{"id":27115,"date":"2023-05-19T11:18:54","date_gmt":"2023-05-19T09:18:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27115"},"modified":"2023-05-19T12:42:20","modified_gmt":"2023-05-19T10:42:20","slug":"intellektuellenschelte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27115","title":{"rendered":"Intellektuellenschelte"},"content":{"rendered":"<p>In letzter Zeit ist es zunehmend in Mode gekommen, Aussagen von Intellektuellen, wenn sie einem nicht in den Kram passen, nicht sachlich zu kontern, sondern dann lieber die ganze Person zu diffamieren und l\u00e4cherlich zu machen. Irgendwie kein Verhalten, was ich mit Demokratie in Einklang bringen kann.<\/p>\n<p>Eine Antihaltung gegen kritische Intellektuelle kennen wir schlie\u00dflich sonst eher aus Autokratien, Diktaturen und despotischen Monarchien, in denen h\u00f6chsten der Hofnarr noch mal etwas sagen kann, was sich gegen den oder die Herrschenden richtet. In letzter Zeit findet bei uns allerdings eine Verunglimpfung von Intellektuellen statt, und zwar nicht nur in der BILD, sondern in sehr vielen Medien, die ich sehr bedenklich finde, die aber zugleich auch die Diskursverengung, die wir in den letzten krisenhaften Jahren leider in der \u00d6ffentlichkeit erlebt haben, widerspiegelt.<\/p>\n<p>So haben Harald Welzer und Richard David Precht vor einiger Zeit mit einem Buch f\u00fcr Aufsehen gesorgt, das die Rolle der Medien als unausgewogen kritisiert. Nat\u00fcrlich macht man sich damit bei den so kritisierten nicht unbedingt Freunde, aber wie nun auf die beiden verbal eingedroschen wird, ist dann m. E. reichlich unangebracht.<\/p>\n<p>So hat Harald Welzer nun die Behauptungen in dem Buch mittlerweile mit Empirie unterf\u00fcttert, da er einger\u00e4umt hat, dass es ein gerechtfertigter Kritikpunkt war, dass ebendas nicht stattgefunden hat. Da nun aber die erhobenen Daten die Aussagen von Precht und Welzer st\u00fctzen, muss nun weiter gegen die beiden gefeuert werden, so zum Beispiel von Andrej Reisin in einem <a href=\"https:\/\/uebermedien.de\/84441\/die-empirie-geschlossen-und-alle-fragen-offen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel auf <em>\u00dcber Medien<\/em><\/a>.<\/p>\n<p>Das beginnt schon damit, dass Reisin Welzer zun\u00e4chst mal unterstellt, dass es ihm ausschlie\u00dflich um Publicity ginge mit seinen Aussagen. Und dann wirft er ihm vor, nicht sauber wissenschaftlich gearbeitet zu haben &#8211; allerdings mit m. E. nicht gerade sauberer Argumentation. Reisin behauptet beispielsweise, dass Welzer Daten ausgewertet h\u00e4tte aus einem Zeitraum, der \u00fcber den Ver\u00f6ffentlichungszeitpunkt der Studie hinausging, und leitet daraus nun eine unseri\u00f6se Datenerfassung ab. Das finde ich nicht stimmig, auch wenn versucht wird, es mit launigen, aber unzutreffenden Vergleichen zu garnieren. Schlie\u00dflich ist die Aussage in Welzers Buch von der Unausgewogenheit der medialen Berichterstattung ja nicht mit dem Erscheinen des Buches obsolet geworden, sondern setzt sich nach wie vor weiter fort.<\/p>\n<p>Eine weitere, wie ich finde, unsachliche Einlassung Reisins ist, dass er Welzer vorwirft, Vergleich von sogenannten Leitmedien mit Twitter vorzunehmen, obwohl er ja den Nachrichtendienst ausgesprochen kritisch sieht. Wieso es nun ein Widerspruch sein soll, etwas zu kritisieren, aber dessen Relevanz dennoch anzuerkennen, die Erkl\u00e4rung bleibt Reisin leider schuldig. Insofern wirkt das f\u00fcr mich eher so, als sollten hier irgendwelche Widerspr\u00fcche konstruiert werden, die auf den ersten Blick vielleicht noch logisch wirken, sodass ein zweiter Blick, der dann die Unstimmigkeit des Vorwurfs entlarvt, hoffentlich gar nicht mehr stattfindet.<\/p>\n<p>Und dann wird auch noch das Tool angegriffen, das Welzer zur Datenerhebung genutzt hat, da das sonst wohl eher f\u00fcrs Marketing genutzt wird. Na ja, aber wenn es eben die entsprechenden Daten liefert und deren gro\u00dfe Menge auch noch auswerten kann &#8211; warum also nicht? Zumal ein renommierter Wissenschaftler wie Welzer schon so ein bisschen Ahnung davon haben k\u00f6nnte, welche Hilfsmittel er f\u00fcr welche empirischen Untersuchungen benutzt.