{"id":28213,"date":"2024-01-25T15:23:39","date_gmt":"2024-01-25T14:23:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=28213"},"modified":"2024-01-25T15:25:16","modified_gmt":"2024-01-25T14:25:16","slug":"treiber-der-verbloedung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=28213","title":{"rendered":"Treiber der Verbl\u00f6dung"},"content":{"rendered":"<p>Die Verbl\u00f6dung greift immer weiter um sich. Klingt hart, ist aber so andauernd zu beobachten, wenn Menschen meinen, dass sie keine l\u00e4ngeren Texte mehr lesen oder sich nicht mehr ohne Navi orientieren k\u00f6nnen. Und auch in sozialen Medien sieht man Tag f\u00fcr Tag, wie gerade diejenigen, die nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind, den Hals am weitesten aufrei\u00dfen, und das, ohne sich auch nur ansatzweise zu sch\u00e4men.<\/p>\n<p>Ich glaube, dass es kein Zufall ist, dass dieser Trend mit einigen technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, die eigentlich das Potenzial h\u00e4tten, uns immer mehr Infos, Bildung, Wissen und Kompetenzen zu vermitteln, zusammenf\u00e4llt. Dabei bin ich bestimmt niemand, der ins &#8222;Fr\u00fcher war alles besser&#8220;-Lamentieren einstimmen m\u00f6chte, denn ich selbst nutze ja neue Techniken auch sehr gern und bin beispielsweise sehr froh, dass ich statt eines Walkman nun schon seit Jahren einen iPod f\u00fcrs Musikh\u00f6ren unterwegs nutzen kann.<\/p>\n<p>Wie bei so vielen Sachen h\u00e4ngt es allerdings auch bei der Technik davon ab, wie man sie nutzt. Und da nun seit einigen Jahrzehnten die Menschen hierzulande zunehmend zu braven Konsumenten mit sozialen Defiziten erzogen wurden (Stichwort neoliberale Indoktrination; s. dazu beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=17989\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), verhalten sich viele eben auch entsprechend wenig umsichtig &#8211; was dann eben zu einem Verbl\u00f6dungseffekt f\u00fchrt. Bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist das noch deutlicher zu beobachten, denn die sind ja komplett mit diesem Zeitgeist aufgewachsen. Das habe ich vor etwa zwei Monaten schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27960\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> beschrieben, dort finden sich auch Links zu den dazu mittlerweile vorliegenden Untersuchungen, die beispielsweise eine schlechtere Aufmerksamkeit festgestellt haben.<\/p>\n<p>Das Problem dabei: Derart verbl\u00f6dete Menschen sind von den Herrschenden durchaus gern gesehen, denn denen kann man sch\u00f6n Mumpitz auftischen und f\u00fcr bare M\u00fcnze verkaufen, ohne dass sie es merken, und komplexe Probleme kann man mit dumpfen, aber nicht zielf\u00fchrenden Parolen begegnen. Das ist auch immer wieder zu beobachten, und das bei Weitem nicht nur von der AfD. Ein prominentes Beispiel, das es sogar zum gefl\u00fcgelten Wort gebracht hat: die schw\u00e4bische Hausfrau, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) immer als erkl\u00e4renden Vergleich f\u00fcr die Finanzierung von Staatsausgaben herangezogen hat. Oder auch der \u00f6konomische Unfug, welcher der &#8222;Schuldenbremse&#8220; zugrunde liegt (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27691\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>) und der von viel zu vielen einfach so hingenommen und nicht kritisch hinterfragt wird.