{"id":30567,"date":"2025-05-09T11:09:49","date_gmt":"2025-05-09T09:09:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=30567"},"modified":"2025-05-09T11:09:49","modified_gmt":"2025-05-09T09:09:49","slug":"der-wunsch-nach-einer-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=30567","title":{"rendered":"Der Wunsch nach einer Perspektive"},"content":{"rendered":"<p>Die AfD-Bundespartei ist nun laut Verfassungsschutzgutachten gesichert rechtsextremistisch &#8211; und dennoch haben die Blaubraunen nach wie vor viele Anh\u00e4nger. Woran k\u00f6nnte das liegen? Ich hab da so eine Idee &#8230;<\/p>\n<p>Es gibt ja viele Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze f\u00fcr die Wahlerfolge der AfD: Einige betonen da ostdeutsche Spezifit\u00e4ten, andere (z. B. <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2025\/april\/mit-emotionen-gegen-populismus\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>) verweisen auf die emotionale Ansprache, die leichter und schneller verf\u00e4ngt als eine rein sachliche Thematisierung von politischen Inhalten. Und dann gibt es nat\u00fcrlich auch noch den verbreiteten (mehr oder weniger) latenten Rassismus, der von der AfD bestens getriggert wird.<\/p>\n<p>Zudem wird ja auch immer wieder behauptet (und allerdings auch schon \u00f6fter widerlegt), dass die Menschen die AfD als Protestpartei w\u00e4hlen w\u00fcrden. Daf\u00fcr spricht die generelle Abwertung der anderen Parteien, die h\u00e4ufig als &#8222;Altparteien&#8220; oder &#8222;Kratellparteien&#8220; bezeichnet werden. Doch m. E. kann man hieraus auch noch etwas anderes herauslesen, n\u00e4mlich eine Entt\u00e4uschung von einer Politik, die nicht an die wirklichen Probleme herangeht: Mietenexplosion, zunehmende Armut, immer mehr ausufernder Reichtum weniger, verfallende Infrastruktur, zunehmend schlechtere Leistungen ehemaliger Dienstleister in \u00f6ffentlicher Hand (Bahn, Post, Krankenh\u00e4user usw.).<\/p>\n<p>Diese ganzen Probleme h\u00e4nge nat\u00fcrlich miteinander zusammen, denn sie sind Folgen der neoliberalen Wirtschaftspolitik. Dazu kommt dann noch das Riesenproblem der Klimakrise, das jedoch von AfD-W\u00e4hlern \u00fcberwiegend komplett geleugnet wird. Und das finde ich dann ziemlich bezeichnend, denn dieses Problem ist ja von allen das mit Abstand komplexeste, was letztlich vor allem global gel\u00f6st werden muss. Auch wenn nat\u00fcrlich einzelne Staaten schon selbst viel dazu beitragen k\u00f6nnen &#8211; oder besser: k\u00f6nnten -, um die Klimakatastrophe etwas abzumildern.<\/p>\n<p>Mit Komplexit\u00e4t scheinen es AfD-Anh\u00e4nger n\u00e4mlich nicht so recht zu haben, die stehen eher auf einfache L\u00f6sungen. Wenn man ihnen nun also erkl\u00e4rt, dass viele Missst\u00e4nde auf unser Wirtschaftssystem zur\u00fcckzuf\u00fchren sind und daher umfassender \u00c4nderungen an der Art und Weise, wie wir leben, bed\u00fcrfen, dann schalten die schon oft bei solchen Aussagen ab. Das mag jetzt etwas borniert klingen, aber tats\u00e4chlich ist ja schon seit L\u00e4ngerem bekannt, dass Konservative eher weniger intelligent sind als Progressive (s. beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/intelligenz-und-evolution-konservative-haben-geringeren-iq-a-680956.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Klar: Um an etwas bereits Vorhandenem festzuhalten, braucht es weniger Fantasie, Kreativit\u00e4t, Vorstellungsverm\u00f6gen und weitere kognitive Eigenschaften, als wenn man sich auf etwas Neues einlassen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Und dann kommt ja auch dazu, dass eben von den meisten etablierten Parteien (zumindest von den neoliberalen), auch keine wirklichen L\u00f6sungen angeboten werden, um diesen zwangsl\u00e4ufig aus dem Neoliberalismus folgenden Entwicklungen Einhalt zu gebieten. Weswegen von diesen Parteien eben seit Jahren auch nur so etwas wie Durchhalteparolen und leere Versprechungen kommen, und das f\u00fchrt dann eben zu zunehmender Entt\u00e4uschung.