{"id":26983,"date":"2023-04-15T20:28:08","date_gmt":"2023-04-15T18:28:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26983"},"modified":"2023-04-15T20:28:08","modified_gmt":"2023-04-15T18:28:08","slug":"klimafluechtlinge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26983","title":{"rendered":"Klimafl\u00fcchtlinge"},"content":{"rendered":"<p>Wenn von Klimafl\u00fcchtlingen die Rede ist, dann denkt man in der Regel erst mal an Menschen aus Afrika oder anderen L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens. Das k\u00f6nnte sich allerdings schon bald \u00e4ndern &#8230;<\/p>\n<p>Die gr\u00f6bsten Auswirkungen des Klimawandels oder vielmehr der Klimakatastrophe sind ja bisher in der Tat weniger in unseren Breiten zu bemerken, auch wenn nat\u00fcrlich die Flut im Ahrtal vor knapp zwei Jahren schon ein sehr deutliches Zeichen war, dass wir hier im globalen Norden auch nicht ungeschoren davonkommen werden.<\/p>\n<p>Dennoch ist die Flucht vor den Auswirkungen der Erderw\u00e4rmung bisher nach wie vor keine &#8222;offizielle&#8220; Fluchtursache, die laut Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention als Grund f\u00fcr die Anerkennung von Asyl gilt. Da hinkt also die Rechtslage der Realit\u00e4t um einiges hinterher, denn wenn Menschen sich und ihre Familie nicht mehr ern\u00e4hren k\u00f6nnen aufgrund von D\u00fcrren, \u00dcberschwemmungen oder anderen katastrophalen Wetterkapriolen, dann ist es m. E. schon nachvollziehbar, dass sie sich genauso auf die Flucht begeben wie diejenigen, die vor Krieg oder politischer Verfolgung fliehen.<\/p>\n<p>Und weil der Klimawandel noch kein anerkannter Fluchtgrund ist, ist es offensichtlich f\u00fcr die EU-Regierungen auch in Ordnung, Menschen aus Afrika oder Asien im Mittelmeer zu Tausenden ertrinken zu lassen. Das ist schon entsetzlich genug, aber noch mal umso sch\u00e4biger, wenn man ber\u00fccksichtigt, dass die Klimaschuld von Industriel\u00e4ndern wie Deutschland um einiges h\u00f6her ist als die von Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern, die eben noch nicht seit vielen Jahrzehnten hemmungslos fossile Rohstoffe verfeuern.<\/p>\n<p>Aber so kann man eben Klimafl\u00fcchtlinge als &#8222;Wirtschaftsasylanten&#8220; diskreditieren, die ja &#8222;nur&#8220; auf der Suche nach einem besseren Leben sind, ohne dabei zu ber\u00fccksichtigen, dass ihr Leben in ihrer Heimat deswegen so mies geworden ist, weil wir hier nach wie vor \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse der Menschen dort leben.<\/p>\n<p>Dieses Konstrukt k\u00f6nnte nun aber bald ins Wanken geraten, denn wenn man sich die Berichte \u00fcber die aktuelle D\u00fcrre in S\u00fcdeuropa anschaut (beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/dramatische-d%C3%BCrre-trocknet-europa-aus\/g-64928749\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>\u00a0und\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wetter.de\/cms\/duerre-sommer-2023-trockenheit-in-spanien-frankreich-und-italien-angst-vor-wassermangel-steigt-5035355.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), dann erscheint es mir zumindest nicht komplett abwegig, mir vorzustellen, dass es bald auch Klimafl\u00fcchtlinge aus Spanien, Italien oder Frankreich geben k\u00f6nnte. Landwirte, die dort zum Beispiel aufgrund des Wassermangels ihre Existenz verlieren &#8211; mal von den ganzen Landarbeitern abgesehen, aber diese sind ja oftmals keine Europ\u00e4er. Oder eben Menschen, die es nicht mehr zumutbar finden, monatelang kein Wasser aus den Leitungen entnehmen zu k\u00f6nnen. Na ja, und wenn es dann noch aufgrund von Waldbr\u00e4nden und \u00dcberschwemmungen katastrophale Einzelereignisse gibt, dann k\u00f6nnten da noch alle m\u00f6gliche anderen Bev\u00f6lkerungsgruppen dazukommen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bestehen in den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern