{"id":27691,"date":"2023-10-18T15:40:04","date_gmt":"2023-10-18T13:40:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27691"},"modified":"2023-10-18T15:40:04","modified_gmt":"2023-10-18T13:40:04","slug":"der-fetisch-von-schwarzer-null-und-schuldenbremse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27691","title":{"rendered":"Der Fetisch von &#8222;Schwarzer Null&#8220; und &#8222;Schuldenbremse&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Neoliberale Politiker aller Couleur (allerdings: je weiter rechts, desto mehr) haben ja ein besonderes Faible f\u00fcr die &#8222;Schwarze Null&#8220; und die &#8222;Schuldenbremse&#8220;, die sogar Verfassungsrang bekommen hat. Was w\u00e4re wohl, wenn ein Unternehmen genauso agieren w\u00fcrde und diese beiden Prinzipien als oberste Maxime seines Wirtschaftens nehmen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Das ist nat\u00fcrlich nur rein hypothetisch, denn aufgrund der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Saldenmechanik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Saldenmechanik<\/a> w\u00fcrde dann eine Volkswirtschaft kollabieren oder zumindest in arges Ungleichgewicht geraten. Wenn n\u00e4mlich in der Wirtschaft nur gespart w\u00fcrde, dann m\u00fcssten sich der private und der staatliche Sektor verschulden, um das dann auszugleichen. Letztlich muss n\u00e4mlich immer eine Null dabei rauskommen in der Gesamtrechnung, sodass die Ersparnisse eines Sektors die Schulden eines anderen oder beider anderen Sektoren sind.<\/p>\n<p>Aber stellen wir uns doch einfach mal so ein Unternehmen vor, das in jedem Fall eine Kreditaufnahme vermeiden m\u00f6chte und nur das Geld ausgibt, was auch zuvor eingenommen wurde (so gem\u00e4\u00df der &#8222;Schw\u00e4bischen Hausfrau&#8220;-Denke). Und stellen wir uns weiter vor, bei diesem Unternehmen h\u00e4tte nun die Produktionshalle einen Schaden am Dach, durch den es reinregnet. So eine Reparatur ist nicht ganz g\u00fcnstig, und augenblicklich ist kein Geld daf\u00fcr vorhanden. Also bel\u00e4sst es der Unternehmer erst mal beim lecken Dach, und es wird einfach so weiterproduziert wie zuvor.<\/p>\n<p>Das geht allerdings nicht lange gut, denn nach einem Starkregen ist so viel Wasser durchs Dach geleckt, dass eine darunterstehende Maschine einen schweren Wasserschaden bekommen hat. Auch diese Reparatur kostet Geld, eigentlich m\u00fcsste die Maschine ausgetauscht werden, aber daf\u00fcr ist kein Geld auf dem Konto. Also wird das gute St\u00fcck notd\u00fcrftig wiederhergerichtet, es l\u00e4uft auch erst mal mit immerhin 80 % der vorherigen Leistung &#8211; und der Monteur wird f\u00fcr die Instandsetzung mit Geld bezahlt, das durch den Verkauf eines Lieferwagens generiert wurde. Da dieses Geld schnell gebraucht wurde, hat man dabei allerdings nicht den h\u00f6chstm\u00f6glichen Erl\u00f6s erzielt.<\/p>\n<p>Nun muss die Ware ja nach wie vor ausgeliefert werden, und da fehlt nun der verkaufte Transporter. Also wird ein neuer geleast. Daf\u00fcr braucht man nur wenig Kapital zur Anzahlung, aber die laufenden Kosten des Unternehmens steigen deswegen nat\u00fcrlich. Und um dies auszugleichen, werden dann ein paar Leute entlassen. Und Azubis nimmt man sich am besten auch keine mehr, denn die Kosten ja auch nur Zeit und Geld.<\/p>\n<p>Das Problem dabei ist nun: Das Leck im Dach wird nicht kleiner, sondern immer gr\u00f6\u00dfer, sodass bald das ganze Dach marode ist. Die Reparaturkosten w\u00fcrden nun schon ein Vielfaches dessen betragen, was eine Instandsetzung gekostet h\u00e4tte, als man den Schaden bemerkte. Und so kommt, was kommen muss: Weitere Maschinen erleiden Wasserschaden. Das f\u00fchrt dann zu Umsatzeinbu\u00dfen, da man diese Maschinen auch nicht reparieren oder ersetzen kann, was dann wiederum zu weniger Geld f\u00fchrt, das zur Verf\u00fcgung steht. Dazu kommt, dass die gek\u00fcndigten Fachkr\u00e4fte fehlen, die man entweder gar nicht oder durch g\u00fcnstigere Hilfsarbeiter ersetzt hat. Auch das dr\u00fcckt den Umsatz und zudem die Qualit\u00e4t der hergestellten Produkte, sodass die Reputation des Unternehmens am Markt zunehmend sinkt. Und das f\u00fchrt dann auch wieder zu niedrigeren Ums\u00e4tzen, die dann durch Verkauf von unternehmenseigener Infrastruktur oder durch weitere Entlassungen kompensiert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ihr ahnt, worauf das Ganze hinausl\u00e4uft: Das Unternehmen muss irgendwann Insolvenz anmelden, da es \u00fcberhaupt nicht mehr in der Lage ist, auch nur ansatzweise kostendeckend zu produzieren und zudem die Ums\u00e4tze komplett eingebrochen sind.