{"id":28560,"date":"2024-03-21T16:39:59","date_gmt":"2024-03-21T15:39:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=28560"},"modified":"2024-03-21T16:39:59","modified_gmt":"2024-03-21T15:39:59","slug":"der-niedergang-der-popmusik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=28560","title":{"rendered":"Der Niedergang der Popmusik"},"content":{"rendered":"<p>Am vergangenen Wochenende habe ich mit Freunden das Spiel &#8222;Hitster&#8220; gespielt &#8211; und das hat bei mir dann dazu gef\u00fchrt, dass ich mir einige Gedanken \u00fcber die Entwicklung der Popmusik in den letzten Jahren gemacht habe.<\/p>\n<p>Eins vorweg: Ich geh\u00f6re nicht zur &#8222;Fr\u00fcher war alles besser&#8220;-Fraktion (weder musikalisch noch politisch oder gesellschaftlich), sondern h\u00f6re nach wie vor sehr viel aktuelle Musik. St\u00e4ndig entdecke ich neue Musiker und Bands verschiedenster Genres &#8211; nur Popmusik ist so gut wie gar nicht mehr dabei.<\/p>\n<p>Und beim Spielen von &#8222;Hitster&#8220; wurde mir auch gleich klar, warum das so ist. Kurz zum Spiel: Es werden \u00fcber eine App QR-Codes von Karten eingelesen, dann wird \u00fcber Spotify ein so aufgerufenes Lied abgespielt, und derjenige, der gerade dran ist, muss dann raten, aus welcher Zeit das Lied stammt. Die zeitliche Bandbreite geht von 1945 bis heute, und man muss die Karten, die man im Laufe der Runden erspielt, in eine richtige chronologische Reihenfolge bringen. Je weiter fortgeschritten das Spiel ist, desto genauer muss man also die Jahreszahlen treffen, da man schon einige andere Jahreszahlen bei sich liegen hat. Wenn man dann noch den Interpreten und den Songtitel wei\u00df, gibt es Extrapunkte.<\/p>\n<p>Die Songs sind dabei nat\u00fcrlich so ausgew\u00e4hlt, dass es sich um Hits handelt, vorwiegend aus der Popmusik, aber bei \u00e4lteren Titeln kann auch schon mal Rock, Jazz oder Schlager dabei sein.<\/p>\n<p>Was mir w\u00e4hrend des Spiels dann auffiel: Die Songs, die aus den letzten 20 Jahren stammen, kannte ich so gut wie nie &#8211; weder die Interpreten (von einigen wenigen hatte ich zumindest mal den Namen irgendwo geh\u00f6rt) noch die Songs. Ich h\u00f6re n\u00e4mlich schon seit \u00fcber 30 Jahren kein Radio mehr, also in etwa von dem Zeitpunkt an, als die Radiosender sich zum Formatradio wandelten und so im Grunde nur noch Werbefunk f\u00fcr die gro\u00dfen Plattenfirmen waren. Zudem hatte ich auch Schwierigkeiten, die Songs zeitlich einzuordnen, da die f\u00fcr mich alle ziemlich gleich klangen &#8211; der einzige Unterschied war oft nur die Intensit\u00e4t, mit welcher der Autotune-Effekt verwendet wurde.<\/p>\n<p>Nun bin ich durchaus in der Lage, differenziert Musik zu h\u00f6ren, zudem mache ich auch selbst Musik, habe Lehramt auf Musik studiert und Musikunterricht gegeben sowie als DJ und im Tontr\u00e4gerhandel gearbeitet. Es ist also nicht so, dass die heutige Popmusik nun f\u00fcr mich schlichtweg &#8222;neumodischer Kram, der sowieso immer gleich klingt&#8220; ist, was ich mir beispielsweise oft anh\u00f6ren durfte von meinen Eltern, wenn ich in meiner Jugend aktuelle Musik geh\u00f6rt habe. Wenn ich nun allerdings h\u00f6re, wie sich die Popmusik in den letzten drei Jahrzehnten entwickelt hat, dann ist wirklich der einzige markante Unterschied eben das inflation\u00e4re Verwenden des \u00fcberzogenen Autotune-Effekts auf den Stimmen. Ansonsten sind da keine gro\u00dfen Unterschied von Instrumentierung, Songaufbau, Arrangement, Stimmung und Melodief\u00fchrung seit den Boy- und Girlbands, die in den 90er-Jahren das Popgenre dominiert haben, festzustellen: entweder fr\u00f6hliche Partylieder oder schw\u00fclstige Balladen, meist harmonisch sehr simpel gehalten und mit Refrains versehen, die oft eine N\u00e4he zum Schlager aufweisen.