{"id":26726,"date":"2023-03-01T14:29:24","date_gmt":"2023-03-01T13:29:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26726"},"modified":"2023-03-01T14:29:24","modified_gmt":"2023-03-01T13:29:24","slug":"tiktok-und-die-aufmerksamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26726","title":{"rendered":"TikTok und die Aufmerksamkeit"},"content":{"rendered":"<p>TikTok wird vor allem von jungen Menschen genutzt. Mir war gar nicht so genau klar, was das eigentlich ist, da es mich bisher einfach nicht interessiert hat. Am Wochenende wurde mir das nun mal von meinen Nichten und meinem Neffen (13 bis 22 Jahre alt) n\u00e4her erl\u00e4utert &#8211; und nun verstehe ich einige andere Aussagen von jungen Menschen deutlich besser.<\/p>\n<p>Kurz zusammengefasst f\u00fcr diejenigen, die ebenfalls keine TikTok-User sind: Das ist ein soziales Netzwerk, in dem man Videos anschauen kann, die allerdings nicht l\u00e4nger als eine Minute sind, oft sogar nur ein paar Sekunden. Und der Algorithmus, der dann weitere Videos empfiehlt, scheint sehr gut zu sein, denn in der Regel werden einem dann schon nach einer halben Stunde Gebrauch Sachen vorgeschlagen, die genau das sind, was man sehen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Was nat\u00fcrlich schon einen ziemlichen Suchteffekt entwickeln kann &#8211; zumal ja &#8222;nur noch ein Video&#8220; (und dann noch ein und noch eins) zeitlich nicht so kritisch ist, da die Dinger eben sehr kurz sind.<\/p>\n<p>So erkl\u00e4rt sich dann auch, dass unsere Nichte von einer Schulkameradin berichtete, die in den Ferien etwa zw\u00f6lf Stunden Onlinezeit pro Tag hat, von denen sie neun bei TikTok verbringt (w\u00e4hrend der Schulzeit ist das nat\u00fcrlich etwas weniger). Das ist schon mal eine gewaltige Hausnummer, finde ich, zumal als jemand, der in diesem Alter in der Woche kaum auf zw\u00f6lf Stunden Fernsehen gekommen ist &#8211; einfach weil es damals gar nicht so viel Interessantes f\u00fcr Kinder und Jugendliche gab.<\/p>\n<p>Unsere Nichte meinte dann allerdings auch, dass sie mittlerweile nicht mehr bei TikTok sei, da sie gemerkt hat, dass sie kaum noch aufmerksam Videos auf YouTube anschauen kann, die ein bisschen l\u00e4nger als eine Minute sind. Und das best\u00e4tigt dann auch, was ich mir schon gleich bei der Schilderung der Funktionsweise von TikTok gedacht habe: Das ruiniert doch mit Sicherheit die Aufmerksamkeitsspanne der User.<\/p>\n<p>Dazu passen dann auch ein paar Sachen, die ich in den Wochen zuvor geh\u00f6rt habe. So meinten zwei Freunde von uns, beide Anfang 20, nach einem Spieleabend, dass sie es cool finden, so was mit uns &#8222;\u00c4lteren&#8220; zu machen, da das mit gleichaltrigen Freunden von ihnen nicht funktionieren w\u00fcrde. Auch die Aussage vom 20-j\u00e4hrigen Sohn einer Freundin best\u00e4tigt dies Ph\u00e4nomen: Er meinte, dass er mit Freunden in seinem Alter keine Filme schauen k\u00f6nnte, da nach zehn Minuten sowieso alle in ihre Smartphones glotzen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Eine Schauspielerin vom Stadttheater hier am Ort schilderte mir k\u00fcrzlich, als wir uns mit unseren Hunden auf der Stra\u00dfe begegneten, dass bei einer Sch\u00fclerauff\u00fchrung von &#8222;Romeo und Julia&#8220; so ein L\u00e4rm im Publikum gewesen w\u00e4re, dass die Darsteller von der B\u00fchne die Jugendlichen darauf hinweisen mussten, dass sie sie auf der B\u00fchne sehr gut h\u00f6ren konnten.<\/p>\n<p>Und auch bei Konzerten scheint es vor allem bei j\u00fcngeren Menschen mittlerweile weit verbreitet zu sein, sich nicht dem Geschehen auf der B\u00fchne zu widmen, sondern lieber um seinen eigenen Kram in seinem Smartphone zu kreisen, wie Tatum Van Dam in einem <a href=\"https:\/\/www.vice.com\/de\/article\/dy7jdk\/warum-ist-das-publikum-bei-konzerten-gerade-so-beschissen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel auf VICE<\/a> schildert. Darin macht sie TikTok dann auch noch f\u00fcr einige andere unangenehme Manieren, die sie bei Konzerten immer h\u00e4ufiger beobachtet, verantwortlich, n\u00e4mlich beispielsweise, dass es vielen Besuchern offensichtlich nur noch darum geht, sich mit seltsamem Verhalten in Form von Challenges dort zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Dass