{"id":27960,"date":"2023-11-23T15:54:57","date_gmt":"2023-11-23T14:54:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27960"},"modified":"2023-11-23T15:54:57","modified_gmt":"2023-11-23T14:54:57","slug":"was-tun-wir-als-gesellschaft-unseren-kindern-gerade-nur-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27960","title":{"rendered":"Was tun wir als Gesellschaft unseren Kindern gerade nur an?"},"content":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich las ich ein paar Meldungen, die mich doch reichlich schockiert haben &#8211; und die mich daran zweifeln lassen, dass in unserer komplett wachstums- und konsumorientierten Gesellschaft noch \u00fcberwiegend gl\u00fcckliche Kinder mit wachem Geist aufwachsen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor knapp zehn Jahren hab ich zu dem Thema schon mal einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1207\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> geschrieben, und seitdem hat sich daran leider nicht viel zum Positiven ge\u00e4ndert &#8211; eher das Gegenteil ist der Fall. Das l\u00e4sst sich zumindest aus den oben bereits angesprochenen Meldungen schlie\u00dfen:<\/p>\n<p>Zum einen w\u00e4re da ein <a href=\"https:\/\/www.quarks.de\/gesellschaft\/psychologie\/konzentration-aufmerksamkeit-handy-konzentrationsfaehigkeit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel von <em>Quarks<\/em><\/a>, in dem die Frage aufgeworfen wird, ob Social Media unsere Konzentration kaputt macht. Neben einigen interessanten allgemeinen Ausf\u00fchrungen zum Thema Aufmerksamkeit wurde darin dann auch berichtet:<\/p>\n<blockquote><p>Nach der Annahme von Gloria Mark l\u00e4sst sich so die Konzentrationsf\u00e4higkeit vergleichen. Lag dieser Wert 2004 noch bei 2,5 Minuten, so sank dieser im Jahr 2019 auf 47 Sekunden. Nach dieser Untersuchung k\u00f6nnte man annehmen, unsere Aufmerksamkeit sinkt tats\u00e4chlich.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Wissenschaftlerin liegen die Gr\u00fcnde in der immer herausfordernderen Umwelt. Handy, Computer und Apps buhlen geradezu um unsere Aufmerksamkeit. Dabei werden die Inhalte immer schneller und k\u00fcrzer.<\/p><\/blockquote>\n<p>Was dann allerdings auch gleich danach schon wieder etwas relativiert wurde:<\/p>\n<blockquote><p>Es k\u00f6nnte also sein, dass unsere Aufmerksamkeit nicht schlechter wird, sondern wir sie heute anders und flexibler nutzen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Allerdings wurde dann auch noch festgestellt, dass Unternehmen unsere Aufmerksamkeit gezielt manipulieren, um uns so zu ihren Produkten\/Angeboten zu f\u00fchren bzw. zu Inhalten, die damit zusammenh\u00e4ngen. Dort wei\u00df man n\u00e4mlich genau, dass das Belohnungssystem im Gehirn aktiviert werden kann durch das st\u00e4ndige Aufrufen von Social-Media-Inhalten &#8211; was dann wiederum zu einem Suchtverhalten f\u00fchren kann. Und das d\u00fcrfte bestimmt jeder von Euch schon mal beobachtet haben bei sogenannten Smombies, die st\u00e4ndig und \u00fcberall nur auf ihr Smartphone fixiert sind.<\/p>\n<p>Und wenn dann noch Tipps folgen, wie man denn seine Konzentration verbessern kann, dann scheint da ja doch einiges im Argen zu liegen und es nicht einfach nur eine andere Art von Aufmerksamkeit zu sein &#8230;<\/p>\n<p>Zumal das Problem, wie ein <a href=\"https:\/\/utopia.de\/ratgeber\/bildschirmzeit-fuer-kinder-und-jugendliche-empfehlungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel auf <em>Utopia<\/em><\/a> darstellt, mittlerweile auch in der Wissenschaft angekommen ist. Darin geht es um die Fragestellung, wie viel Zeit vor allem Kinder vor Bildschirmen, insbesondere von Smartphones, verbringen sollen &#8211; was offenbar ein st\u00e4ndiger Streitpunkt in zahlreichen Familien ist. So hei\u00dft es in dem Artikel:<\/p>\n<blockquote><p>Mit konkreten Tipps wollen Fachleute Eltern helfen, die Bildschirmzeit ihrer Kinder zu begrenzen. F\u00fcr Kinder und Jugendliche sei es umso besser, je weniger Zeit sie vor Bildschirmen verbringen, hei\u00dft es in einer medizinischen Leitlinie, die unter Federf\u00fchrung der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und mit Beteiligung der Uni Witten\/Herdecke entstanden ist. Darin geht es darum, einer Suchtentwicklung vorzubeugen.