{"id":24290,"date":"2021-12-09T14:24:57","date_gmt":"2021-12-09T13:24:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=24290"},"modified":"2021-12-09T19:20:43","modified_gmt":"2021-12-09T18:20:43","slug":"shoppen-snacken-surfen-smartphone-hauptsache-im-dauerkonsummodus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=24290","title":{"rendered":"Shoppen, Snacken, Surfen, Smartphone &#8211; Hauptsache im Dauerkonsummodus"},"content":{"rendered":"<p>Black Friday, Cyber Monday oder gleich eine ganze Cyber Week hintendran, und dann geht&#8217;s gleich \u00fcber in den vorweihnachtlichen Geschenketaumel &#8211; zurzeit wird die Bev\u00f6lkerung mal wieder kollektiv in den totalen Konsumrausch versetzt mit k\u00f6dernden Billigangeboten. Mich erinnert das ja immer ein bisschen an den wunderbaren Film <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Idiocracy\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Idicocracy<\/a>, in dem in einer dystopischen Zukunft die mittlerweile vollkommen verbl\u00f6dete Menschheit \u00fcberall mit Werbebotschaften, die vor allem vollkommen unverbl\u00fcmt &#8222;Kauf, kauf, kauf!&#8220; postulieren, bombardiert wird.<\/p>\n<p>Und wenn man sich das mal ein bisschen genauer betrachtet, sind wir auch gar nicht mehr allzu weit von der Idiocracy-Welt entfernt, denn neben den aktuell gerade besonders auff\u00e4lligen Aufforderungen, sich in den Kaufrausch zu begeben, sind wir (also so als Gesellschaft im Ganzen) auch sonst eigentlich mittlerweile in einem Zustand des permanenten Dauerkonsums angekommen.<\/p>\n<p>Eigentlich sollte Konsum ja etwas Zielgerichtetes sein: Ich brauche etwas, also schaue ich, wo ich das am besten bekommen kann, und erwerbe es dann. Soweit die Theorie, die von einigen Menschen so auch noch praktiziert wird. Allerdings ist Konsum mittlerweile offenbar immer mehr zum Selbstzweck geworden, bei dem es gar nicht darum geht, etwas konkret Gewolltes zu kaufen, sondern sich einfach von der Angebotsseite verf\u00fchren zu lassen, st\u00e4ndig und \u00fcberall etwas zu konsumieren.<\/p>\n<p>Einige Beispiele, die das veranschaulichen:<\/p>\n<p><strong>Shoppen<\/strong><\/p>\n<p>Shoppen ist ja was grunds\u00e4tzlich anderes als Einkaufen. Bei Letzterem ben\u00f6tigt man etwas, macht sich vielleicht sogar eine Einkaufsliste, geht dann in die entsprechenden Gesch\u00e4ft, kauft den Kram und geht wieder nach Hause.<\/p>\n<p>Beim Shoppen stehen nun nicht Dinge im Vordergrund, die man ben\u00f6tigt, sondern der Vorgang des Kaufens. Daf\u00fcr zieht man dann, oft ohne konkrete Vorstellungen, was man denn \u00fcberhaupt haben m\u00f6chte, durch die L\u00e4den und Einkaufspassagen, schaut sich alles M\u00f6gliche an, um sich dann eben irgendwann etwas zu kaufen, was man gerade gern haben m\u00f6chte, weil es toll aussieht, g\u00fcnstig ist oder sonst irgendwie zum Erwerb verf\u00fchrt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also Einkaufen ein Vorgang ist, der von der Nachfrageseite dominiert wird, ist Shoppen etwas, das vom Angebot bestimmt wird: Das, was entsprechend pr\u00e4sentiert wird, wird \u00fcberhaupt nur wahrgenommen und dann ggf. gekauft.<\/p>\n<p>Das Ganze wird dann auch schon mal gern als Event mit Freunden zelebriert, da verbringt man dann seinen Nachmittag damit, gemeinsam shoppen zu gehen.<\/p>\n<p>Oft genug verschwinden die geshoppten Sachen dann auch schnell im Schrank oder sonst wo, wo sie nicht wirklich verwendet werden, denn letztlich ist ja der eigentliche Reiz, n\u00e4mlich etwas zu kaufen, in dem Moment vorbei, wo an der Kasse bezahlt wird. Was dann auch erkl\u00e4rt, warum die Deutschen beispielsweise pro Kopf im Schnitt so irre viel Klamotten kaufen. Die k\u00f6nnen dann auch ruhig billig sein und nicht viel aushalten, denn wenn man sie vielleicht einmal angehabt hat, dann muss eben bei der n\u00e4chsten Shoppingtour schon wieder was Neues her.