{"id":27229,"date":"2023-06-16T17:24:20","date_gmt":"2023-06-16T15:24:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27229"},"modified":"2023-06-16T17:24:20","modified_gmt":"2023-06-16T15:24:20","slug":"die-ukrainische-gegenoffensive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27229","title":{"rendered":"Die ukrainische Gegenoffensive"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Gastartikel von Fabian Lehr<\/em><\/p>\n<p>Es ist einigerma\u00dfen bizarr, zu sehen, dass die ukrainische Gegenoffensive in der westlichen Medienlandschaft gerade kaum eine Rolle spielt, nachdem ausgiebigste Er\u00f6rterung der Frage &#8222;Wann, wo und wie wird die Offensive wohl kommen?&#8220; monatelang die Zeitungen und Talkrunden besch\u00e4ftigte. Jetzt, da die Offensive tats\u00e4chlich da ist und wohl gerade ihre hei\u00dfeste Phase erreicht, interessiert sie auf einmal kaum jemanden und landet in deutschen Medien irgendwo hinter Rammstein, Boris Johnson und W\u00e4rmepumpen in den vermischten Meldungen.<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass das \u00f6ffentliche Interesse an einem fernen Krieg nat\u00fcrlich generell abnimmt, je l\u00e4nger er sich ohne klare Entscheidung hinzieht, ist das zweifellos auch Ausdruck der extremen Parteilichkeit der deutschen und \u00fcberhaupt westlichen Medienlandschaft, deren Berichterstattung teils fast ausschlie\u00dflich auf den offiziellen Verlautbarungen einer der Kriegsparteien beruht. Die Berichterstattung der meisten gro\u00dfen Zeitungen \u00fcber den konkreten milit\u00e4rischen Verlauf des Krieges beruht fast ausschlie\u00dflich auf offiziellen Statements des ukrainischen Kriegsministeriums und ukrainischer Regierungsvertreter sowie uneingeschr\u00e4nkt proukrainischer Milit\u00e4rblogger u.\u00c4. Russische Verlautbarungen werden, wenn \u00fcberhaupt, nur gelegentlich zitiert, um sich \u00fcber sie lustig zu machen, denn dass russische Quellen selbstverst\u00e4ndlich immer l\u00fcgen und ukrainische Quellen selbstverst\u00e4ndlich immer die Wahrheit sagen gilt als evident und die \u00dcberzeugung, dass dem so sei, als Ausdruck der eigenen moralischen Lauterkeit, denn wer in Erw\u00e4gung zieht, ukrainische Hurrameldungen k\u00f6nnten manchmal gelogen und russische Hurrameldungen manchmal wahr sein, steht im Verdacht, ein Russenfreund und Freiheitsfeind und jedenfalls ein h\u00f6chst zwielichtiges Subjekt zu sein. Und so beschr\u00e4nkt man sich dann halt darauf, ukrainische Meldungen zu zitieren oder zu paraphrasieren und am Ende ein &#8222;Diese Meldungen k\u00f6nnen nicht unabh\u00e4ngig verifiziert werden&#8220; anzuh\u00e4ngen (Man w\u00fcrde ja meinen, die Verifizierung oder Falsifizierung widerspr\u00fcchlicher Verlautbarungen sei doch nun der Job von ReporterInnen, aber eine journalistische Berichterstattung aus Frontn\u00e4he gibt es sowieso kaum &#8211; die meisten westlichen UkrainekorrespondentInnen sitzen hunderte Kilometer von der Front entfernt in Kiew, wo sie genau das tun, was ihre KollegInnen in Berlin, Frankfurt oder M\u00fcnchen genauso gut tun k\u00f6nnten: Ukrainische Meldungen zitieren).<\/p>\n<p>Das Resultat dieses Bias ist das Vorherrschen v\u00f6llig grotesker Vorstellungen im deutschen \u00f6ffentlichen Diskurs und nat\u00fcrlich ganz besonders der aktivistisch-proukrainischen social media-Blase: T\u00e4glich fallen ungef\u00e4hr hunderttausend Russen, w\u00e4hrend die Ukrainer h\u00f6chstens mal ein, zwei kleine Sch\u00fcrfwunden erleiden. Der russische Bestand an ballistischen Raketen und Drohnen steht seit einem Jahr permanent unmittelbar vor der Ersch\u00f6pfung &#8211; jede neue Angriffswelle war ganz sicher die letzte, denn jetzt haben