{"id":2976,"date":"2015-05-08T16:34:45","date_gmt":"2015-05-08T14:34:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2976"},"modified":"2015-05-08T16:35:45","modified_gmt":"2015-05-08T14:35:45","slug":"moderne-goetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=2976","title":{"rendered":"Moderne G\u00f6tzen"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Jahren konnte ich feststellen, dass in Politik und Wirtschaft eine zunehmende Irrationalit\u00e4t um sich greift: Sachen, die augenf\u00e4llig schieflaufen (zum Beispiel die den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern aufoktroyierte Austerit\u00e4tspolitik), werden weiter betrieben und als alternativlos bezeichnet &#8211; wobei es ja in einer Demokratie immer auch diskussionsw\u00fcrdige Alternativen geben sollte -, Politik l\u00f6st sich immer mehr von Inhalten, sodass Menschen Parteien w\u00e4hlen, die genau gegen ihre eigenen Interessen handeln, und der Neoliberalismus ist ein unumst\u00f6\u00dfliches Dogma geworden, auch wenn sein Scheitern \u00fcberall zu beobachten ist (schrumpfendes Wachstum, steigende Arbeitslosenzahlen, stetig\u00a0wachsende\u00a0Ungleichheit, fortschreitende Zerst\u00f6rung der Umwelt). Ein solches Beharren auf Standpunkten gegen jede Logik hat schon fast etwas Religi\u00f6ses, und wenn man es genauer betrachtet, haben auch einige Dinge unseres Alltags quasi eine G\u00f6tzenfunktion angenommen, die sie \u00fcber ihre eigentliche Funktion hinaus erh\u00f6ht &#8211; was\u00a0einiges an Problemen schafft! Exemplarisch habe ich hierf\u00fcr mal vier Bereiche etwas unter die Lupe genommen.<\/p>\n<p><strong>1. Geld<\/strong><\/p>\n<p>Geld ist ein praktisches Tauschmittel, da man so eine universelle Gr\u00f6\u00dfe hat, mit der man Gegenst\u00e4nde und Dienstleistungen erwerben kann, die sonst nicht tauschbar w\u00e4ren. So weit, so gut, nur hat Geld diese reine Hilfsmittelfunktion schon lange verloren und dar\u00fcber hinaus einen Eigenwert erhalten.<\/p>\n<p>Bis zu einem bestimmten Grad ist die Gier nach Geld ja noch nachvollziehbar: Es ist eben angenehm, Dinge, die kaputt gehen, einfach so ersetzen zu k\u00f6nnen, ohne sich gro\u00dfen Einschr\u00e4nkungen oder schlaflosen N\u00e4chten hingeben zu m\u00fcssen. Auch ist es angenehm, Dinge von guter Qualit\u00e4t erwerben zu k\u00f6nnen, auch um beispielsweise darauf zu achten, wie etwas produziert wurde, um so keine Umweltzerst\u00f6rung oder Ausbeutung zu unterst\u00fctzen. Und es gibt nat\u00fcrlich auch Menschen, die auf Luxus abfahren, wobei wir hier mitunter schon in groteske Sph\u00e4ren kommen, da dieser Luxus oft nicht mehr dem Befriedigen eines eigenen Bed\u00fcrfnisses dient, sondern der Zurschaustellung des eigenen Reichtums. Das f\u00e4ngt an mit dem Kaufen von Kleidung einer bestimmten Marke, die zwar im Verh\u00e4ltnis zur Qualit\u00e4t gnadenlos \u00fcberteuert, aber daf\u00fcr auch gerade extrem angesagt ist, und endet bei Autos f\u00fcr mehrere 100.000 Euro. Und wenn hier nichts mehr geht und kein Geld mehr ausgegeben werden kann, dann muss eben in Finanzprodukte, Aktien, Fonds usw. investiert werden &#8211; mit dem Ziel, noch mehr Geld zu bekommen, obwohl ja schon das bereits vorhandene seiner Hilfsmittelfunktion f\u00fcr den Tausch zu einem Gro\u00dfteil l\u00e4ngst enthoben ist, da es eben\u00a0kaum noch etwas Sinnvolles zu kaufen gibt.