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend dann also in S\u00fcdostasien in Fabrikationsh\u00f6llen Menschen in 16-Stunden-Schichten unsere Klamotten m\u00f6glichst billig zusammenkl\u00f6ppeln und Kinder in Afrika seltene Erden aus dem Boden kratzen, laufen hier regelm\u00e4\u00dfig die Altkleiderboxen \u00fcber und gammeln immer mehr Smartphones nach kurzer Nutzungsdauer in Schubladen herum &#8230;<\/p>\n<p><strong>Snacken<\/strong><\/p>\n<p>Dass es &#8222;snacken&#8220; mittlerweile als eigenes Verb gibt, das einem in der Werbung permanent um die Ohren gehauen wird, zeigt, dass mehr an dieser T\u00e4tigkeit dran sein muss, als dass einfach nur ab und zu mal zwischendurch eine Kleinigkeit (eben ein Snack) gegessen wird, wenn es bis zur n\u00e4chsten Mahlzeit noch zu lange hin ist.<\/p>\n<p>Snacken hat so mittlerweile quasi die Bedeutung, dass man sich andauernd irgendwas zwischendurch zu essen reinpfeift, einfach weil es lecker ist. Hauptsache, man belohnt sich selbst mit ein bisschen Fresskonsum immer wieder im Laufe des Tages &#8211; in einem Land, in dem Adipositas stetig weiter um sich greift und Di\u00e4tprodukte st\u00e4ndig und \u00fcberall pr\u00e4sent sind, schon ein bisschen absurd.<\/p>\n<p>Da wird dann eben durchaus auch damit geworben, dass man ja was Gesundes snacken k\u00f6nnte. Klar, kann man aber auch lassen, das w\u00e4re so ern\u00e4hrungstechnisch dann wohl das Ges\u00fcndeste, wenn man sich n\u00e4mlich auf seine eigentlichen Mahlzeiten fokussiert.<\/p>\n<p>Aber das passt nat\u00fcrlich nicht damit zusammen, dass der brave Konsument auch st\u00e4ndig und \u00fcberall entweder was zum Essen oder Trinken kaufen soll oder sich vor dem Losgehen einsteckt. M\u00f6glichst dann nat\u00fcrlich in Plastik verpackt.<\/p>\n<p>So werden wir dank Snacken quasi zu kleinen Kindern, die an der Supermarktkasse stehen und dabei in die Bonschi-Regale schauen &#8211; nur dass wir als Erwachsene eben nicht quengeln m\u00fcssen, um dann irgendwas zu bekommen, sondern uns den Kram zum Snacken einfach selbst kaufen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Surfen<\/strong><\/p>\n<p>Im Internet zu surfen ist ja mittlerweile die g\u00e4ngige Beschreibung daf\u00fcr, dass man im Netz unterwegs ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich hat das allerdings so was wie fr\u00fcher das Zappen im Fernsehen, n\u00e4mlich etwas Zielloses, bei dem man gar nicht so genau wei\u00df, was man da nun eigentlich will, sondern sich eben von dem berieseln l\u00e4sst, was so dargeboten wird &#8211; und wenn das einem nicht zusagt, dann wabert man eben weiter zum n\u00e4chsten Angebot.<\/p>\n<p>Klar, die F\u00fclle dessen, was man im Internet so alles sehen und h\u00f6ren kann, ist schon enorm, umso wichtiger finde ich es eben, da gezielt vorzugehen und sich zu \u00fcberlegen: Was will ich eigentlich gerade? Dann surft man allerdings nicht &#8230;<\/p>\n<p>Und das Surfen findet sehr oft nahezu permanent statt, n\u00e4mlich mit dem Smartphone.<\/p>\n<p><strong>Smartphone<\/strong><\/p>\n<p>Immer mehr (vor allem auch junge) Menschen haben einen sch\u00e4dlichen Medienkonsum. Das Smartphone ist immer griffbereit, und mittlerweile ist es ja schon fast so, dass mehr Menschen beispielsweise in \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln in ihre Telefone starren, als mal aus dem Fenster zu gucken. Und dabei konsumiert man eben auch permanent, denn viele der Angebote sind ja gewerblich und\/oder knallen den Usern dann zumindest eine Menge Werbung vor den Latz.<\/p>\n<p>So werden viele Menschen zum Dauerkonsumenten, immer \u00f6fter auch nur h\u00e4ppchenweise jede m\u00f6gliche Minute nutzend, wenn beispielsweise jemand, mit dem man zusammen unterwegs ist, mal kurz auf Toilette oder sonst wohin verschwunden ist, oder sogar (was ich nach wie vor extrem unh\u00f6flich finde) in Anwesenheit von anderen Personen, mit denen man sich sonst eigentlich h\u00e4tte unterhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>To-go-Kultur<\/strong><\/p>\n<p>Was das Smartphone f\u00fcrs Surfen ist, sind in etwa die To-go-Produkte f\u00fcrs Snacken: Das ist nun eigentlich immer und \u00fcberall verf\u00fcgbar. Klar, Imbisse und Kioske gab&#8217;s schon immer, wenn man sich unterwegs mal schnell was zu essen oder trinken reinpfeifen wollte, und so ein Angebot ist ja auch grunds\u00e4tzlich sinnvoll. Aber dass man nun quasi st\u00e4ndig Menschen sieht, die irgendwas to go zu sich nehmen, ist dann schon was anderes, finde ich.