{"id":30796,"date":"2025-06-27T12:15:57","date_gmt":"2025-06-27T10:15:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=30796"},"modified":"2025-06-27T12:15:57","modified_gmt":"2025-06-27T10:15:57","slug":"wir-arbeiten-zu-wenig-nein-zu-viel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=30796","title":{"rendered":"Wir arbeiten zu wenig? Nein, zu viel!"},"content":{"rendered":"<p>Vonseiten der CDU wird ja gerade m\u00e4chtig get\u00f6nt, dass die Deutschen zu faul, zu bequem seien und mehr arbeiten m\u00fcssten (s. <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/reel\/1892856927928496\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Das ist nicht nur ausgesprochen zynisch, sondern auch noch komplett realit\u00e4tsfern.<\/p>\n<p>Aber was k\u00fcmmert Leute wie Jens Spahn, Markus S\u00f6der, Carsten Linnemann oder Friedrich Merz, die in ihrem Leben noch nichts f\u00fcr diese Gesellschaft Produktives geleistet haben, schon die Realit\u00e4t, wenn man doch mit markigen Worten Stimmung machen und so wieder ein bisschen mehr Verachtung f\u00fcr arme Menschen und B\u00fcrgergeldempf\u00e4nger sch\u00fcren kann?<\/p>\n<p>Gerade bei Bundeskanzler Friedrich Merz ist es schon interessant, was Maurice H\u00f6fgen da k\u00fcrzlich in einem <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/reel\/2191706524624204\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reel auf Facebook<\/a> festgestellt hat: In seiner Zeit bei Blackrock hat die Fritzpiepe n\u00e4mlich laut einem ehemaligen Mitarbeiter von ihm wohl nur ein bis zwei Tage die Woche \u00fcberhaupt gearbeitet, und das in erster Linie als Klinkenputzer, weil er gute Kontakte in die Politik hatte aufgrund seiner eigenen politischen T\u00e4tigkeit. Wenn er mal irgendwo einen Vortrag halten sollte, musste er exakt gebrieft werden, weil er von der Materie grunds\u00e4tzlich keine Ahnung hatte und dann auch meistens gar nicht verstanden hat, was er da so daherplappert.<\/p>\n<p>Und so einer will nun den Menschen hierzulande erz\u00e4hlen, dass sie nicht genug arbeiten? Pfui Teufel, das ist wahrlich \u00fcbelster Zynismus von einem Nichtnutz, der sich aufgrund von skrupelloser Karrieregeilheit in ein Amt gebracht hat, f\u00fcr das er bei Weitem nicht das Format oder die Kompetenz hat.<\/p>\n<p>Doch schauen wir mal, wie es denn um die T\u00fcchtigkeit der Deutschen tats\u00e4chlich so bestellt ist. Ich habe n\u00e4mlich den Eindruck, dass wir nicht zu wenig, sondern viel zu viel und das auch noch oftmals zu schlecht (oder sogar gar nicht) bezahlt arbeiten.<\/p>\n<p>Das geht schon los mit der ganzen Care-Arbeit, die unentgeltlich vor allem von Frauen geleistet wird: Kinder gro\u00dfziehen, sich um kranke, pflegebed\u00fcrftige und alte Menschen zu Hause k\u00fcmmern &#8211; daf\u00fcr gibt es leider keine finanzielle Entlohnung, obwohl ohne diese T\u00e4tigkeiten unser Wirtschaftssystem komplett zusammenbrechen w\u00fcrde (s. <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2017\/april\/who-cares\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Doch diese ganzen T\u00e4tigkeiten werden halt nicht in irgendwelchen Excel-Tabellen als Einkommen erfasst und sind somit f\u00fcr nicht gerade differenziert denkende Gestalten wie die oben genannten CDU-Freaks offenbar auch nicht erfassbar und dementsprechend nichts wert.