<\/p>\n<p>Diese Menschen werden dann in Listen gef\u00fchrt, beispielsweise von Forbes, und da wird dann bewundernd draufgeschaut, wer denn nun wie viele Milliarden besitzt und wer nun wie viel mehr als noch im vergangenen Jahr hat. Dabei sind die Zahlen nur noch abstrakte Gr\u00f6\u00dfen, deren H\u00f6he mit religi\u00f6ser Ehrfurcht betrachtet wird. Wenn man sich mal \u00fcberlegt, was eine Milliarde Euro eigentlich bedeutet, wird das schnell klar: Wenn man 50 Jahre lang jedes Jahr 20 Millionen Euro ausgibt, also 1.666.666 Euro jeden Monat, was etwa 55.555 Euro jeden Tag entspricht, dann gibt man eine Milliarde Euro aus. Das Problem eines Milliard\u00e4rs sollte also vielmehr nicht sein, wie er noch mehr Geld bekommt (und das ist absurderweise in der Regel die Hauptsorge dieser Menschen), sondern wie er seine ganze Kohle \u00fcberhaupt jemals ausgeben will.<\/p>\n<p>Auch wenn nur die wenigsten sich in solchen Sph\u00e4ren aufhalten, so schl\u00e4gt diese Denkweise doch in alle Gesellschaftsschichten durch. Man braucht daf\u00fcr nur in die Werbung zu schauen: Der Preis ist hier zumeist das entscheidende Kriterium und schl\u00e4gt andere Produkteigenschaften wie Qualit\u00e4t und Nachhaltigkeit immer noch um L\u00e4ngen. Auch wird die Mystifizierung des Geldes wie selbstverst\u00e4ndlich \u00fcbernommen: <em>\u00dcber Geld spricht man nicht<\/em>, so eine Redewendung, die allerdings auch wie selbstverst\u00e4ndlich angewendet wird, genauso wie:\u00a0<em>Beim Geld h\u00f6rt die Freundschaft auf.<\/em> Ich pers\u00f6nlich finde ja, dass eine richtige gute Freundschaft bestimmt nicht durch Geld aufgewogen werden kann.\u00a0Und auch das Ansehen von Personen oder Dingen wird an ihrem Geldwert festgemacht: Wer viel Geld hat, muss auch ein toller Hecht sein, selbst wenn er dieses nur geerbt und nie was in seinem Leben geleistet hat (so zum Beispiel der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der ja nach wie vor eine gro\u00dfe Fangemeinde besitzt, die allerdings nie etwas \u00fcber seine Leistungen aussagen kann, sondern sich nur auf inhaltsleere Allgemeinpl\u00e4tze\u00a0wie &#8222;Der hat wenigstens Format&#8220; oder &#8222;Der ist ein guter Typ&#8220; beruft), Leistungen, f\u00fcr die nichts bezahlt wird, k\u00f6nnen auch nichts wert sein, genauso wie Dinge, die umsonst sind (als Blogger erlebt man das st\u00e4ndig, dass die eigenen unentgeltlich erbrachten Recherchen\u00a0weniger gesch\u00e4tzt werden als ein schnell hingeklatschter Artikel in einem Hochglanzleitmedium). Auch das oft standardisiert angewandte Totschlagargument &#8222;Du bist ja nur neidisch&#8220; (hierzu verfasste ich schon mal einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1406\" target=\"_blank\">Artikel hier auf unterstr\u00f6mt<\/a>) zielt in diese Richtung, weil der Neid ja nun mal sehr stark materiell und damit monet\u00e4r gepr\u00e4gt ist. Die negative Seite dessen, dass Geld n\u00e4mlich durchaus den Charakter verdirbt (siehe diesen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=1076\" target=\"_blank\">unterstr\u00f6mt-Artikel<\/a> zu dem Thema), bleibt dabei leider meistens auf der Strecke &#8230;<\/p>\n<p>Insofern ist es ausgesprochen sinnvoll, Geld als das zu sehen, was es ist: ein Hilfsmittel. In der Praxis stellt man allerdings auch recht schnell fest, wie man an Grenzen st\u00f6\u00dft, wenn man diesen G\u00f6tzen derart zu entmystifizieren versucht.<\/p>\n<p><strong>2. Die M\u00e4rkte<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Die M\u00e4rkte m\u00fcssen beruhigt werden!&#8220; &#8222;Das Vertrauen der M\u00e4rkte muss wiedergewonnen werden!&#8220; Solche und \u00e4hnliche S\u00e4tze h\u00f6rt man immer wieder von Politikern und sogenannten Wirtschaftsexperten, zumal seit der Finanzkrise von 2008. Ehrfurcht, Angst und Demut\u00a0schwingen in diesen Aussagen mit, und man k\u00f6nnte sich wirklich vorstellen, dass vor irgendwelchen Opfergaben in archaischen Kulturen etwas in dieser Richtung gesagt wurde, nur dann eben bezogen auf den Gott, dem gerade geopfert werden soll.