<\/p>\n<p>Entt\u00e4uschung, die immer wieder wiederholt wird, wird dann irgendwann zu Perspektivlosigkeit, und wer keine Perspektive hat, radikalisiert sich sehr oft (politisch oder religi\u00f6s), gerade auch, wenn er an einfachen L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen interessiert ist. Insofern sollte man sich da \u00fcber die zunehmende offen zur Schau gestellte Verrohung von AfD-J\u00fcngern, aber auch zunehmend von CDU\/CSU-W\u00e4hlern, nicht wundern.<\/p>\n<p>Den Menschen werden seit Jahren auf allen m\u00f6glichen Kan\u00e4len neoliberale Mantras wie &#8222;Jeder ist seines Gl\u00fcckes Schmied&#8220; und &#8222;Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht&#8220; eingetrichtert. Wenn nun also jemand kommt und die Misere der Menschen, die zweifellos aufgrund der oben bereits aufgez\u00e4hlten Probleme immer h\u00e4ufiger auftritt, nicht ihnen selbst, sondern einem S\u00fcndenbock zuschreibt, dann wird das gern und mit Erleichterung aufgenommen.<\/p>\n<p>AfD-W\u00e4hler, die also oft \u00fcberfordert von den vielfachen und miteinander korrespondierenden Krisen, oft aber auch genau unter diesen leidend sind, werden nun dank der AfD aus ihrer Perspektivlosigkeit herausgerissen. Statt &#8222;Man kann ja eh nichts \u00e4ndern&#8220; und &#8222;Die da oben machen sowieso, was sie wollen&#8220;, hei\u00dft es nun auf einmal: &#8222;Ausl\u00e4nder raus, dann wird alles gut!&#8220;<\/p>\n<p>Das stimmt nat\u00fcrlich hinten und vorn nicht, denn Nichtdeutsche tragen viel zum kulturellen und wirtschaftlichen Leben in Deutschland bei, zudem war Deutschland schon immer ein Transitland, was auch aufgrund der Lage mitten im Kontinent nicht weiter verwunderlich ist. Aber dennoch haben die frustrieren AfD-W\u00e4hler jetzt wenigstens eine Perspektive. Denn die Grenzen zu schlie\u00dfen, Gefl\u00fcchtete abzuschieben und Menschen, die ihnen nicht deutsch genug vorkommen, als B\u00fcrger zweiter Klasse zu behandeln (und daher bei Nichtgefallen auch ausweisen zu k\u00f6nnen), das ist etwas, was AfD-Fans schon als greifbares Ziel wahrnehmen k\u00f6nnen &#8211; deutlich mehr zumindest, als wenn man von anderen Wirtschaftsmodellen (wie Gemeinwohl\u00f6konomie, Wirtschaftsdemokratie, Fundamental\u00f6konomie, Degrowth-Konzepten u. \u00c4.) spricht oder eine Energie- mit der damit zusammenh\u00e4ngenden Verkehrswende sozialvertr\u00e4glich voranbringen m\u00f6chte. Zumal ja diese komplexen Themen auch kaum von der Politik beackert werden, man sich da eher in Pseudol\u00f6sungen ergeht, die dann auch noch von BILD und Co. regelm\u00e4\u00dfig schlechtgeredet werden.<\/p>\n<p>Bei der Ausweisung von Gefl\u00fcchteten ist das hingegen was ganz anderes, denn das wird ja schon st\u00e4ndig praktiziert von Bundes- und Landesregierungen, und das alles ohne AfD-Beteiligung. Genauso wird nat\u00fcrlich andauernd von Politik und Medien Migration generell als etwas Problematisches und Unsicherheit stiftendes gekennzeichnet, und das ergibt dann f\u00fcr die AfD-W\u00e4hler eine stimmige Perspektive: Wenn die Ausl\u00e4nder erst mal weniger sind, dann wird alles andere auch besser. Insofern w\u00e4hlen sie die AfD auch nicht trotz des von der Partei offen propagierten Rassismus, sondern gerade deswegen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich w\u00fcrden dann die Mieten nicht sinken, genauso wenig wie die Energie- und Lebensmittelpreise (erst recht nicht, wenn man statt auf erneuerbare auf teure fossile Energietr\u00e4ger setzt, was ja die AfD auch gern m\u00f6chte), und die ohnehin schon ziemlich gute Sicherheitslage w\u00fcrde mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit auch nicht besser, wenn sich Bundespolizisten um \u00fcberwiegend harmlose Gefl\u00fcchtete statt um \u00fcberwiegend nicht harmlose Kriminelle k\u00fcmmerten. Aber das ist dann schon wieder ein n\u00e4chster Schritt, den AfD-W\u00e4hler gedanklich nicht mitgehen.