{"id":25015,"date":"2022-04-22T12:24:00","date_gmt":"2022-04-22T10:24:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=25015"},"modified":"2022-04-22T14:19:26","modified_gmt":"2022-04-22T12:19:26","slug":"warum-in-nicht-gendere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=25015","title":{"rendered":"Warum ich nicht gendere"},"content":{"rendered":"<p>Ich werde immer mal wieder gefragt, warum ich in meinen Artikeln keine gegenderte Schreibweise verwende. Das mache ich durchaus bewusst, und die Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind nicht, dass ich etwas gegen Gleichstellung von Frauen und M\u00e4nnern h\u00e4tte, sondern andere, die ich hier kurz erl\u00e4utern m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Leseschwierigkeiten<\/strong><\/p>\n<p>Der Hauptgrund f\u00fcr mich, nicht zu gendern, ist, dass es auf diese Weise Menschen, die aus verschiedenen Gr\u00fcnden Schwierigkeiten mit dem Lesen haben, erschwert w\u00fcrde, meine Texte zu lesen.<\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr, warum sich Menschen schwertun mit dem Textverst\u00e4ndnis, k\u00f6nnen ja vielf\u00e4ltig sein. Neben einer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lese-_und_Rechtschreibst\u00f6rung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lese- und Rechtschreibst\u00f6rung (LSR)<\/a> k\u00f6nnen dies ja auch generelle kognitive Defizite sein, und auch Menschen, die nicht deutsche Muttersprachler sind, haben zuweilen Schwierigkeiten beim sinnerfassenden Lesen von Texten.<\/p>\n<p>Deswegen wird ja beispielsweise immer \u00f6fter in Beh\u00f6rden oder anderen \u00f6ffentlichen Institutionen die sogenannte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leichte_Sprache\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">leichte Sprache<\/a> verwendet, und das finde ich auch sehr sinnvoll. Schlie\u00dflich geht es bei Funktionstexten vor allem darum, dass jeder, der das liest, auch genau und richtig versteht, was ausgesagt werden soll.<\/p>\n<p>Gegenderte Schreibweise bewirkt nun das genaue Gegenteil, denn auf diese Weise werden Texte schwerer lesbar. Dazu muss man sich nur mal ein Wort wie &#8222;Kund:innenberater:innen&#8220; vor Augen f\u00fchren. So zu schreiben ist also kontraproduktiv in Bezug auf Inklusion und schlie\u00dft somit Menschen aus, die ohnehin schon Probleme mit Schriftsprache haben. Und das ist f\u00fcr mich schlichtweg inakzeptabel, denn Sprache ist f\u00fcr mich immer noch vor allem ein Vehikel, um Inhalte r\u00fcberzubringen. Wenn das f\u00fcr zunehmend mehr Menschen erschwert oder eingeschr\u00e4nkt wird, dann ist das nicht mehr mit dieser Funktionalit\u00e4t zu vereinbaren.<\/p>\n<p>Gerade in Zeiten, in denen die Probleme, mit denen Menschen konfrontiert werden, immer komplexer werden, erscheint es mir umso wichtiger, auf Inhalte zu fokussieren und nicht auf die Form, zumal wenn diese dann auch noch das Verst\u00e4ndnis erschwert.<\/p>\n<p><strong>Verf\u00e4lschung der Inhalte<\/strong><\/p>\n<p>Eine Alternative dazu, die Lesbarkeit mit * oder : zu verschlechtern, besteht darin, dass man neutrale Formulierungen benutzt. Also beispielsweise &#8222;Mitarbeitende&#8220; statt &#8222;Mitarbeiter*innen&#8220;.<\/p>\n<p>Das Problem dabei: Mitarbeitende und Mitarbeiter sind was Unterschiedliches. Genauso wie ein Student nicht zwingend gerade ein Studierender und ein Studierender nicht unbedingt auch Student sein muss.