sie aber WIRKLICH ihre letzte Rakete verschossen (Die Existenz der russischen R\u00fcstungsindustrie, die st\u00e4ndig neue bauen kann, scheint unbekannt zu sein). Und wenn sich diese Angriffswellen mit Raketen, die es gar nicht geben d\u00fcrfte, doch immer wieder wiederholen, dann werden sie immerhin stets zu ann\u00e4hernd 100% von den Ukrainern abgeschossen &#8211; das ukrainische Kriegsministerium verk\u00fcndet es ja, also muss es auch so sein. Alle westlichen Waffen sind unbesiegbare Superwaffen, die, sobald sie an die Front kommen, sofort die russische Armee zerbrechen und den Krieg mit einem \u00fcberw\u00e4ltigenden ukrainischen Sieg beenden werden. Ein Leopard2 verh\u00e4lt sich zu einem T72 wie ein laserkanonenbewaffnetes Raumschiff zu Pfeil und Bogen. Alle russischen Soldaten sind vollkommen demotiviert und werden beim Anblick des ersten ukrainischen Panzers sofort kampflos fliehen, w\u00e4hrend alle ukrainischen Soldaten hochmotivierte Helden sind, die kein anderes Verlangen als die Befreiung der heiligen ukrainischen Erde kennen und daf\u00fcr gern und freudig ihr Leben geben.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sind die Vorstellungen, die in offiziellen russischen Verlautbarungen, regierungstreuen russischen Medien und einem gro\u00dfen Teil der prorussischen Blogosph\u00e4re herrschen, genauso grotesk. Glaubt man deren Weisheiten, ist die Ukraine l\u00e4ngst v\u00f6llig entv\u00f6lkert und kann nur noch weiterk\u00e4mpfen, weil Heerscharen westlicher S\u00f6ldner die alle l\u00e4ngst unter der Erde liegenden ukrainischen M\u00e4nner ersetzt haben, und t\u00e4glich erringen die russischen Truppen solche Heldentaten, dass das gesamte vom NATO-Block gelieferte Equipment schon doppelt und dreifach vernichtet wurde. Sowohl ukrainische als auch russische Regierung und Milit\u00e4rf\u00fchrung sowie ihnen jeweils nahestehende Blogosph\u00e4re l\u00fcgen permanent das Blaue vom Himmel herunter.<\/p>\n<p>Wenn man ein wenigstens ansatzweise brauchbares Bild vom tats\u00e4chlichen Kriegsverlauf bekommen will, muss man deswegen zwingend regelm\u00e4\u00dfig proukrainische ebenso wie prorussische Milit\u00e4rblogs lesen (Milit\u00e4rblogger sind, was die Berichterstattung \u00fcber Kampfhandlungen angeht, Zeitungen tats\u00e4chlich haushoch \u00fcberlegen &#8211; in den &#8222;Qualit\u00e4tszeitungen&#8220; findet man, wenn es hochkommt, mit 24 Stunden Versp\u00e4tung eine oberfl\u00e4chliche Zusammenfassung von Entwicklungen, die in den Milblogs quasi in Echtzeit mit Bergen von Video-und Bildmaterial dokumentiert werden). Nicht, weil die Milblogger weniger parteiisch als Zeitungen w\u00e4ren oder nicht h\u00e4ufig l\u00fcgen oder wild spekulieren w\u00fcrden. Aber weil man aus der Zusammenstellung ihrer widersprechenden Behauptungen viel ableiten kann. Wenn proukrainische Milblogger z\u00e4hneknirschend zugeben, dass die Russen Dorf XYZ erobert oder diese und jene Stellung eingenommen h\u00e4tten, dann kann man das als ziemlich gesichert annehmen. Umgekehrt kann man es als ziemlich gesichert annehmen, wenn prorussische Milblogger z\u00e4hneknirschend zugeben, die Ukrainer ihrerseits h\u00e4tten Dorf XYZ und Stellung so und so eingenommen.