{"id":31507,"date":"2025-10-30T11:24:39","date_gmt":"2025-10-30T10:24:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31507"},"modified":"2025-11-21T07:56:25","modified_gmt":"2025-11-21T06:56:25","slug":"ist-wirklich-alles-so-schlecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31507","title":{"rendered":"Ist wirklich alles so schlecht?"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen schrieb ich ja schon mal einen etwas augenzwinkernden <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31105\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a>, was fr\u00fcher alles besser war als heute. Und nat\u00fcrlich haben sich einige Sachen in den letzten Jahren nicht eben zum Besseren entwickelt. Dennoch ist es ausgesprochen wenig konstruktiv, grunds\u00e4tzlich alles nur noch schwarzzumalen. Vor allem, wenn es dabei um Sachen geht, die nicht wirklich schlechter geworden sind.<\/p>\n<p>Nehmen wir nur mal das sehr pr\u00e4sente Thema Sicherheit. Da wird immer wieder vor allem von Konservativen und Rechten behauptet, dass man sich in Deutschland abends nicht mehr auf die Stra\u00dfe trauen k\u00f6nnte, dass die Kriminalit\u00e4t aus dem Ruder l\u00e4uft usw. Damit kann man nat\u00fcrlich wunderbar \u00c4ngste sch\u00fcren, das Problem ist nur: Da ist \u00fcberhaupt nichts dran! Deutschland ist eines der sichersten L\u00e4nder der Welt, und die Kriminalit\u00e4t nimmt hier im langfristigen Vergleich seit den 1990er-Jahren kontinuierlich ab.<\/p>\n<p>Allerdings glaubt einem das kaum einer, selbst wenn es Reportagen gibt wie &#8222;<a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/volk-in-angst-wie-mit-verbrechen-politik-gemacht-wird\/volk-in-angst-wie-mit-verbrechen-politik-gemacht-wird\/wdr\/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtYzAzYzg2NTEtMjk3OC00ZWExLWI5OTgtZGQ2N2M4ZTY2NjM5\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Volk in Angst: Wie mit Verbrechen Politik gemacht wird<\/a>&#8222;, die das mit eindeutigen Zahlen belegen. Aber klar: Heute sind die Menschen in sozialen Medien unterwegs und bekommen da, wenn sie denn danach suchen, alle m\u00f6glichen Verbrechen angezeigt, die irgendwo in Deutschland passieren &#8211; auch solche, von denen man fr\u00fcher gar nichts mitbekommen hat, weil die h\u00f6chstens etwas f\u00fcr die Lokalpresse waren.<\/p>\n<p>Hier k\u00f6nnte man also feststellen: Leute, es geht uns, was die Sicherheit angeht, echt gut, da gibt es nicht nur kaum ein Land, in dem das besser l\u00e4uft, sondern es wird auch immer besser im Laufe der Zeit.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re so eine korrekte Aussage, die aber so gut wie nie in den Medien und auch von Politikern getroffen wird. Warum wohl?<\/p>\n<p>Nun ja, zum einen lassen sich ver\u00e4ngstigte Menschen leichter manipulieren und beeinflussen, demzufolge auch regieren. Wer Angst hat, denkt nicht mehr so wirklich nach, das ist ein archaisches Verhaltensmuster, was in grauer Vorzeit auch mal sinnvoll war, wenn es darum geht, schnell vor einer diffusen Gefahr wegzulaufen und so seine \u00dcberlebenschancen zu vergr\u00f6\u00dfert, als dass man erst mal dar\u00fcber sinniert, was es denn mit dem komischen Ger\u00e4usch so genau auf sich haben k\u00f6nnte: Ist das nun ein wilder B\u00e4r oder vielleicht doch was anderes?<\/p>\n<p>Zudem hat es ja der damalige AfD-Pressesprecher Christian L\u00fcth sehr eindeutig formuliert: &#8222;Je schlechter es Deutschland geht, desto besser f\u00fcr die AfD&#8220; (s. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2020-09\/christian-lueth-afd-alexander-gauland-menschenfeindlichkeit-migration\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Diese Denke ist nun offenbar auch bei der CDU angekommen, denn auch dort versteht man sich ja bestens darauf, Sachen schlechtzureden, die eigentlich ganz gut laufen.