<\/p>\n<p>Zudem lassen sich verbl\u00f6dete Menschen auch besser f\u00fcr die Teile-und-herrsche-Strategie (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=10399\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=22161\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>) instrumentalisieren. Und das in einer Art und Weise, die man oft genug nur noch als <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=19458\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Entrationalisierung<\/a> bezeichnen kann, da sie eben nicht auf Kausalit\u00e4ten und Tatsachen beruht, sondern oft genug wissenschaftsfeindlich und\/oder schlichtweg unlogisch ist. Ein Beispiel: der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=KAy3i8Z_GPE&amp;t=3s\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hass auf arme Menschen<\/a>. Gerade aktuell mal wieder gut zu beobachten bei der Stimmungsmache gegen B\u00fcrgergeldempf\u00e4nger. Dabei sollte doch eigentlich nicht nur jedem klar sein, dass es niemandem besser gehen wird, wenn Menschen, denen es noch schlechter geht als einem selbst, noch weniger haben. Hier wird also Neid gesch\u00fcrt mit einem Blick &#8222;nach unten&#8220;, und gleichzeitig wird von den gleichen Personen jede Diskussion \u00fcber Ungleichheit mit dem Blick &#8222;nach oben&#8220; als &#8222;Neiddebatte&#8220; abgetan. Mal abgesehen davon, dass der Sozialstaat nicht nur eine hohe zivilisatorische Errungenschaft ist, sondern auch \u00f6konomisch ausgesprochen sinnvoll (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.geldfuerdiewelt.de\/p\/burgergeld-wie-sich-die-spd-von-rechten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Aber so etwas l\u00e4sst sich eben nicht so gut mit Menschen durchziehen, die sich ihrer M\u00fcndigkeit bewusst sind und die zudem gern ihren kritischen Verstand gebrauchen. Deswegen ist die Verbl\u00f6dung eben auch ein beliebtes Herrschaftsinstrument von Herrschenden, die f\u00fcr die breite Masse nicht gerade das Beste im Schilde f\u00fchren.<\/p>\n<p>Aber ich will einfach mal chronologisch anfangen, und dann wird sich da sogar ein nicht technischer Aspekt hinzugesellen.<\/p>\n<p><strong>Fernsehen<\/strong><\/p>\n<p>Das Ganze hat n\u00e4mlich nicht erst im Zeitalter der umfassenden Digitalisierung eingesetzt, sondern m. E. schon vorher: Dass Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) im Zuge der sogenannten geistig-moralischen Wende (die eigentlich eine neoliberale Wende war) Anfang der 1980er-Jahre den \u00f6ffentlich gef\u00f6rderten Ausbau des Privatfernsehens ganz oben auf seiner Agenda hatte, hatte wohl nicht nur etwas mit seinem Busenfreund Leo Kirch, der genau in dem Gesch\u00e4ftsfeld t\u00e4tig war, zu tun, sondern mit der Erkenntnis, dass auf diese Weise die B\u00fcrger auch noch sch\u00f6n verbl\u00f6det werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nun ist nat\u00fcrlich nicht alles Schrott, was im Privatfernsehen l\u00e4uft (wenngleich zu einem wesentlich h\u00f6heren Anteil als in den \u00d6ffentlich-Rechtlichen &#8211; an denen es nat\u00fcrlich auch einiges zu kritisieren gibt, aber das ist ein anderes Thema), allerdings ist so die Verf\u00fcgbarkeit von bunten Bildern auf der Mattscheibe doch deutlich gestiegen. Vorher gab es noch so was wie Testbild am Vormittag und Sendeschluss am sp\u00e4ten Abend, und auf einmal konnte man rund um die Uhr schon irgendetwas finden, um sich zu berieseln.<\/p>\n<p>Das Problem dabei: Fernsehen l\u00e4sst keine Leerstellen, die von der Fantasie aufgef\u00fcllt werden m\u00fcssen. Wer ein Buch liest, der muss sich die Bilder dazu vorstellen und sich ausmalen, wie die Stimmen der Personen wohl klingen, wer ein H\u00f6rspiel oder H\u00f6rbuch h\u00f6rt, muss die Bilder dazu ebenfalls in seinem Kopf entstehen lassen, wer ein Bilderbuch anschaut oder einen Comic liest, muss die Zweidimensionalit\u00e4t der Abbildungen immer noch in dreidimensionale und bewegte Bilder mit dazugeh\u00f6rigem Ton umsetzen. Wer sich etwas im Fernsehen oder anderen Medien als Bewegtbild anschaut, muss all das nicht machen, der bekommt alles gleich mitgeliefert.<\/p>\n<p>Das ist vor allem f\u00fcr Kinder nicht f\u00f6rderlich, denn so wird die Hardware namens Gehirn nicht so richtig gut ausgebildet, die sich vor allem dann gut entwickelt, wenn eben diese Leerstellen mithilfe der Fantasie gef\u00fcllt werden.