<\/p>\n<p>Dazu kommen die Massen von Video- und Bildmaterial von Kampfhandlungen, wobei man in beiden Blogosph\u00e4ren strikt getrenntes Material geliefert bekommt. Auf proukrainischen Blogs und Accounts sieht man nahezu ausschlie\u00dflich Videos von zerst\u00f6rten russischen Panzern, get\u00f6teten russischen Soldaten und eroberten russischen Stellungen, aber nahezu niemals Videos von ukrainischen Verlusten. Auf prorussischen Blogs und Accounts wiederum sieht man nahezu ausschlie\u00dflich Videos von zerst\u00f6rten ukrainischen Waffensystemen, get\u00f6teten ukrainischen Soldaten und eroberten ukrainischen Stellungen, aber nahezu niemals Videos von russischen Verlusten. Die Fangemeinde beider Seiten leitet daraus nat\u00fcrlich ab, dass ihre jeweilige Lieblingsarmee quasi verlustfrei von Sieg zu Sieg eilt und wissen auch nicht so recht, wie es, wenn eine Seite der anderen doch so haushoch \u00fcberlegen ist, denn eigentlich kommt, dass der Krieg jetzt bald anderthalb Jahre andauert und seit einem Dreivierteljahr weitgehend statisch ist. Nat\u00fcrlich ist auf beiden Seiten einiges von diesem Bild- und Videomaterial gef\u00e4lscht oder zumindest bewusst falsch zugeordnet. Das meiste ist aber durchaus echt und oft \u00fcberzeugend geolokalisiert und datiert, und dieses Material, das, wenn man beide Blogosph\u00e4ren besucht, st\u00e4ndig gro\u00dfe Verluste beider Seiten zeigt, passt sehr gut zum Bild eines Zerm\u00fcrbungskrieges zwischen zwei Armeen von momentan relativ \u00e4hnlicher Kampfkraft, das mit dem tats\u00e4chlichen Kriegsverlauf viel eher zu vereinbaren ist als die Fantasien von der haushohen \u00dcberlegenheit einer Seite.<\/p>\n<p>Mit dem Beginn der so lange diskutierten und ersehnten ukrainischen Gegenoffensive ist f\u00fcr die westliche Medienwelt aber ein riesiges Problem aufgetreten: Die ukrainische F\u00fchrung hat beschlossen, \u00fcber den Verlauf dieser Offensive vorl\u00e4ufig striktes Stillschweigen zu wahren, keinerlei Details bekanntzugeben und keinerlei Bild- oder Videomaterial zu ver\u00f6ffentlichen. Da offizielle oder doch zumindest regierungsnahe ukrainische Verlautbarungen bisher aber so ziemlich die einzige Informationsquelle westlicher Gro\u00dfmedien waren, wissen sie angesichts von deren Stillschweigen nichts mehr \u00fcber den Krieg zu berichten. Der Informationskrieg liegt damit momentan praktisch ausschlie\u00dflich in der Hand prorussischer Quellen, und die darf man als anst\u00e4ndiger westlicher Journalist ja nicht ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Das zweite Problem besteht darin, dass das, was in der prorussischen Blogosph\u00e4re von dieser Offensive zu sehen ist, aus proukrainischer Perspektive ziemlich ern\u00fcchternd aussieht und schwerlich mit den grotesken Vorstellungen der westlichen \u00d6ffentlichkeit zu vereinbaren ist, die ukrainische Gegenoffensive w\u00fcrde in k\u00fcrzester Zeit zum russischen Zusammenbruch und zum gro\u00dfen Sieg f\u00fchren. Westliche Medien, die ihrer \u00d6ffentlichkeit monatelang eingeh\u00e4mmert haben, alle m\u00fcssten loyal und einig Waffenlieferungen und Sanktionskrieg mittragen, weil es realistisch und wahrscheinlich sei, dass man die Ukraine dadurch zum gro\u00dfen finalen Sieg und das russische Reich des B\u00f6sen zum Kollaps f\u00fchren k\u00f6nne, m\u00f6chten nun aber eher ungern dar\u00fcber berichten, dass die von ihnen selbst aufgebauten \u00fcbersteigerten Hoffnungen auf die ukrainische Gegenoffensive sich zerschlagen und es tendenziell eher danach aussieht, dass sie in einem Desaster endet.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle, die in den letzten Monaten ernsthaft versucht haben, sich einigerma\u00dfen ausgewogen \u00fcber den Kriegsverlauf zu informieren (Sprich: T\u00e4glich sowohl proukrainische als auch prorussische Medien, Blogs und Accounts zu lesen), kommt das freilich nicht als eine so gro\u00dfe \u00dcberraschung.