{"id":31093,"date":"2025-08-07T19:00:56","date_gmt":"2025-08-07T17:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31093"},"modified":"2025-08-07T19:00:56","modified_gmt":"2025-08-07T17:00:56","slug":"nicht-nur-schwarz-und-weiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31093","title":{"rendered":"Nicht nur schwarz und wei\u00df"},"content":{"rendered":"<p>Wolfram Weimer, Staatsminister f\u00fcr Kultur und Medien, zudem reaktion\u00e4rer Rechtsau\u00dfen in der CDU, aber eben auch ein Buddie von Bundeskanzler Friedrich Merz (und deswegen vermutlich in seinem Amt gelandet), m\u00f6chte bei der schlechtesten Bundesregierung aller Zeiten auch nicht hintenanstehen und haut selbst mal einen sch\u00f6nen Schwachsinn raus: Er verbietet das Gendern in der Kommunikation des Bundeskanzleramts. Bei den Diskussionen dazu konnte ich ein interessantes Ph\u00e4nomen beobachten, dass leider typisch f\u00fcr unsere Zeit ist.<\/p>\n<p>Ich finde es ja vor allem albern, dass Leute, die behaupten, man w\u00fcrde ihnen durchs Gendern verbieten, wie sie sprechen d\u00fcrften, nun guthei\u00dfen, dass anderen Menschen verboten wird, so zu sprechen, wie sie es m\u00f6chten. Ich selbst gendere auch nicht (warum das so ist, hab ich vor gut drei Jahren schon mal in einem <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=25015\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> beschrieben), rege mich aber auch nicht dar\u00fcber auf, wenn andere das machen. Soll doch jeder nach seiner Fasson gl\u00fccklich werden damit &#8211; leben und leben lassen eben. Aber das scheinen viele so nicht zu sehen, denn f\u00fcr die gibt es da nur schwarz und wei\u00df.<\/p>\n<p>Wenn man selbst nicht gendern mag, dann soll das auch allen anderen verboten werden &#8211; so zumindest geben das viele Aussagen zu dem Thema wieder. Da wird dann auch gern behauptet, man w\u00fcrde ja mittlerweile zum Gendern gezwungen, was definitiv nicht der Fall ist (und was ich auch nicht guthei\u00dfen w\u00fcrde). Also gibt es da nur ein Entweder-oder f\u00fcr diese Leute, keine Graut\u00f6ne dazwischen. Was soll so was? Auf diese Weise wird man schlie\u00dflich Problemen nur selten gerecht.<\/p>\n<p>Aber diese Denkweise findet sich auch bei anderen Themen wieder. Ich halte beispielsweise den ukrainischen Pr\u00e4sidenten Wolodymyr Selenskyj f\u00fcr einen korrupten Oligarchenz\u00f6gling (so wie es viele Medien vor dem Februar 2022 auch sahen &#8211; s. dazu <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=25153\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Auf der anderen Seite habe ich auch null Sympathien f\u00fcr den russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin &#8211; und schon mal erst recht nicht seit seinem Angriffskrieg auf die Ukraine. Auch hierbei hab ich oft bemerkt, dass viele nur in einem Schwarz-wei\u00df-Schema denken: Selenskyj ist super, Putin ist b\u00f6se. Wenn man solchen Leuten dann damit kommt, dass Selenskyj auch kein lupenreiner Demokrat ist und dass unter seiner Regierung im Osten des Landes schon ein paar Jahre vor dem russischen Angriff permanent Krieg gef\u00fchrt wurde, dann gilt man oft gleich mal als &#8222;Putin-Knecht&#8220;. Auch wenn ich f\u00fcr mich sagen kann, dass ich Putin schon reichlich eklig fand, als viele ihn wegen seiner Gaslieferungen hierzulande noch hofiert haben.<\/p>\n<p>Es braucht da offensichtlich f\u00fcr viele eine simplifizierte Sichtweise, wo es einen Guten und einen B\u00f6sen gibt &#8211; und nichts dazwischen. Interessanterweise sind da ja mittlerweile schon viele Hollywood-Filme weiter &#8230;<\/p>\n<p>Bei einem anderen aktuellen Konflikt sieht das ganz \u00e4hnlich aus: Das Vorgehen von Israel in Gaza finde ich indiskutabel, und das, ohne der Hamas auch nur ansatzweise irgendwas abgewinnen zu k\u00f6nnen oder gar Sympathien f\u00fcr die zu hegen. Vielmehr sehe ich das Problem bei diesem Konflikt vor allem darin, dass die betonk\u00f6pfigen Hardliner auf beiden Seiten das hasserf\u00fcllte Sagen haben. Und was die Vernichtungsfantasien angeht, stehen in Benjamin Netanjahus in weiten Teilen rechtsextremer, faschistischer und rassistischer Regierung etliche der dort Versammelten der Hamas kaum in etwas nach.