{"id":26883,"date":"2023-03-29T14:38:37","date_gmt":"2023-03-29T12:38:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26883"},"modified":"2023-03-29T17:08:27","modified_gmt":"2023-03-29T15:08:27","slug":"und-wie-dann-weiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26883","title":{"rendered":"Und wie dann weiter?"},"content":{"rendered":"<p>In einer\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/ukraine-krieg-szczepan-twardoch-bringt-hilfsgueter-an-die-front-ld.1730385\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reportage in der <em>Neuen Z\u00fcrcher Zeitung<\/em><\/a> schildert der polnisch-schlesische Schriftsteller Szczepan Twardoch seine Erlebnisse an der Kriegsfront im Osten der Ukraine. F\u00fcr mich ergibt sich daraus vor allem die Frage, ob sich die vielen Kriegsbef\u00fcrworter in unserem Land \u00fcberhaupt Gedanken gemacht haben, wie es denn weitergehen soll, wenn dieser f\u00fcrchterliche Krieg einmal zu Ende ist.<\/p>\n<p>Twardoch macht keinen Hehl daraus, auf Seiten der Ukrainer zu stehen, er hat sogar schon Spendenaktionen ins Leben gerufen, um die ukrainische Armee mit Hilfsg\u00fctern Drohnen, Gel\u00e4ndewagen, Startlink-Antennen oder Stromgeneratoren zu versorgen. Diese brachte er dann auch h\u00f6chstselbst in das umk\u00e4mpfte Gebiet im Donbass, sodass er dort einige sehr unmittelbare Kriegserfahrungen gemacht hat, die er nun schildert.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich sind dabei vor allem die Aspekte interessant, die aufzeigen, wie stark gespalten die Ukraine ist. Diese Spaltung wird durch die Fortdauer des Krieges und die damit einhergehenden immer zahlreicheren pers\u00f6nlichen Schicksale von Tod, Verlust und Verletzung stetig weiter vertieft. Deshalb stellt sich mir vor allem die Frage, wie es denn in dem Land weitergehen sollte, wenn das aus Kreisen unserer Regierung und von vielen Medien verbreitete Kriegsziel der territorialen Unversehrtheit der Ukraine tats\u00e4chlich erreicht w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Was auch in der Reportage von Twardoch anklingt, von vielen hierzulande aber nach wie vor bestritten wird: Der Krieg in dieser Region hat bereits 2014 angefangen, und viele ukrainische Berufssoldaten sind auch schon seit vielen Jahren im Einsatz, um gegen die mit den Russen sympathisierenden Ostukrainer bzw. russische Freisch\u00e4rler zu k\u00e4mpfen. Und so ein lang andauernder Kampf sch\u00fcrt nun mal Unvers\u00f6hnlichkeit, wie auch aus den Aussagen eines Soldaten deutliche hervorgeht:<\/p>\n<blockquote><p>\u00abDer Donbass ist wie ein Krebsgeschw\u00fcr. Man h\u00e4tte es entweder heilen oder rausschneiden sollen\u00bb, sagte er. \u00abWir haben weder das eine noch das andere getan. Jetzt haben wir den Salat.\u00bb<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>\u00abUnd wenn wir jetzt den ganzen Donbass und das Gebiet Luhansk zur\u00fcckerobert haben, was dann?\u00bb, sagte er weiter in der Kneipe, in der man ihm kein Bier verkauft h\u00e4tte, weil in der Ukraine an Soldaten kein Alkohol verkauft wird. Ich bekam es erst, als ich meinen polnischen Pass zeigte. Die Outdoor-Kleider im Farbton Coyote-Brown hatten gen\u00fcgt, den Argwohn der Kellnerin zu wecken. \u00abDie Kinder von damals, die bei Kriegsbeginn zehn Jahre alt waren, sind doch heute schon erwachsen. Sie sind im Hass auf uns Ukrainer erzogen worden, auf unseren Staat. Wenn wir erst den Donbass und das Gebiet Luhansk zur\u00fcckerobert haben, dann werden wir sie mit einer inneren Grenze abschotten m\u00fcssen. Damit sich dieses Krebsgeschw\u00fcr nicht auf die ganze Ukraine ausbreitet.\u00bb<\/p><\/blockquote>\n<p>Da wird also um Gebiete gek\u00e4mpft, die zumindest dieser Soldat als &#8222;Krebsgeschw\u00fcr&#8220; bezeichnet und gar nicht im eigenen Land haben m\u00f6chte &#8211; und doch ist genau das als Kriegsziel ausgegeben worden. Dass viele Menschen in den umk\u00e4mpften Regionen nicht gut auf die Kiewer Regierung zu sprechen sein d\u00fcrften, nachdem sie von dieser nun seit neun Jahren milit\u00e4risch attackiert werden, d\u00fcrfte nicht verwundern, genauso wenig, dass diese Ablehnung an die dortigen Kinder weitergegeben wird, was ja auch der Soldat anspricht.