{"id":30532,"date":"2025-04-16T15:54:48","date_gmt":"2025-04-16T13:54:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=30532"},"modified":"2025-04-16T15:54:48","modified_gmt":"2025-04-16T13:54:48","slug":"ein-fuer-unsere-zeit-typisches-gespraech","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=30532","title":{"rendered":"Ein f\u00fcr unsere Zeit typisches Gespr\u00e4ch &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>&#8230; f\u00fchrte ich am vergangenen Sonnabend im Backstagebereich einer Konzert-Location, wo ich mit meiner Band gespielt habe.<\/p>\n<p>Inhaltlich war das auch recht harmlos, es ging um Musik, was ja nun nicht so verwunderlich ist, wenn viele Musiker auf einem Haufen sitzen.<\/p>\n<p>Wir hatten unsere Auftritt absolviert und sa\u00dfen nun im Backstageraum, um ein bisschen was zu trinken und den Gig Revue passieren zu lassen. Ein etwas \u00e4lterer Mann, ich sch\u00e4tze mal, dass er so in den 50ern oder Anfang 60 war, kam herein. Er sagte, er w\u00e4re auch Mitglied des Vereins, der das Konzert veranstaltete, und wollte sich nur mal etwas hinsetzen, da er R\u00fcckenprobleme hatte.<\/p>\n<p>Wir kamen ins Gespr\u00e4ch, und irgendwann meinte er, dass es ja heutzutage gar keine wirklich neue Musik mehr g\u00e4be. Dem widersprachen unser Schlagzeuger und ich und nannten ein paar Beispiele von Bands und Musikern, die sehr wohl Musik machen, die man so vor zehn oder 20 Jahren noch nicht geh\u00f6rt hat. Wenig \u00fcberraschend schienen ihnen diese Namen alle nichts zu sagen, dennoch fuhr er recht unbeirrt fort, dass ja Techno im Prinzip das letzte Mal gewesen sei, dass wirklich etwas komplett Neues in der Musik passierte. Vor allem machte er dies an den hohen Beatzahlen und daran, dass dabei oft nicht gesungen wird fest.<\/p>\n<p>Wir erwiderten daraufhin, dass ja selbst klassische Musik vielfach ohne Gesang auskommt, dass es auch genug Rockmusik ohne Gesang gibt (ich nannte Mogwai als Beispiel, die er allerdings auch nicht kannte) und dass Techno ja auch nicht aus dem luftleeren Raum k\u00e4me, sondern eben auf elektronischer Musik aufbaute, die es zuvor schon gab, beispielsweise von Tangerine Dream, Kraftwerk oder DAF.<\/p>\n<p>Das nahm er allerdings nicht so zur Kenntnis und blieb dabei, dass Techno in den 90ern das letzte Mal gewesen sei, dass es richtig neue Musik gab.<\/p>\n<p>Ich versuchte dann noch anzubringen, dass es ja auch so was wie Post Rock gibt und dass im extremen Metal-Bereich sehr viel Neues geschah (und immer noch geschieht) in diesem Jahrtausend, aber darauf meinte er, dass man ja das einfach nur mit Begriffen bezeichnen k\u00f6nnte, die schon vorhanden sind. Und dass da eben auch nur bereits existierende Musikstile kombiniert w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Das ist nun allerdings im Grunde immer der Fall gewesen, auch bei Musikstilen, die er als damalige Neuerung bezeichnet: Rock &#8217;n&#8216; Roll beispielsweise ist durch die Kombination von wei\u00dfer Country-Musik und schwarzem st\u00e4dtischen Blues entstanden. Und Country entwickelte sich aus dem Bluegrass, der wiederum stark von irischer und anderer europ\u00e4ischer Volksmusik beeinflusst war. Auch Blues war nicht auf einmal so da, sondern hat seine Wurzeln in Worksongs von vor allem Afroamerikanern, die auch das betont Perkussive der Musik aus ihrer afrikanischen Heimat mitgebracht haben.<\/p>\n<p>Wenn man es also genau betrachtet, dann kann man Musik immer darauf zur\u00fcckf\u00fchren, dass in archaischer Vorzeit mal Menschen auf Gegenst\u00e4nde geklopft oder dort reingepustet und dazu dann gesungen haben.<\/p>\n<p>Und am anderen Ende der Skala findet sich dann die Neue Musik, die bereits in Form von Zw\u00f6lftonmusik und anderen atonalen Auspr\u00e4gungen die Grenzen des H\u00f6rbaren ausgelotet hat. Aus harmonischer Sicht k\u00f6nnte man h\u00f6chstens noch etwas Neues da hinzuf\u00fcgen, wenn man die T\u00f6ne nutzen w\u00fcrde, die zwischen zwei Halbt\u00f6nen sind. Aber das w\u00e4re dann etwas, was unseren H\u00f6rgewohnheiten ziemlich entgegenstehen d\u00fcrfte, sodass so eine Musik (was ja auch schon bei der Neuen Musik, die doch recht wenig rezipiert wird) eher einen theoretischen Wert h\u00e4tte als einen praktischen Gebrauchsnutzen f\u00fcr eine breitere H\u00f6rerschaft.<\/p>\n<p>Das h\u00e4tte man alles wunderbar diskutieren k\u00f6nnen, aber dazu kam es nicht, denn der Backstagebesucher h\u00f6rte im Grunde \u00fcberhaupt nicht zu, wenn auf seine Fragen geantwortet wurde, obwohl er genau das eigentlich vorgab: &#8222;Sag mir doch mal, was es da Neues gibt nach Techno, ich w\u00e4re ja froh, wenn es da was g\u00e4be!