<\/p>\n<p>Zudem muss man wohl davon ausgehen, dass diese Care-Arbeit in den letzten Jahren nicht gerade weniger geworden ist: Kinder sind zunehmend anspruchsvoller, \u00a0aber gleichzeitig oft auch schwieriger, die starke Zunahme von Mobbing erfordert elterliche Kapazit\u00e4ten und Kita-Pl\u00e4tze sind vielfach nicht vorhanden. Die Menschen werden immer \u00e4lter und haben dadurch auch einen h\u00f6heren Pflegebedarf, zumal ja Pl\u00e4tze in Seniorenwohneinrichtungen und Pflegeheimen f\u00fcr viele schlichtweg nicht erschwinglich sind, und Krankenh\u00e4user entlassen Patienten immer fr\u00fcher, weil es sich f\u00fcr sie nicht lohnt, diese zur Nachsorge ein Bett belegen zu lassen, weil es daf\u00fcr dank der Fallpauschalen keine Kohle mehr gibt.<\/p>\n<p>Apropos Kita-Pl\u00e4tze: Viele Menschen, vor allem alleinerziehende Frauen, w\u00fcrde durchaus gern mehr arbeiten (allein schon, um ihre prek\u00e4re finanzielle Situation aufzubessern), k\u00f6nnen das aber nicht, da keine ausreichende Kinderbetreuung angeboten wird. Hierbei gibt es oft den Teufelskreis, dass man nur mit gesicherter Kita-Betreuung einen Vollzeitjob bekommt, die Kita-Betreuung einem allerdings nur dann zugesprochen wird, wenn man diesen Vollzeitjob bereits hat.<\/p>\n<p>Auch bei der Lohnarbeit sieht es nun nicht gerade danach aus, als w\u00fcrden die Menschen da vor allem auf der faulen Haut liegen, wie <em>Watson<\/em> mal in einem Meme zusammengetragen hat:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-30859\" src=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/497520169_122158837214428167_7024570458888176187_n-240x300.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"750\" srcset=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/497520169_122158837214428167_7024570458888176187_n-240x300.jpg 240w, https:\/\/www.unterstroemt.de\/wp-content\/uploads\/497520169_122158837214428167_7024570458888176187_n.jpg 747w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/p>\n<p>Na hoppla! Das liest sich ja nun alles nicht so, als w\u00fcrde eine Forderung nach Mehrarbeit auch nur ansatzweise der Realit\u00e4t angemessen sein.<\/p>\n<p>Und was noch hinzukommt: Bei den zumeist leistungslosen sehr gro\u00dfen Verm\u00f6gen ist von Krise auch nichts zu sp\u00fcren, wie ich letztes Jahr im November schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=29740\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> beschrieb. Die wachsen n\u00e4mlich immer weiter, und auch die Spitzengeh\u00e4lter f\u00fcr Leute im Management (deren T\u00e4tigkeit oft genug nicht nur \u00fcberbezahlt, sondern sogar reichlich \u00fcberfl\u00fcssig ist) steigen und steigen. Und das geht auch munter so weiter, denn ganz aktuell stellt ein <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/finanzen\/superreiche-vermoegen-finanzen-aktien-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel auf <em>tagesschau.de<\/em><\/a> gerade fest, dass die Zahl der Superreichen (also Menschen mit Verm\u00f6gen von mehr als 100 Mio. Dollar) im letzten Jahr um 500 gestiegen ist in Deutschland, zudem gibt es auch 65.000 Million\u00e4re mehr als noch vor einem Jahr.