{"id":26142,"date":"2022-10-22T14:06:06","date_gmt":"2022-10-22T12:06:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26142"},"modified":"2022-10-22T14:06:06","modified_gmt":"2022-10-22T12:06:06","slug":"der-kampf-gegen-das-vertraute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26142","title":{"rendered":"Der Kampf gegen das Vertraute"},"content":{"rendered":"<p>Menschen lieben Vertrautes. Das macht sich nicht nur im Gef\u00fchl der Nostalgie bemerkbar, sondern auch in ganz praktischen Abl\u00e4ufen, weil Vertrautes eben Sicherheit gibt und Routinen schafft, die bequemer sind, als wenn wir uns st\u00e4ndig mit Neuem auseinandersetzen m\u00fcssen. Allerdings wird das Vertraute vonseiten der Wirtschaft (oder besser: vor allem von Konzernen) immer wieder unterminiert.<\/p>\n<p>Vertrauen ist ja auch ein durchweg positiv besetzter Begriff, und was schafft besser Vertrauen als Vertrautes? Nat\u00fcrlich sind neue Sachen interessant, vor allem im kulturellen Bereich, aber meiner Erfahrung nach sch\u00e4tzen Menschen das, was sie kennen, vor allem wenn es um allt\u00e4gliche Verrichtungen geht.<\/p>\n<p>Bei Kindern kann man das besonders gut beobachten: Die k\u00f6nnten mitunter jeden Tag das Gleiche essen, wenn es denn ihr Lieblingsgericht ist, sie schauen sich gern immer wieder denselben Film an, h\u00f6ren immer wieder dieselben H\u00f6rspiele und werden auch nicht m\u00fcde, dieselben Spiele immer wieder zu spielen.<\/p>\n<p>Je \u00e4lter man wird, desto mehr Offenheit f\u00fcr Neues legen die meisten auch an den Tag. Allerdings kennt bestimmt jeder von Euch die seligen Blicke von Menschen, die gerade einen Song aus ihrer Jugendzeit h\u00f6ren oder einen Film sehen, den sie schon x-mal geschaut haben &#8211; &#8222;Dinner for one&#8220; zu Silvester beispielsweise. Rituale werden von vielen Menschen als etwas Angenehmes empfunden, Traditionen geben Stabilit\u00e4t (auch wenn gelegentlich nat\u00fcrlich hinterfragt werden sollte, ob sie noch zeitgem\u00e4\u00df sind), und Lieblingspl\u00e4tze (Restaurants, Kneipen, Hotels, Urlaubsorte &#8230;) werden auch von vielen Menschen wieder und wieder aufgesucht. Na ja, und die Begeisterung, wenn jemand auf einem Flohmarkt irgendein Ged\u00f6ns entdeckt, was er schon in seiner Kindheit kannte und was es so sonst nicht mehr neu zu kaufen gibt, d\u00fcrften auch viele schon mal erlebt haben.<\/p>\n<p>Das passt nur leider alles nicht zu unserem Wirtschaftssystem, das auf Wachstum getrimmt ist und somit st\u00e4ndig versucht, uns mit Neuem zu k\u00f6dern. Die Zufriedenheit mit dem, was man hat, passt nicht dazu, denn wer mit einem Zustand zufrieden ist, der will diesen nicht \u00e4ndern und dementsprechend auch nicht \u00fcber konsumptive Ausgaben eine Ver\u00e4nderung herbeif\u00fchren.<\/p>\n<p>Gerade letzte Woche durfte ich erleben, wie unsch\u00f6n es ist, wenn man Vertrautes erzwungenerma\u00dfen aufgeben muss: Da ich f\u00fcr viele Programme keine Updates mehr bekam, was deren Bedienbarkeit deutlich einschr\u00e4nkte, musste ich das Betriebssystem auf meinem Rechner auf den neusten Stand bringen.<\/p>\n<p>Freiwillig h\u00e4tte ich das sonst nicht gemacht, denn ich war mit der Funktionalit\u00e4t meines Computers schon sehr zufrieden. Alles lief so, wie ich es wollte, ich konnte die Sachen, die ich t\u00e4glich nutze, bequem finden und routiniert anwenden &#8211; also alles bestens. Aber dann haut das mit dem Browser immer schlechter hin, da er nicht mehr auf dem neusten Stand gehalten wird, genauso wie das bei anderen Programmen der Fall ist.<\/p>\n<p>Also hab ich mich abgesichert, dass ich alle meine Programme auch mit dem neuen Betriebssystem noch nutzen kann &#8211; und wenn das nicht der Fall ist, dann hab ich mich nach Alternativen umgesehen. Und dann das Update gestartet.<\/p>\n<p>Das lief auch erst mal recht gut, nur traten dann schnell die ersten Probleme auf &#8211; das relevanteste davon was, dass mein Mail-Programm nicht mehr richtig funktionierte, sondern dauernd abst\u00fcrzte. Was f\u00fcr jemanden, der seinen Kundenkontakt zu nahezu 100 % per Mail pflegt, schon recht unangenehm ist.<\/p>\n<p>Aber auch die Programme, die funktionieren, sehen nun nicht nur ziemlich anders aus, sondern bieten lieb gewonnene Funktionen nicht mehr an, sodass ich viel mehr umherklicken muss, um das zu erreichen, was vorher einfacher zu bewerkstelligen war. Hurra, was f\u00fcr ein Gewinn. Letztlich ist eigentlich keines meiner Programme in der neuen Version angenehmer zu nutzen, als das vorher der Fall war &#8211; zumindest zu dem Zeitpunkt, als die noch regelm\u00e4\u00dfig von Apple gewartet wurden.