<\/p>\n<p>Und das Fatale ist ja: Wenn eine Partei wie die AfD erst mal an der Regierung w\u00e4re, dann w\u00fcrden sich zwar ihre ganzen sch\u00f6nen Versprechungen recht z\u00fcgig als Schall und Rauch erweisen, aber sie k\u00f6nnten eben auch entsprechend das Gemeinwesen umbauen, um sich weiterhin an der Macht zu halten. Sieht man ja in Ungarn und den USA, wie so was geht, und auch die rechtsextreme PiS in Polen hat alles darangesetzt, um nicht abgew\u00e4hlt werden zu k\u00f6nnen &#8211; auch wenn das dann ja zum Gl\u00fcck doch geschehen ist. Insofern ist es dann meistens zu sp\u00e4t, wenn klar wird, dass die von Rechtsextremen angebotene Perspektive in Wahrheit gar keine war.<\/p>\n<p>Daraus ergibt sich nun aber auch, was man machen k\u00f6nnte, um der AfD entgegenzutreten: den Menschen Perspektiven aufzeigen. Und zwar solche, die \u00e4hnlich absehbar und leicht nachzuvollziehen sind wie der Quatsch, den Rechte propagieren. Nur eben mit dem Unterschied, dass diese Perspektiven auch tats\u00e4chlich eine f\u00fcr die meisten Menschen positive Wirkung zeitigen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Da w\u00fcrde mir schon einiges einfallen, was man da machen k\u00f6nnte. Beispielsweise Wohnraumleerstand st\u00e4rker bek\u00e4mpfen oder leer stehende B\u00fcros in Wohnungen umwidmen. Damit w\u00fcrden dann voraussichtlich die Mieten sinken, zumal wenn man dann noch eine wirksame Mietpreisbremse oder sogar einen Mietendeckel implementieren w\u00fcrde. Wenn die Menschen dann merken w\u00fcrden, dass sie weniger Geld f\u00fcr Wohnen ausgeben m\u00fcssten, dann w\u00e4re das nicht nur ein positiver Effekt f\u00fcr eine optimistischere Stimmung im Lande und kurzfristig bessere Perspektiven f\u00fcr viele, sondern zudem ein Konjunkturprogramm f\u00fcr den Einzelhandel. Oder wenn man auf pflanzliche Grundnahrungsmittel die Mehrwertsteuer aussetzen w\u00fcrde, dann k\u00f6nnten sich die Menschen g\u00fcnstiger und ges\u00fcnder ern\u00e4hren, was auch wieder positive Effekte mit sich bringen w\u00fcrde. Nur mal zwei Beispiele, die zeigen, dass so was kein Zauberwerk sein muss.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4ren das eben auch Ma\u00dfnahmen, die der neoliberalen Ideologie entgegenst\u00fcnden, sodass sie wohl leider weder unter der aktuellen noch unter einer kommenden Bundesregierung (in der dann vermutlich sogar die AfD vertreten w\u00e4re) umgesetzt w\u00fcrden. Denn die Neoliberalen brauchen schlie\u00dflich die AfD, um ihre kaputte Ideologie am Laufen zu halten, wie ich schon Ende 2016 in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6796\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> feststellte.<\/p>\n<p>Insofern wird von denjenigen, die jetzt immer sch\u00f6n schwadronieren, man m\u00fcsse die AfD inhaltlich schlagen und nicht verbieten, auch nichts getan werden, um den Rechtsextremen ihre Masche zu versauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die AfD-Bundespartei ist nun laut Verfassungsschutzgutachten gesichert rechtsextremistisch &#8211; und dennoch haben die Blaubraunen nach wie vor viele Anh\u00e4nger. Woran k\u00f6nnte das liegen? 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