<\/p>\n<p>Das ist alles nicht so wild, wenn ab und zu mal etwas im Fernsehen oder auf Video\/DVD\/Bluray geschaut wird, sobald das aber zum Dauerzustand wird, und das ist ja leider seit den 80er-Jahren zunehmend zu beobachten gewesen, wird das zum Problem, das die kognitive Entwicklung beeintr\u00e4chtig. Und das bei Erwachsenen dann auch zu Denkfaulheit f\u00fchren kann, wenn man sich nur noch auf Bewegtbildmedien konzentriert.<\/p>\n<p><strong>Bildungspolitik<\/strong><\/p>\n<p>Und hier kommt dann auch schon der oben angek\u00fcndigte nicht technische Aspekt: die Bildungspolitik.<\/p>\n<p>Diese orientiert sich n\u00e4mlich seit Jahren schon vorzugsweise an den Vorgaben der Wirtschaft, m\u00f6glichst unkritische Humanressourcen und Konsumenten zu produzieren. Das sieht man dann an solchen bildungspolitischen Irrwegen wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abitur_nach_der_zw\u00f6lften_Jahrgangsstufe\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">G8-Gymnasium<\/a> oder der Verschulung des Studiums im Zuge des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bologna-Prozess\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bologna-Prozesses<\/a>. Na ja, und dann kommt nat\u00fcrlich noch hinzu, dass in der Bildungspolitik auch immer wieder gern gespart wird, sodass zu wenig Lehrer vorhanden und die Schulgeb\u00e4ude in mitunter erbarmungsw\u00fcrdigem Zustand sind &#8211; alles nicht gerade Zeichen einer idealen Lernumgebung.<\/p>\n<p>Das Resultat davon ist nicht nur, dass Deutschland bei den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/PISA-Studien\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PISA-Studien<\/a> immer weiter hinten landet, sondern dass die jungen Menschen immer weniger Sozialkompetenzen auf ihrem Bildungsweg lernen, da daf\u00fcr einfach keine Zeit mehr ist. Kreatives Denken bleibt nat\u00fcrlich auch auf der Strecke, genauso wie viele Aspekte, die eigentlich einen m\u00fcndigen B\u00fcrger auszeichnen sollten. Ironischerweise meckern nun selbst die Personalchefs von Unternehmen schon dar\u00fcber, dass sie ja vor allem sozialinkompetente Fachidioten vorgesetzt bekommen vom Bildungssystem (s. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6750\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Ver\u00e4nderungen im Bildungswesen sind zwingend notwendig, denn die Welt, in der junge Menschen aufwachsen, ver\u00e4ndert sich best\u00e4ndig und zudem in den letzten Jahrzehnten immer schneller. Wenn diese Ver\u00e4nderungen allerdings alle in eine Richtung gehen, umfassende Bildung zu verhindern, dann l\u00e4uft da etwas ganz gewaltig falsch.<\/p>\n<p><strong>Displays f\u00fcr Kinder<\/strong><\/p>\n<p>Wie schon beim Thema Fernsehen angemerkt: Bildschirme sind f\u00fcr Kinder nur bedingt gut geeignet &#8211; und je j\u00fcnger die sind, desto weniger. Darauf weisen Fachleute wie beispielsweise Manfred Spitzer schon seit vielen Jahren hin (s. <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/bildschirme-raus-aus-kinderzimmern-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Doch in vielen Kinderzimmer standen schon vor Jahren eigene Fernseher, die vom Nachwuchs dann auch gern mal unkontrolliert (und damit viel zu viel) genutzt werden konnten.<\/p>\n<p>Das Ganze hat sich nun nat\u00fcrlich noch mal versch\u00e4rft, denn die Bildschirme sind mittlerweile immer mit dabei in Form von Smartphones und Tablets. Und so kann ich auch immer wieder beobachten, dass Eltern beispielsweise in einem Restaurant ihre Kinder ruhigstellen, indem sie ihnen irgendwelche Videos auf dem Tablet anmachen oder sie ins Smartphone glotzen lassen, damit sie dort nicht vor lauter Langeweile die W\u00e4nde hochgehen.<\/p>\n<p>Auch in Autos gibt es mittlerweile Tablet-Halterungen an den Sitzlehnen der Vordersitze, damit die lieben Kleinen bei l\u00e4ngeren Autofahrten nicht im Fond herummarodieren, sondern sch\u00f6n ruhig vor dem Bildschirm sitzen. Und auch beispielsweise am Urlaubsort kann dann wunderbar den ganzen Tag irgendwas im Internet angeschaut werden. Auf irgendwelche Fernsehsender, deren Sprache man nicht versteht, ist ja keiner mehr angewiesen.