<\/p>\n<p>Das macht vor allem nicht nur eine Menge zus\u00e4tzlichen M\u00fcll, sondern ist eben auch bezeichnend f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3741\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konsumhektik<\/a>, die ich vor ein paar Jahren schon mal als <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?tag=zeitgeistphaenomene\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zeitgeistph\u00e4nomen<\/a> beschrieben habe: Man nimmt sich nicht mehr die Zeit, sich beispielsweise f\u00fcr eine Tasse Kaffee an einen angenehmen Ort zu setzen und diese dort genussvoll, eventuell sogar in Gesellschaft, zu trinken, sondern sch\u00fcttet sich das Zeug rein, wenn man gerade unterwegs ist. Klar, das ist nat\u00fcrlich sehr zeitoptimierend, aber sollte das wirklich der Ma\u00dfstab f\u00fcr den Konsum eines Genussmittels sein?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unser Wirtschaftssystem braucht solches Konsumverhalten nat\u00fcrlich, allein schon aufgrund des Wachstumsdogmas. Schlie\u00dflich ben\u00f6tigt man f\u00fcrs Konsumieren auch Zeit, und da ist es dann ja optimal, wenn man das quasi einerseits zum Selbstzweck, andererseits als Dauerzustand betreibt. Dazu ist es eben auch wichtig, dass das Konsumieren nicht mehr zielgerichtet ist im Sinne einer Kausalit\u00e4t, die vom Bed\u00fcrfnis oder Willen des Konsumenten ausgeht und dann zum Erwerb oder Nutzen einer bestimmten Sache f\u00fchrt, sondern dass sich die Konsumenten m\u00f6glichst ziellos ins ihnen offerierte Angebot fallen lassen.<\/p>\n<p>Was die Anh\u00e4nger eines m\u00f6glichst hohen Bruttoinlandsprodukts (BIP) also freut, ist dann leider auf der anderen Seite schlecht f\u00fcr die Umwelt und f\u00fcrs Klima, da all die konsumierten Dinge ja unter Aufwendung von Ressourcen hergestellt und sp\u00e4ter dann deren \u00dcberreste (oft in Form von Verpackungen) auch noch entsorgt werden m\u00fcssen. Ach ja: Und gl\u00fccklich macht das Ganze zudem auch nicht, sondern eher das Gegenteil ist der Fall: Wer wirklich gl\u00fccklich ist, kauft nicht, wie ich vor einigen Jahren schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1207\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> ausgef\u00fchrt habe.<\/p>\n<p>Da jedoch, wie die hier aufgezeigten Beispiele verdeutlichen, dieser Dauerkonsum mittlerweile f\u00fcr viele Menschen eine Art Selbstverst\u00e4ndlichkeit geworden ist, wird es wohl auch schwer, davon wieder ein St\u00fcck weit wegzukommen. Da die Angebotsseite wohl kaum freiwillig Einschr\u00e4nkungen vornehmen wird und die Nachfrageseite auch nicht eben erpicht auf materiellen Verzicht ist, was zu einem gro\u00dfen Teil an der jahrzehntelangen neoliberalen Indoktrination liegt, w\u00fcrde das nur mit Ver- und Geboten gehen vonseiten der Politik<\/p>\n<p>Aber da will ja eben auch so gut wie niemand ran, denn der Umgang von BILD und Co. mit den Gr\u00fcnen, die ja immer wieder (f\u00e4lschlicherweise) als <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=23128\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verbotspartei<\/a> diffamiert werden, ist da wohl warnendes und abschreckendes Beispiel genug.<\/p>\n<p>Schade eigentlich, denn ein Umdenken und ein wirklicher gesellschaftlicher Wandel w\u00e4ren hier ausgesprochen wichtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Black Friday, Cyber Monday oder gleich eine ganze Cyber Week hintendran, und dann geht&#8217;s gleich \u00fcber in den vorweihnachtlichen Geschenketaumel &#8211; zurzeit wird die Bev\u00f6lkerung mal wieder kollektiv in den totalen Konsumrausch versetzt mit k\u00f6dernden Billigangeboten. 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