<\/p>\n<p>Das Problem dabei: Diese Menschen arbeiten oftmals nicht f\u00fcr ihr Geld, sondern beziehen Rendite aus Aktien, Mieten oder Unternehmensbeteiligungen. Allerdings m\u00fcssen diese Rendite dennoch von irgendjemandem erarbeitet werden, und daf\u00fcr sind dann diejenigen zust\u00e4ndig, die tats\u00e4chlich einer produktiven Besch\u00e4ftigung nachgehen. Je mehr unproduktive Verm\u00f6gende es also gibt, desto mehr muss dem produktiven Teil der Bev\u00f6lkerung etwas von seinem ihm eigentlich zustehenden Lohn vorenthalten werden. Das f\u00fchrt dann zu L\u00f6hnen, die mit der Preissteigerung nicht mithalten k\u00f6nnen, und zu Arbeitsverdichtung, die sich in \u00dcberstunden oder Burn-out-Erkrankungen niederschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>M\u00fcssten diese enormen Verm\u00f6gen nicht in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe bedient werden, k\u00f6nnte also schon mal generell weniger gearbeitet werden.<\/p>\n<p>Vor allem sind diese gro\u00dfen Verm\u00f6gen nicht nur schlecht f\u00fcr die Konjunktur, weil das fehlende Geld bei den produktiv Arbeitenden die Binnennachfrage schw\u00e4cht, sondern es f\u00fchrt auch dazu, dass es nun schon seit etwa 60 Jahren keine Arbeitszeitverk\u00fcrzung gegeben hat. Und das, obwohl durch die Technisierung die Produktivit\u00e4t best\u00e4ndig gestiegen ist, was nichts anderes hei\u00dft, dass f\u00fcr eine gleich bleibende Wirtschaftsleistung weniger gearbeitet werden m\u00fcsste &#8211; genauso wie f\u00fcr eine wachsende Wirtschaftsleistung, wenn deren Wachstum unter dem Produktionszuwachs bleiben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Arbeitszeitverk\u00fcrzungen gab es in der Zeit von 1825 bis 1965 eigentlich immer mal wieder relativ regelm\u00e4\u00dfig: von 82 Stunden auf 72, dann 60 und 57, nach dem Ersten Weltkrieg auf 48 und schlie\u00dflich auf 40. Dann war in den 1980ern noch mal das Bem\u00fchen vorhanden, die 35-Stunden-Woche einzuf\u00fchren, aber das hat irgendwie nicht so richtig hingehauen, denn die meisten Menschen arbeiten heute Vollzeit immer noch 40 Stunden. Dabei nehmen Maschinen heute den Menschen so viel Arbeit ab wie nie zuvor, viele Vorg\u00e4nge sind durch die Digitalisierung extrem beschleunigt worden (allein schon das Versenden von Dokumenten), und dennoch schl\u00e4gt sich das f\u00fcr die angestellt Arbeitenden nicht in k\u00fcrzerer Arbeitszeit nieder &#8211; obwohl diese durchaus m\u00f6glich w\u00e4re, und das bei vollem Lohnausgleich, wenn eben nicht immer mehr Geld f\u00fcr die stetig wachsende Verm\u00f6gensrendite erwirtschaftet werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Nun kann man nat\u00fcrlich nicht einfach alle Menschen von jetzt auf gleich weniger arbeiten lassen, denn dann w\u00fcrde viel Arbeit liegen bleiben. Hier br\u00e4uchte es also eine etwas umfassendere Organisation und ein Neudenken von Arbeit in unserer Gesellschaft bzw. Volkswirtschaft.<\/p>\n<p>Zurzeit ist es ja so, dass als Arbeit bezeichnet und auch bezahlt wird, was in irgendeiner Form Profit erwirtschaftet (Privatwirtschaft) bzw. was eben einfach von einer Gesellschaft zwingend an Dienstleistungen zu erbringen ist (\u00f6ffentlicher Dienst) &#8211; mal bewusst ganz einfach dargestellt. Allerdings sind viele der profittr\u00e4chtigen Jobs \u00fcberhaupt nicht in dem Sinne produktiv, dass sie einen gesellschaftlichen Nutzen haben &#8211; das sind dann die sogenannten <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/arbeitsmarkt-schwachsinnige-jobs-gut-bezahlt-1.3977468\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bullshit-Jobs<\/a>, und die sind mitunter durchaus auch sehr gut bezahlt. Darunter fallen beispielsweise viele Posten im (mittleren) Management, Investmentbanker und B\u00f6rsenjongleure, die nichts anderes tun, als mit Geld noch mehr Geld zu machen, aber auch eher mies entlohnte Jobs wie in Outbound-Callcentern. Wenn man nun den Arbeitsmarkt entsprechend umstrukturieren w\u00fcrde, dass solche Bullshit-Jobs zunehmend wegfallen und diese Menschen dann sinnvolle T\u00e4tigkeiten aus\u00fcben, dann k\u00f6nnte da mit Sicherheit einiges an Engp\u00e4ssen abgefangen werden.<\/p>\n<p>Zudem g\u00e4be es ja auch noch die M\u00f6glichkeit, die Menschen, die aus ihren L\u00e4ndern zu uns fl\u00fcchten, m\u00f6glichst schnell in Lohn und Brot zu bringen. Dazu w\u00e4ren nat\u00fcrlich Sprachkurse und die Vermittlung von Praktika sehr sinnvoll, zumal ja bisher Asylbewerber sehr lange Zeit \u00fcberhaupt nicht arbeiten d\u00fcrfen. Anstatt also gut ausgebildete Menschen aus anderen L\u00e4ndern abzuwerben und so einen Braindrain zu verursachen, k\u00f6nnte man doch eher die Arbeitskraft derjenigen nutzen, die sowieso schon hierher kommen, weil sie in ihren Heimatl\u00e4ndern in Lebensgefahr schweben oder schlichtweg keine Perspektive f\u00fcr ein ausk\u00f6mmliches Leben haben.<\/p>\n<p>Wenn man dann schaut, welche Arbeit in unsere Gesellschaft als Ganzes so alles anf\u00e4llt und erledigt werden muss, dann kann man zusehen, diese auf die arbeitsf\u00e4higen Menschen zu verteilen. Nat\u00fcrlich nicht mit Zwangszuteilung oder so einem Unfug, sondern schon so, dass die Menschen das arbeiten, was sie gern machen und gut k\u00f6nnen. Die eher nicht so beliebten Jobs, die beispielsweise eint\u00f6nig oder schmutzig sind, m\u00fcssten dann entsprechend gut entlohnt werden, um sie auch attraktiv zu machen.<\/p>\n<p>Was noch hinzuk\u00e4me: Unter \u00f6kologischen Aspekten w\u00e4re es ja auch sinnvoll, generell vom Wachstumsdogma abzur\u00fccken, denn sonst fliegt uns unsere fragile Biosph\u00e4re bald um die Ohren &#8211; Stichwort Klimakrise. Wachstum kann sinnvoll sein, wenn es beispielsweise um neue Techniken geht, die Energie sparen (wobei dann immer der <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2013\/dezember\/der-rebound-effekt-die-illusion-des-gruenen-wachstums\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Rebound-Effekt<\/a> zu ber\u00fccksichtigen ist), ist aber in jedem Fall sch\u00e4dlich, wenn dadurch nur mehr Energie und Ressourcen verbraucht werden &#8211; so wie beispielsweise bei E-Scootern. Durch eine Gesamtschau auf die Wirtschaft und die Arbeitspl\u00e4tze k\u00f6nnte dann auch eine \u00f6kologische, klimafreundliche Ausrichtung gestaltet werden, also weg von immer mehr Verpackungen, unn\u00f6tigen Stromfressern und billigem Plastikrotz hin zu nachhaltig produzierten und verwendbaren G\u00fctern.