{"id":26710,"date":"2023-02-23T14:39:11","date_gmt":"2023-02-23T13:39:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26710"},"modified":"2023-02-28T08:07:58","modified_gmt":"2023-02-28T07:07:58","slug":"radikalitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26710","title":{"rendered":"Radikalit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Zurzeit wird ja in Bezug auf die Proteste von Klimaschutzaktivisten oft behauptet, dass deren Forderungen und Ma\u00dfnahmen zu radikal seien. Doch ist das wirklich so? Leben wir nicht vielmehr schon in einem radikalen, extremistischen System?<\/p>\n<p>Radikal sind am besten immer nur &#8222;die anderen&#8220;, also diejenigen, die etwas ver\u00e4ndern wollen und die deswegen diskreditiert werden sollen. Und genau das trifft auf den aktuellen Status quo ziemlich genau zu, wenn irgendwelche Gestalten von CDU, FDP oder andere Rechtsau\u00dfen Klimaschutzaktivisten Radikalit\u00e4t vorwerfen und sogar von einer &#8222;terroristischen Vereinigung&#8220; schwadronieren.<\/p>\n<p>Dabei fallen mir zumindest recht spontan so einige Sachen ein, die aufzeigen, dass unser derzeitiges Wirtschaftssystem selbst schon reichlich radikal und extremistisch ist. Aber das wird nat\u00fcrlich so nur selten wahrgenommen, denn die eigene Normalit\u00e4t wird mit solchen Begriffen halt nicht so gern in Verbindung gebracht. Dabei w\u00e4re das mehr als angebracht.<\/p>\n<p>Denn sp\u00e4testens seit der Hinwendung zum Neoliberalismus, die Ende der 70er-, Anfang der 80-Jahre des letzten Jahrhunderts in vielen L\u00e4ndern stattfand, kann der Kapitalismus zunehmend als Marktradikalismus bezeichnet werden. Das \u00e4u\u00dfert sich nicht nur in Formulierungen wie der &#8222;marktkonformen Demokratie&#8220;, mit der Angela Merkel schon vor Jahren die Demokratie mal eben dem nicht demokratischen Marktgeschehen unterordnete, sondern eben auch in vielen recht deutlich greifbaren Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.<\/p>\n<p>An erster Stelle w\u00e4re hier nat\u00fcrlich die <strong>Klimakatastrophe<\/strong> zu nennen. Ein Wirtschaftssystem, dass die planetare Biosph\u00e4re, von der das menschliche Leben insgesamt abh\u00e4ngig ist, massiv sch\u00e4digt, wenn nicht gar zerst\u00f6rt, kann wohl nicht anders denn als extremistisch bezeichnet werden, oder? Zumal das alles sehenden Auges geschieht, denn der Bericht &#8222;Die Grenzen des Wachstums&#8220; des Club Of Rome ist ja mittlerweile 50 Jahre alt, ohne dass sich gravierend etwas ge\u00e4ndert h\u00e4tte. O. k., etwas hat sich schon ge\u00e4ndert: Nachdem vor etwa 40 Jahren in der \u00d6lindustrie bekannt wurde, was f\u00fcr Auswirkungen das eigene Gesch\u00e4ftsmodell hat, wurden die entsprechenden Studienergebnisse schnell in der Schublade versteckt, und es wurde eine gro\u00dfe Marketingkampagne losgetreten, die das genaue Gegenteil behauptete. Wenn das mal nicht radikal (und nat\u00fcrlich extrem b\u00f6sartig) ist, dann wei\u00df ich auch nicht &#8230;<\/p>\n<p>Hand in Hand mit dem menschgemachten Wandel des Weltklimas geht das <strong>Artensterben\u00a0<\/strong>einher, das mittlerweile solche Ausma\u00dfe angenommen hat, wie es noch nie seit Bestehen der Menschheit der Fall war. Landwirtschaftliche Monokulturen, der verbreitete Einsatz von