<\/p>\n<p>Die ukrainische Gegenoffensive trug von Anbeginn ihrer Planungen den Stempel eines Verzweiflungsunternehmens. Die ukrainische Armee hat es dank massiver westlicher Waffenlieferungen, Geheimdiensthilfe und Finanzierung geschafft, die russische Invasion aufzuhalten und betr\u00e4chtliche Gebiete zur\u00fcckzuerobern. Seit einem Dreivierteljahr ist der Krieg aber erstarrt und zu einem z\u00e4hen Abnutzungskrieg geworden, in dem keine Seite mehr gro\u00dfe Erfolge erzielt, niemand irgendwo noch gro\u00df vorankommt und nicht erkennbar ist, wie dieser Krieg eigentlich milit\u00e4risch beendet werden soll. Beide Seiten stehen sich jetzt entlang einer festen Frontlinie mit massiv ausgebauten Befestigungen gegen\u00fcber, die schnelle und gro\u00dfe Vorst\u00f6\u00dfe so gut wie unm\u00f6glich machen. Die russische Armee hat in ihrer Winteroffensive mit Schwerpunkten um Vuhledar, Avdiivka, Mariinka, Bakhmut und Kreminna versucht, aus diesem Patt herauszukommen, die ukrainischen Befestigungslinien zu durchbrechen und wieder zum Bewegungskrieg \u00fcberzugehen. Die Offensive war ein Desaster. Monatelang st\u00fcrmten nach vorbereitendem Artilleriefeuer Welle um Welle massenhaft gepanzerte Fahrzeuge \u00fcbers freie Feld auf die ukrainischen Stellungen zu &#8211; und wurden dabei reihenweise vernichtet. Tausende Fahrzeuge und zehntausende Soldaten gingen verloren, ohne dass die Angreifer irgendwo nennenswert \u00fcber 5-10km vorangekommen w\u00e4ren. Allein bei ihren gescheiterten Angriffen auf Vuhledar d\u00fcrften die Russen innerhalb weniger Tage eine dreistellige Zahl von Panzern und Sch\u00fctzenpanzern verloren haben. Es gibt eindrucksvolle Videos von russischen Panzerkolonnen, die \u00fcber ukrainische Minenfelder fahren, ein Panzer nach dem anderen fliegt dabei in die Luft, w\u00e4hrend die anderen in Panik geraten, teils auf der Flucht querfeldein ebenfalls auf Minen fahren, teils von der sehr pr\u00e4zisen ukrainischen Artillerie zerschossen werden. Im Fr\u00fchjahr war die russische Angriffskraft ersch\u00f6pft, ohne dass irgendwo etwas Bedeutendes erreicht worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Aber die russischen Linien brachen nach diesem Fehlschlag auch nicht zusammen. Das bisschen eroberte Gebiet konnten die russischen Truppen \u00fcberwiegend halten, ukrainische Gegenangriffe wurden blutig zur\u00fcckgeschlagen, und in Bakhmut konnte Wagner dank des Verheizens von zehntausenden als Kanonenfutter in Uniform gesteckten H\u00e4ftlingen durch Eroberung der Stadt im Mai sogar einen symboltr\u00e4chtigen neuen Sieg erzielen. Rund ein F\u00fcnftel des ukrainischen Staatsgebietes war weiterhin in russischer Hand, und Bakhmut hatte gezeigt, dass die Invasoren, solange sie zu gro\u00dfen menschlichen Opfern bereit sind, auch in der Lage waren, immer noch hier und da etwas weiter voranzukommen.<br \/>\nNun besteht das erkl\u00e4rte ukrainische Kriegsziel aber darin, die Grenzen von 2013 wiederherzustellen, und ein Kriegsende, das nicht mindestens die Grenzen von 2021 bringt, w\u00fcrde angesichts der in der Ukraine aufgebauten hypernationalistischen Stimmung als klare Niederlage aufgefasst und ziemlich sicher das Ende der Regierung Selenskij, vielleicht schwere innere Unruhen bis hin zu einem Staatsstreich bedeuten. Die Propagierung dieses Ziels ist nun aber das eine, seine Realisierung ein anderes. Und die Zeit l\u00e4uft dabei klar gegen die Ukraine. Ich habe oben geschrieben, beim Zerm\u00fcrbungskrieg in der Ostukraine handle es sich um einen Krieg zwischen zwei Armeen vergleichbarer Kampfkraft. Das ist heute wohl einigerma\u00dfen zutreffend &#8211; es muss sich, wenn der Krieg noch lange unentschieden weitergeht, aber zwangsl\u00e4ufig zugunsten Russlands \u00e4ndern. Die Ukraine ist nicht nur ein viel kleinerer und viel \u00e4rmerer Staat mit einer viel kleineren Bev\u00f6lkerung als Russland &#8211; sie hat auch keine nennenswerte eigene R\u00fcstungsindustrie. Seitdem die urspr\u00fcnglichen Waffenbest\u00e4nde der ukrainischen Streitkr\u00e4fte von Anfang 2022 weitgehend verbraucht oder zerst\u00f6rt sind, wird der ukrainische Staat nur noch durch Waffen- und Munitionslieferungen des NATO-Blocks am Leben erhalten.