<\/p>\n<p>Was dann nur eben zu einem noch mehr gesteigerten Bildschirmkonsum f\u00fchrt, meistens von Videos und \u00c4hnlichem, und die Auswirkungen davon hab ich ja oben bereits beschrieben.<\/p>\n<p><strong>Social Media<\/strong><\/p>\n<p>Social Media ist eigentlich eine coole Sache: Man kann sich mit Menschen auf der ganzen Welt austauschen, dabei auch Bilder teilen oder interessante Links verschicken. Eigentlich &#8230;<\/p>\n<p>Leider hat diese technische Errungenschaft eine doch durchaus auch recht unappetitliche Entwicklung genommen, und das ist m. E. vor allem zwei Sachen geschuldet: der Profitorientierung der Betreiber und dem Zeitgeist. Und auch der Tatsache, dass zun\u00e4chst mal niemand so richtig gelernt hat, wie man damit umgehen sollte &#8211; und Medienkompetenz meines Wissens leider immer noch kein Schulfach ist.<\/p>\n<p>Den Betreibern von Social-Media-Portalen geht es vor allem darum, viele Klicks von Usern zu generieren, da auf diese Weise die Werbeeinnahmen gesteigert werden k\u00f6nnen. Insofern ist denen Content lieber, der nicht lange die Aufmerksamkeit fesselt, sondern einmal angeschaut wird, sodass dann weiter zum n\u00e4chsten Inhalt gewechselt wird. Am deutlichsten wird das wohl bei TikTok (s. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=26726\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), aber auch Twitter (heute X) war ja mit seiner Zeichenbegrenzung von Anfang an nicht darauf ausgelegt, komplexere Inhalte zu transportieren (weswegen dieses Medium f\u00fcr mich pers\u00f6nlich auch nie interessant war).<\/p>\n<p>Das Ganze wird dann immer mehr mit Werbung zugem\u00fcllt, die am besten auch noch personalisiert auf die User zugeschnitten ist. So verschwimmt nicht nur die wahrnehmbare Grenze zwischen Werbung und Nichtwerbung, sondern man wird auch st\u00e4ndig mit gewerblichen Ansinnen konfrontiert. Und die sind ja meistens auch nicht besonders inhaltsschwanger, sondern setzen auf kurze Botschaften.<\/p>\n<p>Das ist sehr schade, wie ich finde, denn eigentlich k\u00f6nnten soziale Medien auch ein Ort sein, an dem Menschen sich konstruktiv zu Themen austauschen.<\/p>\n<p>Ab und zu passiert genau das sogar mal, meistens allerdings arten Diskurse schnell in Gezeter und Anfeindungen aus, und das ist dann m. E. dem Zeitgeist geschuldet: Es geht vielen n\u00e4mlich nicht darum, sich ein umfassendes Bild von einem Sachverhalt zu verschaffen und dieses im Laufe des Prozesses auch immer wieder zur revidieren, wenn neue Informationen dazukommen, sondern es stehen das Rechthaben und die Best\u00e4tigung der eigenen Ansichten im Vordergrund. Und wer diese Ansichten nicht teilt, wird dann eben schnell zum Feind auserkoren.<\/p>\n<p>Auch diese Geisteshaltung ist ein Resultat der neoliberalen Indoktrination: Wer potenziellen Konkurrenten gegen\u00fcber zugibt, sich geirrt zu haben, der offenbart Schw\u00e4che, und das geht ja gar nicht. Also lieber betonk\u00f6pfig auf dem eigenen Standpunkt verharren, auch wenn es gen\u00fcgend Hinweise daf\u00fcr gibt, dass diese vielleicht doch nicht so ganz korrekt sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aus diesen ganzen Zutaten von Social Media ergibt sich dann die Gemengelage, die wir gerade beobachten k\u00f6nnen: Komplexe Inhalte werden reduziert dargestellt, oft werden nur \u00dcberschriften gelesen oder Bilder angeschaut, da man gleich zum n\u00e4chsten Topic wechseln m\u00f6chte, und Widerspruch zu eigenen Aussagen wird entweder ignoriert oder eben niedergewettert.