Pestiziden, die Abholzung von W\u00e4ldern, das Trockenlegen von S\u00fcmpfen und Mooren, die zunehmende Versiegelung nat\u00fcrlicher Fl\u00e4chen durch Bebauung, die schonungslose Jagd, die \u00dcberfischung der Meere, Eingriffe in die Natur wie beispielsweise Flussbegradigungen &#8211; das alles zerst\u00f6rt Lebensr\u00e4ume von Tieren. Und solche Eingriffe in \u00d6kosysteme ziehen eben eine ganze Reihe von Folgen nach sich. Wenn eine Tierart verschwindet, dann hat das auch auf viele andere Arten Auswirkungen. Aber wenn es um Profitinteressen geht, dann wird auf die Fragilit\u00e4t von \u00f6kologischen Zusammenh\u00e4ngen keine R\u00fccksicht genommen.\u00a0Nicht nur die Millionen bereits ausgestorbenen oder zurzeit vom Aussterben bedrohten Tierarten d\u00fcrfen unser Wirtschaftssystem daher als ausgesprochen radikal empfinden.<\/p>\n<p>Die <strong>Entstehung absurd gro\u00dfer Verm\u00f6gen<\/strong> ist ein Problem, das auf mehreren Ebenen destabilisierend auf Demokratie und Rechtsstaat wirkt. Zum einen haben diejenigen, die \u00fcber diese enormen Geldmittel verf\u00fcgen, auch eine sehr gro\u00dfe Macht, bis hin zum Entstehen von oligarchischen Strukturen. \u00dcber Lobbyismus und Korruption kann direkter Einfluss auf die Politik genommen werden, damit diese Gesetze erl\u00e4sst, die das weitere Anwachsen der Verm\u00f6gen erm\u00f6glichen, und Gesetze verhindert werden, die einer weniger starken Reichtumskonzentration in den H\u00e4nden einiger weniger entgegenwirken w\u00fcrden. Zudem findet eine Konzentration von vielen Medien statt, die sehr reichen Einzelpersonen oder Familien geh\u00f6ren &#8211; und die entsprechend auch die Interessen von ihren Besitzern mehr oder weniger unverbl\u00fcmt als Allgemeininteresse verbreiten, damit auch diejenigen, die weniger oder nichts besitzen, die Ungerechtigkeit des Systems nicht infrage stellen. Und oft genug ist es auch m\u00f6glich, sich mit viel Geld Recht zu kaufen, sodass eben vor dem Gesetz nicht mehr alle Menschen gleich sind. Je gr\u00f6\u00dfer die einzelnen Verm\u00f6gen werden, umso mehr Geld muss denjenigen vorenthalten werden, die diese Verm\u00f6genszuw\u00e4chse auch tats\u00e4chlich in der Produktivit\u00e4tswirtschaft erarbeiten &#8211; was dann wiederum zu sozialen Verwerfungen f\u00fchrt. So in der Summe gesehen ist das schon reichlich extremistisch, oder? Zumal totalit\u00e4re Regimes letztlich nicht viel anders handeln, nur diese Prozesse dann eher mit offensichtlicherer Repression als \u00fcber Korrumpierung umsetzen.<\/p>\n<p>Immer mehr, immer gr\u00f6\u00dfer, immer weiter &#8211; das dem Kapitalismus innewohnende <strong>Wachstumsdogma<\/strong> ist auch extrem &#8211; und zwar vor allem extrem d\u00e4mlich. In einem endlichen System (n\u00e4mlich unserem Planeten Erde) unendliches Wachstum nicht nur zu proklamieren, sondern auch als eine Grundvoraussetzung f\u00fcr das Funktionieren eines Wirtschaftssystems zu anzunehmen, kann einfach nicht hinhauen. Und das tut es ja auch schon l\u00e4ngst nicht mehr, was allerdings in unseren Breiten noch weitestgehend ignoriert wird. Da werden die Autos immer gr\u00f6\u00dfer, die Zeitr\u00e4ume bis zum Neukauf elektronischer Ger\u00e4te immer k\u00fcrzer, die Kreuzfahrten und Flugreisen immer mehr &#8211; und technologische