<\/p>\n<p>Beispielsweise die Energiewende. Die Ampel hat nicht viel Gutes auf die Reihe bekommen (vor allem nat\u00fcrlich wegen der komplett destruktiven FDP), aber immerhin hat sie da ein bisschen Schwung nach 16 Jahren Merkel-Stillstand reingebracht. Resultat: Am letzten Sonntag ist es das erste Mal vorgekommen, dass in Deutschland mehr Strom aus erneuerbaren Quellen produziert wurde, als tats\u00e4chlich verbraucht wurde (s. <a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/nachrichten\/ndrdata\/rekord-fuer-erneuerbare-energien-deutschland-bei-sturm-komplett-versorgt,erneuerbareenergien-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Wenn man dann noch ber\u00fccksichtigt, dass die Nachfrage nach Gro\u00dfbatteriespeichern enorm gestiegen ist (s. <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wissenschaft\/mensch\/energiewende-riesige-speicher-fuers-stromnetz-ein-batterietsunami-rollt-heran-a-59e79edc-91a7-421b-a1b8-8c3b5e39645b?fbclid=IwZXh0bgNhZW0CMTAAAR1uuO53FUzx3xzOka9u7WTRA5lTD6Gz2n3E1Z4lQgok38G7Khk4N3e8zbI_aem_Pwf8fqkmX7RgfTuyH2tt5A\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), sodass auch das Speicherproblem von erneuerbaren Energien stetig kleiner wird, dann ergibt das insgesamt doch eine sehr positive Sichtweise. Aktuell dazu: In Gundremmingen, wo gerade ein AKW zur\u00fcckgebaut wird, errichtet RWE den gr\u00f6\u00dften deutschen Batteriespeicher (s. <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/wirtschaft\/spatenstich-fuer-deutschlands-groessten-batteriespeicher-zr-94010727.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Auch wenn hierbei m. E. dezentrale L\u00f6sungen sinnvoller w\u00e4ren wegen des Widerstandsverlusts in Stromleitungen, so ist das doch schon mal ein Zeichen, dass selbst solche Konzerne wie RWE mittlerweile anfangen, ein St\u00fcck weit umzudenken.<\/p>\n<p>Warum h\u00f6rt man dann von konservativen und rechten Politikern bzw. den meisten Medien immer nur etwas von &#8222;Dunkelflauten&#8220; und angeblicher Versorgungsunsicherheit der erneuerbaren Energien?<\/p>\n<p>Nun, offenbar will da niemand eingestehen, dass die Ampel-Regierung wohl doch irgendwas gar nicht so schlecht gemacht hat. Daf\u00fcr ist die nun an allem Schuld, was gerade nicht l\u00e4uft, vor allem wirtschaftlich: Die deutsche Autoindustrie kr\u00e4nkelt, weil man eben nur auf den Verbrenner gesetzt und die Entwicklung von E-Autos komplett ignoriert hat. Managementfehler und eine vor allem CDU-gepr\u00e4gte Politik, die \u00fcber viele Jahre diese Fehler durch politisches Handeln auch noch unterst\u00fctzt hat &#8211; aber nun ist auf einmal eine Regierung, die gerade mal drei Jahre im Amt war, schuld an der Misere? Ja, nee, is&#8216; klar &#8230;<\/p>\n<p>Und das ist auch der m. E. entscheidende Punkt, warum Sachen, die eigentlich gut laufen, schlechtgeredet werden: Man muss sich dann mit den tats\u00e4chlichen Ursachen f\u00fcr die Dinge, die wirklich schlecht laufen, nicht auseinandersetzen. Einfach immer den Fokus auf die angeblich schlechte Sicherheitslage legen, und schon redet keiner mehr \u00fcber Kinder- und Altersarmut bei gleichzeitig immer mehr Milliard\u00e4ren im Land. Oder man macht einen Riesenaufriss wegen ein paar Leuten, die mit Sozialleistungen betr\u00fcgen und so eine die \u00f6ffentliche Hand eine \u00fcberschaubare Summe an Geld kosten, damit niemand auf die Idee kommt, die wirklichen Schmarotzer, die n\u00e4mlich jedes Jahr Milliarden von Euro am Fiskus vorbeischmuggeln, vielleicht mal ins Visier zu nehmen.<\/p>\n<p>Was dann bei vielen h\u00e4ngen bleibt bei dem Thema: Der Sozialstaat ist viel zu teuer, das ist schlecht! Das stimmt zwar gar nicht, denn im Verh\u00e4ltnis zum Bruttoinlandsprodukt sind die Sozialausgaben gar nicht gestiegen (s. <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/konjunktur\/ausgaben-sozialstaat-bip-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>), was ja eigentlich schon mal eine nicht so schlechte Sache ist &#8211; wenngleich es nat\u00fcrlich einiges nachzubessern g\u00e4be, da immer noch viel zu viele Menschen kaum w\u00fcrdevoll und mit hinreichender sozialer Teilhabe leben k\u00f6nnen. Aber indem da auf ein paar B\u00fcrgergeldbetr\u00fcger fokussiert wird, werden solche \u00dcberlegungen erst gar nicht angestellt.