<\/p>\n<p>Und das ist ja nicht nur bei einem Betriebssystem-Update der Fall, sondern auch bei Websites, die man so nutzt. Beispielsweise Facebook. Da wurde mir nun schon seit einigen Tage angek\u00fcndigt, dass ich nun bald eine tolle neue Version der Seiten haben w\u00fcrde, die ich administriere. Die hab ich mittlerweile auch &#8211; nur leider ist das nicht so wirklich toll, denn viele Funktionen existieren nicht mehr, und andere Dinge sind nur mit deutlich mehr Aufwand durchf\u00fchrbar.<\/p>\n<p>Gefragt wurde ich nat\u00fcrlich nicht, ob ich denn so eine tolle neue Seitenversion gern haben wollte, die bekam ich einfach so aufs Auge gedr\u00fcckt. Vielen Dank!<\/p>\n<p>Auch Verpackungen von Produkten werden st\u00e4ndig neu designt oder deren Rezeptur wird ver\u00e4ndert. Letzteres ist nat\u00fcrlich o. k., wenn dadurch beispielsweise etwas ges\u00fcnder wird, aber ich hab den Eindruck, dass das Ganze oft vor allem aus Marketinggr\u00fcnden geschieht. Und letztlich m\u00fcssen ja die ganzen (Produkt-)Designer auch irgendwas zu tun haben. Wobei Letzteres dann schon so ein bisschen die Frage nach dem Huhn und Ei aufwirft &#8230;<\/p>\n<p>Diese st\u00e4ndigen und meinem Gef\u00fchl nach immer schnelleren Neuerungen, die keine wirklichen Entwicklungen sind (so im Sinne davon, dass Sachen besser funktionieren oder einfacher zu handhaben sind), fressen nicht nur eine Menge Ressourcen, die f\u00fcr ihre Entwicklung verbraten werden, sonder sorgen auch f\u00fcr ein unterschwelliges Unwohlbefinden, da sie dem menschlichen Bed\u00fcrfnis nach Vertrautem entgegenstehen. Und zudem fressen sie in vielen F\u00e4llen auch noch viel von unserer Zeit, wenn man sich in irgendwelche neuen Features reinfuchsen muss, die man eigentlich gar nicht haben wollte.<\/p>\n<p>Doch unser Wirtschaftssystem braucht genau diese st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen, denn sie sind ein wichtiger Wachstumstreiber, indem sie Menschen dazu bringen, Sachen zu kaufen, die sie eigentlich gar nicht haben wollen &#8211; entweder weil es technisch notwendig wird oder weil es als der neuste hei\u00dfe Schei\u00df beworben wird, sodass dass Bed\u00fcrfnis erzeugt wird, das Zeug dann auch haben zu wollen.<\/p>\n<p>Woran man dann mal wieder sieht, dass dieses Wirtschaftssystem namens Kapitalismus den menschlichen Bed\u00fcrfnissen auf einer weiteren ziemlich elementaren Ebene sehr entgegensteht.<\/p>\n<p>Insofern wundert es mich auch nicht, dass immer mehr Menschen der Nostalgie im Sinne von &#8222;Fr\u00fcher war alles besser&#8220; anheimfallen, was letztlich dann nat\u00fcrlich Z\u00fcge von Konservativismus in sich tr\u00e4gt und somit dann die Angst vor oder Ablehnung von wirklich sinnvollen Neuerungen sch\u00fcrt. Das ist \u00fcbrigens m. E. auch in der Kultur zu beobachten, denn was viele junge Menschen heutzutage beispielsweise an Musik h\u00f6ren und was sich so in den Charts findet, ist nach meinem Empfinden recht lahmer konservativer Kram, wirklich interessante musikalische Neuerungen finden eher in kleineren Randgenres statt.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das ja in seiner Gesamtheit ein Grund daf\u00fcr, dass im sich radikalisierenden Kapitalismus konservative und rechte Parteien oder Bewegungen so einen enormen Zulauf haben. Was dann wiederum fatal ist, weil die vom Kapitalismus zunehmend verursachten Krisen eher progressive L\u00f6sungen br\u00e4uchten und ein konservatives Beharren nur dazu f\u00fchrt, dass der ganze Laden weiter recht ungebremst in Richtung Abgrund d\u00fcst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen lieben Vertrautes. Das macht sich nicht nur im Gef\u00fchl der Nostalgie bemerkbar, sondern auch in ganz praktischen Abl\u00e4ufen, weil Vertrautes eben Sicherheit gibt und Routinen schafft, die bequemer sind, als wenn wir uns st\u00e4ndig mit Neuem auseinandersetzen m\u00fcssen. Allerdings wird das Vertraute vonseiten der Wirtschaft (oder besser: vor allem von Konzernen) immer wieder unterminiert.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52,51],"tags":[1131,748],"class_list":["post-26142","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziales","category-wirtschaftliches","tag-angebot","tag-konsumgesellschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26142","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26142"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26142\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26155,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26142\/revisions\/26155"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26142"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26142"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26142"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}