<\/p>\n<p>Tja, da w\u00e4re es wohl cleverer gewesen, ganz am Anfang einen Kredit aufzunehmen, um das Dach zu reparieren, oder?<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde ja vermutlich auch jeder Unternehmer so machen &#8211; aber die auf die &#8222;Schwarze Null&#8220; und die &#8222;Schuldenbremse&#8220; fokussierte Wirtschaftspolitik agiert tats\u00e4chlich genauso dusselig wie das eben beschriebene Unternehmen.<\/p>\n<p>Klar, das ist nun etwas vereinfacht dargestellt und auch mit einem guten Schuss Polemik versehen, aber es zeigt wohl schon ganz gut, warum es nicht eben schlau ist, nur aufs Monet\u00e4re zu fixieren und dabei dann alles andere zu vernachl\u00e4ssigen. Denn die Resultate erleben wir ja gerade in Deutschland: Infrastruktur, die verrottet und teilweise nicht mehr funktionsf\u00e4hig ist.<\/p>\n<p>Da sind Br\u00fccken seit Jahren nicht mehr f\u00fcr den Lastverkehr befahrbar, Schulgeb\u00e4ude gammeln vor sich hin, Schwimmb\u00e4der und Bibliotheken werden aus Kostengr\u00fcnden geschlossen, Stra\u00dfen und Radwege sind teilweise in erb\u00e4rmlichem Zustand, die Kommunen hat man finanziell ausbluten lassen, sodass diese ihre Aufgaben immer \u00f6fter nicht mehr ad\u00e4quat wahrnehmen k\u00f6nnen, und so weiter und so fort &#8211; das kann man schon recht gut mit dem heruntergewirtschafteten Unternehmen im Beispiel vergleichen.<\/p>\n<p>Das Problem dabei: Was als Unternehmenspolitik schnell und unzweifelhaft als idiotisch identifiziert werden kann, ist in der Wirtschaftspolitik mittlerweile selbstverst\u00e4ndlicher Status quo, der so gut wie keinen Widerspruch erregt.<\/p>\n<p>Und diejenigen, die genau diesen \u00f6konomischen Unfug immer wieder und immer lauter propagieren, obwohl er sich (wie viele andere neoliberale Wirtschaftsmythen) schon l\u00e4ngst als falsch erwiesen hat (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2017\/januar\/aus-der-krise-nichts-gelernt\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), sind dann absurderweise auch noch die, denen von vielen Medien dann eine besonders hohe &#8222;Wirtschaftskompetenz&#8220; zugesprochen wird.<\/p>\n<p>Au weia!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neoliberale Politiker aller Couleur (allerdings: je weiter rechts, desto mehr) haben ja ein besonderes Faible f\u00fcr die &#8222;Schwarze Null&#8220; und die &#8222;Schuldenbremse&#8220;, die sogar Verfassungsrang bekommen hat. Was w\u00e4re wohl, wenn ein Unternehmen genauso agieren w\u00fcrde und diese beiden Prinzipien als oberste Maxime seines Wirtschaftens nehmen w\u00fcrde?<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,51],"tags":[1163,166,693,696,1162],"class_list":["post-27691","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-wirtschaftliches","tag-ideologie","tag-neoliberalismus","tag-schuldenbremse","tag-schwarze-null","tag-voodoo-oekonomie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27691","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=27691"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27691\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27753,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27691\/revisions\/27753"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=27691"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=27691"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=27691"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}