<\/p>\n<p>Hier ergibt sich eine Verschlechterung der sprachlichen Pr\u00e4zision, wenn nicht gar eine Verf\u00e4lschung, was zu einer Verarmung der Ausdrucksm\u00f6glichkeiten f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches ist zu beobachten, wenn aus Gr\u00fcnden der Kompaktheit der Plural statt der Einzahl gew\u00e4hlt wird, also &#8222;die Kund:innen&#8220; statt &#8222;der Kunde\/die Kundin&#8220; oder &#8222;die \u00c4rzt*innen&#8220; statt &#8222;der Arzt\/die \u00c4rztin&#8220;, weil eben im Singular nicht einfach so gegendert werden kann. Das macht dann S\u00e4tze zwar u. U. besser lesbar, doch auch hierunter leidet die sprachliche Pr\u00e4zision und die Vielfalt des Ausdrucks, wenn man beispielsweise schreibt, dass man sich um &#8222;die Sch\u00fcler:innen&#8220; statt um &#8222;jede:n Sch\u00fcler:in&#8220; oder &#8222;jede Sch\u00fclerin\/jeden Sch\u00fcler&#8220; k\u00fcmmert.<\/p>\n<p><strong>Das Weibliche als Anh\u00e4ngsel<\/strong><\/p>\n<p>Das ist nun eine eher sehr pers\u00f6nliche Empfindung von mir, aber f\u00fcr mich wird durch das Anh\u00e4ngen der weiblichen Endung nach einem * oder : der Charakter eines Anh\u00e4ngsels betont. Da hat man dann das eigentliche Wort, und nach einem Zeichen, das von vielen zumindest noch als ungewohnt angesehen wird, kommt dann noch die weibliche Form mit ran.<\/p>\n<p>Das ist dann nicht nur eine \u00e4sthetische Sache, sondern eben auch eine der Wertigkeit, wie ich finde. Klar, das liegt nat\u00fcrlich daran, dass die weiblichen Formen in der deutschen Sprachen in der Regel eine Ab\u00e4nderung der m\u00e4nnlichen Formen mit zus\u00e4tzlicher Endung sind &#8211; aber muss man das dann auch noch extra so optisch oder auch akustisch in Form einer Pause betonen?<\/p>\n<p>Gleichstellung stelle ich mir zumindest anders vor &#8230;<\/p>\n<p><strong>Trennung von offizieller und privater Sprache<\/strong><\/p>\n<p>Kennt Ihr jemanden, der in einer ganz normalen privaten Unterhaltung gendert? Ich zumindest nicht &#8230;<\/p>\n<p>Und auch in privater schriftlicher Kommunikation kommt das zumindest in meinem Umfeld so gut wie nicht vor.<\/p>\n<p>Insofern ist hier eine Trennung zwischen &#8222;offizieller&#8220; Sprache, wie sie in den Nachrichten und vielen Medien verwendet wird, und &#8222;tats\u00e4chlicher&#8220; Sprache, wie sie die Menschen einfach so nutzen, zu beobachten. Und dem kann ich nicht wirklich etwas abgewinnen, denn das ist dann schon wieder eine Spaltung in unserer Gesellschaft, und davon haben wir ja wahrlich schon mehr als genug.<\/p>\n<p>Mal davon abgesehen, dass bei mir dann auch solche unangenehmen Assoziationen wie zu Orwells Neusprech geweckt werden &#8230;<\/p>\n<p><strong>Feigenblatt, um den Status quo aufrechtzuerhalten<\/strong><\/p>\n<p>Nach wie vor haben wir einen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gender-Pay-Gap\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gender-Pay-Gap<\/a> in Deutschland, nach wie vor bekommen M\u00e4dchen rosa Spielzeug und Klamotten und Jungs das Ganze in Blau, nach wie vor werden M\u00e4dchen durch die Erziehung in typischen &#8222;Frauenberufe&#8220; (die dann auch oft schlechter bezahlt werden) gedr\u00e4ngt, nach wie vor wird haufenweise unbezahlte Care-Arbeit vor allem von Frauen geleistet, nach wie vor d\u00fcrfen Frauen nicht einfach so \u00fcber ihren K\u00f6rper entscheiden in puncto Schwangerschaftsabbruch, nach wie vor finden viel zu viele Femizide statt, die zudem oftmals noch nicht mal als solche benannt werden (s. <a href=\"https:\/\/www.br.de\/nachrichten\/bayern\/femizide-warum-maenner-ihre-frauen-toeten,SkzVv7v\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), nach wie vor werden Frauen allzu oft vor allem auf ihr \u00c4u\u00dferes reduziert, nach wie vor finden sich viel weniger Frauen als M\u00e4nner in F\u00fchrungspositionen, nach wie vor sind sexistische Social-Media-Kommentare auf \u00c4u\u00dferungen von Politikerinnen oder Journalistinnen leider eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit und werden sogar \u00f6ffentlich unter Klarnamen get\u00e4tigt &#8230;<\/p>\n<p>Aber &#8211; hey &#8211; wir gendern jetzt! Fragt sich nur, ob sich auf diese Weise an den eben aufgez\u00e4hlten Missst\u00e4nden etwas \u00e4ndern wird. Was ich n\u00e4mlich eher bezweifle.