, das ist erschreckenderweise nicht sehr verbreitet, wie ich immer wieder feststellen muss), zudem sollte ein \u00dcberblick \u00fcber die Medienstruktur in Deutschland und auch in der Welt vermittelt werden. Weitere Themen: Wie sind die \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien aufgebaut und welche Interessenkonflikte k\u00f6nnen sich daraus ergeben? Wie erstelle ich meinen eigenen Blog und worauf muss ich dabei achten? Wie benutze ich Suchmaschinen f\u00fcr eine vergleichende Recherche? Anhand welcher Parameter kann ich die Seriosit\u00e4t einer Quelle beurteilen? Aber auch: Wie bewege ich mich souver\u00e4n in sozialen Medien und wie gehe ich mit dort stattfindendem Mobbing oder Trollen um? Nicht zuletzt: Was ist ein angemessener Umgang, sowohl qualitativ als auch quantitativ, mit meinem Smartphone?<\/p>\n<p>Das w\u00e4ren Inhalte, die nicht nur direkt dem Alltag von Kindern und Jugendlichen entspringen und insoweit eine direkte Relevanz f\u00fcr sie h\u00e4tten, sondern auch umfassende Kompetenzen zur selbstst\u00e4ndigen Information und damit zu eigenst\u00e4ndigem, kritischem Denken f\u00f6rdern w\u00fcrden. Zudem w\u00e4ren Sch\u00fcler so besser in der Lage, sich in der Welt zu orientieren und sich ein eigene differenziertes und begr\u00fcndetes Weltbild aufbauen zu k\u00f6nnen. Bl\u00f6derweise sind das nun aber alles F\u00e4higkeiten, die vonseiten der Arbeitgeberlobbys nicht so richtig gern gesehen werden, denn die stehen der Humanressourcen-Verwertbarkeit ja schon ein St\u00fcck weit im Wege. Und so gibt es nun also bald Wirtschaftsunterricht und wohl leider kein Fach Medienkompetenz. Sch\u00f6ne neoliberale Welt &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem Artikel der NZZ war vor ein paar Wochen zu lesen, dass an Baden-W\u00fcrttembergs Schulen vom n\u00e4chsten Jahr an das Fach &#8222;Wirtschaft\/Berufs- und Studienorientierung&#8220; eingef\u00fchrt werden soll. Dazu gibt es zu Recht kritische Stimmen, die auch in dem Artikel zu Worte kommen. 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