<\/p>\n<p>Doch dieser Artikel ist noch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sachlich im Vergleich zu dem, wie die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>\u00a0auf ihrer <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/szmagazin\/posts\/pfbid0Zx7LTp2UBr8fgj1NwoSbKrttt2mwATYfh12D5UWSTr1QEBwCQkaTAxCXWZUyx3UTl\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Facebook-Wall<\/a> Richard David Precht k\u00fcrzlich schm\u00e4hte:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-27118\" src=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/342809925_789001936232185_4803655382781912148_n-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/342809925_789001936232185_4803655382781912148_n-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/342809925_789001936232185_4803655382781912148_n-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/342809925_789001936232185_4803655382781912148_n-768x768.jpg 768w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/342809925_789001936232185_4803655382781912148_n-60x60.jpg 60w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/342809925_789001936232185_4803655382781912148_n.jpg 940w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>Starker Tobak, oder? Und eben \u00fcberhaupt nicht mehr inhaltlich, sondern nur noch pers\u00f6nlich diffamierend, indem man sagt: &#8222;Der Typ ist ja schlimmer als Ken (ich nehme an Jebsen), Christian Lindner und Chat-GPT.&#8220;<\/p>\n<p>Ich hab von Richard David Precht schon zwei, drei B\u00fccher gelesen (von Harald Welzer \u00fcbrigens auch), und auch wenn ich ihm nicht in allem zustimme, so war das doch in der Regel sehr durchdacht, was er da formulierte. Ihm also nun zu unterstellen, er sei ja nur ein Wichtigtuer ohne jede inhaltliche Relevanz, ist schon sehr unsachlich &#8211; und gar nicht witzig, auch wenn eine gewisse Humorigkeit wohl eine der Intentionen dieser Grafik war.<\/p>\n<p>Vor allem dass dabei dann noch ganz nebenbei ausgesagt wird, dass man von Christian Lindner fundierte Analysen erwarten k\u00f6nne, ist dann wohl bei diesem Schaumschl\u00e4ger an Absurdit\u00e4t nicht mehr zu \u00fcberbieten.<\/p>\n<p>Auch der Soziologe und ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts f\u00fcr Gesellschaftsforschung Wolfgang Streeck sieht sich einigen Schm\u00e4hungen ausgesetzt, nachdem er es gewagt hat, den Lieblingsfaschisten des deutschen Mainstream-Journalismus Andrij Melnyk zu kritisieren, indem er eine Forderung des Ex-Diplomaten und jetzigen ukrainischen Vizeau\u00dfenministers nach mehr Waffenlieferungen in einen etwas gr\u00f6\u00dferen Kontext setzte. Das rief dann Patrick Bahner von der <em>FAZ<\/em> (also quasi der <em>BILD<\/em> f\u00fcr Pseudointellektuelle und Verm\u00f6gende) auf den Plan, um in einem <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/wolfgang-streeck-vergleicht-ukraine-mit-ns-deutschland-18876448.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kommentar<\/a> Streeck mal ordentlich runterzuputzen.<\/p>\n<p>Da wird dann Streeck \u00fcberheblich ein &#8222;Eifer des Schlusskettenschmiedens&#8220; unterstellt und dann eine vermeintlich ironische Umkehr der Logik vollzogen, indem er die Analyse von Streeck l\u00e4cherlich macht, da er unterstellt, dass man im ukrainischen Au\u00dfenministerium wohl diese gelesen haben m\u00fcsste, um so zu handeln, wie man das nun gerade gemacht hat:<\/p>\n<blockquote><p>Es wirkt zun\u00e4chst kaum vorstellbar, dass jemand im Au\u00dfenministerium in Kiew die Verflechtung der Weltlage in dieser Art durchschauen kann, ohne ein Preprint von Streecks Aufsatz gelesen zu haben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Damit diskreditiert Bahner nicht nur Streeck, sondern auch jede Art, politische Prozesse zu hinterfragen und in gr\u00f6\u00dfere Zusammenh\u00e4nge einzuordnen. Na ja, nicht verwunderlich, wenn man sich anschaut, wie die <em>FAZ<\/em> seit dem Tode Frank Schirrmachers von einer ernst zu nehmenden konservativen Zeitung zusehends zu einer neoliberalen PR-Tr\u00f6te auf Boulevardniveau im Gewand von vermeintlich seri\u00f6sem Journalismus verkommen ist. Und was soll man von einer Postille auch erwarten, die einen Holocaust-Relativierer wie Melnyk beim F.A.Z.