<\/p>\n<p>Aber auch hier gilt f\u00fcr viele die Schwarz-wei\u00df-Einteilung: Wenn man Kritik an den Massakern in Gaza \u00fcbt, dann ist man ein Antisemit, wenn man darauf hinweist, dass die Hamas ein destruktiver Haufen von Verbrechern ist, dann ist man ein Zionist. Mir ist es schon passiert, dass ich an einem Tag in zwei verschiedenen Diskussionen sowohl als das eine als auch das andere beschimpft wurde, und das, obwohl ich beide Male eigentlich den gleichen Standpunkt vertreten habe. Grotesk, oder? Aber Grau sieht halt f\u00fcr diejenigen, die nur Schwarz wahrnehmen, eher wie Wei\u00df aus, wohingegen die Wei\u00df-Wahrnehmer das dann schon als Schwarz sehen. Konstruktive Diskussionen sind so nur leider nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Ganz \u00e4hnliches Thema: die israelischen Angriffe auf den Iran. Die dort regierenden Mullahs finde ich abscheulich, allerdings gilt auch f\u00fcr solche Typen das V\u00f6lkerrecht, und das besagt eben, dass man nicht einfach Raketen in irgendein anderes Land reinschie\u00dft in kriegerischer Absicht. Denn auch dort sterben dann Zivilisten, die nun vielleicht sogar selbst gar nicht viel f\u00fcr ihre Regime \u00fcbrig hatten. Allerdings wurde eine Schwarz-wei\u00df-Sichtweise hierbei dann sogar von h\u00f6chster Stelle, n\u00e4mlich vom Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), befeuert, als er davon schwafelte, dass Israel nun die &#8222;Drecksarbeit f\u00fcr uns&#8220; gemacht h\u00e4tte. Und daf\u00fcr bekam er dann auch durchaus viel Zustimmung, so nach dem Motto: &#8222;Ist doch gut, wenn die Mullahs im Iran beseitigt werden!&#8220; Tja, nur dass man auf diese Weise in der Regel ein Regime nicht beseitigt, sondern oft sogar st\u00e4rkt, weil dann n\u00e4mlich einfacher auf einen \u00e4u\u00dferen Feind fokussiert und so von innenpolitischen Problemen abgelenkt werden kann.<\/p>\n<p>Um noch mal ein paar weniger kriegerische Beispiele zu bringen: Es ist f\u00fcr viele auch unvorstellbar, dass man die Energie- und Verkehrswende aus Klimaschutzgr\u00fcnden f\u00fcr eine wichtige Sache h\u00e4lt, aber E-Autos nicht so viel abgewinnen kann. Und dann soll es auch noch Leute geben, die das so sehen und noch nicht mal die Gr\u00fcnen w\u00e4hlen &#8211; sapperlot! Da ist dann der Schwarz-wei\u00df-Einteiler schnell mal \u00fcberfordert, denn eigentlich sollten doch alle Linksgr\u00fcnen E-Autos ganz super finden, oder? Tja, auch hier ist es mal wieder nicht so einfach, wie BILD und Co. es die Menschen glauben machen m\u00f6chten.<\/p>\n<p>Genauso k\u00f6nnen viele es nicht nachvollziehen, dass man sowohl Kritik an \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien, beispielsweise aufgrund von einseitiger Berichterstattung oder Themenauswahl, \u00fcben kann, aber denn ebendiese \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien f\u00fcr eine grunds\u00e4tzlich gute Sache h\u00e4lt, da sie in einer Demokratie eine wichtige Funktion erf\u00fcllen. Der Schwarz-wei\u00df-Denker schreit dann lieber &#8222;L\u00fcgenpresse!&#8220;, wenn ihm etwas nicht in den Kram passt, und damit hat es sich dann.