{"id":2480,"date":"2015-02-09T10:42:12","date_gmt":"2015-02-09T09:42:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2480"},"modified":"2019-12-13T16:13:21","modified_gmt":"2019-12-13T15:13:21","slug":"angebot-und-nachfrage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2480","title":{"rendered":"Angebot und Nachfrage"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Die Nachfrage bestimmt das Angebot&#8220; &#8211; das ist einer der Grunds\u00e4tze, die wir f\u00fcr unsere Wirtschaft annehmen und die uns auch immer wieder gepredigt werden. Doch ist das tats\u00e4chlich so? Meines Erachtens s\u00e4he unsere Wirtschaft ziemlich anders aus, wenn tats\u00e4chlich nur die Sachen gekauft w\u00fcrden, f\u00fcr die auch eine Nachfrage besteht. Ein paar Beispiele sollen zeigen, wie sehr wir eigentlich angebotsorientiert in unserem Konsumverhalten sind.<\/p>\n<p>1. Mode<\/p>\n<p>Mode bedeutet im Grunde nichts anderes, als dass uns erz\u00e4hlt wird, dass wir Sachen kaufen sollen, die \u00fcber unseren eigentlichen Bedarf hinausgehen. Jedes Jahr kommen neue Trends auf, werden neue Kollektionen an Kleidungsst\u00fccken entworfen, die dann nat\u00fcrlich auch an den Abnehmer gebracht werden sollen. Dabei haben die allermeisten von uns mehr Klamotten im Kleiderschrank, als sie \u00fcberhaupt anziehen k\u00f6nnen. Gute und intakte Sachen werden weggeschmissen, vergammeln in Schubladen oder auf hinteren Schrankpl\u00e4tzen, weil sie nicht mehr hip sind, und dann werden eben die neuen Sachen gekauft, die gerade in sind &#8211; nur damit diese in ein, zwei Jahren das gleiche Schicksal erleiden. Braucht man also jedes Jahr neue Garderobe? Nein, aber irgendwelche Modedesigner m\u00fcssen nat\u00fcrlich ihre Existenz damit rechtfertigen, indem sie uns genau das einreden und das entsprechende Angebot bereitstellen. Dass diese Trends dabei mitunter recht groteske Ausma\u00dfe annehmen, kann man immer wieder beobachten, zum Beispiel an den Flipflops. Bevor diese Modeerscheinung aufkam, d\u00fcrfte es kaum jemanden gegeben haben, der das Bed\u00fcrfnis hatte, mal sch\u00f6n au\u00dferhalb von Dusche und Schwimmbad in Badelatschen rumzulaufen. Grotesk wird es dann, wenn man tats\u00e4chlich mal Sachen haben m\u00f6chte, die nicht in oder auch nur gerade nicht der Saison entsprechen. Eine kurze Hose im September zu kaufen erwies sich f\u00fcr mich einmal als nahezu unm\u00f6glich, als ich im Urlaub \u00fcberraschenderweise mit sehr warmem Wetter konfrontiert wurde. Winterm\u00e4ntel h\u00e4tte es gegeben, aber ein kurze Hose h\u00e4tte ich erst wieder so ab Februar bekommen, wenn die Wintergarderobe dann eingemottet wird und die Fr\u00fchlings- und Sommerkollektion in die L\u00e4den kommt. Meine Nachfrage konnte also in keiner Weise befriedigt werden &#8230;<\/p>\n<p>2. Shopping<\/p>\n<p>Ein sehr beliebtes Hobby vieler Menschen ist das sogenannte Shopping. Man geht also los und kauft sich etwas &#8211; nicht weil man unbedingt etwas braucht, sondern weil es Spa\u00df macht, Geld auszugeben. Da wird dann geschaut, was einem angeboten wird, und damit besch\u00e4ftigen sich manche Menschen dann ganze Tage lang. Der eigentliche Kaufprozess wird dabei komplett auf den Kopf gestellt: Ich gehe nicht los, weil ich eine bestimmte Sache ben\u00f6tige, sondern ich mache die eigentliche Hilfshandlung des Kaufens zum Ziel und Zweck meines Agierens. Gekauft wird dabei aus unterschiedlichsten Gr\u00fcnden, aber eben meistens beim Shopping nicht zielgerichtet und nicht bedarfsorientiert, sondern in Abh\u00e4ngigkeit vom Angebot. Wenn dieses gef\u00e4llt, wird zugegriffen.