<\/p>\n<p>Diese Waffenhilfe hatte zwar ein nach 1945 einzigartiges Ausma\u00df, aber sie war auch nicht gro\u00df genug, damit eine der gr\u00f6\u00dften Armeen der Welt zerbrechen zu k\u00f6nnen. Die NATO hat die Ukraine fast durchweg aus ihren Lagerbest\u00e4nden beliefert, d.h. mit einem bunten Sammelsurium eingemotteter, \u00fcberwiegend veralteter Waffen, die man ansonsten wohl in den n\u00e4chsten Jahren verschrottet oder billig an Schwellenl\u00e4nder verkauft haben w\u00fcrde. Moderne Hightechwaffen h\u00f6chster Qualit\u00e4t wurden nur in kleinen bis sehr kleinen Mengen geliefert, nicht zuletzt wohl auch zur Praxiserprobung der besten Exportartikel der eigenen R\u00fcstungsindustrie. Inzwischen sind die Lagerbest\u00e4nde der NATO an eingemotteten, aber noch brauchbaren Waffen und Geschossen aber so ziemlich leer. Da die NATO-Staaten nicht bereit sind, ihre aktiven Armeebest\u00e4nde auszud\u00fcnnen und sie auch nicht beschlossen haben, in gro\u00dfem Stil zur Kriegsproduktion \u00fcberzugehen und ihre R\u00fcstungsproduktion vom Fabrikband weg direkt in die Ukraine zu schicken, ist absehbar, dass der Umfang der westlichen Lieferungen an schweren Waffen wahrscheinlich in der ersten H\u00e4lfte dieses Jahres seinen H\u00f6hepunkt erreichen und dann abflachen w\u00fcrde. Insbesondere die Lagerbest\u00e4nde an schweren Waffen wie Panzern und Gesch\u00fctzen werden bald leer sein, und eine Ausdehnung ihrer Neuproduktion ist nicht geplant. Dramatisch ist auch der zunehmende Mangel an Luftabwehrwaffen. Die Ukraine hatte bei Kriegsbeginn einen riesigen Bestand an \u00e4lteren Luftabwehrsystemen sowjetischen Typs. Diese hohe Dichte an sowjetischen Luftabwehrbatterien sch\u00fctzte nicht nur die ukrainischen St\u00e4dte wirksam vor russischen Luftangriffen, sondern machte es der russischen Luftwaffe auch unm\u00f6glich, das Geschehen an der Front zu dominieren, denn jeder russische Jet, der sich zu weit vorgewagt h\u00e4tte, w\u00fcrde sich damit in die Reichweite von Luftabwehrraketen begeben. Das Problem ist nun, dass passende Munition f\u00fcr diese Systeme nur in Russland produziert wird und sich in der Ukraine dem Ende zuneigt. Moderne westliche Luftabwehrsysteme mit im NATO-Block vorhandener Munition wiederum werden in viel zu kleiner Menge geliefert, um die wegen Munitionsmangels nicht mehr nutzbaren hunderten sowjetischen Luftabwehrsysteme ersetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Russland dagegen hat seit Kriegsbeginn zwar horrende Verluste erlitten, aber erstens seine R\u00fcstungsproduktion erheblich erh\u00f6ht und zweitens noch riesige Lagerbest\u00e4nde alter sowjetischer Panzer und Gesch\u00fctze, die mit vertretbarem Aufwand wieder einsatzbereit gemacht werden k\u00f6nnen. Es ist also absehbar, dass das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis sich ab diesem Sommer immer weiter zugunsten Russlands neigen, die russische Luftwaffe immer dominanter und die russische \u00dcbermacht an Panzern und Gesch\u00fctzen immer gr\u00f6\u00dfer werden m\u00fcssen. Solange der NATO-Block nicht zu Kriegsproduktion und massenhafter Lieferung neuproduzierter schwerer Waffen \u00fcbergeht, kann die Ukraine einen langsamen Abnutzungskrieg gegen Russland nicht durchstehen.