<\/p>\n<p>Zivilisierte Diskussionskultur geht in jedem Fall anders &#8230; Und ebendiese ist ja eine wichtige Voraussetzung daf\u00fcr, um komplexe Themen hinreichend ergr\u00fcnden zu k\u00f6nnen. Auf diese Weise tragen soziale Medien nun allerdings dazu bei, dass Komplexit\u00e4t zunehmend reduziert wird. In einer immer komplexeren Welt keine so richtig gute Sache, sondern etwas, was dann bei immer mehr Menschen zu umfassendem Nichtverstehen von Vorg\u00e4ngen, Entwicklungen und Prozessen f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Smartphones<\/strong><\/p>\n<p>Wie schon oben angedeutet, ist das Smartphone nat\u00fcrlich die Nummer eins der Tools, die Displays st\u00e4ndig verf\u00fcgbar machen &#8211; und mittlerweile haben ja oft genug schon Grundsch\u00fcler solche Dinger. Das wird dann in Schulen auch zunehmend zum Problem, weil dann eben lieber mal mit dem Handy gedaddelt wird, als dem Unterricht zu folgen.<\/p>\n<p>Doch auch dar\u00fcber hinaus f\u00fchren Smartphones zur Verk\u00fcmmerung von kognitiven F\u00e4higkeiten. Warum soll man sich noch Sachen merken, wenn man sie doch dauernd nachschauen kann? Zum Beispiel wann die letzte U-Bahn f\u00e4hrt. Und warum soll man sich einen Weg von einer Stra\u00dfenkarte einpr\u00e4gen, wenn man doch das Navi immer dabeihat? Das f\u00fchrt mittlerweile sogar so weit, dass junge Menschen, die mit Smartphone aufgewachsen sind, nicht mehr in der Lage sind, die Zweidimensionalit\u00e4t einer Karte in die dreidimensionale Umgebung umzusetzen, sodass sie sich daran nicht mehr orientieren k\u00f6nnen. Wie ich finde, ist das schon eine elementare Kompetenz, die da verloren geht.<\/p>\n<p>Und dann haben mir auch schon Freunde berichtet, dass sie in einem Restaurant waren, aber keine Ahnung hatten, in welchem Ort das war &#8211; schlie\u00dflich hat sie ja ihr Smartphone-Navi dorthin geleitet, sodass sie sich darum nicht k\u00fcmmern brauchten. Puh &#8230;<\/p>\n<p>Auch im Kopf braucht man nichts mehr auszurechnen &#8211; der Taschenrechner ist ja immer zur Hand. Und einfach mal die Gedanken schweifen lassen, beispielsweise bei einer Bus- oder Bahnfahrt, f\u00e4llt auch immer \u00f6fter flach, wenn doch das Entertainment auf dem Handy lockt. Das ist dann auch mit immer mehr Werbung garniert, sodass viele junge Menschen \u00fcberhaupt nicht mehr in der Lage sind, werbliche Inhalte von redaktionellen, journalistischen Angeboten zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Dass das Ganze nicht gut f\u00fcr die Aufmerksamkeit ist, da eben eine st\u00e4ndige Ablenkung gegeben ist (was man ja auch an dem st\u00e4ndigen Gepiepse, das signalisiert, daass es irgendwo gerade was Neues gibt, unschwer mitbekommt), liegt nicht nur auf der Hand, sondern ist mittlerweile sogar wissenschaftlich nachgewiesen worden (s. <a href=\"https:\/\/www.quarks.de\/gesellschaft\/psychologie\/konzentration-aufmerksamkeit-handy-konzentrationsfaehigkeit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). So sinkt die Bereitschaft, sich mal mit einem l\u00e4ngeren Text zu besch\u00e4ftigen (zumal der ja eh nicht so toll zu lesen ist auf dem Smartphone-Display) zusehends &#8211; keine gute Sache in komplexen Zeiten, in denen immer mehr Sachverhalte eben nicht mit zwei S\u00e4tzen zu erkl\u00e4ren sind.<\/p>\n<p>Wundert es da jemanden, dass Rechtspopulisten mit ihren vereinfachenden Schlagworten und ihrem unterkomplexen S\u00fcndenbockgekeife Hochkonjunktur haben? Dass die AfD in sozialen Medien deutlich die Nase vorn hat vor den anderen Parteien, ist das m. E. nicht nur kein Zufall, sondern ausgesprochen bezeichnend.<\/p>\n<p><strong>Streaming<\/strong><\/p>\n<p>Als letzten Punkt m\u00f6chte ich nun etwas auff\u00fchren, woran man vielleicht nicht gleich als Erstes denkt: Streaming.<\/p>\n<p>Mittlerweile ist das ja sehr weit verbreitet, sodass viele Menschen, gerade j\u00fcngere, \u00fcberhaupt keine physischen Medien mehr nutzen. Nun mag man denken, dass es ja eigentlich egal sein kann, ob ich mir einen Film auf DVD anschaue und Musik von CD h\u00f6re oder ob ich das streame.