&#8220;<\/p>\n<p>Es stellte sich heraus, dass er offenbar seit den 1990er-Jahren nicht mehr wirklich aktiv Musik geh\u00f6rt hat, sodass er grunds\u00e4tzlich bei allem, was wir ihm an Bands und Musikern nannten, nur meinte, das alles nicht zu kennen. Und das war&#8217;s dann auch. Keine Frage, was die denn so machen w\u00fcrden, was an der Musik denn f\u00fcr uns neu w\u00e4re, was denn beispielsweise so was wie Post Rock \u00fcberhaupt sein w\u00fcrde &#8211; vielmehr fing er immer wieder an, seine These, dass es ja keine neue Musik mehr geben w\u00fcrde, in verschiedenen Ausschm\u00fcckungen zu wiederholen.<\/p>\n<p>Auch auf musikhistorische \u00c4u\u00dferungen zur Entstehung von Musikstilen ging er nicht weiter ein. Irgendwann war ich dieses Gespr\u00e4chs dann \u00fcberdr\u00fcssig und suchte mir eine andere Besch\u00e4ftigung.<\/p>\n<p>Wie weiter oben schon gesagt: ein im Grund harmloses und recht unverbindliches Thema. Aber das Gespr\u00e4chsverhalten finde ich dann eben schon sehr bezeichnend f\u00fcr unsere Zeit.<\/p>\n<p>Da stellt man also eine These in den Raum, und wenn sich dann andere Gespr\u00e4chsteilnehmer anschicken, dieses These zu widerlegen oder von mir aus auch nur auszudifferenzieren, dann wird nicht mehr zugeh\u00f6rt. Dabei tritt dann zutage, dass sogar recht wenig Wissen von der Materie vorhanden ist, wobei dann aber auch keine Anstalten gemacht werden, den eigenen Horizont eventuell mal ein bisschen zu erweitern.<\/p>\n<p>Was dann bei einem Gespr\u00e4ch \u00fcber Musik nur zu einem leichten Kopfsch\u00fctteln f\u00fchrt, ist nat\u00fcrlich schon deutlich ernster zu nehmen, wenn es um relevantere politische oder gesellschaftliche Themen geht. Denn in solchen Diskussionen tritt dieses Gespr\u00e4chsverhalten n\u00e4mlich genauso auf: Es wird etwas behauptet, und wenn dann Gegenargumente kommen, wird entweder nicht mehr zugeh\u00f6rt oder es kommt raus, dass der Behauptungsaufsteller gar nicht so richtig viel Ahnung von der Thematik hat und sich seine Einsch\u00e4tzung auf veraltetes, zu oberfl\u00e4chliches oder gar falsches Wissen st\u00fctzt. Aber auch dann zeigt sich wenig Bereitschaft, sich mit neu vorgebrachten Aspekten auseinanderzusetzen und daraufhin dann seine Ansicht zu \u00fcberdenken, an die neu hinzugekommen Informationen anzupassen oder gegebenenfalls sogar zu revidieren.<\/p>\n<p>Was beim Thema Musik h\u00f6chstens ein bisschen \u00e4rgerlich ist, wird dann bei anderen Themen, die den Diskutanten wichtiger sind, zu etwas, was die Diskussionskultur untergr\u00e4bt, da es in Diskursen ja genau darum geht: Argumente gegeneinander abzuw\u00e4gen, neu hingekommene Informationen in bereits vorhandenes Wissen einzubauen und dann Standpunkte auf ihre Tauglichkeit hin zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Das fand nun alles bei der Backstagebekanntschaft so gar nicht statt, und leider erlebe ich auch immer wieder, dass bei anderen Themen so abl\u00e4uft. Die F\u00e4higkeit zum Zuh\u00f6ren hat leider offenbar massiv abgenommen in den letzten Jahren, genauso wie das Interesse, das eigene Wissen nicht als unumst\u00f6\u00dflich anzusehen, sondern sich offen f\u00fcr neuen Wissensinput zu zeigen, selbst wenn dieser erst mal nicht mit dem eigenen Standpunkt \u00fcbereinstimmt.<\/p>\n<p>Warum das so ist? Keine Ahnung, vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass die meisten Menschen mittlerweile vor allem um sich selbst und ihre personalisierte digitale Umgebung kreisen, sodass kaum noch etwas wirklich Neues an sie herankommt. Aber das ist nun nur eine Vermutung &#8230;<\/p>\n<p>In jedem Fall sollte man zusehen, nicht in diese Gespr\u00e4chsmuster zu verfallen. Und daf\u00fcr w\u00e4re es vor allem wichtig, wieder mehr zuzuh\u00f6ren und nicht nur selbst reden zu wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; f\u00fchrte ich am vergangenen Sonnabend im Backstagebereich einer Konzert-Location, wo ich mit meiner Band gespielt habe.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[52],"tags":[284],"class_list":["post-30532","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-soziales","tag-diskussionsverhalten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30532","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30532"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30532\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30537,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30532\/revisions\/30537"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30532"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30532"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30532"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}