bessere Strukturen, um die Existenznot solcher Klimawandelgesch\u00e4digten kompensieren zu k\u00f6nnen, allerdings stellt sich die Frage, in welch gro\u00dfem Ma\u00dfe das dann auch in der Praxis geschehen kann. Was hinzukommt: In Italien gibt es zurzeit eine rechtsextreme Regierung, und solche Spie\u00dfgesellen zeichnen sich ja nicht nur dadurch aus, dass sie gern den menschgemachten Klimawandel abstreiten, sondern sie haben meistens auch kein allzu gro\u00dfes Herz f\u00fcr Bed\u00fcrftige und Arme. Und da in Italien ohnehin schon \u00fcberproportional viele Fl\u00fcchtlinge angelandet sind (da diese eben bei der Route \u00fcber Mittelmeer eher dort als beispielsweise in Norwegen europ\u00e4ischen Boden betreten), k\u00f6nnte sich daraus eine ausgesprochen explosive Mischung ergeben.<\/p>\n<p>In Frankreich sieht das nicht viel besser aus, denn Pr\u00e4sident Emmanuel Macron b\u00fc\u00dft zunehmend durch seinen autorit\u00e4ren Regierungsstil, bei dem das Parlament bewusst umgangen wird, an Zustimmung ein, massive Proteste gegen seine Politik gibt es schon seit Wochen, sodass das Land teilweise einem Pulverfass gleicht. Wenn da nun noch die Auswirkungen der extremen D\u00fcrre hinzukommen, dann k\u00f6nnte das unvorhersehbare Folgen haben &#8211; von offen gewaltt\u00e4tigen Protesten bis hin zu einer Macht\u00fcbernahme durch Marine Le Pens rechtsextreme Partei Rassemblement National. Auch keine wirklich guten Voraussetzungen, um m\u00f6gliche drastische D\u00fcrrefolgen irgendwie abfedern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sollten sich dann also EU-B\u00fcrger Frankreichs und Italiens auf den Weg nach Norden machen, da sie in ihrer Heimat ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden, dann kann man die nicht so &#8222;bequem&#8220; einfach im Mittelmeer ersaufen lassen, denn die haben schlie\u00dflich Reisefreiheit in der EU. Und dann? Grenzen dicht? Oder die Menschen hier bei uns in \u00e4hnlich tolle Unterk\u00fcnfte einpferchen, wie man das schon seit L\u00e4ngerem mit den Menschen aus Afrika oder Asien macht, die es bis hierher schaffen?<\/p>\n<p>Immerhin d\u00fcrften gefl\u00fcchtete Franzosen und Italiener ja hier bei uns arbeiten als EU-B\u00fcrger. Doch wo sollten dann die Jobs f\u00fcr die herkommen?<\/p>\n<p>Irgendwie macht sich dar\u00fcber zurzeit noch niemand Gedanken &#8211; zumindest habe ich das nicht mitbekommen. Dabei erscheint mir das Szenario nicht so richtig unwahrscheinlich, wenn ich mir die klimatische Entwicklung der letzten Jahren so anschaue und dabei insbesondere den Blick nach Frankreich richte, so wie es Annika Joeres in einem <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2023\/april\/wir-koennen-nur-noch-beten-frankreich-nach-der-winterduerre\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em><\/a> macht. Ich zitiere mal daraus:<\/p>\n<blockquote><p>Dabei scheint die Pariser Regierung inzwischen mit dem Worst-Case-Szenario zu rechnen: Umweltminister B\u00e9chu beispielsweise forderte seine Landsleute in einem Radiointerview dazu auf, \u201eaus der Verleugnung auszubrechen\u201c, und Frankreich auf einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von vier Grad vorzubereiten. Eine Zahl, die im Gegensatz zu dem Ziel des Pariser Abkommens von 2015 steht, die globale Erw\u00e4rmung unter zwei Grad zu halten. \u201eWir werden, wenn wir so weitermachen, auf eine weltweite Erhitzung von 2,8 Grad bis 3,2 Grad kommen. Das w\u00fcrde in Frankreich vier Grad bedeuten\u201c, prognostizierte B\u00e9chu. Und tats\u00e4chlich wird sich die Klimakrise nach verschiedenen Prognosen in Frankreich schneller und dramatischer zeigen als in anderen Staaten. Mit seiner offiziellen Annahme steht B\u00e9chu in Europa allerdings relativ allein da, die meisten Regierungen entwerfen Anpassungspl\u00e4ne, die sich auf zwei oder drei Grad mehr beziehen. B\u00e9chu aber ist pessimistischer. \u201eWir m\u00fcssen daf\u00fcr k\u00e4mpfen, die Erderw\u00e4rmung gering zu halten. Aber wir wissen doch schon jetzt, dass wir im globalen Ma\u00dfstab von den niedrigen Szenarien abweichen \u2013 deshalb m\u00fcssen wir nun Konzepte entwerfen, die die Realit\u00e4t ber\u00fccksichtigen.