{"id":26419,"date":"2022-12-30T18:00:18","date_gmt":"2022-12-30T17:00:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26419"},"modified":"2022-12-30T18:00:18","modified_gmt":"2022-12-30T17:00:18","slug":"ein-rueckblick-aufs-jahr-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26419","title":{"rendered":"Ein R\u00fcckblick aufs Jahr 2022"},"content":{"rendered":"<p>Tja, schon wieder ein Jahr rum, und schon wieder kann ich keinen besonders positiven R\u00fcckblick aufs vergangene Jahr an dessen Ende schreiben &#8230;<\/p>\n<p>Letztes Jahr beendete ich meinen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=24456\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jahresr\u00fcckblick<\/a> mit folgenden Worten:<\/p>\n<blockquote><p>Ach, was w\u00e4re es sch\u00f6n, mal einen positiv gestimmten Jahresr\u00fcckblick schreiben zu k\u00f6nnen. Das war leider in gut acht Jahren <em>unterstr\u00f6mt<\/em> noch nicht m\u00f6glich \u2013 und die negativen Prognosen haben sich in der Regel leider auch immer best\u00e4tigt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Und das kann ich leider so auch genau f\u00fcr 2022 feststellen. Zwar ist das Hauptthema der letzten beiden Jahre COVID-19 ziemlich in den Hintergrund getreten, und die Zahlen derjenigen, die daran erkranken und daran oder damit sterben, sind ja zum Gl\u00fcck auch runtergegangen.<\/p>\n<p>Das ist ja eigentlich schon mal eine gute Sache &#8211; allerdings lie\u00df die n\u00e4chste gro\u00dfe Krise nicht lange auf sich warten, als n\u00e4mlich Russland im Februar die Ukraine \u00fcberfiel.<\/p>\n<p>Und das ist nun nicht einfach nur ein Krieg zwischen zwei Nachbarl\u00e4ndern, sondern hat reichlich Auswirkungen auf den Rest der Welt, da Russland eben ein gro\u00dfer Exporteur von fossilen Brennstoffen und die Ukraine ein gro\u00dfer Exporteur von Nahrungsmitteln ist.<\/p>\n<p>Da Deutschland sehr viel Erdgas und Erd\u00f6l aus Russland bezieht bzw. bezog (und es anscheinend vorher auch niemanden gest\u00f6rt hat, dass Russlands Pr\u00e4sident Wladimir Putin kein allzu toller Typ ist), sind die Energiepreise nun als Folge der augenblicklich verh\u00e4ngten Wirtschaftssanktionen gegen Russland bei Kriegsausbruch hierzulande reichlich angestiegen. Was dann zur Folge hatte, dass nicht nur Strom, Heizen und Autofahren deutlich teurer wurden, sondern eben auch viele Dinge, die transportiert werden m\u00fcssen, beispielsweise Lebensmittel.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich haben auch viele Unternehmen die Preise im Zuge dieser gestiegenen Inflationsrate einfach so erh\u00f6ht, eben weil es gerade nicht so auff\u00e4llt, sodass die Profite vieler Unternehmen auch reichlich angestiegen sind. Mal wieder wird also eine Krise vor allem zur Umverteilung von finanziellen Mitteln von &#8222;unten nach oben&#8220; genutzt. Das war ja auch schon w\u00e4hrend der Corona-Pandemie so, als die Zahl der Million\u00e4re zugenommen hat, genauso wie die Zahl derjenigen, die arm oder von Armut bedroht sind.<\/p>\n<p>Das ist n\u00e4mlich auch das Grundproblem am Kapitalismus, zumal in seiner neoliberal radikalisierten Form: Das System braucht Krisen, da die Bew\u00e4ltigung von deren Folgen die reale Produktion wachsen l\u00e4sst, sodass deren Wachstum zumindest kurzzeitig mit dem h\u00f6heren Wachstum der Rendite mithalten kann. Das ist zwar langfristig nicht der Fall, wie Thomas Piketty ja empirisch belegte (s. <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2014\/dezember\/das-ende-des-kapitalismus-im-21-jahrhundert\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), aber durch solche krisenbedingten Wachstums-Pushs der Realwirtschaft kann die Finanzwirtschaft mit ihren leistungslosen Einkommen weiterhin am Laufen gehalten werden, ohne dass das System kollabiert &#8211; oder zumindest langsamer kollabiert.