Verbesserungen, die vielleicht ein bisschen den Ressourcenverbrauch abbremsen k\u00f6nnten, werden sofort durch den <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2013\/dezember\/der-rebound-effekt-die-illusion-des-gruenen-wachstums\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rebound-Effekt<\/a> zunichtegemacht. W\u00e4hrend dann anderswo auf der Erde die Menschen f\u00fcr unseren \u00fcberbordenden Konsum wie Sklaven schuften d\u00fcrfen, unter Landgrabbing leiden und zudem noch die Auswirkungen der Klimakrise deutlich st\u00e4rker zu sp\u00fcren bekommen als wir im globalen Norden bisher. Und das haut auch nur hin, weil neokoloniale Strukturen auf Teufel komm raus aufrechterhalten werden. Ist irgendwie reichlich rassistisch, oder? Und <strong>Rassismus<\/strong> finde ich in jedem Fall auch radikal &#8211; und zwar radikal kacke.<\/p>\n<p>Zudem ist das kapitalistische System nicht nur rassistisch, sondern basiert auch auf <strong>Sexismus<\/strong>. Die Care-Arbeit wird n\u00e4mlich nach wie vor zum \u00fcberwiegenden Teil mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit kostenlos geleistet &#8211; und das meistens von Frauen. Das f\u00e4ngt an bei der Kinderbetreuung und endet bei der Pflege von alten Menschen &#8211; solange das nicht institutionalisiert ist, wird diese in Familien erbrachte Leistung, die unabdingbar f\u00fcr das Funktionieren des Systems ist, unentgeltlich erbracht. Dass diese Ungerechtigkeit eigentlich nur von Feministinnen angesprochen wird und sonst einfach so hingenommen wird, da sonst der Kapitalismus schnell kollabieren w\u00fcrde, zeigt eine weitere extremistische Facette auf, wie ich finde.<\/p>\n<p><strong>Krisen<\/strong> geh\u00f6ren zum Kapitalismus dazu, und zwar in vielf\u00e4ltiger Auspr\u00e4gung: Wirtschafts- und Finanzkrisen (wie zum Beispiel 2008), Gesundheitskrisen (wie gerade die Corona-Pandemie) und nat\u00fcrlich Kriege. Wenn immer nur darauf geachtet wird, m\u00f6glichst viel Profit zu generieren, dann gibt es halt auch reichlich Kollateralsch\u00e4den. Zudem sind <strong>Kriege<\/strong> auch etwas, was den Kapitalismus am Leben h\u00e4lt, denn die dadurch angerichteten Zerst\u00f6rungen bedeuten nicht nur fette Gewinne f\u00fcr die R\u00fcstungsindustrie, sondern der auf einen Krieg folgende Wiederaufbau kurbelt dann die Realwirtschaft auch immer stark an, sodass dann mal f\u00fcr kurze Zeit die Produktivit\u00e4t st\u00e4rker w\u00e4chst als die Renditeerwartungen derjenigen, die ohne Leistung Geld aus dem Wirtschaftskreislauf ziehen (beispielsweise \u00fcber Mieten, Aktien, Finanzmarktprodukte usw.). Ich behaupte mal: Ohne den Ersten und Zweiten Weltkrieg w\u00e4re der Kapitalismus schon im letzten Jahrhundert implodiert. Passend dazu sind auch Naturkatastrophen super f\u00fcr den Systemerhalt, denn die steigern das Bruttoinlandsprodukt (BIP) &#8211; die g\u00f6tzengleich verehrte Kennzahl aller Marktapologeten. Genauso wie \u00fcbrigens Kriminalit\u00e4t &#8211; also eigentlich alles, was in irgendeiner Weise dazu f\u00fchrt, dass Dinge (egal, wie unethisch sie sind) profitabel umgesetzt oder nach einer Zerst\u00f6rung wiederaufgebaut werden. Und wenn man nun noch ber\u00fccksichtigt, dass es bei der Bew\u00e4ltigung der systemimmanenten Krisen dann vor allem darum geht, dass wieder einige Leute daraus m\u00f6glichst gro\u00dfen Profit zu schlagen suchen, und nicht darum, die Folgen f\u00fcr m\u00f6glichst alle Menschen abzumildern, dann kann ich da keine auch nur ansatzweise gem\u00e4\u00dfigte Komponente mehr erkennen.