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit der \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Nutzung von Bildschirmmedien wird nicht nur Computerspielsucht, sondern auch Schlafst\u00f6rungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Empathieverlust und schlechte Schulleistungen als Negativfolgen genannt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Womit wir dann auch schon wieder bei den Konzentrationsschwierigkeiten w\u00e4ren &#8211; und noch bei einigen anderen unsch\u00f6nen Folgen von zu viel Bildschirmzeit.<\/p>\n<p>Die Empfehlungen zu Nutzungszeiten dieser Experten lesen sich dann auch recht sinnvoll &#8211; nur sagt mir meine Erfahrung, dass die allermeisten Kids heutzutage deutlich dar\u00fcber liegen werden. Und auch der Hinweis, dass Kinder am besten erst ab zw\u00f6lf Jahren ein Smartphone haben sollten, w\u00fcrde mit Sicherheit die kognitive und soziale Entwicklung vieler Heranwachsender g\u00fcnstig beeinflussen. Aber auch da sieht man an der Realit\u00e4t, dass es meistens anders abl\u00e4uft und schon kleine Kinder im Grundschulalter (oder sogar davor) ein eigenes Smartphone haben &#8211; oder zumindest das der Eltern h\u00e4ufig nutzen, nicht selten auch, um damit ruhiggestellt zu werden, beispielsweise bei Restaurantbesuchen (kann ich leider immer wieder beobachten).<\/p>\n<p>Und wenn man sich dann noch \u00fcberlegt, was viele Kids vor allem im Internet machen, n\u00e4mlich TikTok mit seinen ultrakurzen Inhalten nutzen, dann ahnt man, wie sich das fatal auf die Aufmerksamkeit auswirkt &#8211; das habe ich ja vor einem guten halben Jahr schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26726\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> beschrieben.<\/p>\n<p>Als Resultat all dessen verwundert einen dann diese Grafik, die ich auf Facebook entdeckte, auch nicht mehr sonderlich (die Quelle dazu findet sich dann <a href=\"https:\/\/deutsches-schulportal.de\/bildungswesen\/iqb-bildungstrend-die-wichtigsten-ergebnisse\/#die-wichtigsten-ergebnisse-zum-iqb-bildungstrend-2022\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>):<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-27972\" src=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/397476060_235637489525933_5292081912548636606_n-226x300.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"663\" srcset=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/397476060_235637489525933_5292081912548636606_n-226x300.jpg 226w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/397476060_235637489525933_5292081912548636606_n.jpg 513w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p>Dabei will ich nun gar nicht auf die regionalen Unterschiede der einzelnen Bundesl\u00e4nder eingehen, denn diese k\u00f6nnen verschiedene Ursachen haben: Anteil der Kinder, die bei der Einschulung nicht oder kaum Deutsch k\u00f6nnen, Gr\u00f6\u00dfe der Klassen (auf dem Land eher noch mal kleiner als in der Stadt), Versorgung mit vorschulischen Angeboten, Bildungsgrad der Eltern usw. Erschreckend ist f\u00fcr mich vor allem, dass man also feststellen kann, dass etwa ein Drittel der Neuntkl\u00e4ssler nicht in der Lage sind, ihrem Alter entsprechend zu lesen.