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2022\/oktober\/raus-aus-der-wachstumsfalle\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ulrike Herrmann hat diesen Gedanken schon mal ausgef\u00fchrt<\/a>, indem sie sich an die britischen Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg orientierte. Dabei geht es dann n\u00e4mlich nicht um eine Art sozialistischer Planwirtschaft (die ja nicht gerade gut funktioniert hat), wie einem oft vorgeworfen wird, wenn man solche Ideen \u00e4u\u00dfert, sondern darum, die St\u00e4rken von freiem Unternehmertum zu nutzen, aber eben einen groben Rahmen vorzugeben f\u00fcr das, was gesellschaftlich sinnvoll ist. Vor allem m\u00fcssen dann auch Bedingungen geschaffen werden, dass Unternehmen wirklich als ebenb\u00fcrtige Konkurrenten mit ihren Produkten und Dienstleistungen antreten k\u00f6nnen, und nicht gro\u00dfe Monopolisten und Kartelle den Markt dominieren, was ja ein wirklich kreatives Unternehmertum verhindert.<\/p>\n<p>Bei einer solchen Gestaltung unseres Wirtschaftssystems, eventuell noch unter Einbeziehung von weiteren Neuerungen wie einem emanzipatorischen B\u00fcrgergeld, einem gerechten Steuersystem, einer Art B\u00fcrgerversicherung f\u00fcr alle, einem Mietpreisdeckel usw., sollte es dann m\u00f6glich sein, dass die Menschen im Schnitt deutlich weniger als jetzt arbeiten m\u00fcssten und dennoch mehr Geld in der Tasche h\u00e4tten. Klingt doch erst mal gar nicht so \u00fcbel, oder?<\/p>\n<p>Auch volkswirtschaftlich w\u00fcrde sich das vermutlich gut rechnen, denn die Sch\u00e4den, die durch die Klimakrise verursacht werden, sind im rein vulg\u00e4rbetriebswirtschaftlichen Denken der CDU (und nat\u00fcrlich auch der FDP und AfD sowie in Teilen eben leider ebenfalls bei SPD und Gr\u00fcnen) schlichtweg nicht als relevante Gr\u00f6\u00dfe vorhanden. Von anderen Synergieeffekten, die sich ebenfalls in der makro\u00f6konomischen Perspektive positiv monet\u00e4r niederschlagen d\u00fcrften (weniger Kita-Betreuung aufgrund von geringer Arbeitszeit, weniger kranke Menschen aufgrund von beruflicher \u00dcberlastung usw.) mal ganz abgesehen.<\/p>\n<p>Allerdings m\u00fcsste man daf\u00fcr mit einigen neoliberal-kapitalistischen Grundprinzipien brechen, und da sehe ich dann das Problem bei der Umsetzung, zumal bei unserer jetzigen Bundesregierung. Also machen Merz und Co. eben das, was in ihrem begrenzten \u00f6konomischen Verst\u00e4ndnis als einzige L\u00f6sung erscheint: Sie fordern, dass mehr gearbeitet werden muss. Das Problem dabei: Mit betriebswirtschaftlich kapitalistischem Denken l\u00f6st man keine volkswirtschaftlichen Probleme, die durch den Kapitalismus verursacht werden.<\/p>\n<p>Zum Abschluss noch ein interessanter Hinweis, der zeigt, dass Merz&#8216; Forderung nach Mehrarbeit schon seit knapp 30 Jahren als Hirngespinst klassifiziert werden m\u00fcssen. In dem interessanten Buch &#8222;Die Globalisierungsfalle&#8220; geht es gleich am Anfang um ein Treffen im September 1995 in San Francisco von hochrangigen (ex-) Politikern und Konzernchefs, bei dem einer der beiden Autoren, Hans-Peter Martin, pers\u00f6nlich anwesend war &#8211; als einer von drei zugelassenen Journalisten. Ich zitiere mal:<\/p>\n<blockquote><p>Kein Raunen geht durch den Raum, den Anwesenden ist der Ausblick auf bisher ungeahnte Arbeitslosenheere eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Keiner der hochbezahlten Karrieremanager aus den Zukunftsbranchen und Zukunftsl\u00e4ndern glaubt noch an ausreichend neue, ordentlich bezahlte Jobs auf technologisch aufwendigen Wachstumsm\u00e4rkten in den bisherigen Wohlstandl\u00e4ndern \u2013 egal, in welchem Bereich.