{"id":27473,"date":"2023-08-14T19:40:54","date_gmt":"2023-08-14T17:40:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27473"},"modified":"2023-08-15T11:19:45","modified_gmt":"2023-08-15T09:19:45","slug":"futter-fuer-die-alles-nicht-so-schlimm-fraktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27473","title":{"rendered":"Futter f\u00fcr die &#8222;Alles nicht so schlimm&#8220;-Fraktion"},"content":{"rendered":"<p>Dank des in vielen Teilen Deutschlands eher nasskalten Juli haben ja die Relativierer der Klimakrise gerade Hochkonjunktur: Dann kann es ja alles nicht so schlimm damit sein, und wir k\u00f6nnen ruhig so weitermachen wie bisher. Umso unsch\u00f6ner, wenn diese Realit\u00e4tsverweigerer dann noch Best\u00e4tigung f\u00fcr ihre Denkweise ausgerechnet vom ZDF bekommen.<\/p>\n<p>Dort findet sich n\u00e4mlich ein <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/panorama\/klima-hitze-extremwetter-forschung-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel auf der Sender-Website<\/a>, in dem es unter dem Titel\u00a0&#8222;Welche Rolle hat der Klimawandel wirklich?&#8220; Kritik an einer Studie pr\u00e4sentiert wird, in der ein Wissenschafter meinte, dass der Klimawandel bei den derzeitigen Hitze- und D\u00fcrreperioden in Nordamerika, China und Europas eine &#8222;\u00fcberw\u00e4ltigende Rolle&#8220; spielen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Als Laie, der sich allerdings schon \u00f6fter mal mit dem Thema Klimawandel besch\u00e4ftigt (und beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=23593\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> in diesem Blog ja auch schon dar\u00fcber geschrieben) hat, finde ich die Aussage der Studie nun nicht weiter verwunderlich. Schlie\u00dflich ist ja schon seit L\u00e4ngerem bekannt, dass durch die Erw\u00e4rmung der Arktis der Jetstream schw\u00e4cher ausf\u00e4llt, was dazu f\u00fchrt, dass Hoch- und Tiefdruckgebiete nicht so schnell weitertransportiert werden (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/erdsystem\/wenn-der-jetstream-einrastet\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Mit der Folge, dass deswegen sehr lang anhaltende Regenf\u00e4lle genauso zunehmen wie Trockenperioden.<\/p>\n<p>Nun hat das ZDF allerdings einen respektablen Experten aufgefahren, der das offenbar anders sieht: Douglas Maraun, Klimawissenschaftler an der Universit\u00e4t Graz und einer der Autoren des sechsten Sachstandsberichtes des Weltklimarates IPCC. Also alles andere als irgendein von der \u00d6lindustrie bezahlter Schwurbelkopp von EIKE oder so was \u00c4hnliches.<\/p>\n<p>Und er meint nun laut ZDF, dass die derzeitigen Hitzewellen auch ohne den Klimawandel so m\u00f6glich w\u00e4ren:<\/p>\n<blockquote><p>Laut Studie w\u00e4re die Hitzewelle in den USA und Mexiko ohne den Klimawandel praktisch unm\u00f6glich gewesen.\u00a0Diese Aussage w\u00fcrde jedoch nicht bedeuten, dass es ohne Klimawandel keine Hitzewelle gegeben h\u00e4tte. Diese w\u00e4re, so der Wissenschaftler, einfach zwei Grad k\u00e4lter gewesen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist ja ein sehr beliebtes Narrativ von denjenigen, die meinen, der Klimawandel w\u00e4re ja gar nicht so schlimm, weil es dann eben einfach nur zwei Grad w\u00e4rmer sein w\u00fcrde. Und das ist ja nun wahrlich nicht so wild, oder? Dass sich die mit dem Thema befassende Wissenschaft eigentlich schon seit Jahren dar\u00fcber einig ist, dass es bei der Klimakrise vor allem darauf hinausl\u00e4uft, dass Extremwetterereignisse h\u00e4ufiger auftreten und st\u00e4rker ausfallen (was wir ja auch gerade sehen k\u00f6nnen und die kritisierte Studie ebenfalls festgestellt hat), wird da einfach ausgeblendet. Und als Kr\u00f6nung kommt dann noch obendrauf, dass es den Autoren der j\u00fcngsten Studie wohl nur um mediale Aufmerksamkeit ginge, gipfelnd in dem Fazit:<\/p>\n<blockquote><p>Aus Sicht des Wissenschaftlers w\u00e4re es transparenter gewesen, die Studienmacher h\u00e4tten einfach kommuniziert: &#8222;Ohne den Klimawandel w\u00e4ren die Hitzewellen zwei Grad k\u00e4lter gewesen.