<\/p>\n<p>Und da k\u00f6nnte man noch einiges Weiteres auff\u00fchren: Ich kann Veganismus oder Vegetariertum gut finden, dabei aber selbst durchaus noch ab und zu Fleisch essen. Das passt bei vielen auch schon nicht mehr ins Denkschema rein, denn wenn ich beispielsweise verlauten lie\u00df, dass ich gern Fleischersatzprodukte esse und diese zudem auch in der Regel nicht &#8222;chemischer&#8220; sind von den Inhaltsstoffen her als viele Fleischprodukte, bin ich schon oft f\u00fcr einen Vegetarier gehalten und entsprechend angepflaumt worden, dass ich ja anderen den Fleischkonsum verbieten wolle. Will ich gar nicht, wobei ich es schon sch\u00f6n f\u00e4nde, wenn mehr Menschen sich mal einen Kopf machen w\u00fcrden, ob wirklich so oft Fleisch auf den Tisch kommen muss. Aber verbieten? N\u00f6, mit Sicherheit nicht.<\/p>\n<p>Ich besitze ja auch nach wie vor kein Smartphone, da ich den Dingern nichts abgewinnen kann und sie f\u00fcr Verbl\u00f6dungsmaschinen halte &#8211; worin ich immer wieder best\u00e4tigt werden, wenn ich haufenweise Leute auch zu wenig passenden Gelegenheiten in Shrimphaltung damit rumlaufen oder -sitzen sehe. Wie dem auch sei, nun bekomme ich \u00f6fter zu h\u00f6ren, dass ich ja wohl zur\u00fcck in die Steinzeit m\u00f6chte. Aha &#8211; deswegen betreibe ich beispielsweise auch einen Blog im Internet, und das schon seit einigen Jahren. Und deswegen arbeite ich auch zu nahezu 100 % online. Und ich informiere mich auch vor allem im Internet. Aber nicht jedem technischen Trend hinterherzulaufen und einfach mal f\u00fcr sich festzustellen, dass bestimmte Dinge dadurch nicht besser werden (Streaming ist beispielsweise auch so eine Sache, die mich gar nicht anprickelt), wird dann mit genereller Technikfeindlichkeit gleichgesetzt. Schwarz und wei\u00df halt &#8230;<\/p>\n<p>Auch ist es durchaus m\u00f6glich, dass man das Frauenbild von konservativen Muslimen kritisiert und gleichzeitig daf\u00fcr pl\u00e4diert, das Asylrecht wieder mehr zu st\u00e4rken (oder gar zu erweitern, z. B. in Bezug auf Klimafl\u00fcchtlinge), als es weiter abzubauen. Oder dass man die Vorteile freien Unternehmertums durchaus kennt und zu sch\u00e4tzen wei\u00df, gleichzeitig aber der Ansicht ist, dass es daf\u00fcr dann auch deutliche Regulierungen des Wirtschaftssystems oder vielleicht sogar gleich ein neues Wirtschaftssystem br\u00e4uchte (weswegen man nicht gleich ein Sozialist oder Kommunist sein muss). Oder dass man vor ein paar Jahren COVID 19 als eine gef\u00e4hrliche Krankheit anerkannte, die Berichterstattung dar\u00fcber in weiten Teilen hingegen recht fragw\u00fcrdig und das &#8222;Krisenmanagement&#8220; der Bundesregierung reichlich ungeeignet fand &#8211; und das, ohne AfD-J\u00fcnger oder Querdenker zu sein. Oder, oder, oder &#8230;<\/p>\n<p>Leider begegnet mir diese Schwarz-wei\u00df-Denkweise zunehmend h\u00e4ufiger in letzter Zeit. Hier scheinen die sogenannten Polarisierungsunternehmer (wie in dem empfehlenswerten Buch &#8222;Triggerpunkte&#8220; von Steffen Mau et al. beschrieben &#8211; s. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=29414\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>) ganze Arbeit zu leisten, sodass viele Menschen vor allem auf Konfliktlinien und Gegens\u00e4tze fixiert sind, anstatt mal zu versuchen, ein differenziertes und begr\u00fcndetes Gesamtbild in Augenschein zu nehmen. Und dann vielleicht zu ergr\u00fcnden, wo man sich denn bei den Graut\u00f6nen einander ann\u00e4hert bei unterschiedlichen Sichtweisen.<\/p>\n<p>Bei den vielen komplexen Problemen, die wir heutzutage in unserer Welt haben, w\u00e4re das n\u00e4mlich ausgesprochen wichtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfram Weimer, Staatsminister f\u00fcr Kultur und Medien, zudem reaktion\u00e4rer Rechtsau\u00dfen in der CDU, aber eben auch ein Buddie von Bundeskanzler Friedrich Merz (und deswegen vermutlich in seinem Amt gelandet), m\u00f6chte bei der schlechtesten Bundesregierung aller Zeiten auch nicht hintenanstehen und haut selbst mal einen sch\u00f6nen Schwachsinn raus: Er verbietet das Gendern in der Kommunikation des Bundeskanzleramts. 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