<\/p>\n<p>Die Zukunft verk\u00fcrzen die Pragmatiker im Fairmont auf ein Zahlenpaar und einen Begriff: \u201e20 zu 80\u201c und \u201etittytainment\u201c.<\/p>\n<p>20 Prozent der arbeitsf\u00e4higen Bev\u00f6lkerung w\u00fcrden im kommenden Jahrhundert ausreichen, um die Weltwirtschaft in Schwung zu halten. \u201eMehr Arbeitskraft wird nicht gebraucht\u201c, meint Magnat Washington SyChip. Ein F\u00fcnftel aller Arbeitssuchenden werde gen\u00fcgen, um alle Waren zu produzieren und die hochwertigen Dienstleistungen zu erbringen, die sich die Weltgemeinschaft leisten k\u00f6nne. Diese 20 Prozent werden damit aktiv am Leben, Verdienen und Konsumieren teilnehmen \u2013 egal, in welchem Land. Das eine oder andere Prozent, so r\u00e4umen die Diskutanten ein, mag noch hinzukommen, etwa durch wohlhabende Erben.<\/p>\n<p>Doch sonst? 80 Prozent der Arbeitswilligen ohne Job? \u201eSicher\u201c, sagt der US-Autor Jerry Rifkin, Verfasser des Buchs \u201eDas Ende der Arbeit\u201c, \u201edie unteren 80 Prozent werden gewaltige Probleme bekommen.\u201c Sun-Manager Gage legt noch einmal nach und beruft sich auf seinen Firmenchef Scott McNealy: Die Frage sei k\u00fcnftig, \u201eto have lunch or be lunch\u201c, zu essen haben oder gefressen werden.<\/p>\n<p>In der Folge besch\u00e4ftigt sich der hochkar\u00e4tige Diskussionskreis zur \u201eZukunft der Arbeit\u201c lediglich mit jenen, die keine Arbeit mehr haben werden. Dazu, so die feste \u00dcberzeugung der Runde, werden weltweit Dutzende Millionen Menschen z\u00e4hlen, die sich bislang dem wohligen Alltag in San Franciscos Bay Area n\u00e4her f\u00fchlen d\u00fcrften als dem \u00dcberlebenskampf ohne sicherer Job. Im Fairmont wird eine neue Gesellschaftsordnung skizziert: reiche L\u00e4nder ohne nennenswerte Mittelstand \u2013 und niemand widerspricht.<\/p>\n<p>Vielmehr macht der Ausdruck \u201etittytainment\u201c Karriere, den der alte Haudegen Zbigniew Brzezinski ins Spiel bringt. Der geb\u00fcrtige Pole war vier Jahrelang Nationaler Sicherheitsberater von US-Pr\u00e4sident Jimmy Carter, seither besch\u00e4ftigt er sich mit geostrategischen Fragen. \u201eTittytainment\u201c, so Brzezinski, sei eine Kombination von \u201eentertainment\u201c und \u201etits\u201c, dem amerikanischen Slangwort f\u00fcr Busen. Brzezinski denkt dabei weniger an Sex als an die Milch, die aus der Brust einer stillenden Mutter str\u00f6mt. Mit einer Mischung aus bet\u00e4ubender Unterhaltung und ausreichender Ern\u00e4hrung k\u00f6nne die frustrierte Bev\u00f6lkerung der Welt schon bei Laune gehalten werden.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ob Friedrich Merz das alles gar nicht wei\u00df? Kann ich mir kaum vorstellen. Also d\u00fcrfte auch ihm und seinen CDU-Spie\u00dfgesellen klar sein, dass ein Mehr an Arbeit nicht nur nicht zielf\u00fchrend, sondern mit dem von ihnen propagierten Wirtschaftssystem auch gar nicht mehr zu vereinbaren ist.<\/p>\n<p>Und das macht diese Aussagen dann noch mal eine ganze Ecke b\u00f6sartiger, als sie es ohnehin schon sind &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vonseiten der CDU wird ja gerade m\u00e4chtig get\u00f6nt, dass die Deutschen zu faul, zu bequem seien und mehr arbeiten m\u00fcssten. 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