{"id":26906,"date":"2023-07-18T15:39:33","date_gmt":"2023-07-18T13:39:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26906"},"modified":"2023-07-18T15:42:44","modified_gmt":"2023-07-18T13:42:44","slug":"das-pferd-von-hinten-aufzaeumen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26906","title":{"rendered":"Das Pferd von hinten aufz\u00e4umen"},"content":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit las ich einen <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/hintergrund\/Kuenstliche-Intelligenz-Auf-dem-Weg-zum-ersten-generierten-Hit-7493826.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel auf <em>heise online<\/em><\/a>, in dem es darum ging, dass eine k\u00fcnstliche Intelligenz (KI) nun wohl schon bald einen musikalischen Hit schreiben k\u00f6nnte. Sp\u00e4testens jetzt sollte einem klar werden, dass die Verwendung von KI offensichtlich komplett verkehrt gedacht wird.<\/p>\n<p>Wie entsteht denn &#8222;normalerweise&#8220; ein Song? Nun, da hat jemand eine Idee und das Bed\u00fcrfnis, sich auszudr\u00fccken oder eine Idee auf musikalische Weise zu transportieren, sodass er das dann eben in Form einer entsprechenden Komposition umsetzt. Wenn anderen Menschen dies zusagt, sie davon vielleicht sogar emotional ber\u00fchrt werden, dann h\u00f6ren sie sich den Song an, auch mehr als einmal, sodass das dann ein Hit wird. Oder dass zumindest der K\u00fcnstler etwas davon hat, indem er Tontr\u00e4ger oder Donwloads verkauft und Konzerte vor Zuschauern spielt.<\/p>\n<p>Und wie sieht das aus, wenn eine KI Musik schreibt? Na ja, zun\u00e4chst einmal muss man sich vor Augen halte, dass eine KI in dem Fall gar nicht wei\u00df, dass sie Musik schreibt. Sie wei\u00df nicht mal, was Musik eigentlich ist, denn sie hat Musik auch noch nie erlebt. Ihre musikalisch &#8222;Erfahrung&#8220; basiert ausschlie\u00dflich auf der massenweisen Einverleibung von gestohlenem geistigen Eigentum anderer (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2023\/juni\/der-maskierte-raub\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), das dann entsprechend analysiert und rekombiniert wird, um so eine m\u00f6glichst gro\u00dfe Deckungsgleichheit mit dem zu erzielen, was als Massengeschmack analysiert wurde.<\/p>\n<p>Klingt jetzt insgesamt ein bisschen weniger romantisch als die menschliche Variante des musikalischen Entstehungsprozesses, oder? Und eben so, als w\u00fcrde man das Pferd von hinten aufz\u00e4umen, indem man n\u00e4mlich ausschlie\u00dflich vom Produkt ausgeht und nicht von der Intention des Musikers, die ja Kunst eigentlich zugrunde liegen sollte.<\/p>\n<p>Klar, dass der K\u00fcnstler nicht mehr unbedingt im Mittelpunkt steht und viel Musik mittlerweile ausschlie\u00dflich unter kommerziellen Gesichtspunkten produziert wird (als Gipfel dieser Entwicklung kann man so was wie Castingshows sehen, bei denen die Interpreten letztlich austauschbar sind und von vornherein klar ist, welcher Produzent denen Lieder auf den Leib schreibt), ist ja nichts ganz Neues mehr, sondern eine Entwicklung, die seit einigen Jahrzehnten deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Und die ja auch oft genug kritisch gesehen wird, wenn sich Menschen beispielsweise dar\u00fcber beschweren, dass es &#8222;heute ja gar keine gute Musik mehr gibt&#8220;.<\/p>\n<p>Doch, die gibt es, nur ist leider die Produzentenmusik mittlerweile derart omnipr\u00e4sent auf allen Kan\u00e4len, dass man nach wirklich von Musikern mit Intention geschriebener Musik schon ein bisschen suchen muss. Aber das ist eben eine &#8222;normale&#8220; Entwicklung in einer nur auf Profitstreben getrimmten Gesellschaft, da bildet dann die Kunst leider keine Ausnahme.<\/p>\n<p>Das ist \u00fcbrigens nicht nur bei der Musik der Fall, sondern auch bei Streamingdiensten wie beispielsweise Netflix, wo es mittlerweile Vorgaben daf\u00fcr gibt, wie Serien gestaltet werden sollen, wenn Netflix diese produziert (s. <a href=\"https:\/\/www.vice.com\/de\/article\/ake3j5\/warum-sieht-beim-netflix-look-alles-gleich-aus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Was dann zu einem ziemlichen optischen Einheitsbrei f\u00fchrt. Aber auch die Konsumenten von Filmen und Serien gehen da ja durchaus mit, indem k\u00fcnstlerischer Ausdruck f\u00fcr viele kaum noch z\u00e4hlt, sondern es nur noch um die Quantit\u00e4t der angesehenen Filme und Serien geht, die sich dann via &#8222;Speed Watching&#8220; (s. <a href=\"https:\/\/www.philomag.de\/artikel\/anschlag-auf-die-filmkunst\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>) reingegiert werden.<\/p>\n<p>Das ist nun auch bei der Musik nicht un\u00e4hnlich, denn auf g\u00e4ngigen H\u00f6rgewohnheiten und Stereotypen basierende Songs waren schon immer recht erfolgreich &#8211; klar, wenn die Melodie so einf\u00e4ltig ist, dass man die gleich beim ersten H\u00f6ren mitttr\u00e4llern kann, dann hat man das auch schnell im Ohr -, bilden mittlerweile aber eher die Regel als die Ausnahme, zumindest was die mediale Pr\u00e4senz angeht.