<\/p>\n<p>Popmusik war schon immer durch Eing\u00e4ngigkeit gekennzeichnet, allerdings hatte sie eben immer auch herausfordernde moderne, wenn nicht gar avantgardistische Momente. Ich denke da beispielsweise an eine Band wie Yello, die in den 80er-Jahren ganz selbstverst\u00e4ndlich als Popmusik im Radio gespielt wurde &#8211; heute wohl eher unvorstellbar. Oder Songs wie &#8222;Mama&#8220; von Genesis, das ein Riesenhit war trotz seiner L\u00e4nge von \u00fcber sechs Minuten und heute keine Chance mehr h\u00e4tte, im Rundfunk zu laufen &#8211; schlichtweg zu lang. Von &#8222;Stairway To Heaven&#8220; oder &#8222;Hotel California&#8220;, immerhin Welthits aus den 70er-Jahren, ganz zu schweigen &#8230;<\/p>\n<p>Mittlerweile sieht es sogar so aus, dass Popsongs extra so gestaltet werden, dass in den ersten 30 Sekunden schon quasi alles drin ist, vor allem auch der Refrain, einfach damit die aufmerksamkeitsdefizit\u00e4ren H\u00f6rer von Spotify und Co. nicht nach weniger als 30 Sekunden schon weiterswitchen &#8211; dann gibt es n\u00e4mlich kein Geld f\u00fcrs Abspielen (s. <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/10-jahre-spotify-aenderungen-musik-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Meiner Ansicht nach ist das schon ziemlich \u00fcbles Anbiedern an die kommerzielle Verwertung, die dann k\u00fcnstlerische Aspekte beim Songaufbau komplett in den Hintergrund schieben.<\/p>\n<p>Und dieser \u00dcberkommerzialisierung ist dann auch die Gleichf\u00f6rmigkeit der Popmusik geschuldet: Hauptsache, das st\u00f6rt nicht. Dabei gibt es ja wirklich noch in Nischen durchaus interessante Musik, die man wohl irgendwie als Pop bezeichnen k\u00f6nnte, beispielsweise von der S\u00e4ngerin Eiv\u00f8r. Und auch einige Bands des grob als Indie bezeichneten Genres k\u00f6nnten durchaus als Popmusik durchgehen, Elbow oder Warpaint zum Beispiel, aber das wird sich alles nicht im Popradio oder anderen Pr\u00e4sentationsformen von Popmusik finden (oder daher eben auch nicht bei einem Spiel wie &#8222;Hitster&#8220;), weil dort eben die Stereotypie das vorherrschende Kriterium ist.<\/p>\n<p>Das f\u00fcr mich Erschreckende dabei: Als ich jung war, war den \u00e4lteren Menschen &#8222;unsere&#8220; Popmusik zu schr\u00e4g, zu abgefahren &#8211; und heute ist mir als \u00c4lterem die Popmusik, die junge Menschen h\u00f6ren, zu glatt geb\u00fcgelt, zu gleichf\u00f6rmig, zu brav. Hier hat sich der Generationskonflikt inhaltlich umgekehrt, und das ist m. E. kein gutes Zeichen, denn die jungen Menschen sollten doch den \u00e4lteren eigentlich neue Wege aufzeigen, und das dr\u00fcckt sich ja normalerweise auch kulturell aus.<\/p>\n<p>Insofern ist es f\u00fcr mich nicht verwunderlich, dass junge Menschen zunehmen zum Konservativismus neigen. Das berichten mir zumindest immer wieder Freunde mit Kindern im Teenager- und Jungerwachsenenalter, aber auch die Wahlergebnisse bei Jungw\u00e4hlern deuten ja darauf hin, wenn dort beispielsweise eine r\u00fcckschrittliche Partei wie die FDP ziemlich hoch im Kurs steht.<\/p>\n<p>Wenn man anf\u00e4ngt, Musik zu h\u00f6ren als junger Mensch, dann ist es extrem wichtig, was einem vorgesetzt wird. Und das ist heutzutage leider gleichf\u00f6rmiger, auf Kommerz getrimmter Pop mit minimaler oder gar keiner k\u00fcnstlerischen Inspiration. Das war ja vor Jahren mit dem Aufkommen von Castingshows schon zu beobachten, die ja letztlich dann auch stromlinienf\u00f6rmige Interpreten hervorgebracht haben, die das zu singen hatten, was ihnen die Produzenten (die das ausschlie\u00dflich als Geldquelle gesehen haben) an Songs vorsetzten. Nat\u00fcrlich gab es solche Kommerzmusik schon immer, aber in den letzten Jahrzehnten ist sie eben extrem dominierend im Genre Pop geworden, sodass da kaum noch Platz f\u00fcr Musiker bleibt, die sich wirklich k\u00fcnstlerisch ausdr\u00fccken wollen.