<\/p>\n<p>Zudem kann man wohl auch davon ausgehen, dass in den westlichen ukrainischen Provinzen die Menschen keine gro\u00dfen Sympathien f\u00fcr die Ostukrainer mit Russenn\u00e4he haben d\u00fcrften, da sie diese f\u00fcr diesen Krieg und damit die eigenen erlittenen Verluste sowie die Verw\u00fcstungen im Land verantwortlich machen.<\/p>\n<p>Klingt jetzt f\u00fcr mich nicht so, als w\u00fcrden sich bei einem Waffenstillstand oder sogar einem Friedensvertrag auf einmal alle Ukrainer lachend in den Armen liegen.<\/p>\n<p>Wie tief die Spaltung jetzt schon mitten durch die Bev\u00f6lkerung der Ukraine geht, wird an einer anderen Passage aus der Reportage deutlich, in der es um einen weiteren Soldaten geht:<\/p>\n<blockquote><p>Die Armee bedeutete ihm alles. Ukrainisch hatte er erst dort zu sprechen angefangen, wie viele, wenn nicht die meisten Soldaten, mit denen ich im Donbass sprechen konnte. Als er sich den ukrainischen Streitkr\u00e4ften anschloss, sagte seine Mutter zu ihm, sie habe jetzt keinen Sohn mehr, denn einen Banderowez habe sie nicht geboren. Vielleicht deshalb bedeutete die Armee alles f\u00fcr Max.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass die ukrainischen Soldaten in der Reportage ihre russischen Gegner oft mit Schm\u00e4hworten bezeichnen (&#8222;Pidars&#8220;, was so viel bedeutet wie &#8222;Schwule&#8220; &#8211; wobei mich nun Homosexuellenfeindlichkeit in einem soldatischen Milieu auch nicht eben verwundert), ist wohl eine g\u00e4ngige Sache im Krieg, um sich selbst vermeintlich auf- und den Gegner abzuwerten. Wenn allerdings eine Mutter ihren Sohn verst\u00f6\u00dft, weil er sich einer Seite anschlie\u00dft, dann zeigt das schon, dass dort eine deutlich unvers\u00f6hnliche gegenseitige Ablehnung beider Volksgruppen besteht.<\/p>\n<p>Stellen wir uns also ruhig mal vor, Russland zieht sich mit seinen Truppen zur\u00fcck, die Ukraine bekommt die Hoheit \u00fcber ihr gesamtes Territorium wieder zugesprochen &#8211; und dann? Ist dann diese Spaltung etwa \u00fcberwunden?<\/p>\n<p>Ich glaube nicht. Vielmehr vermute ich, dass sich dann der Hass aufeinander hemmungslos Bahn brechen und es zu \u00fcblen Pogromen und \u00e4hnlichen Gewaltakten kommen wird. Der seit neun Jahren andauernde B\u00fcrgerkrieg w\u00fcrde also nicht nur am Leben gehalten, sondern mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit noch weiter eskalieren.<\/p>\n<p>Und dann? Ernst gemeint Frage &#8230;<\/p>\n<p>Zuschauen, wie sich die Ukrainer selbst zerfleischen und ihr Land weiter ruinieren, dabei dann hoffen, dass Russland dann nicht eingreifen und erneut milit\u00e4risch dort in Aktion treten wird?<\/p>\n<p>Selbst Truppe hinschicken, um das Land zu befrieden, und dabei dann unter Umst\u00e4nden auf die Menschen schie\u00dfen, denen man gerade noch Waffen geliefert hat? Mal davon abgesehen, dass ein Einsatz von NATO-Truppen direkt an der russischen Grenze mit Sicherheit nicht zu einer Stabilisierung der Region oder zu einer weitere Deeskalation beitragen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Und was geschieht dann, wenn die Kiewer Regierung Jagd auf prorussische Menschen im Osten des Landes machen w\u00fcrde? Das halte ich nicht f\u00fcr unwahrscheinlich, solange geifernde Scharfmacher wie Andrij Melnyk dort was zu melden haben. Wird dann eine UN-Mission zum Schutz der Zivilbev\u00f6lkerung ins Leben gerufen?<\/p>\n<p>Zu diesen Punkten habe ich zumindest bisher noch keine \u00dcberlegungen der gro\u00dfm\u00e4uligen Bellizisten geh\u00f6rt. Dabei w\u00e4re es doch zumindest geboten, sich dar\u00fcber Gedanken zu machen, was in einem Land passiert, wenn die von au\u00dfen postulierten und auch handfest unterst\u00fctzten Kriegsziele tats\u00e4chlich erreicht w\u00fcrden &#8211; wenn man denn auch nur einen Funken Verantwortungsbewusstsein hat.<\/p>\n<p>Doch ich f\u00fcrchte, dass es daran in der momentanen Grundstimmung von pathosgeschw\u00e4ngerter Kriegsbesoffenheit einen eklatanten Mangel gibt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer\u00a0Reportage\u00a0in der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung schildert der polnisch-schlesische Schriftsteller Szczepan Twardoch seine Erlebnisse an der Kriegsfront im Osten der Ukraine. 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