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Sp\u00e4testens jetzt kam mir das Ganze dann schon ein bisschen suspekt vor &#8211; der Klimawandel, der also nicht viel mehr ist als eine Art gro\u00dfer globaler Thermostat. Hmm &#8230;<\/p>\n<p>Also hab ich mal ein bisschen die Suchmaschine meines Vertrauens angeschmissen und bin dabei auf einige ganz interessante Sachen gesto\u00dfen, die diesen Artikel des ZDF dann in etwas anderem Licht dastehen lassen.<\/p>\n<p>So fand ich beispielsweise einen Artikel von science.ORF.at, in dem auch Douglas Maraun zu Wort kommt. Im August 2021 waren n\u00e4mlich gerade Teile des sechsten IPCC-Berichts bekannt geworden, und das kommentiert Maraun dann folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<blockquote><p>Dass das \u201eSchlimmste noch kommt\u201c, h\u00e4lt er freilich nicht f\u00fcr \u00fcbertrieben, sondern f\u00fcr \u201etrivial\u201c, wie er gegen\u00fcber science.ORF.at betont. Denn: \u201eAuch wenn wir sofort alle Treibhausgasemissionen stoppen k\u00f6nnten, w\u00fcrde sich die Erde noch einige Jahrzehnte weiter erw\u00e4rmen. <strong>Und mit jedem Grad Erw\u00e4rmung wird auch die Gefahr von Hitzewellen, D\u00fcrren oder Starkniederschl\u00e4gen gr\u00f6\u00dfer.<\/strong>\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ja, hoppla, das liest sich dann ja schon reichlich anders als das, was da beim ZDF stand, oder?Also, nichts von wegen das Gleiche wie bisher, nur zwei Grad w\u00e4rmer, sondern ganz klar, was sich auch mit meinem Kenntnisstand der Materie deckt: Die Wahrscheinlichkeit von Extremwetterereignissen wird umso gr\u00f6\u00dfer, je w\u00e4rmer die globale Temperatur ist.<\/p>\n<p>Und auch wenn man mal bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sechster_Sachstandsbericht_des_IPCC\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wikipedia<\/a> schaut, was dort zum sechsten IPCC-Bericht steht, an dem Maraun ja mitgearbeitet hat, dann finden sich dort sehr eindeutige Aussagen:<\/p>\n<blockquote><p>A.3 \u201eDer vom Menschen verursachte Klimawandel wirkt sich bereits auf viele Wetter- und Klimaextreme in allen Regionen der Erde aus. Belege f\u00fcr beobachtete Ver\u00e4nderungen bei Extremen wie Hitzewellen, Starkniederschl\u00e4gen, D\u00fcrren und tropischen Wirbelst\u00fcrmen und insbesondere deren seit dem F\u00fcnften Bewertungsbericht (AR5) haben sich die Hinweise auf den menschlichen Einfluss verst\u00e4rkt.\u201c<\/p>\n<p>[&#8230;]<\/p>\n<p>B.2 \u201eViele Ver\u00e4nderungen im Klimasystem werden in direktem Zusammenhang mit der zunehmenden globalen Erw\u00e4rmung gr\u00f6\u00dfer. Dazu geh\u00f6ren die Zunahme der H\u00e4ufigkeit und Intensit\u00e4t von Hitzeextremen, marinen Hitzewellen und Starkniederschl\u00e4gen, landwirtschaftlichen und \u00f6kologischen D\u00fcrren in einigen Regionen, und der Anteil intensiver tropischer Wirbelst\u00fcrme sowie der R\u00fcckgang des arktischen Meereises, der Schneedecke und Permafrost.\u201c<\/p>\n<p>B.3 \u201eDie fortgesetzte globale Erw\u00e4rmung wird voraussichtlich den globalen Wasserkreislauf weiter verst\u00e4rken, einschlie\u00dflich seiner Variabilit\u00e4t, der globalen Monsun-Niederschl\u00e4ge und der Schwere von Regen- und Trockenperioden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist ja alles ziemlich eindeutig, finde ich. Und hat nichts mit den vom ZDF vorgebrachten Aussagen Marauns zu tun. Hat sich dessen Sichtweise also vielleicht in den letzten zwei Jahren auf wundersame Weise komplett gewandelt?<\/p>\n<p>Was dann ebenfalls verwunderlich ist: Laut ZDF hat Maraun ja behauptet, dass es keine wirklich tauglichen Modelle und Tools g\u00e4be, um solche klimatischen Zusammenh\u00e4nge zu verifizieren:<\/p>\n<blockquote><p>Wie sich aber solche Wetterlagen im Klimawandel ver\u00e4ndern, ist noch ausgesprochen unsicher, weil die Klimamodelle noch relativ schlecht darin sind, H\u00e4ufigkeit und Dauer solcher Wetterlagen zu simulieren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wie passt das nun mit einer Aussage desselben Wissenschaftler von 2021 zusammen, als laut einem <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/wissen\/klima-ipcc-weltklimarat-arbeitsgruppe-eins-sechster-bericht-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel auf <em>MDR Wissen<\/em><\/a> Folgendes zum Besten gab:<\/p>\n<blockquote><p>Die Forschenden haben f\u00fcr den Bericht deutlich verbesserte Modelle nutzen k\u00f6nnen, die Daten seien valider als je zuvor. Und es gibt erstmals einen Fokus auf regionale Entwicklungen, erl\u00e4utert der Grazer Klimaforscher Professor Douglas Maraun \u2013 Leitautor Kapitels \u00fcber die Verkn\u00fcpfung von regionalem und globalem Klimawandel. &#8222;Das ist f\u00fcr mich die Kernneuheit an dem Bericht&#8220;, sagt er.