<\/p>\n<p>Das verzweifelte Kalk\u00fcl der ukrainischen Regierung bestand nun offensichtlich darin, im Fr\u00fchjahr diesen Jahres, auf dem voraussichtlichen Zenit der westlichen Waffenlieferungen, mit allem, was man an besseren westlichen Waffen seit einem halben Jahr zusammenkratzen konnte, eine Gro\u00dfoffensive zu unternehmen, solange das Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnis zwischen den ukrainischen und russischen Streitkr\u00e4ften zumindest noch ansatzweise vergleichbar ist &#8211; was bei Fortdauer des Abnutzungskrieges in einem halben oder einem Jahr sicher nicht mehr der Fall sein wird. Selenskij und seine Gener\u00e4le wissen, dass sie realistischerweise nur noch eine einzige Chance haben. Wenn diese Offensive unter hohen Verlusten scheitert, werden die ukrainischen Streitkr\u00e4fte wahrscheinlich nie wieder zu einem gro\u00dfen Angriff in der Lage sein. Wenn man nur einmal zuschlagen kann, sollte dieser Schlag an der Stelle erfolgen, wo er die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Wirkung entfalten kann. Und da kommt eigentlich nur eine Richtung in Frage: Eine Offensive nach S\u00fcden in Richtung Asowsches Meer. Wenn die ukrainischen Streitkr\u00e4fte die K\u00fcste erreichen sollten, w\u00fcrde das russisch besetzte ukrainische Gebiet dadurch zweigeteilt und k\u00f6nnte der westliche Teil vom russischen Kernland aus nicht mehr versorgt werden. Sollte es dann noch gelingen, von dort aus mit ballistischen Raketen die Kertschbr\u00fccke zu zerst\u00f6ren, w\u00fcrde damit auch der Versorgungsweg \u00fcber die Krim zusammenbrechen und w\u00e4ren die Krim sowie die Oblasten Saporischschja und Kherson f\u00fcr Russland mangels Versorgungsm\u00f6glichkeiten kaum noch dauerhaft zu verteidigen. Erreichen die Ukrainer das Asowsche Meer, verliert Russland also wahrscheinlich die H\u00e4lfte seiner Eroberungen seit 2014. Vielleicht w\u00fcrde ein so spektakul\u00e4rer Erfolg den NATO-Block zu einer Ausweitung der Waffenlieferungen bewegen k\u00f6nnen, vielleicht w\u00fcrde Russland dadurch bereit werden, einer Wiederherstellung zumindest der Grenzen von 2021 zuzustimmen. An keiner anderen Stelle h\u00e4tte eine erfolgreiche Offensive vergleichbare Auswirkungen.<\/p>\n<p>Nun besteht aber auch die russische Armeef\u00fchrung nicht aus lauter Idioten. Auch in Moskau wei\u00df man, dass die Ukrainer eigentlich in dieser Richtung angreifen M\u00dcSSEN. Dementsprechend hat die russische Armee die Frontlinie in der Oblast Saporischschja seit einem Dreivierteljahr mit einem riesigen, dichten Netz von Verteidigungsanlagen \u00fcberzogen. In mehreren aufeinanderfolgenden Linien folgen Sch\u00fctzengr\u00e4ben, riesige Minenfelder, Panzersperren und Bunker. Es ist heute vielleicht die st\u00e4rkste milit\u00e4rische Befestigungslinie Europas. Umso mehr, als die Ukraine, Zeichen ihrer verzweifelten Lage, die Offensive monatelang verschieben musste, um noch die Lieferung von ein paar dutzend weiteren westlichen Panzerfahrzeugen abzuwarten, was Russland zus\u00e4tzlich Zeit gab, die Befestigungslinien immer weiter auszubauen. Dazu wurden die besten, kampfkr\u00e4ftigsten russischen Truppen dorthin verlegt und die Truppendichte dort st\u00e4rker als irgendwo sonst gesteigert. Eine derart starke und derart gut bemannte Festungslinie frontal anzugreifen, wenn man nicht zahlenm\u00e4\u00dfig extrem \u00fcberlegen ist, ist eigentlich Wahnsinn. Insbesondere, wenn man wie die Ukraine kaum mobile Luftabwehrsysteme f\u00fcr kurze und mittlere Distanzen mehr hat, was bedeutet: Je weiter die ukrainischen Truppen vorankommen, desto schutzloser sind sie der zahlenm\u00e4\u00dfig haushoch \u00fcberlegenen russischen Luftwaffe ausgesetzt. Auch die ukrainischen Gener\u00e4le wissen sicher, dass dieses Projekt eigentlich Irrsinn ist. Nur: Es gibt, wenn man nicht kapitulieren will, nicht wirklich eine erfolgversprechendere Alternative dazu. Einen defensiv gef\u00fchrten langen Abnutzungskrieg kann die Ukraine, wie schon ausgef\u00fchrt, eben nicht durchhalten, die russische Material\u00fcberlegenheit muss dabei langsam aber sicher erdr\u00fcckend werden. Und die letzte Chance, noch einmal in gro\u00dfem Stil angreifen zu k\u00f6nnen, d\u00fcrfte jetzt sein. Wenn es jetzt nicht funktioniert, dann wird es nie funktionieren.