{"id":2841,"date":"2015-04-17T16:08:58","date_gmt":"2015-04-17T14:08:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2841"},"modified":"2015-04-17T16:08:58","modified_gmt":"2015-04-17T14:08:58","slug":"es-gibt-anscheinend-solche-und-solche-tote","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2841","title":{"rendered":"Es gibt anscheinend solche und solche Tote &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Zwei Ungl\u00fccke mit jeweils vielen Toten innerhalb von wenigen Wochen &#8211; zum einen das in den Alpen abgest\u00fcrzte Flugzeug, zum anderen die ca. 400 ertrunkenen Fl\u00fcchtlinge im Mittelmeer. Beide Vorf\u00e4lle sind tragisch, und auch wenn die Ursachen unterschiedlich sein m\u00f6gen, so ist es doch vor allem die Verschiedenartigkeit der \u00f6ffentlichen und medialen Rezeption, die einen zum Nachdenken anregen sollte. Denn diese wirft kein allzu gutes Licht auf unsere heutige Gesellschaft.<\/p>\n<p>Sondersendungen, Titelseiten, umfassende Berichterstattung, Spekulationen \u00fcber die Ungl\u00fccksursache, Liveticker zu Pressekonferenzen der franz\u00f6sischen Staatsanwaltschaft, Trauer- und Beileidsbekundungen \u00fcberall und von jedem &#8211; der Absturz der Germanwings-Maschine hat viele und starke Reaktionen hervorgerufen. Daran ist ja zun\u00e4chst mal auch nichts Schlechtes, denn Empathie ist ja durchaus eine positive Sache, auch wenn sich mitunter schnell unappetitliche Sensationsgier, vor allem von Springers Schmierblatt\u00a0<em>BILD<\/em> vorangetrieben bef\u00f6rdert, daruntermischte. Das ganze Land schien mit den ca. 150 Opfern und ihren Angeh\u00f6rigen zu trauern. Doch wie sah das nun aus, nachdem die Trag\u00f6die im Mittelmeer bekannt wurde?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die deutschen Mainstream-Medien sich am Tag nach der Katastrophe nahezu geschlossen f\u00fcr Trainerwechsel beim BVB und HSV als Titelthemen entschieden hatten, wie\u00a0<em><a href=\"http:\/\/meedia.de\/2015\/04\/16\/zeitungsschau-alle-reden-ueber-juergen-klopp-nur-die-taz-trauert-um-tote-fluechtlinge\/\" target=\"_blank\">Meedia<\/a><\/em><a href=\"http:\/\/meedia.de\/2015\/04\/16\/zeitungsschau-alle-reden-ueber-juergen-klopp-nur-die-taz-trauert-um-tote-fluechtlinge\/\" target=\"_blank\">\u00a0berichtet<\/a>, setzte lediglich die\u00a0<em>taz<\/em>\u00a0eine Todesanzeige f\u00fcr die 400 im Mittelmeer ertrunkenen Fl\u00fcchtlinge auf die Titelseite. Schon interessant, was die deutschen Zeitungsmacher anscheinend als relevant und was als weniger wichtig einstufen. Und auch die Reaktionen in den sozialen Medien waren recht unterschiedlich, und das nicht nur in der Quantit\u00e4t, sondern vor allem auch in der Qualit\u00e4t. So wird da dann beispielsweise von Facebook-Usern postuliert, dass diese &#8222;Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge&#8220; selbst schuld h\u00e4tten, wenn sie sich mit Schleppern einlassen w\u00fcrden, und es wird sogar gefordert, doch am besten gleich auf die Fl\u00fcchtlingsboote zu schie\u00dfen, da die 400 Toten noch viel zu wenig sein.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sollten einen solche Aussagen in Zeiten von Pegida, AfD und \u00e4hnlichem rechtem Gesindel nicht wundern, allerdings ist es ja auch ermutigend f\u00fcr derartigen Gestalten, ihrem Hass auf eine solche widerw\u00e4rtige und piet\u00e4tlose Weise Ausdruck zu verleihen, wenn eben generell der Eindruck entsteht: Kann ja nicht so schlimm sein, was da mit den Fl\u00fcchtlingen passiert ist, wenn da nicht prominent dr\u00fcber berichtet wird.