<\/p>\n<p>Das Paradebeispiel daf\u00fcr ist f\u00fcr mich ja Beyonc\u00e9, die zwar zum R&amp;B gez\u00e4hlt wird, der allerdings f\u00fcr mich mittlerweile auch vor allem eine Spielart der Popmusik ist. Vor einigen Jahren hatte ich mal eine Diskussion auf Facebook ihretwegen, da ich ihre Musik (durchaus etwas provokant) als Schlager bezeichnete &#8211; eben von einer Hupfdohle, die immer das macht, von dem sie sich gerade den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Umsatz verspricht. Dem wurde dann vehement von einigen Leuten widersprochen, die eine ernsthafte Entwicklung bei Beyonc\u00e9 ausmachen wollten hin zu einer seri\u00f6sen Musikerin. Doch zum einen fand ich ihre damals aktuelle Musik immer noch voller Stereotype, zum anderen war eine gewisse Gesetztheit nat\u00fcrlich schon angebracht, da ihr Publikum mit ihr alterte und nun nicht mehr aus Teenies, sondern aus 30-J\u00e4hrigen bestand. Na ja, das konnten wir damals nicht aufl\u00f6sen, allerdings musste ich dann gerade doch sehr schmunzeln, als ich las, dass Beyonc\u00e9 nun ein Country-Album machen w\u00fcrde. Ob das wohl mit einer k\u00fcnstlerischen Neubesinnung von ihr zu tun hat oder doch eher dem Umstand geschuldet ist, dass zurzeit gerade mit Taylor Swift und Morgan Wallen in den USA Coutnry-Musiker alle Umsatzrekorde brechen? Ich tippe mal auf Letzteres &#8230;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es nicht verwerflich, wenn Musiker mit ihrer Arbeit Geld verdienen wollen. Sobald dies aber, wie bei der Popmusik in diesem Jahrtausend zu beobachten, dazu f\u00fchrt, dass keine k\u00fcnstlerischen Ideen, sondern nur noch die \u00dcberlegung, mit welchen Klischees und Stereotypen man eine zunehmend an Klischees und Stereotype gewohnte H\u00f6rerschaft ansprechen kann, dann ergibt das halt Langeweile, Belanglosigkeit und Stillstand.<\/p>\n<p>Und das finde ich extrem schade, denn Popmusik kann eigentlich so viel mehr sein. Und hat ja auch in den letzten vier Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts einiges in Bewegung gesetzt, sowohl k\u00fcnstlerisch als auch gesellschaftlich. Doch das ist nun offensichtlich vorbei &#8211; und ich glaube kaum, dass sich diese Entwicklung noch irgendwie umkehren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Nur gut, dass es noch andere Musikgenres gibt &#8211; nach denen man sich dann aber schon etwas intensiver auf die Suche begeben muss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am vergangenen Wochenende habe ich mit Freunden das Spiel &#8222;Hitster&#8220; gespielt &#8211; und das hat bei mir dann dazu gef\u00fchrt, dass ich mir einige Gedanken \u00fcber die Entwicklung der Popmusik in den letzten Jahren gemacht habe.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57,52],"tags":[1185,1184],"class_list":["post-28560","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kulturelles","category-soziales","tag-kommerzialisierung","tag-popmusik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28560","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=28560"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28560\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28572,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28560\/revisions\/28572"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=28560"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=28560"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=28560"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}