<\/p>\n<p>Stellt sich die Frage, wer oder was denn da diese M\u00e4rkte \u00fcberhaupt sind. Mit dem alle bekannten Marktplatz, auf dem Waren angeboten werden, hat das n\u00e4mlich nur noch wenig zu tun, sondern vielmehr ist hiermit die Finanzindustrie gemeint bzw. deren Tummelplatz. Immer kompliziertere Finanzprodukte werden sich ausgedacht, es wird gewettet und gegengewettet auf Teufel komm raus, und der Hochfrequenzhandel, bei dem es darum geht, den schnellsten Rechner an der schnellsten Leitung zu haben, um sich in Gesch\u00e4fte anderer reinh\u00e4ngen zu k\u00f6nnen und so einen Gewinn abzustauben, bildet dann noch die Spitze dieses grotesken Spielcasinos.<\/p>\n<p>Das Problem dabei: Das Geld, was dort an Gewinnen durch ein paar Mouseclicks eingestrichen wird, muss irgendwie und von irgendjemandem erarbeitet werden, und auf diese Weise schl\u00e4gt dann die Casinowelt auf die reale Wirtschaft durch, indem dieser Geld entzogen wird und Menschen nicht nur f\u00fcr ihr eigenes Einkommen, sondern eben auch f\u00fcr die Kapriolen der Finanzindustrie arbeiten. N\u00fcchtern betrachtet, ist das ein ziemlich absurder Mechanismus, der sich keiner allzu gro\u00dfen Zustimmung erfreuen d\u00fcrfte, also muss hier ein Popanz aufgebaut werden, der das Ganze verschleiert: &#8222;die M\u00e4rkte&#8220;!<\/p>\n<p>Und so haben wir auch hier eine Umkehrung der Funktion einer Sache: M\u00e4rkte waren fr\u00fcher mal Pl\u00e4tze, die den Menschen zum Austausch von Waren dienten, Banken waren fr\u00fcher mal Dienstleister, die das Geld von Menschen und Betrieben verwalteten und diesen bei Bedarf Kredite zur Verf\u00fcgung stellten. Mittlerweile dient die gesamte Realwirtschaft der Finanzindustrie, also &#8222;den M\u00e4rkten&#8220;, und dies wird auch gar nicht mehr infrage gestellt. Am deutlichsten wurde dies bei der Bankenrettung nach dem Finanzcrash von 2008, als augenblicklich weltweit Hunderte von Milliarden an Steuergeldern, also Gelder der Allgemeinheit, ausgegeben wurden, um Finanzkonzerne, die sich verspekuliert hatten, vor dem Bankrott zu bewahren. Und wie selbstverst\u00e4ndlich m\u00fcssen die Haushaltsdefizite, die dadurch bei vielen Staaten extrem anstiegen, dann von der realen Wirtschaft und den Menschen in diesen\u00a0Staaten ausgeglichen werden. Das Ganze funktioniert nat\u00fcrlich nur durch eine \u00dcberh\u00f6hung die oben schon angesprochene Verschleierung durch den omin\u00f6sen Begriff &#8222;die M\u00e4rkte&#8220;, der ja zumindest ein bisschen so klingt, als h\u00e4tte der mit uns allen was zu tun.<\/p>\n<p>Wer sich ein bisschen weitergehend \u00fcber die Macht, die der G\u00f6tze &#8222;die M\u00e4rkte&#8220; mittlerweile \u00fcber die Politik hat, informieren m\u00f6chte, dem sei an dieser Stelle noch einmal die 43-min\u00fctige <em>ARD<\/em>-Dokumentation <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=p1ZVEbwVjaM\" target=\"_blank\">Geld regiert die Welt &#8211; Die Macht der Finanzkonzerne<\/a> empfohlen.<\/p>\n<p><strong>3. Technologie<\/strong><\/p>\n<p>Technologische Entwicklungen waren eigentlich meistens eine tolle Sache, da sie das Leben der meisten Menschen verbesserten oder erleichterten. Wer beispielsweise in ferner Vorzeit einen Pflug zur Verf\u00fcgung hatte, der konnte sein Feld schneller bestellen, als nur mit der Hacke, und hatte so mehr Zeit f\u00fcr andere Dinge, zudem war die Arbeit nicht so beschwerlich. So konnte die Produktivit\u00e4t von Beginn der Industrialisierung an zunehmend gesteigert werden, und gleichzeitig verbesserten sich die Arbeitsbedingungen und der Wohlstand der arbeitenden Bev\u00f6lkerung. Technologie war also ein angenehmes und effektives Hilfsmittel.