<\/p><\/blockquote>\n<p>Tja, was denn nun? Und vor allem frage ich mich: Wenn mir als Freizeit-Blogger solche Widerspr\u00fcchlichkeiten mit einer kurzen Internetrecherche innerhalb von nicht mal einer halben Stunde auffallen, warum hat das dann beim ZDF offensichtlich niemand bemerkt? Denn sonst h\u00e4tte man ja Maraun mal damit konfrontieren und ihn fragen k\u00f6nnen, was denn seinen Sinneswandel bewirkt hat in den letzten zwei Jahren.<\/p>\n<p>Und dann hab ich die Kritik von Douglas Maraun noch einmal gefunden, und zwar mit ziemlich \u00e4hnlichem Wortlaut wie in dem ZDF-Beitrag. Allerdings in einem <a href=\"https:\/\/taz.de\/Gute-Klima-Kommunikation\/!5915372\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel in der <em>taz<\/em><\/a> vom 1. M\u00e4rz dieses Jahres &#8211; also einem Zeitpunkt, als die Studie, um die es bei ZDF geht, noch lange nicht ver\u00f6ffentlich wurde. Und die <em>taz<\/em> geht da auch ein bisschen differenzierter vor, denn es wird deutlich, dass es vor allem um eine Formulierung bei dem Zusammenhang von der Hitzewelle 2021 in Kanada mit dem Klimawandel ging: &#8222;nahezu unm\u00f6glich&#8220;. Das kritisieren Maraun und ein weiterer Wissenschaftler, w\u00e4hrend eine andere Wissenschaftlerin diese Formulierung verteidigt.<\/p>\n<p>Kann nat\u00fcrlich Zufall sein, dass Douglas Maraun nun die gerade Ende Juli erschienene Studie auf genau die gleiche Weise kritisiert wie eine von vielen Medien verwendete ungenaue Formulierung in Bezug auf die Hitzekatastrophe in Kanada vor zwei Jahren. Ist aber schon irgendwie komisch, oder? Vor allem weil es im M\u00e4rz um Wissenschaftskommunikation ging, jetzt aktuell aber um sehr greifbare, konkrete Extremwetterereignisse.<\/p>\n<p>Ich kann jetzt nur spekulieren, was da beim ZDF vor sich gegangen ist, aber mir erscheint es zumindest nicht unwahrscheinlich, dass man sich dort einfach irgendwelche Aussagen von Klimatologen aus dem Internet rausgesucht und diese dann in einen neuen Kontext gebracht hat, um so eben ein bisschen &#8222;Alles nicht so schlimm&#8220;-Stimmung zu verbreiten.<\/p>\n<p>Doch warum sollte man das machen? Nun, viele Alphajournalisten und Chefredakteure stehen ja politisch der FPD nahe, und in der Partei gibt es nicht nur Politiker, die den menschgemachten Klimawandel leugnen, sondern eben auch starke Bestrebungen, blo\u00df nicht zu viel Klimaschutz zu machen &#8211; wie man ja gerade an der Ampel sehr deutlich sehen kann. Wenn nun eine Studie aufzeigt, dass der Klimawandel jetzt schon zu immer gr\u00f6\u00dferen Katastrophen f\u00fchrt, dann ist das nat\u00fcrlich nicht gerade im Sinne von FDP und anderen Ewiggestrigen, die lieber mit Weiter-so-Politik die eigenen Privilegien verteidigen wollen.<\/p>\n<p>Oder war da vielleicht ein etwas minderbegabter Praktikant am Werk, dem vor zwei Wochen die Freundin von einem Last-Generation-Aktivisten ausgespannt wurde und der jetzt diesen &#8222;Klimaspinnern&#8220; mal so richtig sch\u00f6n einen reinw\u00fcrgen will?<\/p>\n<p>Wie gesagt: alles nur Spekulation. F\u00fcr weitere Erkl\u00e4rungsversuche w\u00e4re ich durchaus dankbar.<\/p>\n<p>In jedem Fall schon ziemlich armselig, dass ein \u00f6ffentlich-rechtlicher Sender hier auf derma\u00dfen abstruse Weise Stimmung macht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dank des in vielen Teilen Deutschlands eher nasskalten Juli haben ja die Relativierer der Klimakrise gerade Hochkonjunktur: Dann kann es ja alles nicht so schlimm damit sein, und wir k\u00f6nnen ruhig so weitermachen wie bisher. 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