<\/p>\n<p>Denn an diesem Punkt sind wir nun offensichtlich langsam, aber sicher angekommen. Denn schon wieder wurde deutlich, wie schon in den Jahren zuvor w\u00e4hrend der Pandemie, dass es dem ausf\u00fchrenden politischen Personal in der Regel anscheinend nicht darum geht, durch den Kapitalismus verursachte Krisen so zu l\u00f6sen, dass sie f\u00fcr alle m\u00f6glichst glimpflich ablaufen, sondern gro\u00dfe Verm\u00f6gen noch weiter zu vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p>Genau wie das unendliche Wachstum, was der Kapitalismus ben\u00f6tigt und das in einem endlichen planetaren System einfach nicht stattfinden kann, ohne die Biosph\u00e4re zu zerst\u00f6ren, erwies sich im vergangenen Jahr auch das fundamentale Versprechen des Kapitalismus, n\u00e4mlich dass es der n\u00e4chsten Generation materiell besser gehen w\u00fcrde als der gegenw\u00e4rtigen, als unrealistisch.<\/p>\n<p>Und das ist ein untr\u00fcgliches Zeichen f\u00fcr den Crash dieses Wirtschaftssystems. Ein weiteres Zeichen: Die relevante Infrastruktur funktioniert in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe nicht mehr.<\/p>\n<p>Ein paar Beispiele:<\/p>\n<p><strong>Wasserversorgung<\/strong> ist ein elementares Gut. In Frankreich konnten wir im vergangenen Sommer schon sehen, dass etliche Gemeinden ihren Einwohnern keine Trinkwasserversorgung mehr gew\u00e4hrleisten k\u00f6nnen, und auch in Deutschland bahnen sich hier Engp\u00e4sse an. Dazu muss man sich nur die vertrockneten W\u00e4lder und Felder anschauen, dann wird klar, dass Wasser zunehmend zu einem raren Gut wird.<\/p>\n<p>Auch die <strong>Gesundheitsversorgung<\/strong> steht auf zunehmend t\u00f6nernen F\u00fc\u00dfen. Das hat die Corona-Pandemie recht schonungslos offengelegt und das zeigt sich auch jetzt gerade in der Tatsache, dass Kinder, die (absehbar) nun vermehrt an der Atemwegserkrankung RSV erkranken, teilweise nicht mehr ad\u00e4quat behandelt werden k\u00f6nnen. Miserable Behandlungen, blutige Entlassungen und profitable, aber nicht unbedingt zielf\u00fchrende Operationen geh\u00f6ren ja schon seit Jahren zur Tagesordnung &#8211; und wenn Patienten monatelang auf einen Termin beim Facharzt warten m\u00fcssen, dann ist das ihrer Gesundheit auch nicht gerade zutr\u00e4glich.<\/p>\n<p><strong>Bezahlbarer Wohnraum<\/strong> wird immer knapper, viele Menschen geraten da mittlerweile an ihre finanziellen Grenzen, gerade jetzt, wo auch noch die <strong>Energiekosten<\/strong> aus dem Ruder laufen. Ein Dach \u00fcber dem Kopf zu haben und die Bude dabei auch hell und warm zu bekommen ist ja nun kein \u00fcbertriebener Luxus, sondern ein Grundbed\u00fcrfnis &#8211; das immer \u00f6fter nicht mehr erf\u00fcllt werden kann.<\/p>\n<p>Dass generelle <strong>Energieengp\u00e4sse<\/strong> entstehen konnten aufgrund des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, zeigt auch, dass unser Wirtschaftssystem nicht gerade sonderlich stabil ist. Aber wenn immer nur darauf geschaut wird, alles m\u00f6glichst billig irgendwoher zu bekommen, dann bleiben eben Nachhaltigkeit und Stabilit\u00e4t auf der Strecke.<\/p>\n<p>Die Versorgung mit <strong>Lebensmitteln<\/strong> wird auch zunehmend f\u00fcr immer mehr Leute prek\u00e4r. Das sieht man nicht nur daran, dass immer mehr Menschen (bis zu zwei Millionen) bei den Tafeln anstehen m\u00fcssen, sondern auch daran, dass Lebensmittel massiv teurer geworden sind im letzten Jahr &#8211; auch aufgrund des Ukrainekrieges und der damit verbundenen gestiegenen Energiekosten, aber eben auch, weil viele Unternehmen nun im Zuge dieser Krise noch mal einen sch\u00f6nen Reibach machen wollen. Dass ich bestimmte Grundnahrungsmittel (wie Sahne beispielsweise) einfach nicht mehr bekomme im Supermarkt, weil es Lieferengp\u00e4sse gibt, und man auch sonst \u00f6fter vor halb leeren Regalen steht, kannst ich so in dem Ma\u00dfe bisher auch noch nicht.<\/p>\n<p>Die\u00a0<strong>Altersversorgung<\/strong> wurde ja schon Anfang des Jahrtausends im Zuge der Agenda 2010 demontiert, und die Auswirkungen sehen wir mittlerweile immer deutlicher: Viele Menschen arbeiten ihr Leben lang, zahlen in die Sozialsysteme ein und bekommen dann am Ende nur die Mindestrente raus &#8211; was de facto Armut bedeutet. Und auch der <strong>Sozialstaat<\/strong> wurde in dem Zuge mit der Einf\u00fchrung des Hartz-IV-Regimes massiv besch\u00e4digt, sodass die Zahl der Armen in Deutschland seitdem j\u00e4hrlich steigt. Selbst eine sehr sanfte Korrektur dieses Missstandes, die in Form des B\u00fcrgergeldes stattfinden sollte, wird dann von der CDU im Bundesrat geblockt, sodass weitere Verw\u00e4sserungen an einem eh schon nicht gerade gro\u00dfen Wurf vorgenommen werden mussten.