<\/p>\n<p>Und das k\u00f6nnte ich nun noch mit etlichen anderen Dingen fortf\u00fchren: <strong>Atomm\u00fcll<\/strong>, der noch Hunderttausende von Jahren hochgiftig sein wird und von dem niemand wei\u00df, wo er gelagert werden k\u00f6nnte; <strong>Feinstaub<\/strong>, der nach wie vor ungehemmt in die Luft gepustet wird, obwohl jedes Jahre Tausende von Menschen allein in Deutschland aufgrund von schlechter Luft sterben; <strong>Mikroplastik<\/strong>, das nach wie vor hergestellt und in zahlreichen Produkten verwendet wird, obwohl sich das \u00fcberall ablagern und keiner so genau wei\u00df, was das Zeug anrichten kann; <strong>Tausende von toten Gefl\u00fcchteten<\/strong> in jedem Jahr an den EU-Au\u00dfengrenzen aufgrund der Abschottungspolitik;\u00a0<strong>Antibiotikaresistenzen<\/strong>, die vor allem auch durch die Massentierhaltung gef\u00f6rdert werden, sodass mittlerweile Tausende von Menschen in Deutschland jedes Jahr aufgrund von multiresistenten Keimen sterben &#8211; mal ganz abgesehen davon, dass er kein Spa\u00df sein d\u00fcrfte, wenn irgendwann Antibiotika \u00fcberhaupt nicht mehr wirken; <strong>Privatisierungen von gesellschaftlich relevanter Infrastruktur<\/strong>, die eigentlich immer nur zur Folge haben, dass sich einige wenige bereichern und f\u00fcr alle anderen die damit zusammenh\u00e4ngenden Leistungen teurer und schlechter werden; und so weiter, und so fort &#8230;<\/p>\n<p>Zusammenfassend kann man also sagen: Wir leben in einem Wirtschaftssystem, dass extrem umweltsch\u00e4dlich und menschenfeindlich ist, nur damit eine kleine Anzahl von Menschen ihre ohnehin schon absurd hohen Verm\u00f6gen noch weiter vergr\u00f6\u00dfern k\u00f6nnen. Und daf\u00fcr wird dann auch in Kauf genommen, dass unser Planet unbewohnbar wird.<\/p>\n<p>Geht es bitte noch extremistischer, noch radikaler? Ich finde, nicht.<\/p>\n<p>Wenn man mit einem derart radikalen System konfrontiert ist, dann muss die Kritik daran, m\u00fcssen Aktionsformen des Protests zwangsl\u00e4ufig auch radikaler und extremer werden. Das hat dann in den meisten F\u00e4llen auch nichts mit Terrorismus zu tun, denn die Kritik richtet sich ja nicht gegen Demokratie und Rechtsstaat, sondern vielmehr gegen ein Wirtschaftssystem, dass best\u00e4ndig Demokratie und Rechtsstaat unterh\u00f6hlt. Und dessen Erf\u00fcllungsgehilfen in der Politik in sch\u00f6ner Regelm\u00e4\u00dfigkeit vom Bundesverfassungsgericht in die Schranken gewiesen werden m\u00fcssen, da Gesetze und Beschl\u00fcsse immer wieder nicht verfassungskonform sind.<\/p>\n<p>Daher sollte man also immer im Auge behalten, wer denn die wirklich (Markt-)Radikalen und Extremisten sind: n\u00e4mlich meistens diejenigen, die ihren Kritikern zu gro\u00dfe Radikalit\u00e4t vorwerfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zurzeit wird ja in Bezug auf die Proteste von Klimaaktivisten oft behauptet, dass deren Forderungen und Ma\u00dfnahmen zu radikal seien. Doch ist das wirklich so? 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