<\/p>\n<p>3. Schn\u00e4ppchen<\/p>\n<p>In eine \u00e4hnliche Richtung geht es mit den Schn\u00e4ppchen, die einem st\u00e4ndig und \u00fcberall offeriert werden. Kennt doch jeder: Man sieht irgendwas, was gerade irre g\u00fcnstig ist, kauft sich das &#8211; und zu Hause stellt man dann fest, dass man da eigentlich gar nicht so richtig was mit anfangen kann. Hier wird dem K\u00e4ufer also ein Bed\u00fcrfnis nach einem Artikel \u00fcber den Parameter Preis \u00fcberhaupt erst einmal suggeriert. Ein tats\u00e4chlich auf Nachfrage basierter Kaufvorgang s\u00e4he allerdings komplett anders aus: Ein Produkt wird ben\u00f6tigt, der K\u00e4ufer informiert sich, wo er dieses in entsprechend gew\u00fcnschter Qualit\u00e4t und zu ihm genehmen Bedingungen (guter Preis, bequeme Erreichbarkeit des H\u00e4ndlers, aber auch durchaus individuellere Dinge wie Sympathien f\u00fcr ein bestimmtes Gesch\u00e4ft usw.) bekommt und t\u00e4tigt dann den Kauf. Der Schn\u00e4ppchenj\u00e4ger z\u00e4umt dieses Pferd von hinten auf: Er bekommt ein Produkt vorgesetzt, dass ihm aufgrund des Attributs &#8222;billig, billig, billig!&#8220; schmackhaft gemacht wird, und schafft sich dann (im besten Fall) ein eigenes Bed\u00fcrfnis, was zu diesem Produkt passt &#8211; oder aber der erworbene Artikel wird nie richtig genutzt und landet als Staubf\u00e4nger in der Ecke.<\/p>\n<p>4. Werbung vs. Produktinformation<\/p>\n<p>Die Werbung preist ja mittlerweile auch sehr h\u00e4ufig Schn\u00e4ppchen an, der Preis ist das, was f\u00fcr viele z\u00e4hlt (&#8222;Geiz ist geil&#8220; usw.). Ein nachfrageorientierter Konsument br\u00e4uchte keine Werbung, er w\u00fcrde sich dann, wenn er etwas erwerben m\u00f6chte, \u00fcber ein Produkt informieren. Eine solche reine Produktinformation hat allerdings mit dem Gro\u00dfteil der uns st\u00e4ndig umgebenden Werbung wenig zu tun, diese dient dazu, Bed\u00fcrfnisse zu schaffen, die zu einem Angebot passen. Der Konsument wird mit diversen Versprechen zu k\u00f6dern versucht, es wird zum Beispiel h\u00e4ufig suggeriert, man w\u00fcrde\u00a0<em>nicht dazugeh\u00f6ren<\/em>\u00a0und out sein, wenn man ein bestimmtes Produkt nicht erwirbt, und das ist besonders f\u00fcr jungen Menschen ein wichtiger Aspekt. Es wird in so einem Fall also nicht deswegen konsumiert, weil tats\u00e4chlich ein Bed\u00fcrfnis nach einem Produkt besteht, sondern es werden Bed\u00fcrfnisse k\u00fcnstlich erzeugt, die noch nicht einmal unbedingt immer etwas mit der eigentlichen Funktion des zu konsumierenden Guts zu tun haben (die Tabakindustrie wirbt beispielsweise ausschlie\u00dflich auf dieser Ebene, sodass ein Raucher vermeintlich Dinge wie Freiheit und Coolness in Form von R\u00f6llchen mit getrocknetem Tabak erwirbt). Und es ist auch schwer, sich in der Konfrontation mit Werbung davon freizumachen. Jeder kennt es, wenn einem appetitliche Leckerbissen oder ein perlendes Glas Bier in der Glotze pr\u00e4sentiert werden, dass man dann auf einmal Verlangen nach genau solchem Zeug bekommt.<\/p>\n<p>5. Zappen\/Formatradio<\/p>\n<p>Auch die Art und Weise, wie wir kulturell konsumieren, wird immer deutlicher von der Angebotsseite aus dominiert. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist das sogenannte Formatradio, dass sich seit gut 20 Jahren zunehmend in Deutschland durchgesetzt hat: Es gibt keine spezifischen Musiksendungen mehr oder Radio-DJs, die ein f\u00fcr sie charakteristisches Programm spielen, sondern es werden den ganzen Tag &#8222;die gr\u00f6\u00dften Hits&#8220; der letzten 20 oder 30 Jahre, gepaart mit dem Mainstream von heute gespielt -mit freundlicher Empfehlung Ihrer Plattenindustrie, die eben genau diesen Kram verkaufen m\u00f6chte. Wie oft habe ich selbst schon erlebt, dass mir Freunde mit Bedauern mitteilen: &#8222;Heutzutage gibt es ja gar keine gute Musik mehr, so wie noch in den 70er- oder 80er-Jahren!