{"id":26615,"date":"2023-02-04T17:16:28","date_gmt":"2023-02-04T16:16:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26615"},"modified":"2023-02-04T17:16:28","modified_gmt":"2023-02-04T16:16:28","slug":"was-macht-gluecklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26615","title":{"rendered":"Was macht gl\u00fccklich?"},"content":{"rendered":"<p>Eine Langzeitstudie der Harvard-Universit\u00e4t hat sich damit befasst, was Menschen wirklich gl\u00fccklich macht. Und das Ergebnis ist zum einen sehr positiv, weil es dazu nur etwas braucht, was eigentlich jeder haben kann, aber auch negativ, weil genau das von unserer Lebensweise und dem daraus resultierenden Zeitgeist immer mehr unterbunden wird.<\/p>\n<p>Ein <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000142991328\/jahrzehntelange-studie-enthuellt-was-uns-wirklich-gluecklich-macht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel im <em>Standard<\/em><\/a> berichtet \u00fcber die gro\u00df angelegte Untersuchung, die immerhin schon im Jahr 1938 gestartet wurde und die Leben von \u00fcber 2000 Personen mehr als 80 Jahre lang analysierte unter der Pr\u00e4misse, was bei den Probanden f\u00fcr Wohlbefinden sorgt. Nat\u00fcrlich tragen dazu auch \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde bei, wie beispielsweise Gesundheit, materielle Sicherheit und Anerkennung durch andere, als zentraler Aspekt stellte sich allerdings heraus: gute Beziehungen, und zwar zu allen m\u00f6glichen Menschen, also nat\u00fcrlich dem Lebenspartner, aber auch Familienmitgliedern, Freunden, Kollegen, Nachbarn oder Zufallsbekanntschaften.<\/p>\n<p>Ich hab ja vor neun Jahren schon mal einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1207\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> zu dem Thema geschrieben, wie Kinder in unserer Gesellschaft im Grunde recht systematisch ungl\u00fccklich gemacht werden. Wenn man nun noch hinzunimmt, was bei der Harvard-Langzeitstudie rauskam, dann ergibt sich ein recht unsch\u00f6nes Bild.<\/p>\n<p>Der Neoliberalismus hat es n\u00e4mlich sehr erfolgreich geschafft, die Idee des Individualismus, die sich seit 1968 stark verbreitet hat und ja auch durchaus etwas Positives ist, zu pervertieren, indem n\u00e4mlich die Umdeutung zum Egoismus vollzogen wurde. &#8222;Jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied&#8220;, &#8222;Wenn jeder an sich denkt, dann ist an alle gedacht&#8220; &#8211; das sind typische neoliberale Sinnspr\u00fcche, die \u00fcber verschiedene Kan\u00e4le den Menschen immer wieder eingetrichtert wurden.<\/p>\n<p>Das Ziel, das meiner Meinung nach damit erreicht werden sollte: Entsolidarisierung. Der Neoliberalismus*\u00a0ist so angelegt, dass eine quasi oligarchische Machtkonzentration durch Bildung immer gr\u00f6\u00dferer Verm\u00f6gen bei zunehmender Verarmung vom Rest der Bev\u00f6lkerung entsteht. Gleichzeitig muss aus Sicht der Systemapologeten ein m\u00f6glicher Zusammenschluss der auf verschiedenen Ebenen Benachteiligten verhindert werden. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10399\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Teile und herrsche<\/a>, so hei\u00dft das Prinzip, das schon lange bekannt ist und selbst bei den antiken R\u00f6mern praktiziert wurde.<\/p>\n<p>Ein &#8222;Nebeneffekt&#8220;, wenn jeder immer mehr um sich selbst kreist, vor allem auf den eigenen Vorteil bedacht ist und andere Menschen in erster Linie als Konkurrenten sieht: Beziehungen werden nicht nur seltener, sondern deren Qualit\u00e4t leidet auch. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=3555\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Misstrauen<\/a> ist eben keine Basis f\u00fcr eine gesunde Beziehung zu einem anderen Menschen.