<\/p>\n<p>Seit 30, 40 Jahren sieht das nun anders aus: Der neoliberale Marktradikalismus, der in dieser Zeit zur dominanten Ideologie der meisten Industriestaaten wurde, bewirkte auch hier eine Umkehr der Sichtweise, da technologische Entwicklung mittlerweile in erster Linie zur Gewinnmaximierung einiger weniger genutzt wird und sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen der meisten Arbeitnehmer zusehends verschlechtern: Von der 35-Stunden-Woche, die in den 80er-Jahren noch ein Thema war (und teilweise auch schon umgesetzt wurde) sind wir weit entfernt, Weihnachts- und Urlaubsgeld wurde in viele Betrieben gestrichen, befristete Arbeitsvertr\u00e4ge sowie Zeit- und Leiharbeit sind Massenph\u00e4nomene geworden, immer mehr Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze und die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Technologische Entwicklung dient also nicht mehr einem Gro\u00dfteil der Menschen, sondern hat sich quasi verselbstst\u00e4ndigt.<\/p>\n<p>Trotzdem wird Technologie als eine Art Allheilmittel angesehen, und hier offenbart sich dann auch deren G\u00f6tzencharakter: Gerade neulich durfte ich in einer Facebook-Diskussion erleben, wie von jemandem fabuliert wurde, was demn\u00e4chst alles automatisiert ablaufen k\u00f6nnte, sodass man daf\u00fcr keine Menschen mehr braucht. Das w\u00e4re ja auch alles gut und sch\u00f6n, wenn diese Entwicklung denn mit entsprechenden gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen einherginge. Diese werden allerdings nicht mitgedacht, sondern die Bev\u00f6lkerungsteile, die so ihre Arbeit verlieren w\u00fcrden, werden von den herrschenden Eliten nur als \u00fcberfl\u00fcssig angesehen, als Gruppe, die h\u00f6chstens noch als Konsumenten von Billigwaren interessant sein k\u00f6nnte. Die Anspr\u00fcche der Menschen werden auf diese Weise also der Technologie untergeordnet, technologische Entwicklungen werden forciert, ohne dass infrage gestellt wird, ob diese denn \u00fcberhaupt gesellschaftskonform sind und der Allgemeinheit tats\u00e4chlich einen Nutzen bringen.<\/p>\n<p>Als Resultat haben wir Technologie, die viele Menschen \u00fcberfordert, die selbst nicht genutzt wird, sondern das Nutzerverhalten bestimmt (Smartphones und Fernsehen als Beispiele), und die Menschen schlichtweg \u00fcberfl\u00fcssig macht. W\u00fcrde die Technologie dem Menschen dienen und nicht der Mensch dem G\u00f6tzen Technologie, dann h\u00e4tten wir heute Vollbesch\u00e4ftigung bei deutlich geringen Arbeitszeiten (mit vollem Lohnausgleich), da so die technologisch bedingte Produktivit\u00e4tssteigerung dann tats\u00e4chlich den \u00a0arbeitenden Menschen zugutek\u00e4me. Da dies allerdings von den sogenannten Eliten nicht gew\u00fcnscht ist (denn es w\u00fcrde ja ihre Gewinne schm\u00e4lern), wird Technologie als Selbstzweck deklariert, bei dem zuweilen noch ein paar Br\u00f6ckchen abfallen, die dann kultische Verehrung erfahren bei der breiten Masse (&#8222;Das neue iPhone ist da!&#8220;).<\/p>\n<p><strong>4. Kultur<\/strong><\/p>\n<p>Auch im kulturellen Bereich haben wir es mittlerweile mit einer g\u00f6tzengleichen Verehrung zu tun, die abgekoppelt ist von der eigentlichen Bedeutung von Kultur. Das eklatanteste Beispiel daf\u00fcr sind Castingshows, in denen Teilnehmer von Beginn an als &#8222;Superstars&#8220; o. \u00c4. tituliert werden &#8211; ohne \u00fcberhaupt irgendeine herausragende Leistung erbracht zu haben.<\/p>\n<p>Der &#8222;normale&#8220; Weg hin zum Star ist ja eigentlich genau andersrum: Jemand erbringt eine au\u00dferordentliche Leistung, und das auch \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg, sodass seine Anh\u00e4ngerschaft stetig gr\u00f6\u00dfer wird und schlie\u00dflich die Bezeichnung &#8222;Star&#8220; angemessen erscheint, um dies zu w\u00fcrdigen.