{"id":28524,"date":"2024-04-27T13:40:22","date_gmt":"2024-04-27T11:40:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=28524"},"modified":"2024-04-27T13:40:22","modified_gmt":"2024-04-27T11:40:22","slug":"arbeitskraeftemangel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=28524","title":{"rendered":"Arbeitskr\u00e4ftemangel"},"content":{"rendered":"<p>Der Arbeitskr\u00e4ftemangel ist ja zurzeit ein gro\u00dfes Thema: Endlich scheint die M\u00e4r vom Fachkr\u00e4ftemangel auch tats\u00e4chlich einzutreten, nachdem dieser Begriff jahrelang vor allem daf\u00fcr genutzt wurde, um Lohndumping zu betreiben, indem man billige Arbeitskr\u00e4fte aus dem EU-Ausland angeworben hat.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst mal kommt es einem ja schon merkw\u00fcrdig vor, dass wir nach wie vor ein paar Millionen Arbeitslose haben und auch noch eine Menge Menschen, die nur Teilzeit arbeiten oder lediglich einen Minijob haben, aber schon gern eine Vollzeitstelle bekleiden w\u00fcrden. Und laut <em><a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1224\/umfrage\/arbeitslosenquote-in-deutschland-seit-1995\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Statista<\/a><\/em> ist die Arbeitslosenquote bisher in diesem Jahr im Vergleich zu 2023 dann ja auch um 0,4 % nach oben geklettert. Wie kann es also zusammenpassen, dass beispielsweise immer mehr gastronomische Betriebe kein Personal finden?<\/p>\n<p>Wenn man jetzt ein FDP-, CDU- oder AfD-Primitivling w\u00e4re, dann w\u00fcrde man sagen: Die sind halt alle zu faul! Auch wenn das f\u00fcr deren unterbelichtete Klientel gerade so reichen mag als Erkl\u00e4rung, so hat das doch recht wenig mit der Realit\u00e4t zu tun. Denn wie bei so vielen Sachen ist die Ursache f\u00fcr das, was wir zurzeit erleben, nicht monokausal, sondern d\u00fcrfte die Folge verschiedener Faktoren und Entwicklungen sein.<\/p>\n<p>Da ist nat\u00fcrlich vor allem erst mal eine Sache, die schon seit Jahren zu beobachten ist: Unternehmen klagen, sie w\u00fcrden keine Besch\u00e4ftigten finden, wollen aber auch keine anst\u00e4ndigen Geh\u00e4lter bezahlen. Das ist besonders eklatant in den Pflegeberufen. Die sind nicht nur k\u00f6rperlich, sondern auch psychisch oftmals sehr anstrengend, zudem hat man auch nicht eben die tollsten Arbeitszeiten (oft nachts, an Wochenendes, an Feiertagen &#8230;) &#8211; und die Bezahlung ist da nicht gerade f\u00fcrstlich. Dazu kommt eine Arbeitsverdichtung f\u00fcr diejenigen, die dort noch arbeiten, mitunter werden sogenannte Servicekr\u00e4fte angestellt, die noch weniger Gehalt bekommen, daf\u00fcr aber auch keine Fachausbildung haben und somit etliche T\u00e4tigkeiten nicht ausf\u00fchren k\u00f6nnen bzw. d\u00fcrfen. Und dann wird der Papierkram auch nicht eben weniger, was wiederum Zeit frisst, die dann an anderer Stelle fehlt.<\/p>\n<p>Irgendwie kein Wunder, dass viele Menschen sich da einen anderen Job suchen oder im Burn-out landen, oder?<\/p>\n<p>Und gerade Corona hat da ja noch mal dazu beigetragen, dass sich die Menschen in Pflegeberufen noch mehr aufgerieben haben, gesundheitlichen Risiken ausgesetzt waren und so auch etliche den Beruf gewechselt haben.<\/p>\n<p>Auch in der Gastronomie hat Corona f\u00fcr ordentlich Wirbel gesorgt: Viele der dort Besch\u00e4ftigten konnten von jetzt auf gleich, als die Lockdowns beschlossen wurden, ihrer T\u00e4tigkeit nicht mehr nachgehen, haben sich dann eben was anderes gesucht. Und vielleicht festgestellt, dass ein B\u00fcrojob von 9 bis 17 Uhr doch auch angenehmer ist, als oftmals dann zu arbeiten, wenn alle andere frei haben. Da d\u00fcrfte also sehr viel fachliches Gastronomiepersonal mittlerweile in anderen T\u00e4tigkeitsbereichen besch\u00e4ftigt sein.<\/p>\n<p>Zumal die Gastronomie ja nun auch vor allem eher nicht so toll bezahlte Jobs bietet mit ungem\u00fctlichen Arbeitszeiten (abends, an Wochenenden, an Feiertagen &#8230;). Viele sind da dann auf Trinkgelder angewiesen, und die sitzen, seitdem Energie, Lebensmittel und etliches andere in den letzten beiden Jahren deutlich teurer geworden sind, auch nicht mehr so locker bei viele G\u00e4sten.