<\/p>\n<p>Und Lesen ist ja nun nicht einfach nur irgendein Schulfach, was man dann eben durch gute Leistungen in einem anderen ausgleichen kann, sondern eine elementare Kulturtechnik, die nicht nur f\u00fcr jedes andere Schulfach relevant ist (selbst in Mathe gibt es Textaufgaben), sondern auch grunds\u00e4tzlich die Basis daf\u00fcr bildet, sich die Welt zu erschlie\u00dfen und Dinge zu verstehen. Gerade wenn es um komplexere Zusammenh\u00e4nge geht, die sich eben nicht in einem kurzen Video (f\u00fcr l\u00e4ngere reicht dann ja oft die Aufmerksamkeit nicht mehr) oder einem Meme mit ein paar Schlagworten darstellen lassen.<\/p>\n<p>Bl\u00f6derweise wird unser Leben immer komplexer und auch komplizierter, zumindest wenn man nicht einfach nur als kleines Konsumh\u00e4schen durch die Welt hoppeln m\u00f6chte.<\/p>\n<p>So verwundert es dann auch nicht, dass immer mehr Jugendliche (laut einem <a href=\"https:\/\/www.news4teachers.de\/2023\/08\/studie-knapp-die-haelfte-aller-abiturienten-will-influencer-oder-creator-werden\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel von <em>News4Teachers<\/em><\/a> knapp die H\u00e4lfte aller Abiturienten) Influencer oder Content Creator werden m\u00f6chte. Der Vorteil davon: Daf\u00fcr muss man keine Ausbildung haben und auch nicht wirklich viel wissen, sondern es reicht oftmals schon, die Leute dichtzutexten und dann zu hoffen, dass Firmen darauf anspringen und einen als Werbemaskottchen nutzen. Der Nachteil: Es muss deutlich mehr User als Influencer geben &#8211; was ja bei jeder Form der kreativen Produktion der Fall ist -, und da ist dann eine Zahl von &#8222;knapp die H\u00e4lfte&#8220; irgendwie nicht mehr so richtig passend, sodass das Scheitern von einem Gro\u00dfteil dieser M\u00f6chtegern-Influencer schon vorprogrammiert ist.<\/p>\n<p>Und dann? Tja, dann m\u00fcsste man es wohl mal mit einer anderen Arbeit versuchen &#8211; bl\u00f6d nur, wenn man dann nicht in der Lage ist, vern\u00fcnftig lesen zu k\u00f6nnen, und eine Aufmerksamkeitsspanne von maximal wenigen Minuten hat. Da gestaltet sich dann jede Ausbildung und jedes Studium als recht schwierig.<\/p>\n<p>Das alles wird sehenden Auges in Kaufe genommen, denn Experten wie der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer warnen ja schon seit vielen Jahren &#8211; noch zu Vor-Smartphone-Zeiten &#8211; vor den Konsequenzen von \u00fcberbordendem Bildschirmkonsum (s. beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/bildschirme-raus-aus-kinderzimmern-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Es scheint also v\u00f6llig in Ordnung zu sein, Kinder in gro\u00dfem Stil zu verbl\u00f6den (ich wei\u00df, ein krasser Begriff, aber ich hab den hier jetzt mal ganz bewusst gew\u00e4hlt), sodass viele von ihnen erhebliche Schwierigkeiten haben werden, sich in einer zunehmend komplexeren Welt zurechtzufinden. Hauptsache, es gibt ordentlich Wachstum und die lieben Kleinen sind brave (Bildschirm-)Konsumenten.<\/p>\n<p>Der Neoliberalismus frisst seine Kinder &#8211; diesmal im wahrsten Sinne des Wortes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00fcrzlich las ich ein paar Meldungen, die mich doch reichlich schockiert haben &#8211; und die mich daran zweifeln lassen, dass in unserer komplett wachstums- und konsumorientierten Gesellschaft noch \u00fcberwiegend gl\u00fcckliche Kinder mit wachem Geist aufwachsen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,52],"tags":[137,907,1161],"class_list":["post-27960","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-soziales","tag-erziehung","tag-kinder","tag-sozialisation"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27960","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=27960"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27960\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":27979,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/27960\/revisions\/27979"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=27960"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=27960"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=27960"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}