{"id":31875,"date":"2026-01-28T16:45:08","date_gmt":"2026-01-28T15:45:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31875"},"modified":"2026-01-28T16:45:08","modified_gmt":"2026-01-28T15:45:08","slug":"absehbare-entwicklung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=31875","title":{"rendered":"Absehbare Entwicklung"},"content":{"rendered":"<p>Vor Kurzem las ich einen <a href=\"https:\/\/www.t-online.de\/nachrichten\/deutschland\/innenpolitik\/id_101041418\/war-bekannter-neo-nazi-ex-rechtsextremist-philip-schlaffer-schlaegt-alarm.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a>, in dem der ehemalige Rechtsextremist Philip Schlaffer zu Wort kam und \u00e4u\u00dferte, dass es zurzeit eine sehr bedenkliche Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen g\u00e4be, rechtsradikales Gedankengut aufzusagen und sich entsprechend politisch zu positionieren. Schlaffer, den man wirklich als Fachmann mit authentischem Insider-Wissen bezeichnen kann, zeigt sich deswegen \u00fcberrascht. Und da frage ich mich dann: warum eigentlich?<\/p>\n<p>Bei dem Thema musste ich n\u00e4mlich gleich mal an einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=7353\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> denken, den ich 2017 hier auf <em>unterstr\u00f6mt<\/em> geschrieben habe und der genau diese problematische Entwicklung thematisiert. Und da ich keine Glaskugel eines Hellsehers besitze, sondern mich in meiner Freizeit mit politischen Themen besch\u00e4ftige und dann dazu Blog-Artikel schreibe, frage ich mich dann weitergehend: Warum ist das nun also so \u00fcberraschend, wenn selbst ich das vor gut neun Jahren schon absehen konnte?<\/p>\n<p>Bitte nicht falsch verstehen: Das soll nun kein Vorwurf oder so was in der Richtung an Philip Schaffler sein, der den Absprung aus der rechten Szene geschafft hat und nun wertvolle Jugendarbeit leistet, sondern ich sehe hier eher ein Medienversagen. Schlie\u00dflich kann mir keiner erz\u00e4hlen, dass das in den letzten fast neun Jahren sonst niemand mitbekommen hat aus irgendeiner Redaktionsstube oder von einem Fernseh-\/Radiosender. Warum gab es da also so wenig Berichterstattung, dass es nun \u00fcberraschend daherkommt, dass bei jungen Menschen rechtes Gedankengut mittlerweile immer mehr zur Normalit\u00e4t geworden ist?<\/p>\n<p>Die Ursachen daf\u00fcr sind ja nun auch nicht gerade besonders mysteri\u00f6s: Zum einen sind da nat\u00fcrlich, wie ja auch Schaffler beschreibt (und was ich in dem Artikel von 2017 schilderte), die sozialen Medien, die leider im politischen Bereich stark von Rechtsradikalen dominiert werden. Und da liefern dann nicht nur die Algorithmen immer mehr vom Gleichen, wenn man mal irgendwo draufgeklickt oder etwas kommentiert hat, sondern auch in den Kommentarspalten vieler Medien tummeln sich in gro\u00dfem Ma\u00dfe Rechtsau\u00dfen und verbreiten dort, oft genug unwidersprochen, ihre menschenverachtenden Ansichten (s. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=29015\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>). Selbst in \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien ist es mittlerweile selbstverst\u00e4ndlich geworden, dass dort Rechtspopulisten ihre Unwahrheiten zum Besten geben k\u00f6nnen (s. <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=30007\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Dazu kommt dann noch, dass (vor allem auch junge) Menschen heutzutage immer weniger direkt mit anderen in Kontakt treten, sondern Kommunikation immer mehr digital stattfindet. Das Problem dabei: Auf diese Weise werden Menschen nicht in ihrer Gesamtheit wahrgenommen als komplexe Wesen, sondern es treten immer nur wenige Aspekte einer Pers\u00f6nlichkeit hervor.<\/p>\n<p>Judith Kohlenberger hat dazu in einem <a href=\"https:\/\/www.blaetter.de\/ausgabe\/2026\/januar\/die-politik-der-empathie\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em><\/a> einiges Interessantes geschrieben:<\/p>\n<blockquote><p>Die bekannte sozialwissenschaftliche Kontakthypothese besagt, dass durch den pers\u00f6nlichen Kontakt unterschiedlicher, einander mitunter mit Vorurteilen gegen\u00fcberstehender Gruppen diese am ehesten abgebaut werden k\u00f6nnen. Es braucht diesen grundlegenden Austausch mit konkreten anderen, also mit Individuen \u2013 und nicht mit der abstrakten \u00bbMasse\u00ab \u2013, um das Bild, das man vom anderen hat, einem Reality Check zu unterziehen. Nicht von ungef\u00e4hr haben rechte und rechtspopulistische Parteien dort die gr\u00f6\u00dften Zugewinne, wo wenige