<\/p>\n<p>Was bei der Gastronomie noch erschwerend hinzukommt: Das ist vor allem auch ein Besch\u00e4ftigungsfeld f\u00fcr junge Menschen und Frauen. Und damit ergeben sich da auch zwei spezifische Problemlagen.<\/p>\n<p>Bei jungen Menschen ist es so, dass immer mehr von denen generell Probleme mit dem Arbeitsmarkt haben. Das liegt nat\u00fcrlich auch daran, wie Jugendliche heute aufwachsen, was ich ja vor etwa einem halben Jahr schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=27960\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> problematisiert habe. So wollen beispielsweise \u00fcberproportional viele junge Menschen Influencer werden. Klar, sch\u00f6n zu Hause sitzen und \u00fcber Dinge quasseln, die man sowieso super findet, ist nat\u00fcrlich eine schicke Vorstellung f\u00fcr eine Arbeit, nur eben in den allermeisten F\u00e4llen dann doch nicht f\u00fcr einen ausreichenden Broterwerb geeignet.<\/p>\n<p>Dazu kommt noch, dass schon seit Jahren immer wieder von Menschen, die Personalentscheidungen in Betrieben treffen, berichtet wird, dass junge Bewerber ein mangelhaftes Sozialverhalten an den Tag legen w\u00fcrden. Die k\u00e4men dann beispielsweise zu sp\u00e4t zum Vorstellungsgespr\u00e4ch, ohne sich daf\u00fcr zu entschuldigen, und setzen sich dann gru\u00dflos hin, um erst mal in ihr Telefon zu schauen. Klingt nach einem Klischee? Hab ich aber so pers\u00f6nlich schon erz\u00e4hlt bekommen.<\/p>\n<p>Aber auch das ist ja eine Folge dessen, wie Kinder und Jugendliche heute aufwachsen: n\u00e4mlich vor allem vor Bildschirmen und mit immer weniger pers\u00f6nlichen Sozialkontakten. Auch das haben mir schon viele Freunde, die selbst jugendliche Kinder haben, berichtet. Das geht dann bei vielen jungen Menschen so weit, dass sie soziophobe Verhaltensweisen ausbilden, beispielsweise Angst davor haben, ans Telefon zu gehen.<\/p>\n<p>Wie soll also jemand, der schon nicht mit anderen Menschen telefonieren mag, dann in einem Job zurechtkommen, in dem st\u00e4ndig wildfremde Menschen etwas von ihm wollen? Eben &#8230;<\/p>\n<p>Das Ganze wurde nat\u00fcrlich durch die Corona-Pandemie noch mal versch\u00e4rft, denn da wurden Sozialkontakte ja bewusst massiv minimiert. F\u00fcr Teenager ist so was ziemlich problematisch, was sich dann ja auch darin zeigt, dass zurzeit eine extrem gro\u00dfe Zahl junger Menschen als Folge der COVID-19-Ma\u00dfnahmen an psychischen Erkrankungen leiden (s. beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/investigativ\/monitor\/corona-gesundheit-jugendliche-kinder-schulschliessungen-pandemie-auswirkungen-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Und wer solche Probleme hat, der ist in den allermeisten F\u00e4llen bestimmt nicht besonders gut daf\u00fcr geeignet, einen Job in der Gastronomie auszu\u00fcben, der ja oftmals stressig ist und auch eine gewisse pers\u00f6nliche Stabilit\u00e4t erfordert, um auch zu nicht gerade netten G\u00e4sten noch freundlich sein zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn man all das zusammen betrachtet, dann ist es irgendwie kein Wunder, dass zurzeit zumindest aus dem Pool der jungen Menschen weniger f\u00fcr T\u00e4tigkeiten in Restaurants, Kneipen oder Caf\u00e9s rekrutiert werden k\u00f6nnen, oder?<\/p>\n<p>Kommen wir zu den Frauen: Dort ergibt sich immer h\u00e4ufiger (nicht nur in der Gastronomie) das Problem, dass keine Betreuung der Kinder gew\u00e4hrleistet werden kann, denn auch Kitas und Horteinrichtungen haben massive Probleme, gen\u00fcgend Personal zu finden (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2024\/april\/kitas-in-der-krise-wirtschaft-in-gefahr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Vom garantierten Betreuungsplatz f\u00fcr Kinder sind wir also zurzeit reichlich weit weg. Und gerade in der Gastronomie kann man ja als Angestellter nicht einfach sagen, dass man, wenn sich die Kita gerade mal nicht um den Nachwuchs k\u00fcmmern kann, dann eben ein paar Tage im Homeoffice arbeitet. Und auch der Erzieherberuf wird nach wie vor \u00fcberwiegend von Frauen ausge\u00fcbt, was dann nicht nur bedeutet, dass da nicht eben tolle Geh\u00e4lter gezahlt werden (leider eher die Regel als die Ausnahme in unserer nach wie vor patriarchalischen Gesellschaft), sondern dass eben auch dort die Probleme mit fehlender Kinderbetreuung und Ausfallzeiten wegen Mutterschutz\/Elternzeit (die ja meistens immer noch von den Frauen genommen wird) oder kranken Kindern anfallen.