<\/p>\n<p>Eine Erfolgschance hat dieses Unternehmen eigentlich nur dann, wenn man annimmt, dass die Moral der russischen Truppen so tief gesunken ist, dass sie bei Herannahen einer gro\u00dfen ukrainischen Angriffsstreitmacht gar nicht ernsthaft k\u00e4mpfen, sondern massenhaft fliehen und ihre Stellungen verlassen werden.<\/p>\n<p>Genau daf\u00fcr gibt es bisher aber \u00fcberhaupt keine Anzeichen. Die ukrainische Offensive l\u00e4uft jetzt seit 12 Tagen. In dieser Zeit ist sie nirgends mehr als maximal etwa 5 Kilometer vorangekommen. Die russischen Truppen halten ihre Stellungen und f\u00fcgen den Ukrainern schwere Verluste zu. Die Zahl der durch Fotos und Videos belegten ukrainischen Fahrzeugverluste liegt inzwischen im deutlich dreistelligen Bereich, darunter auch mehrere Leopard2 und etwa ein Zehntel aller von den USA gelieferten Bradley-Sch\u00fctzenpanzer. Wohlgemerkt: Das ist nur die Zahl der auf Video dokumentierten Verluste. Die Szenen von dutzendfach durch Minen und Artillerietreffer ausgeschalteten westlichen Panzerfahrzeugen sehen dem Desaster des russischen Angriffs auf Vuhledar Anfang dieses Jahres verdammt \u00e4hnlich. Dabei sind die ukrainischen Truppen bisher nirgends auch nur in die N\u00e4he der russischen Hauptbefestigungslinien herangekommen, alle bisherigen K\u00e4mpfe spielen sich noch im Vorfeld der Befestigungslinie ab. Der gr\u00f6\u00dfte ukrainische Triumph ist, nach tagelangen verlustreichen K\u00e4mpfen, die Eroberung von vier D\u00f6rfern, wonach die ukrainischen Truppen wieder ersch\u00f6pft zum Stillstand kamen. Bisher sieht diese Offensive danach aus, dass die ukrainischen Streitkr\u00e4fte den Kopf gegen eine Betonwand schlagen. Es gibt Berichte \u00fcber Befehlsverweigerungen ukrainischer Truppenteile, die sich weigern, in die n\u00e4chste Angriffswelle gepanzerter Fahrzeuge \u00fcber kilometerweit offenes, minen\u00fcbers\u00e4tes Land zu gehen.<\/p>\n<p>Wohlgemerkt: Das hei\u00dft nicht, dass die ukrainische Offensive schon gescheitert w\u00e4re. Die Mehrheit der f\u00fcr den Angriff gebildeten und westlich bewaffneten Einheiten ist noch nicht zum Einsatz gekommen und es ist immer noch m\u00f6glich, dass es gelingt, durch einen gro\u00dfen Angriff irgendwo Panik unter den russischen Truppen ausl\u00f6sen und die Befestigungslinie durchbrechen zu k\u00f6nnen. Die ukrainischen Verluste sind schwer, aber noch nicht l\u00e4hmend. Mit jedem Tag, an dem es nicht passiert, wird es aber unwahrscheinlicher, zumal es nun auch keinerlei \u00dcberraschungseffekt mehr gibt. Aber selbst wenn den Ukrainern irgendwo noch ein gr\u00f6\u00dferer Frontdurchbruch gelingen sollte (Was, wie gesagt, durchaus noch m\u00f6glich ist) : Was eigentlich dann? Je weiter die ukrainischen Truppen vorsto\u00dfen, desto weiter entfernen sie sich vom Schutz der noch einsetzbaren ukrainischen Luftabwehrsysteme und desto gefahrloser kann die russische Luftwaffe sie pausenlos bombardieren. Je weiter sie vorankommen, desto schwieriger wird die Logistik, dieses kunterbunte Sammelsurium aller nur vorstellbaren westlichen Fahrzeuge auf dem Marsch mit dutzenden verschiedenen Arten von Munition und Ersatzteilen zu versorgen. Je weiter eine stark geschw\u00e4chte ukrainische Streitmacht vorst\u00f6\u00dft, desto h\u00f6her ist die