{"id":31278,"date":"2025-09-15T16:03:59","date_gmt":"2025-09-15T14:03:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31278"},"modified":"2025-09-15T16:03:59","modified_gmt":"2025-09-15T14:03:59","slug":"afd-verbot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31278","title":{"rendered":"AfD-Verbot"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem der Verfassungsschutz die Bundes-AfD als gesichert rechtsextrem eingestuft hat, wogegen die Partei dann erst mal pro forma auch Klage erhoben hat, ist ein AfD-Verbotsverfahren ein regelm\u00e4\u00dfiges Thema in der \u00f6ffentlichen politischen Diskussion. Dabei gibt es Stimmen daf\u00fcr und dagegen, mit denen ich mich ein bisschen n\u00e4her auseinandersetzen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst mal eins vorweg: Ein Verbot der AfD kann nur das Bundesverfassungsgericht aussprechen, und dazu muss der Bundestag mit einer Mehrheit einen Verbotsantrag beschlie\u00dfen. Sollte die AfD dann tats\u00e4chlich verboten werden, dann w\u00fcrden deren Abgeordnete nicht einfach aus den Parlamenten entfernt, sondern sie w\u00fcrden dort verbleiben, aber als Partei- bzw. Fraktionslose. H\u00e4ufig hab ich n\u00e4mlich schon gelesen, dass die CDU deshalb kein Verbotsverfahren mitinitiieren m\u00f6chte, weil es sonst eine rot-rot-gr\u00fcne Mehrheit im Bundestag g\u00e4be. Das w\u00e4re also nicht der Fall &#8211; allerdings k\u00f6nnten die AfD-Politiker aufgrund des Verlusts ihres Fraktionsstatus keine Kleinen und Gro\u00dfen Anfragen mehr stellen, keine Gesetzesentw\u00fcrfe einbringen und keine Aktuellen Stunden beantragen (s. <a href=\"https:\/\/www.mitmischen.de\/wissen\/von-aeltestenrat-bis-zwischenfrage\/fraktionslose-abgeordnete\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), und das w\u00fcrde deren St\u00f6rpotenzial schon mal erheblich minimieren. Ach ja: Und in Aussch\u00fcssen d\u00fcrften sie zwar teilnehmen, aber nicht mit abstimmen.<\/p>\n<p>Womit wir dann auch schon bei den Vorteilen eines AfD-Verbots w\u00e4ren. Denn bei einer kommenden Wahl k\u00f6nnten die Abgeordneten dann nicht mehr unter dem Banner der Partei antreten, was es ihnen ziemlich unm\u00f6glich machen d\u00fcrfte, erneut Abgeordnetenmandate zu bekommen. Womit das Problem, dass antidemokratische Verfassungsfeinde mit \u00f6ffentlichen Geldern alimentiert werden, dann in baldiger Zukunft zumindest vom Tisch w\u00e4re.<\/p>\n<p>Mittlerweile gibt es immer mehr Stimmen von Juristen, die der Ansicht sind, dass ein Verbotsverfahren von Erfolg gekr\u00f6nt sein k\u00f6nnte (beispielsweise <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/afd-rechtsexperte-sieht-gute-grundlage-fuer-afd-verbotsverfahren-neue-rechtswissenschaftliche-untersuchung-a-bcddc005-6c1a-4fb9-be77-291b7881cb74\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Zwar wird immer wieder eingewandt von Skeptikern, dass ja die NPD vor einigen Jahren auch nicht verboten wurde vom Bundesverfassungsgericht, nur war eben die Begr\u00fcndung daf\u00fcr, dass die NPD viel zu unbedeutend und damit nicht in der Lage sei, ihre ohne jeden Zweifeln verfassungsfeindlichen Ziele auch umzusetzen. Das kann man nun bei der AfD wahrlich nicht mehr behaupten, denn die Partei stellt in vielen Landtagen gro\u00dfe Fraktionen und ist auch im Bundestag die gr\u00f6\u00dfte Oppositionspartei. Die in aktuellen Umfragen sogar bundesweit immer mal wieder als st\u00e4rkste Partei benannt wird.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re dann ein weiterer Vorteil eines AfD-Verbots: Die Blaubraunen k\u00f6nnen, wenn sie mehr als ein Drittel der Sitze in einem Parlament haben, wichtige Entscheidungen mittels ihre Sperrminorit\u00e4t blockieren und so demokratische Prozesse behindern. Was eben wieder Futter f\u00fcr die AfD ist, die dann weidlich ausschlachten kann, dass die anderen Parteien ja nichts auf die Reihe bekommen.