\u00a0Heutzutage erleben wir eine inflation\u00e4re Vergabe dieser Bezeichnung, die dann ja auch mit einer entsprechenden Verehrung einhergeht. Diese Stars werden eben nicht mehr von den Menschen als solche erkoren, sondern ihnen quasi &#8222;von oben&#8220; pr\u00e4sentiert (und meistens genauso schnell wieder fallen gelassen, wie sie aufgebaut wurden). Es geht also bei Castingshows gar nicht mehr um die Musik, sondern nur noch um die Person, die dann verehrt werden soll, wenn sie sich als guter Reproduzent vorgegebener\u00a0Hits erweist und ein entsprechendes Image vertritt. Klar, G\u00f6tzen brauchen ja auch eher ein Gesicht bzw. eine Gestalt und keine nachweisbaren Eigenschaften, die sich in der Realit\u00e4t auswirken.<\/p>\n<p>Auch die sogenannten It-Girls sind ein Beispiel f\u00fcr diese personifizierte G\u00f6tzenkultur, denn diese haben h\u00e4ufig \u00fcberhaupt nichts an besonderer Leistung vorzuweisen und werden trotzdem verehrt (als krasses Beispiel Paris Hilton, die trotz absto\u00dfender Charakterz\u00fcge eben sehr reich geboren wurde und insofern Glamour repr\u00e4sentiert, der f\u00fcr viele Menschen anziehend wirkt). Immer wieder versuchen sich solche Gestalten dann ja auch an kultureller Produktion, sei es als Schauspielerin oder als S\u00e4ngerin, wobei das Resultat in der Regel ausgesprochen d\u00fcrftig ausf\u00e4llt &#8211; was aber dem Personenkult oft noch nicht einmal abtr\u00e4glich ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie man an diesen vier Beispielen sehen kann, wird die Rationalit\u00e4t zunehmend aus dem Alltagsleben der Menschen verdr\u00e4ngt, was ja aber auch ein zentraler Aspekt von Religion ist: Bete etwas an, Du musst auch gar nicht verstehen, warum das so ist! Dies steht nat\u00fcrlich dem Bild des aufgekl\u00e4rten-m\u00fcndigen B\u00fcrgers komplett\u00a0entgegen, der Dinge, Ideen und Kultur eigentlich nutzen sollte, um sich sein eigenes Leben selbstbestimmt angenehmer zu gestalten. Bl\u00f6derweise wird dieser m\u00fcndige B\u00fcrger immer noch vonseiten der neoliberalen Agitatoren als gegeben postuliert, wenn es darum geht, dass die Menschen gesch\u00fctzt werden m\u00fcssen, beispielsweise vor irref\u00fchrender Werbung, falschen Produktangaben oder ungesunden Nahrungsmitteln. Doch wer es gewohnt ist, st\u00e4ndig G\u00f6tzen zu verehren, dem muss man nur Dinge mit einer g\u00f6tzenhaften Aura pr\u00e4sentieren, und schon wird auch das kritische und logische Denken eingestellt. Und das ist schlie\u00dflich genau das, was den herrschenden Eliten vortrefflich nutzt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Jahren konnte ich feststellen, dass in Politik und Wirtschaft eine zunehmende Irrationalit\u00e4t um sich greift: Sachen, die augenf\u00e4llig schieflaufen (zum Beispiel die den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern aufoktroyierte Austerit\u00e4tspolitik), werden weiter betrieben und als alternativlos bezeichnet &#8211; wobei es ja in einer Demokratie immer auch diskussionsw\u00fcrdige Alternativen geben sollte -, Politik l\u00f6st sich immer mehr von Inhalten, sodass Menschen Parteien w\u00e4hlen, die genau gegen ihre eigenen Interessen handeln, und der Neoliberalismus ist ein unumst\u00f6\u00dfliches Dogma geworden, auch wenn sein Scheitern \u00fcberall zu beobachten ist (schrumpfendes Wachstum, steigende Arbeitslosenzahlen, stetig wachsende Ungleichheit, fortschreitende Zerst\u00f6rung der Umwelt). 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