<\/p>\n<p>Na ja, und in welch erb\u00e4rmlichem Zustand viele <strong>Stra\u00dfen, Br\u00fccken und \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude<\/strong> (zum Beispiel Schulen) so sind, davon kann sich jeder \u00fcberzeugen, der mit offenen Augen durchs Land geht oder f\u00e4hrt. Der &#8222;schwarzen Null&#8220; sei dank &#8211; und dieser \u00f6konomischen Bl\u00f6dsinnigkeit wird nat\u00fcrlich von einem Bundesfinanzminister der wirtschaftsinkompetenten FDP auch noch gehuldigt bis zum Erbrechen.<\/p>\n<p>Sowieso zeigte sich im vergangenen Jahr auch \u00fcberdeutlich, dass mit der FDP in der Bundesregierung keine wirklich nachhaltige oder gar progressive Politik zu machen ist &#8211; und ich behaupte ja, dass SPD und Gr\u00fcne das auch gar nicht wollten, denn das h\u00e4tte ihnen ja von vornherein klar sein m\u00fcssen. Und zumindest h\u00e4tte man dann nicht das so wichtige Bundesverkehrsministerium an einen FDP-Heini geben sollen. Volker Wissmann ist sich ja auch nicht zu schade daf\u00fcr, seine W\u00e4hler f\u00fcr komplett dumm zu verkaufen, als er meinte, ein Tempolimit k\u00f6nne ja schon deswegen nicht eingef\u00fchrt werden, weil man nicht genug Schilder h\u00e4tte, auf denen &#8222;130&#8220; stehen w\u00fcrde. Au weia!<\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re es gerade jetzt so wichtig, den Weiter-so-Kurs in der Politik zu beenden, da die Klimakatastrophe immer deutlicher in Erscheinung tritt. Nicht nur in Pakistan mit der verheerenden Flut oder der D\u00fcrre in Ostafrika, sondern zunehmend auch bei uns in Europa, wo wir einen extremen Hitze- und D\u00fcrresommer erlebten. Doch mit einer rechten Partei wie der FDP wird das eben nichts werden.<\/p>\n<p>Und fatalerweise ist es ja auch in anderen L\u00e4ndern so, dass die Rechten auf dem Vormarsch sind. In Schweden beispielsweise, wo die rechtsextremen Schwedendemokraten nun die konservative Regierung dulden. Oder in Italien, wo die Postfaschisten nun die Ministerpr\u00e4sidentin stellen. Oder in Israel, dass noch nie so eine weit rechts stehende Regierung hatte wie zurzeit. Oder in den USA, wo sich die Republikaner zunehmend radikalisieren und auch zu einer offen rechtsextremen Partei mutieren. Oder in Frankreich, wo Pr\u00e4sident Emanuel Macron eine Zusammenarbeit mit der rechtsextremen Marine Le Pen nicht mehr komplett ausschlie\u00dft.<\/p>\n<p>Da wirkt es eher wie ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass wenigstens der Rechtsextreme Jair Bolsonaro nicht mehr Pr\u00e4sident in Brasilien ist. Und dann gab es ja auch gleich einen D\u00e4mpfer im Nachbarland, als die neue progressive Verfassung in Chile von der Bev\u00f6lkerung abgelehnt wurde.<\/p>\n<p>Das Wirtschaftssystem kollabiert, wird aber dennoch nach wie vor als alternativlos angesehen. Die planetare Biosph\u00e4re kollabiert zeitgleich, was schon mal ein extrem ung\u00fcnstiges Timing ist, da beide Vorg\u00e4nge mit extremen Verwerfungen verbunden sind. Und viele Menschen wenden sich dann ver\u00e4ngstigt rechten Rattenf\u00e4ngern zu.<\/p>\n<p>Keine g\u00fcnstigen Aussichten f\u00fcr 2023 &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tja, schon wieder ein Jahr rum, und schon wieder kann ich keinen besonders positiven R\u00fcckblick aufs vergangene Jahr an dessen Ende schreiben &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[67,50,52],"tags":[448],"class_list":["post-26419","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medial-manipulatives","category-politisches","category-soziales","tag-jahresrueckblick"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=26419"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26419\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":26429,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/26419\/revisions\/26429"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=26419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=26419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=26419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}