<\/p>\n<p>Ein weiteres Gegenargument lautet, dass man mit einem Parteiverbot auch nicht das rechte Gedankengut aus den K\u00f6pfen der Menschen bekommt. Das stimmt nat\u00fcrlich, aber zumindest haben diese Menschen dann keine parlamentarische Vertretung mehr, die in jeder politischen Debatte (auch in den Medien, die ja nach wie vor gern AfD-Politiker einladen und ihnen so eine Plattform zum L\u00fcgen und Hetzen geben) auch noch lauthals ihren W\u00e4hlern neues Gehirnw\u00e4schefutter vorsetzen kann. Diese rassistischen, sexistischen und sonst wie ekelhaften Ansichten verschwinden also wieder ein gutes St\u00fcck weit dahin, wo sie auch hingeh\u00f6ren: an die Stammtische in muffigen Hinterzimmern.<\/p>\n<p>Zudem h\u00e4tte die AfD dann auch nicht mehr die finanziellen Mittel, um ihre Social-Media-Kan\u00e4le so zu bespielen, wie das jetzt noch der Fall ist. Gerade dort erreicht die Partei ja viele Anh\u00e4nger und setzt denen dann manipulative Aussagen vor, um entsprechend nach ihrem Gusto Stimmung zu sch\u00fcren. Insofern halte ich es durchaus f\u00fcr wahrscheinlich, dass sich dann rechte Meinungen weniger halten in der Gesellschaft, da sie eben nicht permanent getriggert werden.<\/p>\n<p>Aber klar: Wirkliche \u00c4nderungen in gesellschaftlichen Meinungsbildern erreicht man vor allem, wenn man die Zust\u00e4nde, die zur Unzufriedenheit von vielen f\u00fchren, angeht. Denn Sachen wir Perspektivlosigkeit und Existenz\u00e4ngste f\u00fchren nun mal dazu, dass Menschen sich politisch (oder auch religi\u00f6s, wobei das eher in anderen Gegenden der Welt zurzeit der Fall ist) radikalisieren. Allerdings ist es schwer, diese Zust\u00e4nde zu ver\u00e4ndern, wenn man eine gro\u00dfe Partei in der Opposition (oder eventuell sogar bald an der Regierung hat), die daran gar nichts \u00e4ndern will, weil sie eben aus Unzufriedenheit ihr Kapital schl\u00e4gt. Wie meinte noch vor einigen Jahren Christian L\u00fcth, damaliger Bundespressesprecher der AfD: &#8222;Je schlechter es Deutschland geht, desto besser f\u00fcr die AfD&#8220; (s. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2020-09\/christian-lueth-afd-alexander-gauland-menschenfeindlichkeit-migration\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Das ist m. E. auch der Hauptgrund, warum die CDU\/CSU nichts von einem AfD-Verbot wissen will: Man ist sich inhaltlich einfach viel zu nah. Die AfD propagiert zwar, dass sie f\u00fcr &#8222;die kleinen Leute&#8220; einstehen wolle, aber sowohl deren Programme als auch deren Abstimmungsverhalten in Parlamenten zeigt, dass eher das Gegenteil der Fall ist: Politik f\u00fcr Verm\u00f6gende mit weiterer Umverteilung von denen, die wenig haben, hin zu denen, die sowieso schon mehr als genug besitzen (s. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=30971\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Und das passt nat\u00fcrlich gut zu dem, was die CDU auch immer weiter voranbringen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Dabei sollte man sich nicht davon aufs Glatteis f\u00fchren lassen, dass es der AfD in der Opposition immer nur darum geht, gegen alles zu sein, statt konstruktive Vorschl\u00e4ge zu machen. Das konnte man ja mehr als deutlich w\u00e4hrend der Corona-Pandemie beobachten: Anfangs, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) COVID 19 noch f\u00fcr ziemlich ungef\u00e4hrlich hielt und alles dransetzte, dass das Virus auch z\u00fcgig zu uns ins Land kam und sich dort verbreitete (Karneval feiern, keine Kontrollen von aus Risikogebieten einreisenden Erkrankten an Flugh\u00e4fen, keine Maskenempfehlung usw.), zeterte die AfD, dass man wesentlich striktere Ma\u00dfnahmen umsetzen musste &#8211; nur um dann sp\u00e4ter, als es zu Lockdowns und Kontaktbeschr\u00e4nkungen kam, von einer &#8222;Corona-Diktatur&#8220; zu schwafeln.