<\/p>\n<p>Wenn es also in erster Linie darum gehen soll, m\u00f6glichst massenkompatible musikalische Pattern zusammenzubasteln, dann kann man das doch auch gleich eine KI machen lassen, oder? Zumal man dann noch nicht mal einen Interpreten daf\u00fcr braucht, der sich vielleicht mal zickig geb\u00e4rden k\u00f6nnte bei Erfolg und dann sogar so was wie Anspr\u00fcche gegen\u00fcber dem Produzenten anmeldet. Wie praktisch!<\/p>\n<p>Nun ist &#8222;praktisch&#8220; in der Kunst allerdings m. E. nicht eben ein G\u00fctesiegel. Praktische Sachen ber\u00fchren niemanden, w\u00fchlen nicht auf, regen selten zum Nachdenken an und inspirieren auch nur wenige, selbst k\u00fcnstlerisch t\u00e4tig zu werden. Ein Passfoto ist mit Sicherheit eine praktische Sache, wird aber eben auch sehr selten in einer Kunstgalerie ausgestellt &#8230;<\/p>\n<p>Kunst ist ja nun mal etwas zutiefst Menschliches, und das wird nun durch KI technisiert. Fragt da eigentlich mal jemand, was der Vorteil davon ist? \u00dcbernimmt die KI hierbei dann, was ja immer von deren Bef\u00fcrwortern als Argument vorgebracht wird, Arbeitsprozesse, die niemand gern macht? Da hab ich nun allerdings nicht so ganz den Eindruck, dass es viele Musiker gibt, die sich freuen w\u00fcrden, wenn sie nicht mehr Musik schreiben k\u00f6nnen, sondern stattdessen bei Lidl an der Kasse sitzen oder Pizza ausliefern m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Hier liegt m. E. mal wieder eine Verselbstst\u00e4ndigung von Technik vor: Man entwickelt etwas, weil man es kann, und l\u00e4sst dabei au\u00dfer acht, was denn die Folgen davon sein k\u00f6nnten und ob das \u00fcberhaupt jemand braucht. Dass dieses ganze KI-Ged\u00f6ns dabei dann auch noch einen Berg Ressourcen verschlingt, kommt noch hinzu &#8211; erst recht wenn diese KI dann f\u00fcr etwas ohne jeden gesellschaftlichen Mehrwert genutzt wird.<\/p>\n<p>Und was noch hinzukommt: Kunst wird so entwertet. Daf\u00fcr braucht es dann n\u00e4mlich, wenn die KI das zumindest manierlich hinbekommt, kein Talent, keine Inspiration und keine \u00dcbung mehr, sondern nur noch ausreichend Rechenpower. Und dabei d\u00fcrfte dann auch wenig tats\u00e4chlich Neues entstehen, denn eine KI kann ja nur bereits Vorhandenes neu kombinieren, um daraus dann etwas zu schaffen. Der menschliche Faktor, der beispielsweise das k\u00fcnstlerische Potenzial eines unbeabsichtigten Fehlers erkennt und daraus dann etwas Neues weiterentwickelt, ist ja bei der KI nicht vorhanden. Genauso wie kreativer Irrsinn, einfach mal was komplett Aberwitziges auszuprobieren. Daf\u00fcr d\u00fcrfte kein Platz sein bei einer KI, die von Leuten entwickelt wird, um ein m\u00f6glichst verkaufstr\u00e4chtiges Kunstprodukt herzustellen.<\/p>\n<p>Nun kann man nat\u00fcrlich sagen, dass es immer noch Menschen geben wird, die auf Musik, die von anderen Menschen gemacht wird, stehen. Allerdings muss man ber\u00fccksichtigen, dass Medien immer auch Menschen pr\u00e4gen, und gerade junge Menschen, die mit bestimmten Medien aufwachsen, haben dann auch oft ein anderes Medienkonsumverhalten und damit eine andere Art der Kunstrezeption, wie ich ja vor ein paar Monaten schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26726\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> am Beispiel TikTok beschrieben habe. Und wenn irgendwann immer weniger Menschen nachkommen, die sich f\u00fcr menschgemachte Musik interessieren, dann wird die Situation f\u00fcr die K\u00fcnstler auch nicht gerade rosiger, sodass es weniger menschgemachte Musik geben wird. Abw\u00e4rtsspirale und so &#8230;<\/p>\n<p>Insgesamt gesehen d\u00fcrfte diese Entwicklung von Musikporduktions-KI zu einer Verarmung der Kultur und einer Verarmung der K\u00fcnstler f\u00fchren. Und ob das nun unbedingt gesellschaftlich w\u00fcnschenswert ist, wage ich doch glatt mal sehr zu bezweifeln.<\/p>\n<p>Wer nat\u00fcrlich davon profitieren w\u00fcrde, sind diejenigen, die Musik dann als Produkt vermarkten, da sie sich noch mehr Gewinne einstreichen k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich kann der Produktionsprozess standardisiert werden, wird dadurch g\u00fcnstiger und berechenbarer. Aber das ist nat\u00fcrlich auch nicht eben \u00fcberraschend, dass dann auch im Kunstbereich die Vielfalt durch monopolisierte Einfalt ersetzt wird, denn so funktioniert nun mal der viel gelobte &#8222;freie Markt&#8220;.<\/p>\n<p>Nicht so wirklich tolle Aussichten f\u00fcr Liebhaber von Musik und anderer Kultur &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einiger Zeit las ich einen Artikel auf heise online, in dem es darum ging, dass eine k\u00fcnstliche Intelligenz (KI) nun wohl schon bald einen musikalischen Hit schreiben k\u00f6nnte. 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