-Kongress im M\u00e4rz extra per Video zugeschaltet hat? Eben. Da n\u00fctzt es auch nichts, wenn Bahner \u00fcber seinem Kommentar die Leser mit strafendem Blick anschaut, da er auf diese Weise auf mich zumindest nicht wirkt, als sei er ein bondscher B\u00f6sewicht, sondern eher, als h\u00e4tte er nicht nur einen Stock, sondern gleich einen ganzen Kiefernhain im Allerwertesten.<\/p>\n<p>Vor allem auch schon gleich der Vorwurf, Streeck w\u00fcrde den Kampf der Ukraine mit den Eroberungskrieg von Nazideutschland gleichsetzen, und das auch schon sch\u00f6n angedeutet in der \u00dcberschrift (&#8222;kursive Provokation&#8220;) als dann auch in Einleitungsabsatz erw\u00e4hnt (und erst ganz am Ende des Kommentars dann mit einem Satz ausgef\u00fchrt). Klar, damit kann man immer gut Stimmung machen, und vielleicht war die Wortwahl Streecks in seinem englischsprachigen Artikel vom &#8222;Ukrainian Endsieg&#8220; auch nicht so ganz gl\u00fccklich gew\u00e4hlt. Aber wo war denn bitte die Aufregung von Bahner und Co., als in der Zeit eine Solidarit\u00e4tserkl\u00e4rung mit der Ukraine mit &#8222;Ich w\u00fcnsche mir einen totalen Sieg&#8220; betitelt war (s. <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/mensch-metropole\/80-jahre-nach-goebbels-sportpalastrede-bemueht-die-zeit-den-totalen-sieg-li.325137\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), und das auch noch pikanterweise auf den Tag genau 80 Jahre nach Goebbels Sportpalast-Gegeifer vom &#8222;totalen Krieg&#8220;? Wenn ich so was im Hinterkopf habe, dann finde ich Streecks Aussage und Formulierung vielleicht doch nicht ganz unpassend &#8230;<\/p>\n<p>Aber dennoch lesen ja immer noch genug Menschen <em>FAZ<\/em> und nehmen den Kram ernst, der dort steht. Und so ist dieser Kommentar ein weiterer Baustein daf\u00fcr, Intellektuelle in unserem Land zunehmend zu verspotten und zu schm\u00e4hen.<\/p>\n<p>Das Praktische dabei f\u00fcr die neoliberalen Schreiberlinge: Sowohl Welzer und Precht als auch Streeck haben sich immer wieder kapitalismuskritisch ge\u00e4u\u00dfert und dabei auch konkrete Vorschl\u00e4ge vorgebracht, wie man denn anders wirtschaften k\u00f6nnte als gerade auf die neoliberale Weise, die uns direkt in den Untergang f\u00fchrt. Wenn man also solche Stimme diskreditieren kann, indem man die bellizistische Grundstimmung im Land aufgreift und so nun meint, einen Angriffspunkt gefunden zu haben, dann werden viele Menschen diesen Intellektuellen auch bei anderen Themen nicht mehr zuh\u00f6ren. &#8222;Precht? Och n\u00f6, den mag ich nicht!&#8220; Das hab ich k\u00fcrzlich erst von einem Freund geh\u00f6rt, ohne dass der nun genau begr\u00fcnden konnte, warum das so w\u00e4re oder welche von Prechts Standpunkten ihm genau missfielen.<\/p>\n<p>Bitter wird es dann, wenn man sieht, dass andere Pseudofachleute und Voodoo-\u00d6konomen wie Hans-Werner Sinn oder Bernd Raffelh\u00fcschen von der gleichen Journaille st\u00e4ndig mit Samthandschuhen angefasst und als Experten hofiert werden, auch wenn sie nachweislich seit Jahren mit ihren Aussagen komplett daneben liegen, ihre Prognosen nicht zutreffen und sie den gr\u00f6\u00dften Unfug verbreiten. Aber klar: Die sind ja auch ideologisch &#8222;auf Linie&#8220; und feiern den Neoliberalismus trotz seines offensichtlichen Versagens immer noch in den h\u00f6chsten T\u00f6nen ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In letzter Zeit ist es zunehmend in Mode gekommen, Aussagen von Intellektuellen, wenn sie einem nicht in den Kram passen, nicht sachlich zu kontern, sondern dann lieber die ganze Person zu diffamieren und l\u00e4cherlich zu machen. 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