<\/p>\n<p>Mit so einer Partei ist eben keine inhaltliche Auseinandersetzung, die ja vor allem immer noch von Konservativen gefordert wird, m\u00f6glich. Wenn man dieses destruktive politische Element aus dem Diskurs raushalten m\u00f6chte, dann kommt man an einem Parteiverbot wohl nicht vorbei.<\/p>\n<p>&#8222;Aber dann wird die AfD gleich wieder in die Opferrolle schl\u00fcpfen&#8220;, h\u00f6re ich immer wieder von Kritikern eines AfD-Verbots. Klar w\u00fcrde sie das, aber mal ernsthaft: Das machen die Blaubraunen doch sowieso die ganze Zeit, das ist ein Kernelement von deren Selbstdarstellung. Was w\u00e4re also der Unterschied zu jetzt? Zumal man das ja quasi auf fast alle Justizvorg\u00e4nge anwenden k\u00f6nnte: &#8222;Oh, der Verbrecher klagt ja trotz eindeutiger Beweislage, dass er ein Justizopfer sei &#8211; dann lass uns den mal besser nicht verurteilen.&#8220; W\u00e4re schon ziemlich grotesk, oder?<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich hat eine Partei in so einem Fall ein anderes Mobilisierungspotenzial als ein einzelner Krimineller, und ich habe auch schon von AfD-J\u00fcngern gelesen, dass im Falle eines Parteiverbots die Stra\u00dfen brennen und Blut flie\u00dfen w\u00fcrde. Zum einen sind solche Aussagen dann noch ein weiteres Argument f\u00fcr ein Parteiverbot, zum anderen glaube ich kaum, dass der Gro\u00dfteil der jammernden Feiglinge, die nun mal die AfD-W\u00e4hlerschaft ausmachen, tats\u00e4chlich marodierend durchs Land ziehen w\u00fcrde. Im Internet hetzerisch zu zetern ist nun mal was anderes, als dass dann auch ins reale Leben zu \u00fcbertragen und sich als Aufst\u00e4ndischer zu gerieren.<\/p>\n<p>Was allerdings gef\u00e4hrlich werden k\u00f6nnte, w\u00e4ren die Reaktionen von einem Teil der Polizei und des Milit\u00e4rs, da diese ja leider einen ziemlich hohen Anteil an Rechten und Rechtsextremen in ihren Reihen haben. Zumal die Beteiligung von solchen Leuten an Umsturzpl\u00e4nen (beispielsweise Nordkreuz) immer wieder mal bekannt wurde. Aber auch hier gilt: Man st\u00e4rkt solche Tendenzen nur, wenn man sie durch einen parlamentarischen Arm quasi ein St\u00fcck weit legitimiert.<\/p>\n<p>Es w\u00fcrde also wohl erst mal reichlich verbalen Aufruhr und vielleicht auch vereinzelt Tumulte geben bei einem AfD-Verbot. Was aber vermutlich nicht so schlimm w\u00e4re wie die Auswirkungen, wenn die AfD tats\u00e4chlich an die Regierung kommen w\u00fcrde. Was dann passiert, kann man ja gerade recht gut in den USA beobachten, wo die Demokratie im Eiltempo demontiert wird.<\/p>\n<p>Insofern w\u00e4re es mehr als fahrl\u00e4ssig, das auf dem Prinzip der wehrhaften Demokratie fu\u00dfende und grundgesetzlich auch so vorgesehene Parteiverbot bei der AfD nicht durchzuziehen. Doch leider braucht es daf\u00fcr die CDU, und die hat ja nun schon immer wieder gezeigt, dass sie im Grunde auf derselben Seite der Brandmauer steht wie die AfD &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem der Verfassungsschutz die Bundes-AfD als gesichert rechtsextrem eingestuft hat, wogegen die Partei dann erst mal pro forma auch Klage erhoben hat, ist ein AfD-Verbotsverfahren ein regelm\u00e4\u00dfiges Thema in der \u00f6ffentlichen politischen Diskussion. 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