Gefahr, dass sie einfach eingekesselt wird. Es f\u00e4llt schwer, sich ein Szenario vorzustellen, in dem die ukrainischen Streitkr\u00e4fte die K\u00fcste erreichen und noch genug Material \u00fcbrig haben k\u00f6nnten, um sich dort auch halten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Scheitert die Offensive aber (Und f\u00fcr ihr Scheitern spricht bisher eben mehr als f\u00fcr ihren Erfolg), dann war es das so ziemlich f\u00fcr die Ukraine. Wenn sie die Masse der im letzten Dreivierteljahr zusammengekratzten westlichen schweren Waffen verliert, dann wird sie sie wahrscheinlich nie wieder ersetzen k\u00f6nnen. Panzer, Sch\u00fctzenpanzer und Gesch\u00fctze in diesem Umfang wird es nicht mehr geben, wenn die NATO nicht auf Kriegsproduktion umstellt, wof\u00fcr bisher eben nichts spricht. Die R\u00fcckeroberung nennenswerten Territoriums wird dann nie wieder m\u00f6glich sein. Der Krieg wird wieder zu einem relativ statischen Zerm\u00fcrbungskrieg werden, in dem die russische Material\u00fcberlegenheit jeden Monat gr\u00f6\u00dfer werden und irgendwann in einen allgemeinen ukrainischen Kollaps m\u00fcnden muss. Wenn das geschieht, werden die Regierung Selenskij wie die NATO-Regierungen sich der unangenehmen Tatsache stellen m\u00fcssen, dass man einen Krieg, den man milit\u00e4risch nicht gewinnen kann, nun einmal durch Zugest\u00e4ndnisse an den Feind beenden muss, und das hei\u00dft hier: Anerkennung der Tatsache, dass man das von Russland geraubte Territorium nicht mehr zur\u00fcckgewinnen kann. Innerhalb der Ukraine w\u00fcrde das wahrscheinlich das Ende der Regierung Selenskij, vielleicht einen Staatsstreich oder schwere Revolten bedeuten. Und in der NATO w\u00fcrde es die Notwendigkeit einer schmerzlichen Umkehrung des bisher gepflegten Hurra-Diskurses vom kurz bevorstehenden Zusammenbruch des Erzfeindes bedeuten. Diese Aussichten sind f\u00fcr Regierungen, Parteien und Medien, die sich mit dem imperialistischen Projekt ihres eigenen Blocks voll identifizieren, nicht sch\u00f6n. Verst\u00e4ndlich, dass das Thema &#8222;Verlauf und Aussichten der ukrainischen Offensive&#8220; in den Redaktionen von ZEIT und FAZ und Tagesschau und Heute-Journal und Co also zunehmend als Verlegenheit empfunden und behandelt wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist einigerma\u00dfen bizarr, zu sehen, dass die ukrainische Gegenoffensive in der westlichen Medienlandschaft gerade kaum eine Rolle spielt, nachdem ausgiebigste Er\u00f6rterung der Frage &#8222;Wann, wo und wie wird die Offensive wohl kommen?&#8220; monatelang die Zeitungen und Talkrunden besch\u00e4ftigte. Jetzt, da die Offensive tats\u00e4chlich da ist und wohl gerade ihre hei\u00dfeste Phase erreicht, interessiert sie auf einmal kaum jemanden und landet in deutschen Medien irgendwo hinter Rammstein, Boris Johnson und W\u00e4rmepumpen in den vermischten Meldungen.<\/p>\n<p>Ein Gastartikel von Fabian Lehr<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[67,50],"tags":[178,160],"class_list":["post-27229","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medial-manipulatives","category-politisches","tag-krieg","tag-ukraine"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27229","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=27229"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27229\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27231,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27229\/revisions\/27231"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=27229"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=27229"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=27229"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}