<\/p>\n<p>Dazu muss man ja nur mal in englischsprachige L\u00e4nder schauen, denn dort gibt es ja (bis auf wenige Ausnahmen, wie beispielsweise &#8222;policeman&#8220; und &#8222;policewoman&#8220;) keine m\u00e4nnlichen und weiblichen Formen der Substantive. (Dass man das ja so im Deutschen auch handhaben k\u00f6nnte, hab ich vor gut einem Jahr schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22605\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> vorgeschlagen.) Und wie schaut es dort mit patriarchalen Strukturen aus?<\/p>\n<p>Zumindest sind mir Gro\u00dfbritannien und die USA bisher nun nicht eben gerade als Hochburgen der geschlechtlichen Gleichstellung und des Feminismus aufgefallen &#8230; Und auch Sexismus ist dort leider reichlich vorhanden.<\/p>\n<p>Was ja den Schluss nahelegt, dass dieses Denken vielleicht gar nicht so sehr von genderter bzw. nicht gegenderter Sprache beeinflusst wird, wie es die bei uns gef\u00fchrte Debatte darum nahelegt.<\/p>\n<p>Oder vielleicht ist es ja sogar andersrum, dass sich gesellschaftliches Bewusstsein in der Sprache manifestiert. Wenn also bestimmte Denkweisen als antiquiert und \u00fcberholt gelten, dann dr\u00fcckt sich das auch in einer anderen Verwendung sprachlicher Begriffe aus. Zumindest kann man so was ja bei den Begriffen &#8222;Zigeunerschitzel&#8220; und &#8222;Negerkuss&#8220; beobachten, auch wenn es hier nat\u00fcrlich einige Trotzk\u00f6pfe von Rechtsau\u00dfen gibt, die diese Worte nach wie vor aus Gr\u00fcnden der Provokation benutzen und sich \u00fcber deren zunehmende Nichtverwendung stets echauffieren. Aber solche Typen kann und sollte man ja eh nicht so richtig ernst nehmen.<\/p>\n<p><strong>Best\u00e4rkung von Vorurteilen der Patriarchatsverfechter<\/strong><\/p>\n<p>Und dann sollte man sich doch auch fragen, wen man denn mit einer gegenderten Sprache erreicht, also im positiven Sinne best\u00e4rkt. Das d\u00fcrften vor allem diejenigen sein, die ohnehin schon nichts mit Sexismus und Patriarchat am Hut haben. Diejenigen hingegen, die das beides f\u00fcr gute Sachen halten, wird man hingegen eher nicht zum Umdenken bewegen, sondern ihnen vielmehr noch Futter daf\u00fcr liefern, an ihren veralteten Ansichten festzuhalten. Schlie\u00dflich haben sie nun in jeder Nachrichtensendung etwas, wor\u00fcber sie sich aufregen k\u00f6nnen, wenn dort gegendert gesprochen wird.<\/p>\n<p>Und wenn man sich \u00fcber die Form aufregt, kann man nicht nur den Inhalt einfach so hinnehmen, sondern hat eben stets auch eine sch\u00f6ne Nebelkerze zur Hand, um von den tats\u00e4chlich relevanten Diskussionen bez\u00fcglich nach wie vor auch bei uns bestehender patriarchaler Strukturen abzulenken.<\/p>\n<p>Identit\u00e4tspolitik als Teil der Teile-und-herrsche-Strategie (s. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22116\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=24964\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>) &#8211; das ist leider nichts Neues, aber dennoch etwas m. E. Grundeverkehrtes, denn gerade bei solchen Themen w\u00e4re eine Zusammenf\u00fchrung der Menschen und ihrer Positionen wichtiger als eine weitere Spaltung, um tats\u00e4chlichen gesellschaftlichen Fortschritt zu erzielen.<\/p>\n<p>Und insofern ist es f\u00fcr mich auch kein Widerspruch, mich nach wie vor gegen Patriarchat und Sexismus sowie f\u00fcr feministische Anliegen zu engagieren und auszusprechen, ohne dabei auf gegenderte Sprache zur\u00fcckzugreifen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich werde immer mal wieder gefragt, warum ich in meinen Artikeln keine gegenderte Schreibweise verwende. 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