\u201c Dabei h\u00e4tte eine Erw\u00e4rmung um vier Grad in Frankreich so weitreichende Folgen, dass eine Anpassung nahezu unm\u00f6glich erscheint. Wie w\u00fcrde ein Frankreich bei plus vier Grad aussehen? Das Land w\u00fcrde von viel intensiveren und h\u00e4ufigeren Extremwetterereignissen heimgesucht werden als heute. Im Sommer w\u00fcrde die Temperatur im Durchschnitt um f\u00fcnf Grad ansteigen, in manchen Regionen sogar um mehr als sechs Grad. Bei Hitzewellen k\u00f6nnten \u201emehrere Tage lang, vielleicht jedes Jahr\u201c Temperaturen \u00fcber 50 Grad erreicht werden, so der Geopolitologe und IPCC-Experte Fran\u00e7ois Gemenne. Und der Wetterdienst M\u00e9t\u00e9ofrance prophezeit um 50 Prozent h\u00e4ufigere und um zehn Tage verl\u00e4ngerte Trockenperioden \u2013 solche also, wie augenblicklich herrschen.<\/p>\n<p>Dabei ist schon die aktuelle Lage dramatisch. Erst k\u00fcrzlich gab Umweltminister B\u00e9chu bekannt, dass in den vergangenen Monaten in mehr als 500 Kommunen kein Wasser mehr aus den Leitungen kam \u2013 dort mussten Zisternen mit Tanklastern bef\u00fcllt werden und manche Haushalte behelfsweise mit Wasser aus Plastikflaschen- und Kanistern auskommen. Eine beeindruckende Zahl, von der die Regierung, so r\u00e4umte der Minister gegen\u00fcber der Tageszeitung \u201eLe Monde\u201c ein, bis dato keinen \u00dcberblick hatte.<\/p><\/blockquote>\n<p>Klingt jetzt nicht mal eben so, als k\u00f6nnte es da keine erheblichen Einschnitte geben, oder? Was noch erschwerend hinzukommt: Frankreich ist in fataler Weise von der Atomkraft abh\u00e4ngig bei der Energieerzeugung: Strom kommt dort zu etwa 70 % aus AKWs. Nun brauchen Kernkraftwerke allerdings Fl\u00fcsse zur K\u00fchlung, und wenn diese nicht mehr ausreichend Wasser zur Verf\u00fcgung stellen k\u00f6nnen und das bisschen Wasser dann auch noch sehr warm ist, dann gibt es zwei M\u00f6glichkeiten: Die Stromversorgung bricht zusammen oder ein AKW geht aufgrund von mangelnder K\u00fchlung hoch. Richtig tolle Aussichten, oder?<\/p>\n<p>Dass aus dieser Gemengelage eine Fluchtbewegung resultieren kann, halte ich zumindest nicht f\u00fcr ganz unwahrscheinlich. Und diese w\u00fcrde dann innerhalb der zurzeit krisengesch\u00fcttelten EU vermutlich schnell zu Grabenk\u00e4mpfen, wenn nicht gar zu einer Spaltung der Union f\u00fchren: &#8222;Warum sollen wir jetzt die ganzen Franzosen aufnehmen? Unsere eigenen Leute kommen schon kaum noch \u00fcber die Runden!&#8220; Rechte Politiker und die entsprechenden Medien d\u00fcrften recht schnell mit solchen Aussagen am Start sein. Genauso wie diejenigen, die dann meinen, dass sie ja schon immer gesagt h\u00e4tten, dass die EU ein Fehler sei. Der Nationalismus d\u00fcrfte florieren, um damit dann die fehlende Solidarit\u00e4t mit den Nachbarn entsprechend verbal zu untermauern.<\/p>\n<p>Aber ich m\u00f6chte fast wetten: Wenn es dann so weit kommen sollte, dann hei\u00dft es wieder: &#8222;Das konnte ja keiner ahnen!&#8220; Und man gibt sich vonseiten des politischen Personals mal wieder komplett \u00fcberfordert.<\/p>\n<p>Angesichts der aktuellen Klimalage in S\u00fcdeuropa halte ich es allerdings f\u00fcr ausgesprochen fahrl\u00e4ssig, solche Szenarien nicht auch zumindest mal im Hinterkopf zu haben. Aber ich bin ja auch nur ein privater Blogger und kein gut bezahlter Politberater &#8230; ;o)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn von Klimafl\u00fcchtlingen die Rede ist, dann denkt man in der Regel erst mal an Menschen aus Afrika oder anderen L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens. 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