<\/p>\n<p>Doch nicht nur bei solchen rechten Schwachk\u00f6pfen wird deutlich, dass es anscheinend unterschiedliche Arten von Toten gibt: Zun\u00e4chst mal sind da die Deutschen, dann kommen ausl\u00e4ndische Opfer von Katastrophen und Ungl\u00fccken, und ganz am Ende der Skala sind dann eben die Fl\u00fcchtlinge. Nat\u00fcrlich ist es verst\u00e4ndlich, wenn ein Ungl\u00fcck in dem Land, aus dem die meisten Opfer kommen, mehr \u00f6ffentliche und mediale Resonanz ausl\u00f6st als in L\u00e4ndern am anderen Ende der Welt, aber dieser vollkommen krasse Unterschied zwischen den beiden jetzigen Vorf\u00e4llen geht da schon deutlich dr\u00fcber hinaus, finde ich. Zynisch gefragt (und bitte nicht die bittere Ironie in dieser Frage \u00fcbersehen): Wie viele tote Neger sind denn f\u00fcr die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit so viel wert wie ein toter Deutscher?<\/p>\n<p>Was hier in diesen beiden F\u00e4llen noch dazukommt: Bei dem Flugzeugungl\u00fcck wurde schnell ein Schuldiger gefunden, auf den man mit dem Finger zeigen konnte: der depressive Kopilot. Dass hierbei einiges unklar bleibt, vor allem die Tatsache, dass so ein Verhalten mit derart massiver Fremdsch\u00e4digung nicht gerade typisch f\u00fcr Depressive ist, ist egal, und da dauert es dann auch nicht lange, bis sogar ein CSU-Kasper daherkommt und (wie <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/panorama\/bayerns-innenminister-herrmann-haelt-berufsverbot-bei-depressionen-fuer-denkbar-1.2430073\" target=\"_blank\">hier<\/a> beispielsweise in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> zu lesen) ernsthaft ein Berufsverbot f\u00fcr Depressive ins Spiel bringt.<\/p>\n<p>Bei der Trag\u00f6die mit den 400 ertrunkenen Fl\u00fcchtlingen wird da dann lieber nicht so genau nach den Ursachen geschaut, und Konsequenzen zu fordern ist auch nicht so popul\u00e4r. Denn in diesem Fall ist die eigene Nase sehr viel n\u00e4her als bei dem Flugzeugabsturz: Nicht nur, dass die EU-Politik\u00a0durch Beendigung des Mare-Nostrum-Programms daf\u00fcr gesorgt hat, dass solchen Fl\u00fcchtlingen nicht mehr geholfen werden kann und diese Menschen durch die\u00a0europ\u00e4ische Abschottung nach S\u00fcden hin \u00fcberhaupt erst\u00a0in die H\u00e4nde von skrupellosen Schleppern\u00a0getrieben werden, unsere Verantwortung geht noch ein ganzes St\u00fcck weiter. Es stellt sich n\u00e4mlich die Frage, warum diese Menschen \u00fcberhaupt fl\u00fcchten, also ihre Heimat, Familie und Freunde sowie ihren nahezu kompletten Besitz hinter sich lassen, um sich dann auf eine Art Himmelfahrtskommando zu begeben. Warum geht es vielen Menschen aus unterschiedlichsten Gr\u00fcnden in Afrika so dreckig, dass sie dieses hohe Risiko auf sich nehmen? Die Antwort ist unbequem: weil es uns hier so gut geht. Firmen aus unserem Land (und anderen EU-L\u00e4ndern) betreiben in Afrika Landgrabbing, verw\u00fcsten f\u00fcr Rohstoffabbau ganze Landstriche, ruinieren mit hochsubventionierten Agrarprodukten die dortige\u00a0kleinb\u00e4uerliche Landwirtschaft, verkaufen Waffen in diese L\u00e4nder, bauen in Monokultur dort Produkte f\u00fcr hiesige M\u00e4rkte an usw. Und wer dann nicht um Leib und Leben f\u00fcrchten muss, sondern nur aus seinem Land abhaut, weil seine Existenzgrundlage vernichtet wurde, der wird auch noch von oben herab als &#8222;Wirtschaftsfl\u00fcchtling&#8220; diskreditiert &#8211; widerlicher geht es wohl kaum.<\/p>\n<p>Und widerlich ist in der Tat diese Doppelmoral, die sich in diesen beiden Ungl\u00fccken widerspiegelt. Daran zeigt sich n\u00e4mlich, dass es tats\u00e4chlich weit verbreitet ist, Menschen sehr stark aufgrund ihrer Herkunft zu hierarchisieren &#8211; was letztlich die Grundlage jeder Form von Rassismus ist. Und dieser scheint heutzutage sehr, sehr weit verbreitet zu sein in Deutschland &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Ungl\u00fccke mit jeweils vielen Toten innerhalb von wenigen Wochen &#8211; zum einen das in den Alpen abgest\u00fcrzte Flugzeug, zum anderen die ca. 400 ertrunkenen Fl\u00fcchtlinge im Mittelmeer. Beide Vorf\u00e4lle sind tragisch, und auch wenn die Ursachen unterschiedlich sein m\u00f6gen, so ist es doch vor allem die Verschiedenartigkeit der Rezeption, die einen zum Nachdenken anregen sollte. 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