<\/p>\n<p>Wir erleben also ein permanenten Z\u00fcnden von Nebelkerzen, um von wichtigen Problemen abzulenken, f\u00fcr die Neoliberale keine L\u00f6sungen anzubieten haben. Dadurch wird nicht nur konstruktive Politik, die sich um tats\u00e4chliche Missst\u00e4nde k\u00fcmmert, unterbunden, sondern es wird auch noch eine Menge Frust erzeugt, weil viele Menschen eben den Eindruck bekommen, dass alles viel schlechter w\u00e4re, als es das eigentlich ist. Und da das auch tats\u00e4chlich zum Teil mit realen Erfahrungen vieler B\u00fcrger korrespondiert, da eben zunehmend mehr Menschen immer weniger Geld zur Verf\u00fcgung haben (beispielsweise durch gestiegene Lebensmittelpreise und Mietenexplosion), springt man dann auf den angebotenen Zug auf, ohne sich mal um die tats\u00e4chlichen Ursachen des eigenen Missbefindens zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Ach ja: Nat\u00fcrlich kann man, wenn man den Menschen nur hinreichend Angst macht, indem man die Sicherheitslage st\u00e4ndig schlechter redet, als sie ist, auch die umfassende \u00dcberwachung voranbringen. Wie sollte man das sonst begr\u00fcnden? Und was dann noch f\u00fcr weitere Sauereien m\u00f6glich sind, sieht man gerade in den USA, wo der Machthaber Donald Trump st\u00e4ndig verbreitet, in einigen St\u00e4dten w\u00e4ren b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde &#8211; obwohl dort alles normal zugeht. Daf\u00fcr nutzt er dann auch gef\u00e4lschte Beweise, die er in sozialen Medien pr\u00e4sentiert, um dann Soldaten des Heimatschutzes aussenden zu k\u00f6nnen. Das ist nat\u00fcrlich noch mal eine Spur krasser als das, was hierzulande abgeht, zeigt aber, wo es hinf\u00fchren kann, wenn man st\u00e4ndig Bedrohungsszenarien schafft und unbegr\u00fcndete \u00c4ngste sch\u00fcrt.<\/p>\n<p>Das Problem an den positiven Entwicklungen ist nur f\u00fcr Konservative bis Rechte von CDU bis AfD: Die passieren nicht ihretwegen, sondern obwohl sie selbst immer dagegen arbeiten und genau diese Entwicklungen zu verhindern versuchen. Klar, dass die dann auch nicht so gern darauf verweisen, sondern aus ideologischen Gr\u00fcnden alles schlechtreden, was ihnen nicht in den Kram passt. Und das verhindert eben wieder, dass tats\u00e4chliche Probleme auch politisch bearbeitet werden.<\/p>\n<p>Andererseits werden die Sachen, die einem wirklich Sorge bereiten sollten, beispielsweise die Klimakrise, von genau diesen Leute immer wieder kleingeredet. Logisch, um dagegen vorzugehen, br\u00e4uchte es eben auch andere Konzepte, als sie selbst anzubieten haben.<\/p>\n<p>Denn eine Faustregel dabei ist: Das, was wirklich schlechter geworden ist, ist auf die Verwerfungen des <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vzUNwWpk6CE\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Neoliberalismus<\/a> zur\u00fcckzuf\u00fchren: Klimakrise, Artensterben, Mietenexplosion, um sich greifende Armut, schlechtere \u00f6ffentliche Dienstleistungen aufgrund von Privatisierungen, Verfall der Infrastruktur &#8230; Also werden neoliberale Politiker auch einen Teufel tun, dagegen etwas zu machen. Ganz im Gegenteil: Um diesen destruktiven Kurs weiterfahren zu k\u00f6nnen, muss man die Leute ablenken und ihnen suggerieren, dass es andere Sachen gibt, die noch viel schlechter geworden sind, auch wenn das gar nicht der Fall ist. Vor allem wenn diese Verbesserungen der neoliberalen Ideologie entgegenstehen.<\/p>\n<p>Also lasst Euch besser von den professionellen Angstmachern nicht ins Bockshorn jagen, freut Euch \u00fcber die Dinge, die sich tats\u00e4chlich mal verbessern, und konzentriert Euch auf das, was noch verbessert werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen schrieb ich ja schon mal einen etwas augenzwinkernden Artikel, was fr\u00fcher alles besser war als heute. Und nat\u00fcrlich haben sich einige Sachen in den letzten Jahren nicht eben zum Besseren entwickelt. Dennoch ist es ausgesprochen wenig konstruktiv, grunds\u00e4tzlich alles nur noch schwarzzumalen. 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