oder gar keine Fl\u00fcchtlinge leben, wie etwa in Ungarn. Dort n\u00e4mlich gibt es keine M\u00f6glichkeit zu verifizieren, ob das, was ein Viktor Orb\u00e1n \u00fcber Schutz suchende Menschen aus dem Nahen Osten oder Afrika verbreitet, wirklich stimmt. Die M\u00f6glichkeit, \u00bbsich an die Stelle jedes anderen\u00ab zu denken, wie Hannah Arendt es als Gegenstrategie f\u00fcr das banale B\u00f6se in der Welt forderte, ist dadurch massiv eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>[\u2026]<\/p>\n<p>Gelitten haben vor allem unsere loseren Beziehungen, also jene, die \u00fcber die unmittelbare Kernfamilie und den intimsten Kreis an Freund:innen hinausgehen. Das sind Nachbar:innen, Kolleg:innen, Menschen im unmittelbaren Umfeld, Bekannte und Freund:innen, die nicht zu den \u00bbbesten\u00ab z\u00e4hlen, die man aber ab und zu auf einen Kaffee oder ein Glas Wein trifft. Diese Bekanntschaften sind wesentlich f\u00fcr soziale Koh\u00e4sion, weil sie uns in Toleranz und friedlicher Koexistenz schulen. Solche Begegnungen, so sie nicht nur virtuell stattfinden, verursachen Irritationen, denen man nicht einfach aus dem Weg gehen kann, sondern denen man sich stellen muss. Dieser Umstand er\u00f6ffnet aber auch erst die M\u00f6glichkeit, im n\u00e4heren Austausch mitunter auch Gemeinsamkeiten zu finden bzw. andere, weniger \u00bbtriggernde\u00ab Facetten des Gegen\u00fcbers kennenzulernen. Die zu entdecken, braucht aber Zeit und N\u00e4he, die wir im virtuellen Raum sowieso nicht und im analogen immer weniger zulassen.<\/p><\/blockquote>\n<p>In dieser Gemengelage kommen nun immer mehr Krisen hinzu, die f\u00fcr Verunsicherung (vor allem auch bei jungen Menschen) sorgen: Angst vor Kriegen, Sorge wegen der Klimakrise, das Wahrnehmen von immer mehr Armut in unserer Gesellschaft \u2013 und dann nat\u00fcrlich die ganz konkrete Erfahrung w\u00e4hrend der Covid-Pandemie. Menschen, die ver\u00e4ngstigt sind, neigen leider zum konservativen Denken, auch wenn dieses meistens urs\u00e4chlich f\u00fcr ihre \u00c4ngste verantwortlich ist, und Menschen, denen es nicht gut geht, tendieren zur Radikalisierung \u2013 entweder politisch oder eben (wie vor allem in anderen Regionen der Welt) religi\u00f6s.<\/p>\n<p>Das ist nun alles kein Geheimwissen und auch nichts, was pl\u00f6tzlich \u00fcber Nacht \u00fcber die Welt hineingebrochen ist (selbst die Covid-Pandemie k\u00fcndigte sich zumindest schon mal einige Wochen lang an, mal von den Warnungen von Experten, dass Klimakrise und Artensterben genau solche Pandemien beg\u00fcnstigen w\u00fcrden, ganz abgesehen).<\/p>\n<p>Aufbauend auf dem, was ich da also 2017 schon bemerkte, h\u00e4tte eigentlich jedem, der sich mit der Thematik besch\u00e4ftigt oder besch\u00e4ftigen m\u00f6chte, auffallen m\u00fcssen, dass hier eine sehr gro\u00dfe Gefahr einer rechten Radikalisierung vieler Jugendlicher gegeben ist. Bleibt nur die Frage: Sind die meisten Medienschaffenden nicht weitsichtig genug, um das bemerkt zu haben? Oder einfach nicht interessiert am Rechtsrutsch in unserer Gesellschaft? Kann ich mir, ehrlich gesagt, beides nicht so richtig vorstellen.<\/p>\n<p>Bleibt dann nur eine dritte und damit die eigentlich unsch\u00f6nste Interpretation: Diese Entwicklung wurde schon so wahrgenommen, aber eben auch als etwas durchaus W\u00fcnschenswertes klassifiziert, sodass das lieber nicht kritisch thematisiert werden sollte.<\/p>\n<p>Klingt absurd? Nun, bei der \u00fcberwiegend neoliberalen Ausrichtung unserer Medienlandschaft, insbesondere bei Chefredakteuren, Programmchefs und Alphajournalisten, w\u00fcrde das schon passen, dass diese Leute erkannt haben, dass der Neoliberalismus zwangsl\u00e4ufig rechtsradikale Strukturen hervorbringt und diese eben auch zum \u00dcberleben ben\u00f6tigt. Auch dazu hab ich schon vor vielen Jahren mal einen <a href=\"https:\/\/www.unterstroemt.de\/?p=6796\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel<\/a> geschrieben, und zwar Ende 2016.<\/p>\n<p>Also noch eine weitere absehbare Entwicklung &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Kurzem las ich einen Artikel, in dem der ehemalige Rechtsextremist Philip Schlaffer zu Wort kam und \u00e4u\u00dferte, dass es zurzeit eine sehr bedenkliche Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen g\u00e4be, rechtsradikales Gedankengut aufzusagen und sich entsprechend politisch zu positionieren. Schlaffer, den man wirklich als Fachmann mit authentischem Insider-Wissen bezeichnen kann, zeigt sich deswegen \u00fcberrascht. 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