<\/p>\n<p>Na ja, einen Unterschied gibt es da m. E. schon: Streaming verleitet dazu, sich nur oberfl\u00e4chlich mit Sachen zu besch\u00e4ftigen. Wenn mich da ein Film oder ein Musikalbum nicht gleich packt, dann schalte ich es aus und wechsle zum n\u00e4chsten. Das sieht nat\u00fcrlich schon etwas anders aus, wenn man sich da ein physisches Medium zugelegt hat.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df aus eigener Erfahrung, dass viel Musik, die ich heute sch\u00e4tze, mir zun\u00e4chst mal recht schwer verdaulich vorkam. Aber wenn ich dann schon mal f\u00fcr die CD (oder fr\u00fcher die LP) Geld ausgegeben hatte (oder sie auch geschenkt \u00a0bekommen habe), dann widerstrebte es mir, mich nicht damit auseinanderzusetzen. Und siehe da: Viel Musik habe ich vor allem deswegen kennengelernt, weil ich nach ein paarmal h\u00f6ren dann da besser reingekommen bin. Und das sind dann auch oft noch die Sachen gewesen, die ich auch Jahrzehnte sp\u00e4ter noch gern anh\u00f6re.<\/p>\n<p>Solche Erlebnisse d\u00fcrften vielen Streamern eher unbekannt sein. Gef\u00e4llt etwas nicht auf Anhieb, dann geht&#8217;s halt gleich weiter zum n\u00e4chsten Song. Und Alben im Ganzen durchzuh\u00f6ren ist auch mehr und mehr dadurch unmodern geworden &#8211; da wird sich dann auf die Songs konzentriert, die man sowieso schon irgendwo anders her kennt.<\/p>\n<p>Sich mit neuen kulturellen Erfahrungen auseinanderzusetzen ist allerdings etwas, was einen intellektuell schon voranbringt &#8211; und eben auch offen daf\u00fcr macht, sich grunds\u00e4tzlich f\u00fcr Neues zu interessieren, auch wenn das auf den ersten Blick erst mal anstrengend oder sogar etwas befremdlich wirken mag. Und diese Form der inhaltlichen Auseinandersetzung pr\u00e4gt m. E. die Entwicklung von Intelligenz ganz erheblich mit, zumindest mehr, als wenn man sich stets nur in bereits bekannten Bahnen bewegt.<\/p>\n<p>Dazu passt, dass ich von vielen Freunden schon geh\u00f6rt habe, dass ihre Kinder aus ihrer Sicht reichlich konservativ (mitunter sogar als langweilig bezeichnet) sind &#8211; klar, wenn die damit aufgewachsen sind, kulturell Neuem und Ungew\u00f6hnlichem eher aus dem Weg zu gehen, dann ist das auch kein Wunder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So erleben wir heute die absurde Situation, dass wir einerseits ein fl\u00e4chendeckendes Bildungssystem und dank Digitalisierung den Zugang zu so viel Wissen wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte haben, andererseits als Resultat daraus nicht besonders vielschichtig gebildete, reflektierte und m\u00fcndige B\u00fcrger hervorgehen, sondern das Ganze eher zu einer zunehmenden Verk\u00fcmmerung kognitiver F\u00e4higkeiten f\u00fchrt, die mittlerweile sogar demokratiegef\u00e4hrdende Formen annimmt: Rechtspopulisten und -extremisten auf der ganzen Welt nutzen das schlie\u00dflich aus, um so die Menschen mit Fake News und Simplifizierungen einerseits sowie Dauerentertainment andererseits auf ihre Seite zu bekommen und am Nachdenken dar\u00fcber zu hindern, dass diese Rechtsau\u00dfen nie konstruktive L\u00f6sungen anzubieten haben.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte alles so sch\u00f6n sein. Nur offensichtlich sind nur wenige Menschen in der Lage, sich ihre Autonomie beim Umgang mit Medien zu bewahren &#8211; was nat\u00fcrlich dadurch versch\u00e4rft wird, dass diese Medien vor allem dazu genutzt werden von ihren Betreibern, viel Geld zu scheffeln, anstatt zu einer bestm\u00f6glich aufgekl\u00e4rten, empathischen, kritischen und intelligenten \u00d6ffentlichkeit beizutragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Verbl\u00f6dung greift immer weiter um sich. Klingt hart, ist aber so andauernd zu beobachten, wenn Menschen meinen, dass sie keine l\u00e4ngeren Texte mehr lesen oder sich nicht mehr ohne Navi orientieren k\u00f6nnen. 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