&#8220; Ich erkl\u00e4re denen dann immer, dass das so nicht stimmt, sondern dass es vielmehr heute so viel gute Musik gibt wie noch nie zuvor &#8211; nur muss man eben gezielt danach suchen, denn das Formatradio, was den ganzen Tag im Hintergrund dudelt, hilft einem da nicht weiter. Dann mache ich ein paar Musiktitel an und bekomme die erstaunte Aussage zu h\u00f6ren: &#8222;Boah, das ist ja richtig klasse &#8211; warum hab ich denn davon bisher noch nichts geh\u00f6rt?&#8220; Tja, ganz einfach: weil man davon auch nichts h\u00f6ren soll, denn schlie\u00dflich soll der Musikh\u00f6rer das kaufen, was ihm die gro\u00dfen Majorlabels vorsetzen und was einfach zu produzieren ist. Am besten irgendwelchen Castingshow-Rotz, an dem der Interpret auch nicht viel mitverdient, sondern wo die ganze Kohle beim Label und beim Produzenten h\u00e4ngen bleibt. Wo wir gerade dabei sind: Castingshows sind dann auf die Spitze getriebene Angebotsdominanz: Man nehme ein paar mehr oder weniger talentierte Nobodys, etikettiere sie mit dem Signet\u00a0<em>Superstar<\/em> &#8211; und fertig ist die Gelddruckmaschine. Auch hier besteht nicht die Nachfrage nach der Musik, sondern es wird dem Konsumenten eine Art Aschenbr\u00f6del-M\u00e4rchen vorgesetzt, an dem dieser dann teilzuhaben glaubt, wenn er sich die Musik kauft.<\/p>\n<p>Ein weiteres Ph\u00e4nomen ist das Zappen, was mittlerweile auch weit verbreitet ist. Als ich Kind\/Jugendlicher war, wurde sich gezielt in einer Programmzeitschrift eine Sendung ausgesucht, die man sich dann angeschaut hat, und danach war dann Schluss. Heutzutage hangelt sich der Fernsehzuschauer meistens von Kanal zu Kanal in der Hoffnung, irgendwo was Interessantes zu finden, und hat dann am Ende des Fernsehabends oft das Gef\u00fchl, nicht wirklich das gesehen zu haben, was er eigentlich sehen wollte. Bleibt man dann mal irgendwo etwas l\u00e4nger h\u00e4ngen, werden am Ende der Werbepause schon gleich Trailer f\u00fcr nachfolgende Sendungen gezeigt, um somit den Zuschauer zum Verweilen bei dem Sender zu animieren. Die Folge ist, dass viele Menschen wesentlich mehr Zeit vor der Glotze verbringen, als sie eigentlich wollten, weil ihnen die ganze Zeit das Gef\u00fchl vermittelt wird, etwas zu verpassen, wenn sie das Angebotene bzw. Vorangek\u00fcndigte nicht auch noch konsumieren w\u00fcrden. Erfreulicherweise wirken Mediatheken diesem Trend entgegen, da hier die Zuschauer wirklich gezielt eine Sendung ausw\u00e4hlen, die sie sich anschauen. Ob das ein Grund daf\u00fcr ist, dass die Mediatheken meistens nur recht tempor\u00e4r eingeschr\u00e4nkt Sendungen zur Verf\u00fcgung stellen d\u00fcrfen?<\/p>\n<p>Wie man an diesen Beispielen sehen kann, sind wir in unserem Konsum wesentlich weniger selbstbestimmt und autonom, als es uns immer wieder suggeriert wird. Nat\u00fcrlich kann nicht f\u00fcr alle Dinge erst mal eine Nachfrage bestehen, beispielsweise bei technischen Entwicklungen, die so nicht f\u00fcr den Laien vorhersehbar sind. In den 80er-Jahren w\u00e4re beispielsweise so gut wie niemand auf die Idee gekommen, ein globales Netzwerk zur Verf\u00fcgung haben zu wollen, auf das er mit seinem Computer zugreifen kann &#8211; und heute nutzt fast jeder allt\u00e4glich das Internet. Dieses Unwissen besteht bei den meisten Konsumg\u00fctern jedoch nicht, und trotzdem wird hier vor allem das gekauft, was uns gesagt wird, dass wir es kaufen sollen (und haben wollen). Der m\u00fcndige Konsument ist wohl in der Tat eher die Ausnahme als die Regel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Nachfrage bestimmt das Angebot&#8220; &#8211; das ist einer der Grunds\u00e4tze, die wir f\u00fcr unsere Wirtschaft annehmen und die uns auch immer wieder gepredigt werden. Doch ist das tats\u00e4chlich so? Meines Erachtens s\u00e4he unsere Wirtschaft ziemlich anders aus, wenn tats\u00e4chlich nur die Sachen gekauft w\u00fcrden, f\u00fcr die auch eine Nachfrage besteht. 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