Bildschirme nicht besonders gut f\u00fcr die kindliche Entwicklung sind, haben Fachleute wie der Hirnforscher Manfred Spitzer ja schon vor etlichen Jahren festgestellt (s. dazu dieses <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/bildschirme-raus-aus-kinderzimmern-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Interview von 2005<\/a>), ganz aktuell wurden diese Aussagen nun von einer Langzeitstudie von Neurowissenschaftlern aus Singapur belegt. Ich zitiere dazu mal einen <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunknova.de\/beitrag\/neurowissenschaft-hirnaktivitaet-von-kindern-durch-viel-bildschirmzeit-gestoert\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel auf <em>Deutschlandfunk Nova<\/em><\/a>, der \u00fcber diese Studie berichtet:<\/p>\n<blockquote><p>In den EEG habe sich gezeigt, dass die Hirnstr\u00f6me sich durch viel Bildschirmzeit ver\u00e4ndert haben. So gebe es mehr langsamere Wellen, die laut der Forschenden f\u00fcr eine schlechtere Aufmerksamkeitskontrolle oder eben Konzentrationsf\u00e4higkeit verantwortlich sein k\u00f6nnen. Die Kinder k\u00f6nnen dann Aufgaben weniger gut priorisieren, sich nicht so gut oder lange fokussieren, schweifen leichter ab oder verlieren schneller das Interesse an mehrstufigen Aufgaben, erkl\u00e4rt Henning Beck. &#8222;Das setzt sich dann bis ins sp\u00e4tere Leben fort, also bis zum Alter von neun Jahren&#8220;, so der Neurowissenschaftler.<\/p>\n<p>In der Regel sei die Entwicklung bei Kindern so, dass sie sich mit zunehmendem Alter besser oder l\u00e4nger auf Aufgaben konzentrieren k\u00f6nnen. Daraus leitet sich auch die Schulf\u00e4higkeit ab dem sechsten oder siebten Lebensjahr ab. &#8222;Diese kognitiven Kontrollfunktionen werden eigentlich immer besser mit der Zeit&#8220;, sagt Henning Beck. Aus seiner Sicht ist das Erschreckende an der Studie, dass genau diese F\u00e4higkeit durch Technik oder Smartphone-Nutzung gest\u00f6rt wird.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn man nun hierbei nicht nur von einer generellen Smartphone-Nutzung ausgeht, sondern von extrem kurztaktigen Videoschnipseln auf TikTok, dann k\u00f6nnte ich mir vorstellen, dass sich dieser Effekt noch mal versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Die von mir genannten Beispiele sind nat\u00fcrlich relativ harmlos, denn wenn jemand keine Spiele spiele oder Filme bzw. Theaterst\u00fccke mehr anschauen kann, dann ist das f\u00fcr denjenigen vielleicht bedauerlich, aber gesamtgesellschaftlich gesehen nicht unbedingt dramatisch. Allerdings h\u00f6rt es damit ja nicht auf, denn man kann wohl davon ausgehen, dass derart auf Kurzzeitaufmerksamkeit konditionierte Menschen auch nicht in der Lage sind, sich generell mit komplexeren Themen zu besch\u00e4ftigen, die eben eine l\u00e4ngere Aufmerksamkeitsspanne erfordern. Und viele relevante Themen sind nun mal nicht innerhalb von einer Minute ad\u00e4quat abzuhandeln.<\/p>\n<p>Sich nicht mit zeitintensiveren Texten oder auch Videos auseinandersetzen zu k\u00f6nnen, beg\u00fcnstigt meines Erachtens die Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr demagogische Parolen, die sich ja vor allem dadurch auszeichnen, dass sie verk\u00fcrzend und simplifizierend sind, um auf die schnelle Stimmung zu machen und nicht nur schnell gemerkt, sondern auch wiederholt werden k\u00f6nnen. F\u00fcr die BILD-Schlagzeile reicht es dann gerade noch, aber differenzierendere Artikel, Essays oder gar B\u00fccher zu einem Thema k\u00f6nnen nicht mehr erfasst werden.<\/p>\n<p>Eine funktionierende Demokratie braucht m\u00fcndige B\u00fcrger, die in der Lage sind, sich zu informieren, um entsprechend ihre demokratische Teilhabe auszu\u00fcben. Wenn diese F\u00e4higkeit unterminiert wird, wird die Axt direkt am Fundament der Demokratie angelegt. Und wenn das durch ein vermeintlich harmloses und triviales Portal wie TikTok massiv forciert wird, dann finde ich das ausgesprochen bedenklich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TikTok wird vor allem von jungen Menschen genutzt. Mir war gar nicht so genau klar, was das eigentlich ist, da es mich bisher einfach nicht interessiert hat. 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