<\/p>\n<p>Und nun kommt noch die Digitalisierung dazu, die bewirkt, dass die Menschen sich noch mehr von anderen zur\u00fcckziehen: Netflix statt Kino, Amazon statt Einzelhandel, YouTube statt Konzertbesuch, Facebook statt Leute zu treffen usw. Kann wohl jeder in seinem Umfeld und u. U. auch bei sich selbst beobachten. Und das ist wohl gerade bei jungen Menschen noch mal extremer, denn zumindest h\u00f6re ich immer wieder von Freunden, die Kinder im Teenageralter haben, dass diese eigentlich nur noch vor Bildschirmen rumh\u00e4ngen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Versch\u00e4rft wird das nat\u00fcrlich noch mal seit der Verbreitung von <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=5029\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Smartphones<\/a>, die es Menschen erm\u00f6glichen, nun auch in Gesellschaft anderer ums eigene Ich zu kreisen. Kennt bestimmt auch jeder, diese traurigen Bilder von mehreren Menschen an einem Tisch, die nicht miteinander reden, sondern stattdessen alle in ihre Smartphones starren.<\/p>\n<p>Auch kleine Begegnungen im Alltag werden zunehmend seltener, und das nicht nur aufgrund von immer mehr Online-Zeit, statt diese in der Realit\u00e4t mit Menschen zu verbringen. Sachbearbeiter bei Versicherungen, Banken usw. gibt es kaum noch, stattdessen landet man meistens in unpers\u00f6nlichen Callcentern, wo man jedes Mal jemand anderen an der Strippe hat, wenn man dort anruft. Discounter haben eine Personalstruktur, die einen Kontakt, der \u00fcber das Notwendigste zur Erledigung des Einkaufs hinausgeht, nicht zul\u00e4sst. Mal eben noch ein bisschen mit Herrn Gruber oder Frau Schulz plaudern, die dort immer so nett hinter der Einkaufstheke stehen, f\u00e4llt da weitgehend weg (wenngleich es so was in d\u00f6rflichen Gegenden auch in Superm\u00e4rkten durchaus noch in kleinem Ma\u00dfe geben kann). Und wenn es dann mal Zufallsbegegnungen geben k\u00f6nnte mit anderen Menschen, dann finden diese oft deshalb nicht statt, weil eben wieder mal lieber ins Smartphone geglotzt wird &#8230;<\/p>\n<p>Und da kam dann noch die Corona-Pandemie oben drauf &#8211; mit Social Distancing, Homeoffice und einer weitgehenden Reduzierung der Sozialkontakte. Gerade f\u00fcr junge Menschen zwischen 15 und 20 Jahren sind diese Jahre m. E. fatal gewesen, da sie normalerweise in dieser Zeit ihre eigenen, familienunabh\u00e4ngigen Sozialkontakte aufbauen.<\/p>\n<p>Fazit: Unser Wirtschaftssystem und die damit zusammenh\u00e4ngenden &#8222;Werte&#8220; reduzieren das, was uns wirklich gl\u00fccklich macht, und dann kommt noch die Digitalisierung hinzu, die zus\u00e4tzlich zu einem R\u00fcckgang von pers\u00f6nlichen Kontakten vieler Menschen f\u00fchrt. Ist es da ein Wunder, dass psychische Erkrankungen immer mehr zunehmen?<\/p>\n<p>Dass der Kapitalismus in \u00f6konomischer, \u00f6kologischer und sozialer Hinsicht gescheitert ist, konnte ja nun in den letzten Jahren jeder bemerken, der nicht bewusst die Augen davor verschlossen hat. Nun kommt noch hinzu, dass es in diesem System auch zunehmend erschwert wird, gl\u00fccklich zu sein. Und dennoch wird uns dieses Wirtschaftssystem immer noch als &#8222;alternativlos&#8220; verkauft.<\/p>\n<p>W\u00e4re es nicht vielleicht mal an der Zeit, sich nach etwas Neuem umzusehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>* Und im Endeffekt auch der Kapitalismus generell, nur eben in nicht ganz so offensichtlich versch\u00e4rfter Form wie durch die neoliberale Radikalisierung &#8211; s. <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2014\/dezember\/das-ende-des-kapitalismus-im-21-jahrhundert\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Langzeitudie der Harvard-Universit\u00e4t hat sich damit befasst, was Menschen wirklich gl\u00fccklich macht. 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