<\/p>\n<p>So ziehen Engp\u00e4sse in einem Bereich dann Engp\u00e4sse in anderen Bereichen nach sich &#8230;<\/p>\n<p>Die Probleme, mit denen besonders weibliche Angestellte zu k\u00e4mpfen haben, schlagen sich dann beispielsweise auch bei den \u00c4rzten nieder. Dort gibt es n\u00e4mlich (erfreulicherweise) immer mehr \u00c4rztinnen, die allerdings dann auch mit den eben geschilderten Herausforderungen konfrontiert werden, wie in einem <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/ratgeber\/gesundheit\/aerztemangel-deutschland-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel von <em>ZDF heute<\/em><\/a>, der sich mit der Komplexit\u00e4t des \u00c4rztemangels auseinandersetzt, geschildert wird. Auch hieran sieht man, dass es viel zu simpel ist, einfach nur von einem Mangel zu sprechen, denn in einigen Gegenden Deutschlands gibt es beispielsweise eine \u00e4rztliche \u00dcberversorgung, w\u00e4hrend andere deutlich unterversorgt sind. Und dann kommt auch noch das System der Kassensitze hinzu, dass eine Beschr\u00e4nkung der \u00e4rztlichen Kapazit\u00e4ten bewirkt, da reine Privatpraxen sich oftmals nicht rechnen. Hier w\u00e4ren also auch entsprechend komplexe L\u00f6sungen gefragt, um die medizinische Versorgung zu verbessern.<\/p>\n<p>Tja, und dann kommt noch hinzu, dass richtig viele Menschen in sogenannten Bullshit-Jobs arbeiten, also solche T\u00e4tigkeiten aus\u00fcben, die entweder null gesellschaftlichen Nutzen haben (beispielsweise Outbound-Callcenter), generell nicht produktiv sind (beispielsweise circa 90 % der Posten im Management) oder nichts anderes machen, als mit Geld noch mehr Geld zu generieren (beispielsweise Investmentbanker). All diese Arbeitskr\u00e4fte fehlen nat\u00fcrlich an anderen Stellen, wo wirklich produktives Personal gebraucht wird &#8211; aber irgendjemand macht eben reichlich Kohle mit den Bullshit-Jobbern, und das ist ja das, was vor allem z\u00e4hlt im neoliberalen Kapitalismus.<\/p>\n<p>Der Arbeitskr\u00e4ftemangel ist also wesentlich komplizierter und weist deutlich vielschichtigere Ursachen auf, als die zumeist kruden Aussagen von den meisten Politikern, die sich damit befassen, einen glauben machen m\u00f6chten. Wenn man wirklich da rangehen m\u00f6chte, dann m\u00fcsste man an etlichen Pfeilern unseres Wirtschaftssystems s\u00e4gen, beispielsweise an der patriarchalischen Ausrichtung, an der Erziehung von Kindern zu m\u00f6glichst unm\u00fcndigen Konsumenten und an der rein monet\u00e4ren Orientierung bei der Bewertung von N\u00fctzlichkeit.<\/p>\n<p>Dann k\u00e4me man vielleicht mal auf die Idee, erst zu schauen, welche Arbeit in unserer Gesellschaft getan werden muss, und diese dann entsprechend so zu verteilen, dass alle ein gutes Auskommen bei akzeptabler Arbeitsbelastung h\u00e4tten. Tja, leider ein Wunschtraum, denn der Neoliberalismus steuert ja nach wie vor in die komplett entgegengesetzte Richtung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Arbeitskr\u00e4ftemangel ist ja zurzeit ein gro\u00dfes Thema: Endlich scheint die M\u00e4r vom Fachkr\u00e4ftemangel auch tats\u00e4chlich einzutreten, nachdem dieser Begriff jahrelang vor allem daf\u00fcr genutzt wurde, um Lohndumping zu betreiben, indem man billige Arbeitskr\u00e4fte aus dem EU-Ausland angeworben hat.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[50,52,51],"tags":[1182,1190,1183],"class_list":["post-28524","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-politisches","category-soziales","category-wirtschaftliches","tag-arbeitskraefte","tag-arbeitskraeftemangel","tag-jugendliche"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28524","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=28524"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28524\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28766,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28524\/revisions\/28766"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=28524"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=28524"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=28524"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}